28. September 2009


Insel der Hoffnungen   Die Ende der 90er Jahre als „vorbildlich“ bezeichnete russlanddeutsche Siedlung Neudorf erfüllte die Erwartungen nicht      Es schien, dass ein Stein ins Rollen gekommen war. Im Frühling wurde nach zehnjähriger Suche ein Weg gefunden, den Wohnraum zu privatisieren, der Ende der 90er Jahre für ethnische Deutsche mit Mitteln der Bundesregierung in Neudorf-Strelna bei Sankt Petersburg errichtet wurde. Inzwischen sind bereits einige Monate vergangen, seit die Entscheidung darüber fiel, auf welche Weise die Häuser, die sich im Besitz der Russischen Föderation befinden, verteilt werden sollen. Bis jetzt hat jedoch noch niemand ein Haus erhalten. 

Insel der Hoffnungen

Die Ende der 90er Jahre als „vorbildlich“ bezeichnete russlanddeutsche Siedlung Neudorf erfüllte die Erwartungen nicht
Es schien, dass ein Stein ins Rollen gekommen war. Im Frühling wurde nach zehnjähriger Suche ein Weg gefunden, den Wohnraum zu privatisieren, der Ende der 90er Jahre für ethnische Deutsche mit Mitteln der Bundesregierung in Neudorf-Strelna bei Sankt Petersburg errichtet wurde. Inzwischen sind bereits einige Monate vergangen, seit die Entscheidung darüber fiel, auf welche Weise die Häuser, die sich im Besitz der Russischen Föderation befinden, verteilt werden sollen. Bis jetzt hat jedoch noch niemand ein Haus erhalten.
„Nach der Veröffentlichung des Gesetzes brach bei uns Euphorie aus. Endlich hatte die Gerechtigkeit gesiegt!“, erzählt Lew Berg, Vorsitzender des Gesellschaftsrates des Ortes. „Die Menschen warteten die versprochenen zehn Jahre lang, einige sogar länger. Während der ganzen Zeit wandten wir uns an verschiedene Instanzen mit der Bitte, die Hauptbedingung für die Umsiedlung zu erfüllen, nämlich die Möglichkeit zu schaffen, die verlassenen oder billig verkauften Häuser an den alten Wohnorten gegen die Häuser in der „Mustersiedlung der Russlanddeutschen“ in Strelna tauschen zu können. Wie hatten jedoch den Eindruck, dass die Entscheidung dieser Frage mit Absicht verzögert wurde.“
Die Siedlung, die sich am Rand von Sankt Petersburg befindet, hatte nach der Ursprungsidee der Bundesregierung ein Musterbeispiel für kompaktes Siedeln von Russlanddeutschen werden sollen. Geplant war der Bau von mehr als 160 Häusern, einer Schule, eines Kindergartens, einer Kirche sowie eines Begegnungszentrums, und die Bewohner sollten in dem Ort nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten können. So jedenfalls wurde das Projekt den potentiellen Bewohnern präsentiert, von denen in Kasachstan, Sibirien und den nördlichen Regionen Russlands einige ausgewählt wurde. Das Bewerbungsverfahren begann 1996. Mehr als dreitausend Menschen nahmen daran teil. „Bei der Auswahl der Umsiedler werden bei ansonsten gleichen Bedingungen Personen bevorzugt, deren Familienmitglieder (Vater, Mutter, Großmutter, Großvater) in der Vergangenheit aus Leningrad oder dem Gebiet Leningrad deportiert wurden“, heißt es im Protokoll „Über die Auswahl- und Annahmebedingungen von Umsiedlern in die kompakte Siedlung der Russlanddeutschen Neudorf“.
Die ersten Hausschlüssel wurden fünf Familien im Mai 1998 feierlich überreicht. Der bei der Übergabezeremonie anwesende Bevollmächtigte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen Dr. Horst Waffenschmidt äußerte sich damals so: „Diese Siedlung für die Russlanddeutschen ist eine Insel der Hoffnung unseres großen europäischen Hauses. Ich will, dass Russlanddeutsche und ihre Kinder eine sichere Zukunft in Russland haben. Es besteht keine Notwendigkeit, nach Deutschland umzusiedeln.“ German Gref, damals Vize-Gouverneur und Vorsitzender des Komitees für Staatseigentum der Regierung von Sankt Petersburg, sagte bei dem gleichen Anlass: „Die Stadt ist bereit, noch ein paar Grundstücke für den Aufbau von Siedlungen für Russlanddeutsche zur Verfügung zu stellen.“
Nach Neudorf kamen Deutsche aus allen postsowjetischen Republiken. Sie hatten die Hoffnung, eine neue kleine Heimat für sich zu finden und stellten sich vor, dass sich die Siedlung zu einem Stück Deutschland bei Sankt Petersburg entwickeln würde. Diese Hoffnungen wurden jedoch von bürokratischen Hürden und finanziellen Streitigkeiten zerstört.
Ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass die Häuser den Bewohnern gegen eine geringe Summe übergeben werden würden, welche ihrerseits in den Bau weiterer Häuser fließen sollte. Im Laufe der Bauarbeiten stellte sich allerdings heraus, dass der Finanzplan nicht zu verwirklichen war, und statt der geplanten 160 Häuser gelang es nur, 38 fertig zu stellen. Die deutsche Seite stieg damit aus dem Projekt aus: Ende 1998 gelangten die Sozialdemokraten an die Macht und setzten sämtlichen Investitionsvorhaben für Russlanddeutsche ein Ende. Im Jahr 2000 wurde auch die Auswahlprozedur von Bewohnern beendet. Nur 50 Familien waren bis dahin ausgewählt worden.
Den „Glücklichen“ stand nun ein jahrelanges Suchen nach Lösungen für Probleme der Staatsangehörigkeit, der Registrierung am Wohnort und der Arbeit bevor. Es entstand ein Teufelskreis: Die unentschiedene Frage des Eigentums erlaubte es nicht, sich offiziell registrieren zu lassen sowie die Staatsangehörigkeit zu klären. Ohne Registrierung darf keiner beruflichen Tätigkeit nachgegangen werden. Der Kampf mit den Beamten schweißtedie Dorfbewohner zusammen, die großes zivilgesellschaftliches Engagement und ein hohes Bewusstsein für die eigenen Rechte bewiesen. Es wurde ein eigener Ausschuss gewählt, der, auch wenn er keinen offiziellen Status besitzt, die Rechte der Bewohner verteidigt.
„Dass es nun endlich ein Gesetz gibt, ist auch unserer Verdienst“, ist Lew Berg, der Leiter der Initiativgruppe, überzeugt. Am 15. Mai war dazu ein spezielles Gesetz über die Verkaufsbedingungen von Wohnraum des Wohnfonds Sankt Petersburg an Vertreter von Repressionen betroffener und rehabilitierter Nationalitäten verabschiedet worden. Das Prinzip ist sehr einfach. „Die Bewohner der Siedlung Neudorf-Strelna wenden sich mit einem Antrag an das Wohnkomitee. Dieses stellt die nötigen Dokumente zusammen und sendet sie an Gorshilobmen, eine staatliche Einrichtung, die vom Komitee für wirtschaftliche Entwicklung und Staatseigentum der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg (KUGI) eingerichtet wurde. Dort wird der Vertrag geschlossen und der Preis des Hauses festgelegt. Bezahlt werden muss 0,01 % des Marktpreises“, erklärt die Pressesekretärin des KUGI Jelena Bodrowa das System. „Die ersten Fälle gab es bereits.“
Eigentlich hatten die Häuser für die zukünftigen Bewohner bezahlbar sein sollen. Bei der Einladung zur Umsiedlung nannte man ihnen eine Summe von 20 % des Bilanzwertes des Hauses, also etwa 115.000 bis 140.000 Rubel (heute kostet eine Haushälfte dort etwa zwölf Millionen Rubel). Die „ersten Fälle“, bei Redaktionsschluss neunzehn an der Zahl, reichten alle geforderten Dokumente ein, erhielten jedoch innerhalb des gesetzlich vorgeschriebenen Zeitraums (ein Monat für die Entscheidungsfindung) keine Antwort.
Eine weitere Barriere wurde das Dokument, mit dem bestätigt wird, dass jemand Angehöriger einer von Repressionen betroffenen und rehabilitierten Person ist. Nicht alle Bewohner besaßen es nämlich. In einigen Fällen waren die Eltern gestorben und deren Rehabilitationsnachweise verloren gegangen, manchmal war der Familienname geändert worden usw.. Das Gorshilobmen-Amt erklärte jedoch, dass ohne vollständige Dokumente der Kauf nach geltender Gesetzgebung nicht durchgeführt werden kann. „Das ist ein Hindernis, das sich die Beamten ausgedacht haben“, glaubt Berg. Schließlich waren Ende der 90er Jahre alle Bewohner der Siedlung bereits streng auf Ihre Angehörigkeit zu einem repressierten Volk überprüft worden. Die Euphorie über das im Mai verabschiedete Gesetz verwandelte sich bis September in beunruhigende Enttäuschung, wie es auch Ende der 90er Jahre bereits der Fall war. Damals schien es, als seien die Menschen getäuscht worden: Die Häuser waren nicht so gebaut worden, wie es die Pläne vorsahen. Seit dem kamen bei den Neudorfern immer mehr gerechtfertigte Ansprüche hinzu, sowohl gegenüber Deutschland, wie auch Russland. Man ist überzeugt: Wenn das Projekt vollständig umgesetzt worden wäre, hätte der Ort wirklich eine Oase des kompakten Wohnens von Russlanddeutschen werden können.
Bis jetzt erinnert in Neudorf daran, dass es sich um ein Dorf für Russlanddeutsche handelt statt um eine Elitesiedlung, von denen es in der Umgebung viele gibt, äußerlich nur das Ortsschild. Auf der Straße ist zwischen den Schreien der vielen Kinder kein einziges deutsches Wort zu vernehmen. Die Bewohner erklären dies damit, dass die deutsche Sprache bei ihnen schon vor langer Zeit während der Repressionen verloren gegangen sei. Außerdem sind die meisten Familien im Dorf ethnisch gemischt, so dass oft nur ein Elternteil deutsche Wurzeln hat. Die vorherrschende Sprache ist Russisch. Die einzige Familie, in der auf Deutsch gesprochen wird, wohnt in der Borowaja-Straße 29. Wenn sich hier bei den Agejews die Mutter mit der Tochter unterhält, wird ein schwäbischer Dialekt verwendet. Die anderen Familienmitglieder können ihn aber nicht verstehen, denn in allen Generationen, die gemeinsam unter dem Dach wohnen, sind die Ehemänner Russen.
Ein Begegnungszentrum existiert in der Siedlung nicht. Dies wird beklagt, wenn darüber gesprochen wird, dass es in diesem Dorf letztlich nur sehr wenig Deutsches gibt. Ein Lehrer gibt bei sich zuhause Deutschkurse. Doch eine wirkliche Notwendigkeit oder der Wunsch, die Sprache der Vorfahren wiederzubeleben, sind im Alltag eigentlich nicht zu spüren. Manche Bewohner besuchen das deutsche Begegnungszentrum bei der Petrikirche in Sankt Petersburg, das regelmäßig sein Programm in das Dorf sendet. Doch die Verbindung zwischen den beiden Inseln der russlanddeutschen Kultur trägt in erster Linie formalen Charakter, und ein Austausch findet kaum statt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass mit den Millioneninvestitionen in die Mustersiedlung für Russlanddeutsche das Beste gewollt wurde. Doch was dabei herauskam, war das Gleiche wie immer.

Wlad Kurske

Rubrik: Verschiedenes

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