Frühlingsfest der Hoffnung: Ein Interview mit Wladimir Winogradow im Vorfeld von Ostern


Nur noch wenige Tage trennen uns von dem Frühjahrsfest des christlichen Glaubens – dem Fest der Hoffnung. In der Kultur der Russlanddeutschen wird dieses Fest oft als das Fest der Feste bezeichnet. Im Gespräch mit dem Theologiemaster und Stellvertreter des Erzbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche Russlands, Wladimir Winogradow, haben wir darüber gesprochen, wie die jahrhundertelange religiöse Tradition das Weltbild der russlanddeutschen Gemeinschaft prägt.

Ostern ist für Gläubige eines der schönsten und am meisten erwarteten Feste. Welche Assoziationen kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ostern denken?

Einerseits verspüre ich noch immer eine kindliche Vorfreude auf dieses fröhliche Fest, eine Vorfreude, die Hoffnung schenkt.

Andererseits betrachte ich diesen Tag aus der Perspektive eines Erwachsenen. Warum wird Ostern als das Fest der Feste bezeichnet?

Die Ereignisse der Karwoche, wie sie in der biblischen Geschichte dargestellt werden, zeigen uns den vollständigen Zusammenbruch aller Grundlagen – sozialer, mentaler Art, – mit denen die Jünger Jesu konfrontiert waren.

Sie hofften, dass ihr Meister geschlagen, aber frei gelassen wird. Doch die Menschen haben ihn gekreuzigt. Nach nur drei Tagen waren ihre letzten Hoffnungen erloschen.

Deshalb ist Ostern eine neue Hoffnung – dass Gott aus dem Tod Lebendiges schafft, dass in Seinen Händen jede Bürde zu einem Segen wird.

Dieses Frühjahrsfest war für unsere Vorfahren von besonderer Bedeutung.

In diesem Zusammenhang fällt mir das Zitat eines bekannten Klassikers ein (die Worte des polnischen Dichters, Diplomaten und Übersetzers Stanisław Jerzy Lec aus dem Buch „Unfrisierte Gedanken“, Anm. d. Red.): „Als ich dachte, ich hätte den Boden erreicht, klopfte es von unten“. Bei dem offenen Treffen im Deutsch-Russischen Haus in Moskau führte ich das Beispiel des Jahres 1941 und der vielen vorausgegangenen Härten an: die schreckliche Hungersnot der 1920er und 1930er Jahre, Verfolgungen und anti-religiöse Repressionen. Es schien, es ginge nicht noch schlimmer werden... Ostern war eine Hoffnung, dass auf verbranntem Boden neue Triebe sprießen – Lebens- und Segensspitzen. Unsere Vorfahren haben diese Schwierigkeiten nicht aus Leichtigkeit mit einem Lächeln auf den Lippen gemeistert, sondern weil sie wussten: Gott lässt sie nicht im Stich, die beste Zeit wird kommen.

Hoffnung im Blick auf die Ewigkeit – so war das Lebensprinzip unserer Vorfahren. Die Wirren des heutigen Tages vergehen, wenn das Leben in Gottes Händen ist.

Sie betonen stets, wie stark der Glaube das nationale Bewusstsein der Russlanddeutschen geprägt hat. Beim Treffen im DRH Moskau haben Sie hervorgehoben, dass es nicht so sehr um Arbeitswahn geht, sondern um die hohe Leistungsfähigkeit der Deutschen in Russland. Welche weiteren charakteristischen nationalen Merkmale können Sie nennen? Was sind ihre Ursprünge?

Seit Luther ist der Begriff der Berufung in unserem Bewusstsein verankert, der eine besondere Haltung gegenüber den eigenen Aufgaben beschreibt. Max Weber hat dieses Prinzip vor über hundert Jahren formuliert. Am 17. März fand in Omsk eine Veranstaltung statt, bei der wir darüber gesprochen haben. Das ist wohl die bekannteste nationale Eigenschaft – eine Grundhaltung, die den Mittelpunkt des menschlichen Seins verändert: Nicht ein leeres Leben, nicht ein Beruf an sich, sondern die Berufung, das Talent, das einem geschenkt wurde.

Ein weiteres Prinzip ist die Ordnung. Ein Klischee über die Russlanddeutschen basiert nicht ohne Grund auf diesem Muster. Obwohl die Gemeinschaften der Deutschen in Russland in großem Abstand zueinander lebten und nicht häufig kommunizieren konnten, blieb in ihrem Bewusstsein die Idee von Ordnung: Alles muss rechtzeitig sein, alles an seinem Platz. Laut Bibel – dem gemeinsamen Fundament trotz großer Distanzen zwischen den Menschen – ist Gott ein Gott der Ordnung und Ordnungsvorstellung: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens...“ (1. Kor. 14,33).

Der dritte Kernpunkt ist die kluge Wertschätzung der Zeit. Ich nenne das manchmal metaphorisch „Zeit ist Geld“, aber es geht keineswegs um Monetarisierung. Die Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, die uns Gott schenkt, sollen wir sinnvoll nutzen – für uns selbst, die Familie, den Nächsten, für Gottes Ehre.

Beim offenen Treffen im DRH Moskau haben Sie oft Beispiele aus Ihrer Kindheit erwähnt. Wie hat sich Ihre Weltanschauung entwickelt? Erzählen Sie, wie Ihre Familie Sie geprägt hat.

Dazu kann ich heute, aus meiner Warte, einiges sagen. Ich war ein ganz gewöhnlicher Teenager: Manchmal, wenn man mich beeinflussen wollte, habe ich mich gewehrt, gestritten. Wenn ich nur genauer zugehört hätte, was meine Eltern und Großeltern mir versuchten zu vermitteln, die moralischen Werte, in denen sie selbst erzogen wurden, hätte vieles vielleicht schon früher passieren können.

Doch mein Umfeld in der Schule und auf der Straße hat dieses Fundament, das später doch durch die Familie und die Kirche gelegt wurde, in gewissem Maße verwässert. Mit sieben Jahren kam ich in die Sonntagsschule. Aber erst heute verstehe ich, wie sehr diese Erfahrungen auf meine Persönlichkeitsentwicklung wirkten. Als Kind ging ich einfach gerne in die Sonntagsschule, hörte den Erwachsenen zu oder manchmal auch nicht, wie es mir dann eben passte.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich die einzigartige Mentalität voll trage, aber ihre Merkmale sind definitiv in meinem Leben präsent.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Familie und Kirche haben meine Entwicklung maßgeblich geprägt.

Im DRH Moskau haben Sie den Gästen des Treffens die Unterschiede zwischen dem katholischen Verständnis der Fastenzeit und der lutherischen Passionszeit erklärt. Könnten Sie bitte erläutern, wie wichtig das Fasten in der Vorbereitung auf das Fest ist?

Beginnen wir damit, dass sich das Fasten heute für viele Menschen gleichsetzt mit Verzicht – auf Nahrung, Unterhaltung, Sünde. Vor fünf Jahrhunderten formulierte Martin Luther die Idee, dass nach vierzig Tagen Enthaltsamkeit keine Willkürherrschaft folgen sollte. Dieser Ansatz führt zu einem religiösen Widerspruch.

Die Aussage „Fasten ist unser ganzes Leben“ gehört zu einen den bekanntesten Aussagen von Martin Luther.

Die Fastenzeit betrifft das ganze irdische Leben des Christen, während die Passionszeit dazu anregen soll, über das, was Gott für den Menschen getan hat, nachzudenken.

Warum ist der Karfreitag für Christen einer der bedeutendsten Tage im Kirchenjahr? An diesem Tag wurde das Stellvertretungsopfer gebracht: Gott nahm am Kreuz die Strafe für die Sünden der Menschheit auf sich. Die Passionszeit ist die passende Zeit, um über diesen Schritt nachzudenken.

Wladimir, können wir nachvollziehen, was in der Seele eines Menschen während der Vorbereitungszeit auf Ostern vorgeht?

Ich denke, es wäre richtig, nicht nur über die Vorbereitung auf das Osterfest zu sprechen, sondern über das gesamte kirchliche Jahr.

Jedes Jahr wenden wir uns erneut den bedeutenden Ereignissen der biblischen Geschichte zu, und jedes Mal bringen sie neue Gedanken hervor.

Diese Wiederholung ist vor allem für uns wertvoll. Kein Jahr gleicht dem vorherigen: Die Lebensumstände regen zu neuen Überlegungen an, durch das wachsende Bewusstsein wird jedes Jahr zu einem einzigartigen.

Glauben Sie, dass die jenseitige Welt absolut ist? Oder kann der Mensch versuchen, sie nachzubilden, indem er im Einklang mit dem kirchlichen Jahreskreis lebt?

Ich würde den Jahreskreis nicht als Ausgangspunkt nehmen. Das Denken unserer Vorfahren war mehr auf das Jenseits gerichtet als unseres heutigen. Ältere Menschen, denen ich in meinem Dienst begegnen durfte, sind im Vergleich zu uns weniger an der materiellen Welt orientiert. Sie schauen gen Himmel, während sie alles andere auf dem Weg dorthin erledigen. Das ist etwas Besonderes.

Der Jahreskreis hilft uns, uns nicht von der Ewigkeit abzuwenden, sondern den Weg dorthin zu zeigen – ins Himmelreich.

Kann man die künstlerische Tätigkeit eines Menschen als Versuch betrachten, in Kontakt mit der jenseitigen Welt zu treten?

Sowohl ja als auch nein. Warum ja? Weil Kreativität eine Frage der Berufung ist. Jeder kreative Akt ist eine schöpferische Tat, die den Blick in das absolute Weltbild erhoffen lässt. Wie dieses Weltbild aussieht, wissen wir nicht genau; die Bibel lässt uns nur einen kleinen Blick dahinter.

Warum nein? Weil sowohl künstlerische als auch technische Werke unsere tägliche Suche nach dem Unermesslichen sind. Unsere Vorfahren wussten, dass die Welt auf Erden eine Unfallwelt ist, in der jeder Mensch ein Wanderer ist. Sie wussten, dass nach wenigen Jahrzehnten auf der Erde die Ewigkeit beginnt.

Im Gespräch haben wir auch die Rolle des kirchlichen Jahreskreises für das spirituelle Wachstum jedes Gläubigen angesprochen. Der jährliche Rückbezug auf zentrale biblische Ereignisse fördert die Seele. Wie kann man in diesem Streben beständig bleiben?

Ich möchte ein Beispiel von Dietrich Bonhoeffer nennen. Der deutsche lutherische Pastor lebte in der Mitte des letzten Jahrhunderts und starb 1945, einen Monat vor Kriegsende. Seine Gestalt ist für uns greifbar.

In seinem Buch „Gemeinsam leben. Finkenwalder Rundbriefe“ schrieb Bonhoeffer, dass die Katastrophen dieser Welt auf uns hereinbrechen und uns zu verschlingen drohen, doch im Kern unterscheiden sich die Katastrophen der Neuzeit kaum von denen früherer Zeiten. Die irdische Welt zieht uns in ihren Bann, doch die Sehnsucht, in Gott zu leben, bleibt unsere Lebensaufgabe. Hier begegnen sich Segen und Fluch. Das Buch ermutigt dazu, den Tag mit Gott zu beginnen, in Ihm zu leben und mit Brüdern und Schwestern Gemeinschaft zu pflegen.

Wenn man von diesem Weg abweicht, gerät er durch Selbstschuld den Segen und wandert in den Fluch. Gott schuf alles, damit die Menschheit im Segen lebt; weitere Entscheidung und Verantwortung liegen beim Menschen selbst.

Eines der kulturellen Markenzeichen der Russlanddeutschen sind die sogenannten Sprüche – farbenfroh gestaltete Zitate aus der Bibel oder kurze Erbauungsworte. Beim offenen Treffen haben Sie erwähnt, dass eine der Grundlagen für ihre Entstehung das Buch der Sprichwörter Salomos war. Bitte erzählen Sie uns ausführlicher über die kulturellen Ursprünge der Sprüche. Welche Rolle hat das Buch der Sprichwörter bei der Bildung der Kultur der Russlanddeutschen gespielt?

Ich möchte die Sprüche als ein kirchliches Phänomen erklären. Für die Zeit der Reformation ist das Konzept der „Offenbarung des Wortes“ charakteristisch. Das Wort ist nicht nur ein gehörtes Geräusch, das eine bestimmte Information enthält. In der Bibel lesen wir über die Inkarnation Jesu Christi: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1,14). Deshalb gibt das Wort den Menschen Hoffnung. Lutheraner und Mennoniten sind eine hörende Kirche, für deren Gemeindeglieder das Wort einen besonderen Wert hat.

Außerdem heißt es im Alten Testament: So fasset nun diese meine Worte zu Herzen und in eure Seele, und bindet sie zum Zeichen auf eure Hand, und sie sollen zum Erinnerungszeichen über euren Augen sein (Dtn. 11,18), Und schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore (Dtn. 6,9). Hier ist das Wort Gottes gemeint, kein menschliches. In manchen Gemeinden ist es bis heute Tradition, nicht nur Grüße auszutauschen, sondern Grüße „mit Hilfe des Wortes Gottes“, also eines hoffnungsvollen Wortes, weiterzugeben.

In der Kultur unserer Vorfahren sind Sprüche – eine Sammlung göttlicher Weisheit, nicht der menschlichen.

Es handelt sich also nicht um Amulette, die magische Funktionen haben, sondern um einen Segen, denn das größte Geschenk des Menschen liegt im Wort Gottes. Die Sprüche bewahrten die göttliche Weisheit und halfen, sie in den jungen Generationen zu vermitteln.

Besonders Augenmerk verdienen die Platzierung dieser Sprüche im Haus. Sie wurden über dem Kopfende des Bettes oder gegenüber angebracht, damit der Mensch beim Aufwachen seinen Tag mit dem Wort Gottes beginnt. So wird das immaterielle geistliche Gut materielle Wirklichkeit.

Ich schlage vor, nun die wichtigsten Symbole des Osterfestes etwas eingehender zu betrachten. Beim offenen Treffen im Deutsch-Russischen Haus haben Sie die symbolische Bedeutung des Osterbrotes erklärt.

Ein Ei ist ein uraltes christliches Symbol für Hoffnung und Leben. Die Hoffnung, dass aus dem Leblosen Lebendiges entstehen kann. Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der Tradition wider, Zweige eines frischen, noch nicht blühenden Baumes mit Ostereiern zu schmücken. Damit kann man von einem Symbol sprechen, das in den Rang erhoben wird.

Nicht weniger wichtig ist das Brot. Unsere Vorfahren hatten eine besondere Beziehung zu diesem Grundnahrungsmittel: Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass kein Krümel auf dem Tisch liegen bleiben durfte. Dieses Symbol stammt aus der Bibel. Christus sagte: „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh. 6,35).

Welche weiteren Gedanken möchten Sie mit jenen teilen, die voller Ehrfurcht auf Ostern warten?

Wenn ich über die Lehren des Osterfestes spreche, möchte ich mit folgendem beginnen:

Seid Bürger des heutigen Tages: Verliert euch nicht in Sorgen um die Vergangenheit und träumt nicht übermäßig von der Zukunft.

Die Zeit bewegt sich unaufhörlich mit ihrer eigenen Geschwindigkeit und lehrt uns, im Jetzt zu leben. Beim Anschauen moderner psychologischer Trainings fällt mir auf, dass die von ihnen vorgeschlagenen Überlegungen Synonyme für die Gedanken unserer Vorfahren sind.

Was die Vergangenheit betrifft, gefällt mir besonders die Lektion, die Jesus Christus der Menschheit erteilt hat: Er hat die Schüler nicht getadelt, die ihn in entscheidenden Momenten verlassen haben. In Bezug auf die Zukunft nenne ich immer die Großmütter, die mit Worten aus der Bibel sagten: „Darum sage ich euch: Sorgt nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Speise, und der Leib mehr als die Kleidung?“ (Mt. 6,25). Unsere Vorfahren hatten eine mutige Haltung gegenüber der Zukunft. Eines der Spruchwörter basiert auf dem Ausspruch des Apostels Paulus: „Euch hat die Versuchung nicht ergriffen, die menschlich ist. Aber treu ist Gott, der nicht zulassen wird, dass ihr über eure Kraft versucht werdet, sondern bei der Versuchung wird er auch den Ausgang schaffen, sodass ihr sie ertragen könnt“ (1. Kor. 10,13).

Abschließend – möchten Sie unseren Lesern ein Osterwunsch mitgeben?

Möge die Tradition unserer Vorfahren nicht künstlich wiederbelebt, sondern in ihrer ursprünglichen Form bis heute lebendig bleiben – für all jene, für die sie wirklich Bedeutung haben.

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