16. April 2017

Osterfeste der Russlanddeutschen früher und heute

Der Internationale Verband der deutschen Kultur, die föderale nationale Kulturautonomie der Russlanddeutschen und der Jugendring der Russlanddeutschen wünschen Ihnen Frohe Ostern! In diesem Zuge beschäftigte sich die "Zeitung für Dich" mit russlanddeutschen Osterfeierlichkeiten.

Als Tausende von Hessen mit andern deutschen Volksstämmen um die Mitte des 18. Jahrhunderts dem Ruf der Kaiserin Katharina II. nach Russland folgten, konnten sie an irdischen Gütern nur wenig mitnehmen. Doch die seelischen Werten - den religiösen Glauben, die Sitten und Sprache der Heimat - nahmen sie mit sich in die ferne Wüstenei des Wolgagebiets. Und nur dank diesen seelischen Werten konnten sie den Kampf auf Leben und Tod, den sie hier jahrzehntelang zu kämpfen hatten, siegreich bestehen.

Ursprünglich wurden die mitgebrachten Bräuche in den russlanddeutschen Kolonien fast unverändert gefeiert. Aber dort, wo verschiedene „Volksgruppen“ zusammenlebten, erfuhren ihre Feiern schon in der Ansiedlungszeit so manche Wandlung, wobei sie stark von den Kirchen beeinfl usst blieben, denn diese waren Mittelpunkt der Gemeinschaft. 

In den Aussiedlungsgebieten 

Für die Gläubigen, und das waren die meisten Kolonisten, war Ostern ein heiliger Gedenktag, der mit Glockenklang und Orgelton erfüllt war. Die innere Einstellung der Menschen entsprach ihrem Verhalten. Haus, Hof und Stall wurden in der Woche vor Ostern gründlich gereinigt. Die Frauen beschäftigten sich mit Hausputz, Backen und Eierfärben. Eine feierliche Vorosterstille kehrte in das Dorf ein. Die Burschen bauten Schaukeln für die Osterspiele. Die Kleinen gruben ihre „Oschterlecher“ im Garten und schmückten sie mit frischem Gras aus. Am Karfreitag, an dem der Herr ins Grab gelegt wurde, sollte weder gegraben noch gepflügt werden. In dem Brauch, am Karfreitag keinen Hammer und keine Nägel zu benutzen, rührte sich das Zartgefühl der Menschen, die den Herrn nicht wieder kreuzigen wollten. 

Das „Ratschen“ vom Gründonnerstag (Mittag) bis Karsamstag erinnerte an den Brauch der Lärmabwehr von Unholden in Urzeiten. In den Kolonien diente es als Ersatz der verstummten Glocken. Die Ratschenbuben gingen durch die Straßen, lärmten mit ihren Klappern, sangen und wurden für ihre Arbeit fast von jeder Hausfrau beschenkt und belohnt. 

Das Verbrennen der Strohpuppen bei den Vorfrühlingsbräuchen, das den alten Winterdämon vernichten und aus seiner Glut und Asche neues Leben sich erheben lassen sollte, fand ebenfalls kirchliche Symbolgestaltung in der Weihe des Feuers am Karsamstag. Das alte Licht erlischt, ein neues wird entbrannt: Aus einem Stein wird der Funke geschlagen: zur Flamme entfacht, brennt es in der Kirche im „ewigen Licht“. Jedes Haus bemühte sich, vom geweihten Feuer ein Scheit mitzunehmen. Man glaubte, damit das Feuer der Blitze abzuwenden. Vom gesegneten Feuer empfing auch die Osterkerze ihr Licht

Ein schöner und alter Brauch war auch das Segnen der Speisen, und wie überall, wurden in den Kolonien Eier gefärbt. Das Ei erscheint im Volksglauben als Symbol der Fruchtbarkeit. Die Benediktionsformel über das Ei in den Kirchen der deutschen Kolonisten, enthielt eine kurze Bitte um Segen, „damit die Kreatur der Eier uns heilbringende Speise werde!“

Farbenbunt und mit Sprüchlein beschrieben, ist das Ei in den Ostertagen das schlichte Sinnbild eines neuen Lebens, das aus Winterhaft und dunkler Fastenzeit tausendfach erwacht. Auch das gegenseitige Beschenken mit Eiern ist eigentlich ein volkstümlicher Fruchtbarkeitssegen.

In der Sowjetzeit und heute 

Durch die Auflösung der Kirchen und die Vernichtung der Kirchenmänner in den Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen, vor allem seit Beginn der 1930er Jahre, später auch durch Aussiedlungen und Deportationen sowie das Glaubensverbot durch das atheistische Sowjetregime kam die Pflege des deutschen Brauchtums der Vorfahren in seinen früheren Formen zum Erliegen. Glaube und Brauchtum konnten nur noch heimlich gepflegt werden.

Wie das kurz nach dem Krieg im sibirischen Dorf Podsosnowo (Altairegion) ausgesehen hat, kann man in dem Buch „Dort damals“ von Kurt Hein in der Erzählung „Illegale Ostern“ nachlesen (nachfolgend ein Auszug):  ... Was war mit Ostern? Sie wurden gefeiert. Man wartete darauf, besonders die Kinder. Gefeiert wurde heimlich, versteckt. Die Älteren unter uns erinnern sich natürlich an die dickfressigen Typen in Reithosen, in weißen Filzstiefeln und Feldröcken. Die heilige Osterfeier war für sie „Opium für das Volk“ und Obskurantismus. Die Leute feierten Ostern trotzdem. Das war ihr Protest gegen die Willkür der Machthaber, das war der unerschütterliche Glaube, dass die besseren, helleren Zeiten unbedingt wieder kommen werden. Man muss nur WARTEN und GLAUBEN! Unsere Großmutter sagte uns kurz vor Ostern: „Desmol kommt dr Ostrhaas ach bei uns, weil dr`s ganze Jahr brahf un fleißig wart.“ Die Mutter nickte: „S`is wahr.“ Unter dem Bauchnabel zuckte es süß...

Die im Winter halb verhungerten Hühner mit abgefrorenen Kämmen, die mehr ihrem Instinkt folgten als ihren physiologischen Möglichkeiten, wühlten im aufgetauten Misthaufen und schafften es doch noch, zum Feiertag ein Dutzend Eier in einen geheimen Platz zu legen. Wir bereiteten vorsorglich ein Nest unter dem Bett vor. Jetzt mussten wir geduldig und gehorsam sein, damit der Hase nicht vorbei lief.

Die Mutter und Oma waren bis spät auf Arbeit. Bald sollte es mit der Saat losgehen und das Saatgut war noch nicht vorbereitet, obwohl man der „lieben Partei“ schon im Dezember eine Meldung über die „volle Bereitschaft zur FrühjahrsSaat-Aktion“ abgeliefert hatte. Es wurde wie immer gemogelt und wie immer mussten Jung und Alt bis zwölf Stunden ohne Wochenenden und Feiertage arbeiten. Endlich kamen Mama und Oma von der Arbeit, wuschen sich gründlich, kämmten die Haare und banden sich feierliche Tücher um. Wir hatten uns zur Feier schon gesäubert und gewaschen. Etwas Wasser hatten sogar die Ohren und der Nacken bekommen.

 Jetzt schnell zum Nest! Das Langohr hatte es geschafft! Da sind sie, die orangenfarbenen und blauen. Wie sie glänzen! Sogar Hasenmist um das Nest herum! (Oma hatte die Kügelchen von den Schafen geborgen.) Wir zogen die Vorhänge an den Fenstern zu und machten eine Petroleumlampe ohne Glas an. Die Oma schnitt den Kuchen in großen Stücken und goss Kaffee mit Milch ein. Es wurde „Vater unser“ gebetet, und die große Feier hatte begonnen! Eier, Kaffee, Kuchen! Lecker! Die Oma holte aus der Kiste das Gesangbuch und sang mit der Mama leise zwei Lieder. Wir verstanden die Worte nicht besonders gut, aber sie sangen herzlich und gut. Dann war das Fest vorbei.

Mama und Oma müssen früh zur Arbeit und ich in die Schule. Die Schwester und der Bruder bleiben zu Hause - sie sind noch zu klein. Wir mussten sehr sorgfältig die mit lila Farbe verschmierten Hände waschen. Die Mutter sammelte bis zum letzten Stückchen die orange-violetten Eierschalen und brachte sie in den Stall, damit die Hühner sie restlos aufpickten. Dass Ostern gefeiert wurde, durfte, um Gottes Willen, keiner von den allgegenwärtigen Aufpassern entdecken. „Die Steuer nicht bezahlt und fressen Eier! Kulaken! Immer suchen sie eine Möglichkeit, den Boden unter der lieben Sowjetmacht zu entziehen.“

Das Osterfest wird bei den Deutschen aus Russland heute zwar nicht mehr ganz so gefeiert, wie es bei den deutschen Kolonisten üblich war, die meisten Ostertraditionen sind jedoch bis heute erhalten geblieben. Zu Ostern schmückt man das Haus immer noch mit bunt bemalten Eiern und Blumen: Dekorationseier findet man auf den Zweigen in Vasen oder auf Bäumen im Garten. Die fleißigen Hausfrauen backen zum Fest einen Osterkranz bzw. Kuchen in Hasen- oder Lammform. Traditionell werden am Karsamstag Eier gefärbt.

Zwischen Karfreitag und der Osternacht werden in der katholischen Kirche die Glocken nicht geläutet. Das Glockengeläut beginnt bei den Katholiken mit der Osternachtsfeier als Auferstehungsmesse nach Sonnenuntergang am Karsamstag. Auch in der evangelischen Kirche fi ndet an diesem Tag zwischen 22 und 24 Uhr die Osternachtsfeier statt, die manchmal mit einer Taufe verbunden ist. Eine besondere Freude war und ist das Osterfest für die Kinder: Am Ostermorgen entdecken sie unter ihren Betten gefärbte Eier und so manche Leckerbissen. Der Osterhase soll über Nacht da gewesen sein und den Kindern seine Geschenke gebracht haben.

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