07 März 2018

„Wir müssen von unten agieren“


Wolfgang Spelthahn über die Perspektiven der deutsch-russischen Partnerschaft.

Die deutsch-russische Partnerschaft lebt vom regionalen Engagement. Wolfgang Spelthahn, Landrat des Kreises Düren, erzählt im Interview, wie er die Zusammenarbeit erlebt und wie er sie in Zukunft ausbauen möchte.

Viele Kommunen wissen nicht, wie sie den ersten Schritt in Russland tun sollen. Wie war es bei Ihnen?

Der Kreis Düren hat bei seiner Suche nach einem Partner in Russland von der Sprachkompetenz und den persönlichen Kontakten des Gymnasiums am Wirteltor profitiert. Dort wird seit jeher Russisch als Fremdsprache gelehrt. Über die Schule sind wir auf dem Kommunalkreis Mytischtschi bei Moskau gestoßen. Die ersten Begegnungen auf offizieller Ebene waren so vielversprechend, dass wir schon bald eine offizielle Partnerschaft eingegangen sind, die im April 2011 im Schloss Bellevue unterzeichnet wurde. Das war ein gutes Omen.

Sie zeigen sich mit der Partnerschaft sehr zufrieden. Wie intensiv wird diese gepflegt?

Die Partnerschaft zwischen Mytischtschi und dem Kreis Düren hat sich sehr gut entwickelt. Seit 2011 gab es zahlreiche Besuche und Gegenbesuche in den verschiedensten Bereichen – zum Beispiel in Kunst und Kultur, Sport, Wirtschaft und Verwaltung. Auch den deutsch-russischen Schüleraustausch gibt es wieder. Der Baum, den wir gemeinsam gepflanzt haben, wächst und gedeiht und trägt schon viele Früchte!

Die Konferenz war für Sie ein „großer Tag“, an dem sich zeigte, dass die Probleme in Deutschland und Russland die gleichen sind. Brauchte es für diese Erkenntnis erst die Konferenz? Spricht man darüber nicht in der alltäglichen Partnerschaft?

Natürlich tauschen wir Partner uns untereinander intensiv und offen aus, wir sprechen über Herausforderungen daheim und planen Projekte für unsere gemeinsame Zukunft. Zu erleben, dass viele weitere kommunale Partner das Gleiche tun, hat mich beeindruckt.

Hat das Jahr der kommunalen Kooperation bisher spürbare Auswirkungen oder ist es eher ein politisch-symbolischer Akt?

Als das Jahr der kommunalen Kooperation 2017 ausgerufen wurde, war das schon ein Paukenschlag, denn mit den beiden Außenministern war die höchste politische Ebene vor Ort vertreten. Mit ihrer Teilnahme haben sie die Konferenzteilnehmer für eine intensive Zusammenarbeit auf allen Ebenen sensibilisiert. Sie haben die Partner – und damit auch uns – ermutigt, neue Impulse zu setzen. Für mich war das noch einmal die Bestätigung, dass es äußerst wichtig und lohnenswert ist, stabile Brücken zwischen beiden Ländern zu bauen.

Der Kreis Düren wird 2019 die Städtepartnerkonferenz ausrichten. Wird es eine bestimmte Agenda geben?

Zunächst: Obwohl es Städtepartnerkonferenz heißt, werden wir unsere gesamte Region, also die Euregio Maas-Rhein, in den Austausch einbeziehen, um eine möglichst große Breitenwirkung zu erzielen. Ein Schwerpunkt soll die Begegnung von jungen Menschen sein. Die junge Generation hat einen anderen Blick auf die Welt und profitiert am meisten von einem guten Verhältnis unserer beiden Länder. Darüber hinaus wollen wir einen Fokus auf den Aspekt „Energie“ legen, denn die Energieversorgung, heute und in Zukunft, prägt sowohl unseren Kreis als auch die Heimat unseres Partners. Zudem wollen wir die Konferenz nutzen, um kleinere und mittlere Unternehmen zusammenzubringen. Auch sie können Brücken bauen zwischen Ost und West.

Sie sprechen sich für pragmatische Lösungsansätze aus. Wie könnten diese Aussehen?

Unsere Partnerschaft mit Mytischtschi hat unzählige persönliche Begegnungen von Deutschen und Russen ermöglicht. Damit ist die jeweils andere Nation nichts Abstraktes mehr. Mit ihr verbindet jetzt jeder konkrete Gesichter und Namen, man weiß um Bräuche, Mentalitäten und kulturelle Besonderheiten. Diese persönlichen Begegnungen sind unschätzbar wertvoll, denn sie fördern das Verständnis füreinander und schützen vor Vorurteilen. Persönliche Begegnungen sind Völkerverständigung im Kleinen.

Der Titel der Konferenz hieß „Perspektiven für die Partnerschaft“. Wie könnten diese aussehen?

Bislang gibt es über 100 Partnerschaften zwischen deutschen und russischen Kommunen. Jede einzelne ist ein Gewinn. Weitere Partnerschaften sind wünschenswert, denn dadurch gäbe es noch mehr Begegnungen, die Klammer zwischen Deutschland und Russland würde noch stärker. Wenn Entspannung auf höchster Ebene schwerfällt, dann muss sie eben von unten nach oben hinaufgetragen werden. 

Die Fragen stellte Daniel Säwert.

Der Artikel erschien erstmals in der Moskauer Deutschen Zeitung 04/2018. 

NACHRICHTEN
ARCHIV