02. Februar 2017

Zurück in die Vergangenheit

Die Redaktion RusDeutsch erreichte eine Kurzgeschichte von Natalia Stuphorn, einer Schriftstellerin aus Deutschland. Die Kurzgeschichte "Zurück in die Vergangenheit" handelt vom Ankommen in einem russlanddeutschen Dorf und entstand im Zuge der Tagung der jungen und jung gebliebenen Autoren in Düsseldorf im Dezember 2016. An der Tagung waren beteiligt: Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.v., die Jugend LmDR Deutschland, der Kulturrat der Deutschen aus Russland e.V. und der Literaturkreis der Deutschen aus Russland.

"Stellen Sie sich diese kurze Geschichte einmal vor - das muss man sich mal vor Augen führen:

Im Winter, mitten in Nirgendwo, ist die weite, weiße Steppe Orenburgs. Bei dreißig Grad minus fährt ein Kleinbus über die verschneite Piste. 

Glücklicherweise habe ich einen Platz am Fenster und schaue durch ein kleines Loch, das ich mit meinem warmen Atem auf dem zugefrorenen Glas geblasen habe. Dort draußen ist es sehr dunkel, doch die weiße Schneedecke wirft die schwarzen Farben der Dunkelheit zurück. Mehr wird nicht geboten, aber ich langweile mich nicht. Ich bin ganz auf meine Reise gespannt. 

Nach der langen Fahrt hält der Bus plötzlich. Der Fahrer ruft laut den Fahrgäste zu: "Kubanka. Nächster Halt in Kitschkass". Mein Signal, hier auszusteigen. 

Ich bin siebzehn Jahre alt und studiere an der Kulturfachschule. Zusammen mit mir steigen zwei junge Frauen aus dem Bus. Alle drei haben wir etwas gemeinsam: das sechswöchige Praktikum. Wir kennen einander so gut wie gar nicht. Obwohl wir an der gleichen Schule sind, kommen wir aber aus verschiedenen Fakultäten: Mascha studiert Theater, Irina Blasorchester und ich lerne Volkschor und seit kurzem, wie Irina, die Blasorchesterleitung. 

Wir stellen unsere Reisekoffern auf den Schnee, blicken uns an und schauen schließlich dem abfahrenden Bus hinterher. Die zwei roten Lichter der Rückscheinwerfer werden immer kleiner, bis sie im Horizont verschwinden. So stehen wir allein am Rand einer Siedlung, einhundertzwanzig Kilometer von der Stadt Orenburg entfernt, in Russland, im Süd-Ural. 

Was für ein Geist schickte mich in diese Ferne? Es war die Neugier, die Liebe zur deutschen Kultur, zur deutschen Sprache - zusammengefasst - zur deutschen Lebensweise. Und wo kann man das in Russland hautnah erleben? Richtig! Dort, wo die Deutschen leben. 

In den nächsten Tagen lernte ich die Einwohner des Dorfes kennen: Wanja Epp, Mascha Penner, Sascha Nikel, Jascha Friesen, Ira Heidebrecht... Alle trugen deutsche Nachnamen. Doch die deutschen Vornamen wie Karl oder Otto schienen bereits aus der Mode gekommen zu sein. Schnell stellte ich mit Bedauern fest, dass ich mit dem Deutsch, das ich eigentlich gut in der Schule gelernt hatte, hier im Dorf leider nichts anfangen konnte. Man lernt halt nie aus, nun lernte ich also die Unterschiede zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch, die Sprache der hiesigen Einwohner kennen. Sie sagen: "O deu!" und meinten damit "Auf Wiedersehen!"... Oh, vieles konnte ich damals lernen! 

Im Dorf war das Kulturhaus sehr beliebt. 

Das Blasorchester war wahrlich ein Männertreff! Die Leute scherzten: "Derjenige ist kein Mann, der nicht im Blasorchester mitspielt!" So übten also neunzig Bläser unter meiner Leitung die Stücke. Im Chor war es anders. Hier sangen fast nur Frauen, die wenigen Männerstimmen unterstützten sie dabei. 

Als Höhepunkt meines Praktikums organisierte ich eine große Veranstaltung. Es war Mitte Februar. Was sollte es für ein Fest sein? Genau! Der Tag der Liebenden, damals noch völlig unbekannt in Russland - der Valentinstag. Amor schoss mit Pfeilen um sich herum und traf einige junge Männer und Frauen... Aber ist es schon eine andere Geschichte! 

Als wir also vor wenigen Wochen an der verschneiten Straße standen, hätte von uns Praktikanten niemand so weit in die Zukunft blicken können. Wir sahen dem Bus nach und wussten nicht, ob uns jemand empfangen würde. Lange abwarten, ob doch noch jemand kommt und uns abholt, dürften wir wegen der tiefen Temperaturen nicht. Enttäuscht begannen meine Mitreisenden zu weinen. Ich überspielte meine Unsicherheit mit Witzen und Lachen, und lief vorneweg in die weiße Landschaft hinein, die beiden Mädchen hinter mir her. Erst nach einigen hundert Metern erkannten wir die kleinen Häuser im Schnee. 

Plötzlich kam der Mond zwischen den Wolken hervor und beleuchtete uns den Weg." 
 

Erfahren Sie im russischsprachigen Teil der MDZ mehr über die Autorin und ihre Arbeit. 

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