28 November 2017

Heinrich Martens: "Der Rat für interethnische Beziehungen ist eine Chance für den Dialog der Zivilgesellschaft mit der Regierung des Landes"

Heinrich Martens

Der Präsident der FNKA der Russlanddeutschen, Heinrich Martens, wurde zum Vorsitzenden der Kommission für die Erhaltung und Entwicklung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der Völker Russlands unter dem Präsidialrat für interethnische Beziehungen gewählt. Er sprach über die Beteiligung der Russlanddeutschen an der Umsetzung der Strategie der staatlichen Nationalpolitik.

Herr Martens, wie arbeitet der Rat und die Kommissionen?

Der Rat ist eine wichtige Plattform für die Interaktion und Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft - in Form von national-kulturellen Autonomien und Vereinigungen - und der Regierungsorgane der Russischen Föderation. Die Sitzungen des Rates finden zweimal im Jahr statt. In den Sitzungen wird über aktuelle Themen im Bereich der interethnischen Beziehungen in Russland diskutiert. Zusammen mit Vertretern der Öffentlichkeit sind der Premierminister und Vertreter der Präsidialverwaltung im Rat vertreten. Der Rat wird vom Präsidenten Russlands – Wladimir Putin geleitet. So haben die Leiter der öffentlichen Föderalorganisationen die Möglichkeit, sich direkt an den Präsidenten zu wenden, Fragen zu stellen, auf höchster Ebene gehört zu werden. Dabei ist zu betonen, dass zu allen in den Ratssitzungen angesprochenen Themen Beschlüsse gefasst werden, die den Beschlüssen des Staatsoberhaupts gleich gestellt werden. Es gibt sieben Profilkommissionen unter dem Rat. Am 24. Oktober wurde ich eingeladen, eine von ihnen zu leiten - die Kommission über die Erhaltung und Entwicklung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der Völker Russlands. Der Tätigkeitsbereich der Kommission umfasst fast alle aktuellen Fragen in diesem Bereich für jedes der fast 190 Völker Russlands.

Gegenwärtig befasst sich unsere Kommission mit der Systematisierung der Vorschläge von nationalen national-kulturellen Autonomien und Vertretern der Bundesbehörden. In der nächsten Kommissionssitzung im Dezember wird die Tagesordnung ihrer Arbeit festgelegt. Danach wird sich die Kommission mit der Formulierung spezifischer Fragen sowie mit der Entwicklung von Empfehlungen des Präsidialrats beschäftigen.

Was sind für Sie die Prioritäten der Tätigkeit der Kommission?

In einem multinationalen Land ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen der Staatssprache, der Sprache der Republiken  und den Muttersprachen der russischen Völker zu finden. Um dies zu tun, ist es wichtig zu analysieren, wie die Anweisungen des Präsidenten der Russischen Föderation auf der Grundlage der Ergebnisse der gemeinsamen Sitzung des Rates für interethnische Beziehungen im Jahr 2015 und des Rates für die russische Sprache erfüllt werden. Ein weiteres wichtiges Anliegen der Kommission wird die Rolle der Volksdiplomatie bei der Erhaltung und Entwicklung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt in der Russischen Föderation und beim Ausbau der Zusammenarbeit mit Partnern der Russischen Föderation in Europa und Asien sein. Dies bezieht sich insbesondere auf die Herstellung von Verbindungen zwischen verwandten Völkern, die zur Verbesserung der Beziehungen beitragen, selbst wenn es zu einer Abkühlung der Beziehungen zwischen den Ländern kommt. Gute Erfahrungen in dieser Richtung sind bei den  Autonomien Griechenlands, Polens, Armeniens und Aserbaidschans festzustellen. Die Selbstorganisation der Russlanddeutschen hat auch ihre eigenen Errungenschaften. Im Februar 2018 wird die Konferenz in Moskau stattfinden, die der Volksdiplomatie zusätzliche Impulse geben soll. Die Weiterentwicklung der Jugendarbeit bedarf einer gesonderten Betrachtung. In all diesen Fragen arbeiten wir eng mit dem Rat  für nationale und kulturelle Autonomie bei der Föderalagentur für Nationalitäten der Russischen Föderation sowie den zuständigen Ministerien und Abteilungen zusammen: Mit dem Föderalen Rat für Nationalangelegenheiten Russlands, dem Kulturministerium der Russischen Föderation, dem Bildungsministerium der Russischen Föderation, dem Bundesamt für Jugend, dem Bundesamt für Sportangelegenheiten und mit anderen.

Vor kurzem wurde bekannt, dass Sie auch Mitglied der Arbeitsgruppe für die Umsetzung der Strategie der staatlichen Nationalen Politik der Russischen Föderation für die Zeit bis zum Jahr 2025 des Präsidialrates für interethnische Beziehungen wurden. Welche Funktionen hat die Arbeitsgruppe?

Die Strategie der staatlichen nationalen Politik der Russischen Föderation für den Zeitraum bis 2025 wurde 2012-2013 entwickelt. Es gibt in diesem Dokument Vorschläge der föderalen national-kulturellen Autonomie der Russlanddeutschen. Am 19. Dezember 2012 wurde die Strategie vom Präsidenten der Russischen Föderation genehmigt und ist seitdem das wichtigste Dokument, das die interethnischen Beziehungen in unserem Land regelt .Das Leben steht nicht still. Die internationale Situation verändert sich, soziale und wirtschaftliche Veränderungen finden in den Regionen der Russischen Föderation statt, neue Erfahrungen bei der Lösung nationaler Probleme und interethnischer Zusammenarbeit häufen sich. Fast fünf Jahre sind seit der Verabschiedung der Strategie vergangen. Um die Änderungen und deren Auswirkungen auf die interethnischen Beziehungen im Land zu beurteilen, den Prozess der Umsetzung der Strategie zu bewerten und rechtzeitige Anpassungen an das Dokument zu machen, wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich aus Vertretern der Fachwelt, Zivilgesellschaft und öffentliche Behörden und Verwaltung zusammensetzt. Ich glaube, dass es an der Zeit für die ersten Schlussfolgerungen und Vorschläge für eine weitere Verbesserung der Strategie ist.

Wie verbindet man die Arbeit des Präsidenten der FNKA der Russlanddeutschen mit der Teilnahme an den Aktivitäten des Präsidialrats, der Kommission und der Arbeitsgruppe?

Für ein solches multinationales Land wie Russland ist es sehr wichtig, interethnischen Frieden und Harmonie aufrechtzuerhalten. Es ist wichtig zu verstehen, dass interethnische Probleme in der modernen Welt miteinander verknüpft sind und einen integrierten Ansatz erfordern. Es ist unmöglich, die Probleme eines der Völker isoliert von allen anderen zu lösen. Wir müssen alle gemeinsame Ansprechpartner finden, aktuelle Themen gemeinsam besprechen, gemeinsame Veranstaltungen abhalten, Erfahrungen austauschen. Zum Beispiel, am 3. November haben Vertreter vieler Nationalitäten, darunter viele Russlanddeutsche und ich persönlich an der gesamtrussischen Aktion "Ethnographisches Diktat-2017" teilgenommen. Dies ist eine der bedeutendsten nationalen Veranstaltungen, die auf Initiative des Bundesamtes für Nationalangelegenheiten und des Ministeriums für nationale Politik der Republik Udmurtien durchgeführt wird.

Oder zum Beispiel die Digitalisierung des kulturellen Erbes der Völker Russlands. Die Russlanddeutsche setzen dieses Konzept aktiv um - Vertreter anderer national-kulturellen Autonomien interessieren sich für unsere Projekte, wie das Online-Museum zur Geschichte der Russlanddeutschen.

Es ist wichtig, dass die Menschen nicht nur die Geschichte und Kultur ihres Volkes, ihre Familien kennen,  sondern auch die Geschichte und Kultur der Völker kennen, die unsere Nachbarn in einem gemeinsamen Haus sind - Russland.

 

Die Fragen stellte Artjom Neuer.

 

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