22 Februar 2018

„Die Menschen wollen den Kontakt zu Russland nicht verlieren“

- Darja Boll-Palievskaja -


Wie leben unsere Landsleute in Deutschland? Ein Interview der Moskauer Deutschen Zeitung.

In Deutschland gibt es verschiedenen Schätzungen zufolge drei bis sechs Million russischsprachige Bürger. Vera Tatarnikova, stellvertretende Vorsitzende des gesamtdeutschen Koordinationsrates russischer Landsleute, erzählt, wie und warum sie den Kontakt zu Russland halten.

Was ist der gesamtdeutsche Koordinationsrat russischer Landsleute?

Unser Rat vereint fast 400 öffentliche Organisationen russischsprachiger Bürger aus 16 Bundesländern. Dazu zählen Schulen, Kulturzentren, Freiwilligenbewegungen, Jugend-, Sportvereine, Volkstheater und Organisationen für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Die Hauptaufgabe vom Koordinationsrat ist die Koordination von Aktivitäten sowie die Unterstützung bei der Umsetzung gemeinsamer Projekte.

Warum gibt es so viele russischsprachige Organisationen in Deutschland?

Die Menschen wollen den Kontakt zu Russland nicht verlieren. Sie wollen, dass ihre Kinder die Sprache, Geschichte und Kultur Russlands kennen. Und das ist unmöglich, wenn Sie ihnen nur die Sprache beibringen und Kinderfilme zeigen. Sie sollten nach Russland reisen können, um das Land kennenzulernen.

Sind diese Organisationen miteinander verbunden?

Seit fünf Jahren gibt es eine Vereinigung russischsprachiger Organisationen in Deutschland. Diese hält bilaterale Foren ab, zu denen deutsche und russische Politiker kommen. Es gibt einen Dialog zu verschiedenen Themen. Letztes Jahr war das Forum der Jugend gewidmet. Auf der Medienplattform fanden sehr hitzige Diskussionen statt und wir sind dort nie auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Unsere deutschen Kollegen glauben, dass ihre Medien Russland objektiv darstellen. In meiner Rede habe ich darüber gesprochen, dass in unserem Beruf ethische Standards leider an Bedeutung verlieren. Und zwar sowohl im russischen als auch im deutschen Journalismus. Es gibt zum Beispiel den Herrn Chmelnizki. Auf der Website kasparov.ru im Artikel „Landsleute in Zivilkleidung“ schreibt er, dass unsere Arbeit ein Auftrag der „speziellen Dienste für die politische Rekrutierung von russischen Emigranten“ ist, und dass wir ein Gehalt vom Kreml erhalten. Da staunt man einfach, wenn man so etwas liest.

Woher kommt die Finanzierung wirklich?

Die Finanzierung von Kinderprogrammen oder Reisen von Blockadezeitzeugen nach Russland wird von Rossotrudnitschestwo getragen. Auf dem Treffen des Koordinationsrates entscheiden wir, welche Organisationen diese Unterstützung erhalten. Die Finanzierung erfolgt ebenfalls über die Regierungskommission für Angelegenheiten von Landsleuten im Ausland. Es erleichtert die Organisation von Konferenzen. Der Fond „Russkiy Mir“ unterstützt für die russische Sprache und Kultur. Die Moskauer Regierung unterstützt ebenfalls aktiv kulturelle Feste und Programme.

Hat die Politik die Landsleute auf irgendeine Weise geteilt?

Der Konflikt in der Ukraine führte zu einer gewissen Spaltung der russischsprachigen Diaspora. Einige Bürger der Ukraine haben unseren Koordinationsrat verlassen. Zur gleichen Zeit erscheinen von denjenigen, die uns verlassen haben, gedruckte Publikationen in russischer Sprache, in ihren Sprachschulen gibt es Russischunterricht. Ich möchte noch etwas zu den Spätaussiedlern sagen. Sie kamen nicht gleich zu uns, in die Vereinigung ihrer Landsleute, weil sie sich in erster Linie als Deutsche fühlten. Aber angesichts der negativen Haltung gegenüber Russland und dem eher unangenehmen Bild der Russlanddeutschen als Gruppe in den deutschen Medien fühlen sie sich eher Russen zugehörig, als den Deutschen.

Ja, die Russlanddeutschen werden oft zu Wählern der rechtsradikalen „Alternative für Deutschland“ gezählt...

Russlanddeutsche sind tüchtige Arbeiter, die ihre Traditionen sehr pflegen. Sie brachten die deutsche Kultur, die dieses Land verloren hatte, mit nach Deutschland. Sauberkeit, Ordnung, Religion - all das ist für sie sehr wichtig. Und sie wollen ihren Kindern diese Traditionen weitergeben. Die Spätaussiedler fragen offen: „Warum gibt es so viele junge Männer, gut gekleidet, mit teuren Handys, die sich Flüchtlinge nennen? Sollten es nicht hauptsächlich Frauen und Kinder sein?“

Man sagt, dass immer mehr Spätaussiedler nach Russland zurückkehren.

In der Tat sind die Zahlen nicht so hoch. Im Jahr 2016 sind ungefähr 3.500 Menschen zurückgekehrt, und insgesamt spricht man von 38.000. Es würden mehr zurückfahren. Aber das staatliche Programm zur Förderung der freiwilligen Rückkehr von Landsleuten unterscheidet sich von Region zu Region. Es besteht überall Bedarf an bestimmten Berufen, dabei wird Wohnraum nicht überall bereitgestellt. Wir dürfen nicht vergessen, dass Einwanderer in großen Familien nach Deutschland kamen, sie können hier ihre Eltern nicht zurücklassen. Viele Leute sprechen jedoch von der Rückkehr und das mit großem Bedauern. Sie haben sich an das Leben in Deutschland bereits gewöhnt, haben Arbeit gefunden, das heißt – sie sind integriert. Moralisch jedoch fühlen sie sich unwohl.

Mit welchen Problemen kommen die Leute zu Ihnen?

Sie stellen Sie zum Beispiel oft die Frage: „Warum wird so negativ über Russland gesprochen?“ Wir haben eine Organisation, die humanitäre Hilfe für Kinder im Donbass sammelt. Sie haben sehr große Schwierigkeiten dabei diese Hilfe zu versenden. Ich kann diese Organisationen nicht einmal nennen, weil die Leute schon große Probleme mit den deutschen Behörden hatten. Das ständig in den deutschen Medien veröffentliche negative Material über Russland und seine Außenpolitik hat seine Arbeit getan. In der deutschen Gesellschaft ist eine so genannte Russenphobie festzustellen. Leider gibt es Fälle von Beleidigungen gegenüber russischsprachigen Kindern in den Schulen. Zum Beispiel wurde in Thüringen ein Junge aus einer russischsprachigen Familie mit den Worten „Du bist ein russischer Putin-Anhänger“ geschlagen. Ich kann nicht sagen, dass es ein Massenphänomen ist, aber es gibt Fälle (und das in allen Bundesländern), dass man zu den Kindern sagt: „Du bist ein Russe, du bist ein Aggressor“. Leider sind die Menschen in unserem Land rechtlich nicht kompetent, sie wissen oft nicht, was sie in einer solchen Situation tun sollen. Und manchmal haben sie Angst, sich an den Direktor der Schule oder an die zuständige Stelle zu wenden.

 

Der Artikel erschien erstmals in russischer Sprache in der Moskauer Deutschen Zeitung 03/2018. 

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