29 November 2017

Ein neuer Vorsitzender für den Jugendring

Evgenij Wagner

Die deutsche Jugend in Russland hat einen neuen Leiter: Der Vorsitzende des Jugendringes der Russlanddeutschen ist der 30-jährige Evgenij Wagner aus Tomsk. Seine Kandidatur wurde von der Jugend unterstützt, die Anfang November für das Forum der russlanddeutschen Jugend nach Moskau gekommen ist. Nach der Wahl beantwortete der frischgebackene Vorsitzende die Fragen der „MDZ“.

Evgevnij, erzählen Sie bitte etwas über Ihre Familie.

Ich bin Deutscher, weil mein Vater Deutscher ist. Mein Vater spricht aber kein Deutsch, Deutsch spricht jedoch meine russische Mutter. Meine Eltern sagen, dass ich meinem Großvater, Siegfried Wagner, sehr ähnlich bin. Ich kann mich aber fast nicht mehr an ihn erinnern. Schade eigentlich, ich würde ihn nach unserer Familiengeschichte fragen. Ich besuchte den Schulkindergarten "Christina", jetzt ist es ein Gymnasium. Dort begann ich Deutsch zu lernen und machte mich erstmal mit der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen vertraut. Aber natürlich bin ich nicht seit den Zeiten in „Christina“ in der Jugendbewegung der Russlanddeutschen. Kam dazu im Jahre 2009. Meine Eltern waren keine Aktivisten, aber mein Vater verbarg nie seine deutsche Herkunft. Vor einigen Jahren habe ich im Familienarchiv eine Mappe mit Dokumenten gefunden, die meine Eltern in den späten 80er Jahren für die Abreise nach Deutschland gesammelt haben. Sie trauten sich nicht, nach Deutschland umzuziehen. Aber die Mappe war für mich sehr nützlich. Dank ihr habe ich etwas über meinen Stammbaum erfahren und versuche jetzt Informationen über frühere Generationen der Familie Wagner zu sammeln.

Wie weit sind Sie gekommen?

Ich erfuhr, dass meine Vorfahren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Feodossija-Bezirk der Krim lebten, sie hatten Weinberge. Und dann wurden sie entkulakisiert. Vater ist letztes Jahr hingegangen, um Spuren zu finden, aber hat nichts gefunden. Wir werden wahrscheinlich Anfragen an die Archive der Halbinsel schreiben.

Das Interesse an ihrer Familiengeschichte kam also auf, als Sie sich aktiv in der Jugendbewegung der Russlanddeutschen engagierten?

In gewissem Maße ja. In meiner Jugend habe ich an den Projekten der Tomsker Jugendorganisation Jugendblick teilgenommen. Später begann ich darüber nachzudenken, wer ich bin, was ich will. Absolvierte die Schule der jungen Leiter für junge Russlanddeutsche (ein Projekt des Ministeriums für regionale Entwicklung der Russischen Föderation – Red.) und lernte Jugendliche kennen, die auch heute noch aktiv in der Selbstorganisation der Russlanddeutschen in den Regionen sind, beteiligte mich an vielen Projekten des JdR. Es machte einfach klick, und ich begann mich mit meinem Stammbaum zu beschäftigen.

Zurzeit sind Sie für die Verwaltung der Jugendpolitik der Stadt Tomsk verantwortlich. Wie werden Sie diese Position mit der öffentlichen Arbeit verbinden?

Ich kann kein Mitglied oder Leiter einer öffentlichen Organisation sein, da ich im Gemeindedienst bin. Deshalb habe ich bereits ein Rücktrittsschreiben geschrieben, ich werde bis Ende des Jahres alle Geschäfte übergeben. Ich habe diesen Schritt bewusst gemacht, die öffentliche Arbeit im JdR ist die logische Fortsetzung all meiner persönlichen Nachforschungen und Bestrebungen. Ich werde mich der Wissenschaftsarbeit widmen sowie meine Deutschkenntnisse verbessern.

Welche JdR-Projekte möchten Sie entwickeln?

Mir gefallen Projekte für junge Eltern. In diesem Frühjahr feierte der JdR sein 20-jähriges Jubiläum. Aktivisten mit Kindern kamen aus verschiedenen Städten zum Jubiläum. Es herrschte eine tolle Atmosphäre: Die Kinder hörten deutsche Sprache, nahmen an Workshops teil und sahen ihre Eltern aus einem ganz anderen Blickwinkel. Nach diesem Treffen fing meine Frau an, deutsche Zeichenfilme unserer Tochter zu zeigen und mit ihr einfache deutsche Liedern zu singen. Das Gleiche geschah auch in anderen Familien. In 20-30 Jahren werden unsere Kinder die Bewegung der russlanddeutschen Jugend weiterentwickeln. Jetzt hängt es nur von uns ab, ob sie es dann machen werden. Wir brauchen auch Projekte für Anfänger sowie Führungskräfte der Bewegung. Ich glaube, dass das Kennenlernen der Arbeit von Jungendorganisationen sollte für neue Teilnehmer mit

Sprachprojekten beginnen. Unkompliziert und mit viel Spaß können wir dank unserer Ideen junge Leute für die deutsche Sprache begeistern. Für die "alte Hasen" ist es notwendig, Schulen für Leiter zu organisieren, um ihnen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch zu vorhandener Praxis, nicht nur russischer, sondern auch ausländischer, zu bieten.

Wie kann man junge Leute mit deutschen Nachnamen dazu gewinnen, die nichts von der Existenz des JdR wissen oder sich nicht als Russlanddeutsche identifizieren?

Diese Frage ist Gegenstand unserer Diskussionen. Natürlich können wir nicht jeden jungen Mann oder junge Frau mit einem deutschen Nachnamen an die Hand nehmen und zu den Organisationen bringen. Dabei treffe ich in meiner Heimat Tomsk oft talentierte Ärzte, Journalisten, Sportler mit deutschen Namen. Wir brauchen solche Leute! Es gibt bereits eine Vorstellung davon, wie man sie für uns gewinnen kann. Aber ich darüber noch nicht sprechen, 2018 wird dieses Projekt starten und dann werden Sie es erfahren.

Sie haben eine tolle Erfahrung in der Jugendpolitik. Wie planen Sie, diese Erfahrung in Ihrer neuen Position zu verwenden?

Ich möchte, dass die Vertreter unserer Organisation in die beratenden Strukturen der lokalen Verwaltungen eingebunden werden sowie Partnerschaften mit wichtigen öffentlichen Jugendorganisationen in den Regionen aufbauen. Die gleiche Arbeit müssen wir auf föderaler Ebene leisten. Ich möchte erreichen, dass, wenn es heißt: "Dieses Projekt wurde vom JdR vorgeschlagen und umgesetzt, dies dann bedeutet, dass das ein großartiges Projekt sein wird!" Der Jugendring der Russlanddeutschen ist eine Marke, Nachfolger der besten Traditionen der Russlanddeutschen. Wir müssen diese Marke für zukünftige Generationen erhalten und weiterentwickeln.

 

Das Gespräch führte Ljubava Vinokurova. Der Artikel erschien erstmals in russischer Sprache. MDZ Nr. 22/2017. 

Rubrik: Wissenswertes

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