12 April 2017

Langes Jahrhundert, buntes Schicksal


Der Lebenskalender von Walter Knauer zeigt 100 Jahre alt an… Konnte der kleine Junge während seiner Geigenstunden im malerischen Jewpatorija vermuten, wie rau und merkwürdig sein Leben sein würde?

Ein Militärarzt-Sohn

Die Geige ist seit langem nicht da, aber in der Wohnung von Walter Knauer gibt’s eine andere, eine selbstgemachte Geige aus Kiefer und Buche: genug Freizeit um den Ruf des Herzens verwirklichen, warum denn nicht? Ein großer schlanker Senior mit einem überraschend warmen Blick nimmt ein Instrument und fragt, um aufzumuntern: „Kann ich vielleicht etwas für Sie spielen?“ Mein Wunsch, den Klang der ungewöhnlichen Geige zu hören, bereitet dem Hausherren große Freude. Da klingt die heimatliche Melodie der deutschen Polka und verleiht der kleinen Wohnung auf dem Kommunistitscheskiy-Prospekt eine nationale Note.

Geboren im Jahre 1916 in der estnischen Stadt Jurjew (heute Tartu) als Sohn Heilkundiger, der nach dem Abschluss an der kaiserlichen Universität Jurjew als Militärarzt und Chef des Spitalzuges zuerst in den Ersten Weltkrieg und später – in den Bürgerkrieg, einberufen wurde. Als zweijähriger Walter kam er auf die Krim. Hier in Jewpatorija, wo sein Großvater als Lehrer arbeitete, verbrachte Walter seine Kindheit. 

Sein Vater war Chefarzt des Sanatoriums, die Mutter war für den Haushalt verantwortlich und gab Musikunterricht für Kinder: Sie spielte wunderbar Klavier, malte auch ganz nett. In der Nähe des Hauses befand sich das Drama-Theater. Kein Wunder, dass Walter nicht nur Stammgast war, sondern auch viele Künstler, Dichter und prominente Zeitgenossen, die als Kurgäste im Hause Knauer wohnten, persönlich kannte. Walter hatte sogar das Glück, Wladimir Mayakovsky während eines Poesie-Treffens in der Schule zu hören. Süße Erinnerungen an die Kindheit, sind sie so weit weg ...

Sterbend im Jahre 1927 sagte der Großvater: «Gott sei Dank! Das Leben wendet sich zum Guten, ich kann meine Tage ruhig beschließen». Aber im Land wurde ein anderes – blutiges – Szenario Realität. Nach dem Schulabschluss im Jahre 1935 fuhr Walter nach Bryansk und studierte am Maschinenbau-Institut.  Er wollte nichts anderes als Ingenieur werden, mit eigenen Händen Mechanismen und Maschinen herstellen. Die Leistungen des Großvaters, der als hervorragender Handwerker und Mechaniker anerkannt war, beeinflussten Walter. Die von ihm hergestellten chirurgische Instrumente, Mikroskope, Ferngläser und andere Geräte wurden von Spezialisten gerne benutzt.

 «Zwei Jahre vergingen schnell. Im Sommer, nach den Prüfungen, kam ich nach Hause und bekam die Nachricht, über die ich bis heute nicht wegkam. Ich habe eine Kopie des letzten Briefes von meinem Vater gelesen. Er hat mit dem Bleistift auf der Innenseite des Hemdes geschrieben, und es ist seltsam, aber das Hemd wurde aus dem Gefängnis gebracht. In diesem Brief hat der Vater berichtet, wie sie gefangen genommen  wurden. Die Gefangenen wurden schrecklichen Torturen untergeworfen, die kein Mensch überleben konnte. Nach körperlichen Misshandlungen haben alle Verbrechen gestanden, die sie nicht begangen  haben, und Aussagen unterzeichnet.»

Walter, Sohn eines Volksfeinds, wurde vom Institut exmatrikuliert, aus Komsomol und Studentenheim geworfen. Was das in der sowjetischen Zeit bedeutete, ist heute schwer vorzustellen. Die Kinder von unschuldig verurteilten Eltern begangen Selbstmord, weil sie sich nicht mehr demütigen lassen konnten, weil sie sich nicht mehr zu helfen wussten. Von allen Werken, die Arbeiter suchten, bekam Walter Absagen. Das letzte Geld ging ihm aus. Und dann entschied er für etwas Mutiges: Er ging zur Sprechstunde vom Parteisekretär. Erst am dritten Tag betrat er die Schwelle des Büros. Walter erzählte alles. Ein ganz junger Mann hörte zu und sagte Walter, am nächsten Tag in die Fabrik «Krasnyj Profintern» zu kommen. «Dort war ich schon, wurde aber nicht genommen», antwortete Walter. Aber der Sekretär wedelte nur mit der Hand. Am Morgen ging der Junge noch einmal in die Fabrik, und es geschah ein Wunder: Er durfte als Mechaniker arbeiten .

Erfahrungen in der Trudarmee

Mein Gesprächspartner «verlor» sich plötzlich irgendwie in diesen Erinnerungen, als ob er sich gerade vortellte, wieder jung zu sein sah, ausgesperrt in einer hasserfüllten Welt. «Na, dann», sagte er nach einer langen Pause.  «Möchten Sie vielleicht einen Kaffee mit mir trinken? Alles ist angerichtet, bedienen Sie sich bitte». Beim Kaffee führten wir unser Gespräch fort.

«Mit großer Mühe habe ich es geschafft: Ich durfte bei «Krasnyj Profintern»  arbeiten, obwohl ich keinerlei Chancen auf einen Arbeitsplatz hatte. Am Anfang des Krieges wurde ein großer Industriekomplex mitsamt ihrer Ausrüstung und dem Personal, etwa 45.000 Menschen, nach Krasnojarsk abgezogen. Die Evakuierung wurde Anfang Juli abgeschlossen. Es war ein Krieg, und wir haben den ganzen Winter unter freiem Himmel gearbeitet. Ohne Rücksicht darauf, dass Fabrikarbeiter nicht eingezogen werden sollten, wurde Walter 1942 in die Trudarmee mobilisiert. Zuerst war es harte Arbeit in einem Schacht in Osinniki (10. Kapital’naya).

«Später wurde ich ins Dorf Kabyrza an einen Holzschlagbetrieb in Schoria versetzt. Die Erinnerungen an die Zeit in der dichten Taiga kommen oft hoch. Trudarmee ist eine Arbeitspflicht, die in der Kriegzeit legal war,  die eine Trennung von der eigenen Familie, untragbare Arbeit, mit Strafandrohungen für Ungehorsam oder Störung des Regimes mit sich brachte. Das Rationierungssystem existierte konventionell, man konnte fast nichts kaufen, die Menschen wurden total schwach. Ihre Überlebenschancen waren minimal.

Die nationale Zusammensetzung war ziemlich bunt, größtenteils haben Deutsche gearbeitet. Eines Tages wurde das gemischte Kontigent von Waldarbeitern mit einem Schub deutscher Jugendlicher ergänzt: Sie waren dünn, von Hungersnot geplagt und nur mit Lumpen gekleidet. Welchem Gesetz nach sie rekrutiert wurden – das wusste niemand, aber ohne Unterstützung der Älteren konnten sie nicht durchhalten. Die Deutschen waren widerstandsfähiger als andere. Die Kasachen, die auch in die Arbeitsarmee mobilisiert wurden, starben zum Beispiel in Dutzenden und Hunderten. Man haute Holz in strenger sibirischer Kälte, als Kleidung gab es nur eine Wattenhose und eine Strickjacke auf nackten Körper. Der Arbeitstag begann vor Sonnenaufgang bei jedem Wetter. Die Arbeiter sollten etwa fünf bis zehn Kilometer durch Schneehaufen bis zu ihrem Arbeitsplatz zu Fuß gehen, am Ende des Tages – zurück.

Wir lebten in Baracken mit Doppelpritschen für 25-30 Personen. Die Arbeit wurde mit den Karten für 600, 800 und 100 Gramm Brot entlohnt, abhängig von der Art der Arbeit. Aber wo liegt der Unterschied in den Bedingungen des Holzeinschlagorts, bist du Straßenbauer oder Holzfäller? Alle waren in dem Wald von morgens bis abends, und jedem fehlte eine sättigende Hungerration. Die Suppe hatte fast keine Nährstoffe, sie war einfach heißes Wasser.

Die Willkür des Meisters war unbegrenzt. Er konnte die Arbeiter unter solchen Bedingungen stellen, dass man nichts verdienen und so lange hungern würde, bis man krepieren würde. Die Meister waren Einheimische, Ex-Soldaten und zurückgekehrte Behinderte, oder aus welche, die aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden waren. Die letzten haben sich sehr bemüht, sie haben eine höllische Angst vor der Front.

Die einheimische Bevölkerung war den Deutschen gegenüber zunächst extrem unfreundlich. Fast aus jeder Familie wurde jemand mobilisiert. Viele sind nicht nach Hause zurückgekehrt. An den Fronten war ein erbitterter Kampf, und die verfogten Deutschen waren für die Zivilbevölkerung Eindringlinge. Jetzt frage ich mich, wie wir den harten Winter 1942 überlebt haben. Bei eisiger Kälte, manchmal waren es minus 57 Grad, die Schneedecke war größer als zwei Meter, wir waren schlecht angezogen, die Schuhe waren kaputt, die Arbeiter waren gezwungen, Strohschuhe zu weben und ihre Füße ins trockene Gras einzuhüllen.

Im Frühling beim Flussausbruch gab es einen Befreiungsversuch. Zehn Menschen haben beschlossen, den Fluss Mrassu bis Stalinsk abzufahren. In der Nacht am Ufer wurden sie von bewaffneten Shoren umschlossen und an Schutz ausgeliefert. Die Flüchtlinge wurden für 8 Jahren in den Straflagern verurteilt. Wie es sich gezeigt hat, wurden sie nach dem Ende des Krieges amnestiert. Und die Menschen in der Arbeitsarmee sind für Zwangsarbeit schuldlos geblieben. Esten, Finnen und westlichen Ukrainer waren verfügt und nur die Deutschen sind für Zwangsarbeit erfasst geblieben.

Auf Grund meiner Nationalität und als der Volksfeind-Sohn hatte ich keine Bürgerrechte wurde Sondersiedler. Meine Familie (Frau, Sohn, Tochter) ist in  Krasnojarsk geblieben, ich habe mich mit ihnen erst nach acht Jahren wiedergesehen, nachdem ich die Möglichkeit hatte, meine Familie nach Kabyrza nachkommen zu lassen. Mein Sohn war schon 10 Jahre alt, und meine Tochter war fast acht.

Nach der Amnestie habe ich meine Mutter in Kasachstan gefunden. In einem Brief habe ich sie eingeladen, zu mir nach Kabyrza zu kommen. Meine Mutter hat geantwortet, dass die Kommandantur solche Erlaubnisse kaum gestattet. Ich habe sie überzeugt, dass sie alles stehen und liegen lassen und kommen soll, schlimmer konnte es nicht mehr werden. Sie war 70 Jahre alt. Und ich hatte gehofft, dass man sie in Ruhe ihren Lebensabend verbringen lässt. Sie ist zu mir gekommen und hat einige Jahremit mir  in der Taiga gelebt. Sie wurde auf dem Dorffriedhof begraben.

Die Seele soll sich bemühen

1953 bekam Walter Knauer seinen Pass. Walter wurde Bauchef, dann arbeitete er 25 Jahre lang als Chef des Mariinsky Konzerns für Holzbeschaffung. Er sollte die Familie ernähren, die bereits fünf Kinder hatte. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1990 zog Herr Knauer nach Meschdurechensk um, wo seine älteren Kinder lebten. Dort unterrichtete er Holzschneidekunst, dieses Handwerk lernte er selbst schon im Ruhestand. In seiner Wohnung gibt es Dutzende von geschnitzten Zisten, Schmucksachen, Statuen aus Holz. Walter schenkt das alles Verwandten, Freunden, Bekannten. Fast alle Möbel in der Wohnung – Tische, Schränke, Stühle, Hocker – sind aus eigener Produktion.

In den 60er Jahren besuchte Herr Knauer Jewpatorija, dort fand er das Elternhaus, wo er seine Kindheit verbrachte. Natürlich lebten dort unbekannte Menschen. Er trat in den Hof, berührte den Aprikosenbaum, den er mit seinem Vater gepflanzt hatte. Da hörte er: «Wer ist hier?» Walter sagte langsam: «Ich bin derjenige, der diesen Baum gepflanzt hat.» Er sprach mit den neuen Besitzern, ging mit ihnen ins Haus. So viel Emotionen und Erinnerungen kamen hoch! Im Stadtrat sagte man, dass es keine Rolle spielt, dass er alle Dokumente hat. In der Stadt gibt es kein freies Wohnen und sein Haus ist auch bewohnt. Er kehrte nach Hause zurück und lies alles so, wie es war.

Momente der Ewigkeit

Dieser alte Mann hat ein paar Hefte, in denen seine poetische Suche abgeschlossen ist: Gedanken an sich selbst, an Freunde, an die junge Generation. Seine Leidenschaft für poetische Kreativität hilft ihm, seine Einsamkeit zu überwinden. Er ist als eigenständiger Dichter Mitglieder des Literaturvereins. Hier fand er neue Freunde, Gleichgesinnte. Vor zehn Jahren erschien eine Sammlung von Gedichten, die Bürger konnten die Werke von Walter Knauer kennenlernen.

In meinem Alter ist nicht schlecht
Für Arbeit sich nicht mehr bemühen
Warum dann find’ ich keine Ruhe
Und kribbelt Seele bis anher?
Wie Hausgeist bin ich, nicht wahr?
Mit immer drechseln, schnitzeln, sägen
Reserven lege gerne an
Wozu? Vielleicht für zweites Leben.

Die Gedichte des Autors spiegeln seine sensible Seite wider. Aber auch das Leben ist nichts anders als ein Moment der Ewigkeit:

Das war’s…das Nu ist schon erlebt…
Es blitzte wie ein‘ glücklich‘ Offenbarung
Die Seele bis anher jetzt schwirrt
Erwärmt sie wurde mit Bewegungshandlung.

Rubrik: Wissenswertes

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