19 April 2018

Die Russlandvermittler


Journalisten geben Einblick in 20 Jahre Berichterstattung - ein Artikel der Moskauer Deutschen Zeitung.

Die Moskauer Deutsche Zeitung berichtet seit 20 Jahren aus und über Russland. In dieser Zeit spielten sich auf der Politikbühne Momente der Annäherung und der Entfremdung ab. Ein Wendepunkt war die Ukraine-Krise. Seitdem stehen Korrespondenten und Journalisten in der Kritik, nicht ausgewogen über Russland zu berichten. Wir haben bei Journalisten mit langjähriger Russlanderfahrung nachgefragt, ob die Kritik berechtigt ist.


Bojan Krstulovic war von 2013 bis 2016 Chefredakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Seit 2017 ist er Leiter des Projekts „Die Russland-Meister“ bei der AHK in Moskau. Außerdem ist er freier Journalist. 

Als ich 2012 meine Arbeit bei der Moskauer Deutschen Zeitung aufnahm, ereigneten sich zu der Zeit die Bolotnaja-Proteste. In der Redaktion berichteten wir nicht viel anders, als deutsche Medien. Die Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Es war ein positives Gefühl, dass die Menschen in Russland aktiv wurden. Allerdings fehlte damals diese verschärfte Ost-West-Konfrontation, wie wir sie heute erleben. Im Übrigen hatte bei den Protesten, die aufgrund der Manipulationen der Duma-Wahlen im Herbst 2011 entstanden sind, die sogenannte „Systemopposition“ mitgemacht, und nicht nur eine kleine liberalen Schicht. Es war eine wirkliche Massenbewegung, die die Regierung sehr ernst genommen hat.

Kritik an der Russlandberichterstattung ist kein neues Phänomen. Damals existierten schon sogenannte „Russlandversteher“ und „Russlandhasser“. Aber es ging noch nicht um das Ganze. Sanktionen und der Informationskrieg fehlten. Man musste sich nicht entscheiden: Ist man auf der Seite des russischen oder des deutschen Glaubensbekenntnisses? Erst in den letzten Jahren kamen die vielen Narrative hinzu. Die Krim, die im Westen als „Annexion“ und in Russland als „Wiedervereinigung“ wahrgenommen wird, änderte nicht nur das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen, sie änderte auch die Russlandberichterstattung. Ab diesem Zeitpunkt kann man sich keinen Kompromiss mehr vorstellen. Dass es zu dieser Kritik kam, liegt nicht daran, dass bei den Korrespondenten nicht genug Russlandkenntnisse dagewesen wären.

Der Sinn und Zweck eines Korrespondenten ist, dass er nicht nur berichtet, sondern auch einordnet. Das heißt aber auch, dass zu Russland auch viele Texte vorliegen, die Kommentare sind. Die MDZ kann es sich leisten, beides zu haben, weil sie über Russland schreibt, wie eine Zeitung in Deutschland, die über Deutschland schreibt. Als Chefredakteur hatte ich die Absicht und den Willen, möglichst wertungsfrei Geschehnisse aufzuschreiben und in diesem Sinne fair zu bleiben. Eine saubere Trennung hilft, dass Leser bei der Lektüre nicht wütend werden, was häufig der Fall ist, wenn man andere Texte zu Russland in den deutschen Medien liest.


Moritz Gathmann war von 2008 bis 2013 freier Journalist in Russland. In dieser Zeit schrieb er unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, den Spiegel, Spiegel Online, Das Magazin und 11freunde. 2013 kehrte er nach Berlin zurück und schreibt seitdem als freier Journalist und Experte für Russland, Ukraine, Kaukasus und Zentralasien.

Über die letzten 20 Jahre hat sich die Berichterstattung über Russland mit jedem Jahr immer mehr auf Putin konzentriert. Praktisch kein Text kommt mehr ohne Putin aus, es gibt da eine regelrechte Faszination – vielleicht noch mehr in den Redaktionen als bei den Korrespondenten. Das ist schade, weil jeder, der erstmals nach Russland kommt (und das können alle meine Freunde bestätigen, die mich dort besuchten), überrascht davon ist, wie viel es – außer Putin – zu sehen und hören gibt, und dass Russland sich nicht wie Nordkorea anfühlt. Zum anderen scheint mir Russland heute im medialen Diskurs wieder die Rolle einzunehmen, welche die Sowjetunion im Kalten Krieg innehatte: das grundsätzlich „Andere“, das Gegenstück zum Westen.

Hier Demokratie, liberale Werte, LGBTI-Rechte, Rechtsstaat, freie Presse, funktionierender Staat. Dort Autokratie, Schwulenfeindlichkeit, Rechtsnihilismus, Journalistenmorde, Korruption. Bei genauerem Hinsehen stellt man allerdings fest, dass all diese Phänomene uns auch im gelobten Westen zu schaffen machen. Stichwort Korruption (Ukraine), Homophobie (Georgien), Journalistenmorde (zuletzt Malta und die Slowakei). Aber gut, exkulpieren wir nicht Wladimir Putin und die seinen im Kreml.

Zur Entfremdung vom Westen hat das russische Regime maßgeblich beigetragen – ob nun mit den NGO-Gesetzen oder dem Gesetz gegen Propaganda nichttraditioneller Beziehungen, und (dagegen wirken all die vorigen Episoden wie Peanuts) der militärischen Intervention in der Ukraine. Und trotzdem: Ich würde mir mehr Reportagen aus Russland wünschen, bei denen die These vor der Recherche nicht schon feststeht. Ein schönes Beispiel: Kathrin Scheib mit ihrem Fußballblog vor der WM. Da fragte sie jüngst einige ihrer homosexuellen Bekannten um Rat: „Als schwuler Fan zur WM nach Russland?“ Und oh Wunder! Alle sagten: Klar, es gibt hier schon Homophobie, man darf als schwules Pärchen eben nicht Hand in Hand durch die Straßen laufen. Aber kommt trotzdem unbedingt nach Russland!

 

Martina Wiedmann lebt in Moskau und ist Inhaberin der Agentur „WiedAn“. Sie arbeitete als freie Journalistin für Fernsehteams von ARD, ZDF, Russia Today und den Radiosender „Stimme Russlands“. Sie arbeitete fest bei RIA Nowosti in der Abteilung für Außenbeziehungen und schrieb Artikel für die „Moskauer Deutsche Zeitung“.

Seit über 24 Jahren lebe und arbeite ich in Moskau, verfolge daher die Russlandberichterstattung in Deutschland aus der Ferne oder bei meinen Besuchen zu Hause, wenn man von den engen Kontakten zu deutschen Korrespondenten in Moskau mal absieht. Seit Ende der Neunziger habe ich selbst über Russland geschrieben, vor allem aber deutsche Fernsehteams vor Ort bei ihren Dreharbeiten als Aufnahmeleiterin begleitet. Dabei fiel mir auf, dass Russlandthemen in deutschen Medien nicht sehr gefragt waren. Zusammen mit den jeweiligen Regisseuren haben wir Vorschläge mit interessanten Themen eingereicht, die auf Redaktionstischen verstaubten.

2004 war ich als Mitarbeiterin von RIA-Novosti mit zwölf deutschen Journalisten im Norden Russlands unterwegs. Wir hatten ein interessantes Programm aus allen Bereichen des modernen Lebens vorbereitet, besuchten einen umtriebigen Sägewerksbesitzer, eine Pelztierfarm, wo auch nebenan Strauße gezüchtet wurden, sahen eine Bootswerft, die richtig brummte, eine Kindereinrichtung, die vernachlässigte Kinder, die Leim schnüffelten, alkoholabhängig waren, wieder in ein sinnerfülltes Leben zurückführte. Die pädagogischen Mitarbeiter waren wirkliche Enthusiasten. Es gab Anfragen aus dem ganzen Land, Kindern zu helfen. Wir waren in einem Strafvollzug für minderjährige Straftäter, wo die Journalisten mit den Halbwüchsigen sprechen konnten. Auch ein Besuch beim Gouverneur in Archangelsk und einem bekannten Maler in seinem Atelier gehörte zum Programm.

In Murmansk zogen uns die Eisbrecher an, wir fanden sogar einen Ingenieur, der den ersten Atomeisbrecher mit gebaut hat. Die Ernte nach dieser Pressereise war eher dürftig. Das Alltagsleben, so interessant es auch sein mag, interessierte weniger, dafür natürlich der Strafvollzug und eine zwielichtige und nicht ganz nüchterne Schaffnerin im Zug von Petrosawodsk nach Murmansk. Ich war mehr als enttäuscht. Es hat sich im Prinzip nichts geändert, nur der Ton ist rauer geworden. Weltweites Säbelrasseln, Abhängigkeit von Bündnissen und politisches Muskelspiel lassen guten Journalismus, ausgewogenes Erörtern weit in den Hintergrund treten.

 

Der Artikel erschien in der Moskauer Deutschen Zeitung 07/2018. 

Rubrik: Wissenswertes

NACHRICHTEN
ARCHIV