Als ich Nelly Meider anrief, standen sie und ihr Mann Wadim Tretjakow in der Küche und backten Krebel und Kuchen, um die Teilnehmenden der Präsentation ihres neuen Buches „Rasswet nad Sareptoj“ (dt.: „Morgenröte über Sarepta“) zu verwöhnen. Nelly Meider wird über das Buch in ihrem geliebten Zentrum der deutschen Kultur sprechen, dem sie den größten Teil ihres Lebens gewidmet hat.
Sarepta ist der Heimatort von Nelly Meider. Obwohl sie in Kasachstan geboren wurde, wohin ihre Eltern deportiert wurden, und sie ihre Jugend in der Kleinstadt Prokopjewsk im Gebiet Kemerowo verbrachte, betrachtet sie die Wolgaregion als ihre Heimat.
Nellys Eltern Heinrich Meider und Amalia Patz wurden in der Wolgaregion geboren. Beim Ausbruch des Großen Vaterländischen Krieges wurden sie nach Kasachstan und dann nach Sibirien in das Gebiet Kemerowo deportiert.
„Mein älterer Bruder Woldemar wurde in die Arbeitsarmee in dem Gebiet Kemerowo einberufen. Dabei war er gerade einmal 14 Jahre alt.
Wolodja hatte einen Herzfehler, und durch seine harte Arbeit im Bergwerk bekam er gesundheitliche Probleme. Er versuchte alles, damit unsere Eltern aus Kasachstan ausreisen durften. Es wurde ihnen tatsächlich erlaubt. So bin ich zusammen mit meinen Eltern nach Prokopjewsk gezogen“, erinnert sich Nelly Meider.
Kindheitsträume über die Wolga
Auch während der Deportation hielt die Familie Meider ihre Traditionen aufrecht. Die Eltern versuchten, ihren Kindern die Kultur zu vermitteln. Das Feiern von Ostern war verboten, aber hinter verschlossener Tür sprach ihre Mutter trotzdem Gebete und erzählte den Kindern, wie der Ostermorgen in ihrer Heimat Sarepta ablief. „Mutter erinnerte sich daran, wie sie morgens früh zum Friedhof gingen, dort Gebete sprachen und Osterlieder sagen, um ihrer verstorbenen Angehörigen zu gedenken.
Meine Mutter flocht einen Kranz aus Birkenzweigen und erzählte uns Kindern all diese Geschichten“, sagt Nelly Meider.
Mehr als ein Weihnachtsfest hat die Familie Meider weit weg von ihrer Heimat in Sibirien verbringen müssen. Aber auch in Prokopjewsk hat die Familie zu Weihnachten immer Lebkuchen aus Roggen gebacken. Genau wie in Sarepta. In der Baracke, in der die Familie Meider lebte, versammelten sich zu Weihnachten immer die Kinder der Trudarmisten, und die Lebkuchen waren die wichtigste Bescherung für alle.
„Seitdem ist die Liebe meiner Eltern zu ihrer Heimat Sarepta tief in meiner Seele verankert. Ich habe mich damals oft gefragt, was es mit Sarepta auf sich hat. Ich wollte unbedingt einmal hinfahren. Aber ich konnte einfach nicht. Als Stalin starb, fuhren meine Eltern in ihre Heimat Sarepta. So sehr wollten sie nach Hause zurückkehren! Aber sie konnten nicht bleiben. Es wurde ihnen verboten und sie wurden aufgefordert, nach Sibirien zurückzukehren. Meine Eltern blieben in Sarepta bei der Schwester meines Vaters, die mit einem Polen verheiratet war. Deswegen wurden sie im Jahr 1941 nicht von der Wolga vertrieben.
Mein Vater und meine Mutter kauften einen Koffer voller Äpfel aus Sarepta und nahmen sie mit nach Sibirien. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so köstliche Äpfel gegessen habe. Meine Mutter verteilte sie an alle Nachbarn. Es war das Jahr 1953“, erinnert sich Nelly Meider.
Begegnung mit Sarepta
Erst im Jahr 1957 durfte die Familie nach Sarepta zurückkehren. Nelly schrieb unmittelbar nach der Begegnung mit dieser Stadt ein Lied:
Mein liebes Sarepta, so klein bist du,
In meinem Kindheitstraum so groß geradezu ...
Das Lied war bei den Einwohnern sofort beliebt. Es wird auch heute noch oft in dem nach den Brüdern Langerfeld benannten Zentrum der deutschen Kultur in Wolgograd gespielt, dem Nelly ihr ganzes Leben gewidmet hat.
Unterstützung der Familie
Nellys Familie war immer für sie da. Alle haben sich an der Arbeit des Zentrums der deutschen Kultur beteiligt. Ihr Mann Wadim Tretjakow ist der erste, der bei allem hilft; ihre Tochter Swetlana unterrichtete in den ethnokulturellen Klubs für Kinder und ihre Enkelkinder Mischa, Slawa und Borja nehmen regelmäßig an den ethnokulturellen Sprachtreffen teil.
„Wadim, mein Mann, ist mir immer eine große Hilfe. Ich habe eine lange Zeit mit den jungen Menschen im Wohnheim der Keramikfabrik gearbeitet.
Eines Tages war ich auf dem Weg zur Chorprobe, stürzte und brach mir zwei Rippen. Da ich nicht fehlen wollte, bat ich Wadim, mich zu begleiten. So blieb er in unserem Team schon nach der ersten Probe. Wir sind nun schon seit 60 Jahren zusammen“, sagt Nelly Meider.
Geliebtes Zentrum der deutschen Kultur
Sie hat in ihrem geliebten Zentrum der deutschen Kultur immer wieder Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene organisiert und interessante Projekte für die Deutschen in Wolgograd durchgeführt. Sie ist in der Stadt sehr bekannt: Viele internationale Feiertage und Festivals finden nicht ohne die Teilnahme von Nelly Meider statt.
„Ich erinnere mich, wie unser Chor in den 90er Jahren auf dem Marktplatz Lieder auf Deutsch sang und die Leute aufstanden und gingen. Im Laufe der Zeit ist es uns gelungen, die Einstellung der Einwohner gegenüber den Deutschen zu ändern. Jetzt sind wir immer willkommen, werden zu Veranstaltungen eingeladen und respektiert.
Ein gutes Verhältnis zahlt sich immer aus. Wir stehen mit vielen öffentlichen Organisationen der Stadt in Kontakt“, so Nelly Meider.
Lange Zeit arbeitete sie als Methodikerin in dem Museumsreservat „Staraja Sarepta“ (dt.: „Das alte Sarepta“). Seit 1990 befindet sich hier das nach den Brüdern Langerfeld benannte Zentrum der deutschen Kultur. So waren ihre zwei Lieblingsbeschäftigungen immer in ihrer Nähe. In all diesen Jahren verbrachte sie viel Zeit in den Archiven des Museums und sammelte historische und heimatkundliche Informationen für ihre Bücher. Bevor sie in den Ruhestand ging, übergab sie dem Museum alle Materialien, die sie über die Russlanddeutschen gesammelt hatte. Auch heute noch gibt sie ihre Erfahrungen an das Museum weiter: Sie erzählt, wie man eine gute Führung durch das Museum macht, und spendet dem Museum weiterhin historische Aufzeichnungen und ihre Funde.
Nelly Meider verrät, dass die Präsentation ihres neuen Buches „Rasswet nad Sareptoj“ das Ende ihres kreativen Weges sein wird.
Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Ruge





