05. April 2017

Babuschki-Sudaruschki

Die Russlanddeutschen aus dem Gebiet Tula pflegen eine traditionelle Lebensweise.

1941 wurde die deutsche Bevölkerung im europäischen Teil der Sowjetunion hinter den Ural deportiert. Schon ein Jahr später wurden über 20.000 Deutsche aus Sibirien und Kasachstan wieder zurückgeschickt – in das Gebiet Tula, in den Bergbau. Wie war das Leben dieser Deutschen so und wie geht es ihnen heute?

Schon seit Jahren basteln russlanddeutsche Rentnerinnen  in Bogorodizk, das im Gebiet Tula 200 km von Moskau entfernt liegt, Puppen in deutschen Trachten. Sie haben bereits so viele gebastelt, dass das deutsche Begegnungszentrum beschlossen hat, eine entsprechende Ausstellung zu organisieren. Den ganzen März konnten die Besucher des Tulaer Veresaev-Hausmuseums diese bestaunen. Borogodisk hat etwa 30.000 Einwohnern wurde 1777 von Katharina II gegründet. Dank des Manifestes gab es in Russland dutzende deutsche Kolonien und zehntausende Deutsche. Aber nach Bogorodisk kamen die Abkömmlinge der von der Kaiserin eingeladenen Deutschen erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Vor 75 Jahren wurde im Oktober 1942 ein Dekret erlassen, wonach die Deutschen unter anderen zur Ausführung zur Zwangsarbeiten in den  Werke der Volkskohlen- und Ölwirtschaft mobilisiert wurden. 

In Bogorodizk gab es 20 Bergwerke – die Deutschen wurden zur Arbeit in diesen Werken mobilisiert. Aus dieser Arbeitsvergangenheit sind viele Erinnerungsstücke erhalten geblieben: z. B. die älteste Teilnehmerin des Rentnertreffs Ida   Zerr hegt eine Grubenlampe.Die Lebensbedingungen der Trudarmisten waren sehr schwer. „Wir haben 12 Stunden lang in der Grube gearbeitet, im Wasser. Als wir aus der Grube hoch kamen, hatten wir nichts zum Essen, und auch keine Ersatzkleidung. Und nach der Arbeit mussten wir für uns selbst Baracken bauen“, erinnert sich Viktorija Kotysch (Schenberg), die nach Bogorodizk aus Kasachstan gekommen ist. Sie war noch ein kleines Kind, als ihre Verwandten in Tula angefangen haben zu arbeiten. Sie erzählt ihren Kindern oft, was ihre Familien damals mitmachen musstenn. Und Valentina Michaeva (Meier) meint, dass bestimmte Themen überhaupt nicht angesprochen werden sollen. Darüber, dass ihre Mutter sich das Leben nehmen wollte, als ihr Vater in Trudarmee mobilisiert wurde, sollten man nicht sprechen. 

Lebende Zeugen dieser Ereignisse gibt es fast keine mehr. Heute zählt man im Gebiet etwa 170 repressierte Deutsche, darunter 15, die in den Gruben in Bogorodozk gearbeitet haben. Die sind aber nicht in der Lange darüber zu sprechen. Anna Genricovna Denk wohnt am Stadtrand und ist 91 Jahre alt. Nur mit Hilfe ihrer Nichte verlässt sie ihr Zimmer, um mich zu begrüßen. Die Arbeit als Ladefrau kostete ihr ihre Gesundheit (Behinderung 2.Grades). Sie kam damals zu ihrem Bruder nach Bogorodizk, der den heute leider nicht mehr lebt. „ Wir quälten uns wie Hunde", erinnert sie sich an die Trudarmee.  "Ich kann mich noch daran erinnert, dass ich nicht zur Arbeit gegangen bin, weil ich meine Wäsche waschen wollte, weil uns die Läuse gequält haben. Darauf musste ich in das Wachhaus – 100 Gramm Brot und eine Tasse Wasser pro Tag gab es da nur. So ging es uns da.“ Anna Genrichovna fällt es sichtlich schwer, sich zu bewegen, aber ihre Nichte Alisa Vilgelmovna besucht jede Woche den Rentnertreff Bogorodizk, der von der deutschen nationalen Kulturautonomie organisiert wurde.

Die Autonomie gibt es seit 2004, die meisten Besucher sind Russlanddeutsche Rentnerinnen. Sie treffen sich zweimal wöchentlich, basteln und unterhalten sich bei einer Tasse Tee, sprechen über das schwere Schicksal und singen deutsche Lieder. Unter der Leitung der Vorsitzenden der Autonomie Ljudmila Karlovna Bezborodova werden Kostüme und Hüte für die Auftritte auf dem jährlichen Festival in Tula „Das Land in Miniatur“ genäht. Die Autonomie hat ein Museum, wo man außer Kunsthandwerk alte Lebensgegenstände der Russlanddeutsche finden kann: Möbel, Utensil, Lutherische Bibeln, Hochzeitskleider. Für die Allgemeinheit ist der Zugang aus ungewissen Status nicht zugänglich. Grund dafür ist die komplizierte Beziehung mir der kürzlich gegründeten Touristenabteilung der Stadt. Die Verwaltung strebt eine kommerzielle Nutzung des Museum an. Die Rentnerinnen sind dagegen.

Aber das schadet nicht entsprechende Zuschauer für die gebastelten Puppen zu finden. So wurden die Puppen eben im Vereaev-Hausmuseum in Tula den ganzen März im Rahmen der Ausstellung „Neuer Atem der Kultur der Russlanddeutschen“ präsentiert. Und das nicht ohne Grund: Das Leben und Schaffen des Schriftstellers Vikentij Veresaev stand im engen Zusammenhang mit der deutschen Kultur. Die Russlanddeutschen aus Bogorodizk sind stolz auf ihre Ausstellung und sind überzeugt, dass die ihre Autonomie die aktivsten unter allen im Gebiet Tula ist. Was die Jugend betrifft, so ist die lange nicht so aktiv wie die ältere Generation. Nichtsdestotrotz verspricht die Deutschlehrerin des Zentrums Alexandra Zilkovskaja, dieses Jahr eine Jugendorganisation ins Leben zu rufen. 

Dieser Artikel stammt aus der Moskauer Deutschen Zeitung

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