03 April 2018

„Herzlich willkommen in Dobrinka“

- Sandra Laudenschleger -


In dem Dorf Nizhnjaja Dobrinka in der Region Wolgograd sammelt das Heimatmuseum seit vielen Jahren die Geschichte dieses Ortes vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Das Dorf wurde von deutschen Kolonisten gegründet und die Erinnerungen daran werden vom Russischlehrer des Dorfes bewahrt.

"Willkommen in unserer Dobrinka", grüßt mich Valentina Fjodorovna Scharkova. Ihre Familie zog 1947 aus der Republik Komi in die Region Stalingrad. Valentina Fjodorovna arbeitete selbst viele Jahre in der örtlichen Schule als Lehrerin für russische Sprache und Literatur. Heute ist sie im Ruhestand, aber sie teilt gerne ihre Kenntnisse über die Geschichte des Dorfes, das zu ihrem Heimatdorf wurde, mit den seltenen Besuchern des Museums. Nizhnjaja Dobrinka wurde die erste Siedlung deutscher Kolonisten. Im Sommer 1764 ließen sich 17 deutsche Familien hier nieder und nahmen die Einladung Katharinas II., nach Russland zu ziehen, an.

Das Dorf wurde nach dem Fluss Dobrinka benannt, dem Nebenfluss der Wolga. Das Heimatmuseum war früher ein Schulmuseum. Die Vorgänger von Frau Scharkowa sammelten in den Jahren der Entstehung der Sowjetmacht Informationen über das Dorf, zeichneten die Geschichten der Kriegsveteranen des Großen Vaterländischen Krieges auf und präsentierten das gesamte gesammelte Material an den Ständen im Geschichtsraum. Die einzige Schule im Dorf befand sich früher wie auch heute im ehemaligen Gebäude der von den Kolonisten errichteten Pfarrschule. Das Museum war eine Hilfe für Schüler im Geschichtsunterricht, auf der Grundlage dieser Materialien haben die Schüler Forschungsarbeiten geschrieben.

Jetzt befindet sich das Museum mit seinem kleinen Fundus in einem separaten Gebäude, das die Dorfverwaltung vor kurzem renoviert hat. Zu den roten Fahnen, der Pionieruniform und den Artefakten des Großen Vaterländischen Krieges kamen Alltagsgegenstände der Wolgadeutschen hinzu. Informationen über die ersten Einwohner des Dorfes hat Valentina Fjodorovna zusammen mit ihrer Kollegin, einer Geschichtslehrerin, gesammelt. In Nizhnjaja Dobrinka waren fast keine architektonischen Bauten dieser Zeit vorhanden, aber die Lehrer schafften es, die Atmosphäre durch traditionelle Gegenstände der Deutschen wiederherzustellen: Spinnräder, Dreschsteine, Tontassen und Teller, einfache Möbel und Kleidung. Sie wurden von den Dorfbewohnern dem Museum verschenkt: manche haben die Gegenstände dem Museum hinterlassen, als sie nach Deutschland gezogen sind, manche - nach dem Tod ihrer Verwandten.

Der Leser mag denken, dass die Kuratorin des Museums deutsche Wurzeln hat, und deshalb sich um das Museum kümmert, aber dem ist nicht so. "Ich bin eine Russin, aber ich war schon immer an der deutschen Geschichte des Dorfes interessiert", erklärt Valentina Fjodorovna. "Ich sammle gerne Dinge, die mit Dobrinka zu tun haben, so können wir dank dieser Gegenstände mehr über die Menschen, die hier lebten, erfahren." Die regionale Expertin hat Angst, dass sich in Zukunft niemand mehr über die Museumsgegenstände kümmern wird. Im Dorf leben etwa 1500 Menschen, junge Leute verlassen das Dorf auf der Suche nach Arbeit, nur ältere Menschen bleiben in Dobrinka.

"Ich hoffe, dass das Museum weiterleben wird, es wäre sehr schade, es zu verlieren", sagte die 81-jährige Heimatforscherin traurig. Sie lebt allein, ihre drei Töchter zogen in die Stadt. Vor kurzem hat sich Valentina Fjodorovna dem Organisationskomitee für die Vorbereitung des 255. Jahrestages des Dorfes angeschlossen. Valentina Scharkova ist ein Beispiel dafür, wie ein Mensch, der nichts mit der Kultur eines anderen Volkes zu tun hat, mehr für den Erhalt der Geschichte des Volkes machen kann, als Träger eines deutschen Nachnamens. Vielleicht war es kein Zufall, dass sie nach Dobrinka kam? Der Name des Dorfes ist mit den russischen Wörtern "freundlich, gutherzig" verbunden. Denn nur ein gutes Herz kann sich in ein kleines Dorf mit einer umfangreichen und schwierigen Geschichte verlieben.

Der Artikel erschien erstmals in russischer Sprache in der Moskauer Deutschen Zeitung 06/2018. 

Rubrik: Arbeit in den Regionen, Wissenswertes

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