20 März 2018

Das Talent und seine Fans

- Ljubava Vinokurova -


Ein Russlanddeutscher nimmt an berühmter Musikshow teil.

Rutger Garrecht aus Orenburg ist Teilnehmer der neuen Staffel der russischen Version von The Voice Kids. Das Video seiner Blind Audition haben sich fast zwei Million Menschen im Internet angeschaut. MDZ erkundigte sich bei Rutgers Eltern, wie sie mit dem unerwarteten Ruhm ihres Sohnes umgehen und warum sie ihn als Musiker sehen.

Der klangvolle Name Garrecht kann als „wahr, richtig“ übersetzt werden. In unserer Familie wurde der Nachname mit einem „r“ erhalten, der zweite ist im Russischen irgendwo unterwegs verloren gegangen“, sagt Ivan Garrecht.

Seine Großeltern lebten im Donbass. Während des Zweites Weltkriegs wurden sie ins Exil nach Nordkasachstan geschickt. Sein Vater wurde früh ein Waise und erinnerte sich nicht gerne an diese Zeit zurück, jetzt lebt er in Deutschland. Ivan ging nicht in seine historische Heimat zurück, studierte in Omsk, diente dann auf Kamtschatka, wo er seine zukünftige Frau Larisa kennenlernte.

Sie haben drei Kinder: Julia (24 Jahre), Adele (20 Jahre) und Rutger (12 Jahre) wurden in Petropawlowsk-Kamtschatski geboren. Die älteste Tochter bekam den Namen Julia, für die Eltern klang der Name freundlich, sie waren sich sicher, dass das Mädchen mit Sicherheit als zarte Schönheit aufwachsen würde, und so kam es. Die mittlere Tochter erhielt einen Namen zu Ehren der Großmutter, und der Sohn wurde Rutger genannt – Ivan Garrecht wollte, dass der Junge einen mutigen, starken Namen bekommt. Außerdem mochte er den niederländischen Schauspieler Rutger Hauer. 2002 zog die Familie Garrecht nach Düsseldorf, kehrte aber nach einem Jahr wieder nach Kamtschatka zurück.

„Es war in kultureller Hinsicht schwierig für uns. Wir wollten, dass Julia musiziert, Geige spielt. Wir haben lange nach einer geeigneten Schule gesucht, aber der Musikunterricht erwies sich als Routine - keine Auftritte, keine Wettbewerbe“, sagt Ivan Garrecht. Vielleicht mag ein solcher Grund für die Rückkehr nach Russland seltsam erscheinen, aber viele Eltern legen großen Wert auf eine Musikausbildung. „Meine Familie besteht ausschließlich aus Musikern: Meine Brüder sind Pianisten, ihre Kinder spielen Gitarre, ich absolvierte die Chabarowsker Kunsthochschule in der Akkordeonklasse und meine Töchter und Rutger spielen Geige“, sagt Larisa Garrecht. So hatten die Kinder keine Chance, ein Instrument zu spielen, beschwerten sich aber nicht darüber. Im Jahr 2009 zog die Familie nach Orenburg. Julia studiert jetzt im vierten Jahr der Ufimer Staatshochschule der Kunst und arbeitet parallel an ihrer Solokarriere. Im Herbst erscheint ihr Debütalbum. Adele besucht das Orenburger Musikcollege, und Rutger ist noch Schüler, ist aber bereits Solist des Kindertheaters für Musik und Tanz „Der Nussknacker“. Die Teilnahme an der „The Voice“ war für den Jungen kein Bühnendebüt, sondern ein neuer Schritt zum künstlerischen Erfolg.

In Orenburg ist Rutger bekannt und beliebt. Er ist an vielen Darstellungen des „Nussknackers“ beteiligt, tritt bei Stadtveranstaltungen auf, nimmt an russischen und internationalen Wettbewerben teil. Für seine Interpretation von „Offiziere“ verlieh ihm die Union der sowjetischen Offiziere die Medaille „70 Jahre der Nürnberger Prozesse“. Trotz zahlreicher Auszeichnungen ist der jüngste Garrecht bescheiden und zielstrebig, nur seine Schwestern verwöhnen ihn. Wie ein echter Künstler hat Rutger einen strengen Tagesablauf.

Frühs geht er zur Schule, nach dem Mittagessen zur Musikschule und dann zu den Proben im „Nussknacker“. Abends warten die Hausaufgaben. Und jetzt kam noch die Vorbereitung auf die TV-Show dazu. Die Familie meldete ihn im Sommer für „The Voice“ an und hatte eigentlich keine Hoffnungen, dass es klappen würde. „Ich dachte, dass er noch zu klein ist, da in dieser Sendung sehr talentierte Kinder auftreten“, sagt Rutgers Mutter. Aber sie erhielten eine positive Antwort und Rutger begann sich auf das Casting vorzubereiten. Er schaffte das Casting und nun liegt es daran, die Herzen der Jurymitglieder in den Blind Auditions für sich zu gewinnen.

Diese Performance ist definitiv in die Geschichte der Show eingegangen. Wenn man bei Ru.net den Namen Rutger eingeben, erscheint in der ersten Zeile nicht der Schauspieler Rutger Hauer sondern der junge Künstler Rutger Garrecht. Der Junge sang das Lied „A ja milogo uzhnaju po pochodke“. Er kam in einem einfachen Hemd und barfuß auf die Bühne. Ein offener, charmanter Orenburger Junge mit einer unglaublichen Stimme, der die Aufmerksamkeit der Jury auf sich ziehen konnte und sich für das Team der Sängerin Pelageja entschied.

Jetzt bereitet er sich unter ihrer Leitung auf den nächsten Auftritt vor. Die Teilnahme an der Show bringt, natürlich, einen bestimmten Stress mit sich, aber Mama und Papa sowie und Rutger selbst sagen, dass sie keine Angst vor einer Niederlage haben. „Das größte Glück für uns ist Freude zu bringen, dem Publikum gute Laune zu geben. Das ist wichtiger als einen Preis zu gewinnen“, erklären Rutger und seine Mama.

Laut den Familienmitgliedern veränderte sich ihr Leben durch die TV-Show nicht wirklich. Manchmal wird Rutger um ein gemeinsames Foto gebeten, seine Beiträge werden aktiv kommentiert, aber er hat keine Zeit, seinen Ruhm zu genießen. Er lernt fleißig in der Schule weiter, und übt für seine neuen Rollen im „Nussknacker“. Dabei können ihm seine Internetfreunde wohl kaum helfen. In der Show kann man Rutger unterstützen, indem man den Fernseher einschaltet, und Julia Garrecht hat einen YouTube-Kanal 1Violin, da kann man sie spielen hören.

 

Der Artikel erschien erstmalig in russischer Sprache in der Moskauer Deutschen Zeitung 05/2018.  

Rubrik: Wettbewerbe, Ausschreibungen, Wissenswertes

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