„Vom Herzen zum Herzen“: Interview mit den Sängerinnen des Gesangsensembles „Veilchen“


„Für mich ist das Ensemble nicht nur eine Gruppe, sondern eine Fortsetzung meiner selbst“, – in diesem Satz spiegeln sich die Gedanken aller Teilnehmerinnen des Frauen-Gesangsensembles aus Engels wider. Im Folgenden erwartet Sie ein offenes Gespräch mit vier jungen Frauen, deren Stimmen sich zu einem einzigen Muster verweben, das die Kultur der russlanddeutschen Gemeinschaft bewahrt und mit tiefem, fast greifbarem Gefühl erfüllt.

Die Geschichte des Volksensembles „Veilchen“ begann im Jahr 1994 im Zentrum der deutschen Kultur in Engels. Seine Gründung ist das Verdienst von Artur Karl, Gründer der Gesellschaft „Wiedergeburt“ und Initiator deutscher Kulturzentren in der Wolgaregion. Die Schaffung eines rein weiblichen, „mädchenhaften“ Ensembles war sein lang gehegter Traum – er glaubte, dass die Sanftheit und Seelenhaftigkeit deutscher Melodien am besten durch weiblichen Gesang vermittelt werden könnten.

Von 1996 bis 2015 wurde das kreative Schaffen des Ensembles von Alewtina Schuwaewa bestimmt, die auch heute noch das Herz des Zentrums der deutschen Kultur bildet und die Rolle der Leiterin innehat. Seit 2015 liegt die künstlerische Verantwortung bei Julia Medwedewa. Als ausgebildete Musikerin gelang es Julia, Traditionen zu bewahren und dem Ensemble eine moderne Note zu verleihen.

Musik als Schicksal: Persönliche Geschichten

– Jede von euch ist auf ihrem eigenen Weg zu „Veilchen“ gekommen, aber es scheint, dass es für jede von euch mehr als nur ein Hobby geworden ist. Was bedeutet euch das Ensemble heute?

„Es ist ein fester Bestandteil meines Lebens“, antwortet Swetlana Philippowa, die Besitzerin eines strahlenden Soprans, der die wohlklingende Harmonie des Frauenensembles unterstreicht, fast ohne zu zögern.

Ihr Weg im Zentrum der deutschen Kultur begann schon im Jahr 2001. Gerade einmal sechs Jahre alt, trat Swetlana damals dem sprach- und ästhetischen Club bei. Dort förderten sich Kinder gleichzeitig in drei Bereichen: Deutsch, deutsche Volkstänze und Gesang. Musik wählte sie schon damals. „Ich bin in diesen Räumen quasi aufgewachsen: Zuerst im Kinderensemble ‚Sternlein‘, später dann bei ‚Veilchen‘. Meine berufliche Laufbahn ist nicht direkt künstlerisch, doch ich habe mich nie von dem Leben des Ensembles getrennt.“

Trotz meines vollen Terminkalenders versuche ich, an allen Proben teilzunehmen und bei allen Aufführungen mitzuwirken. Die Musik verlangt meinen vollen Einsatz, und ich bin bereit, ihn zu geben.

„Für mich ist Musik die Seele und die Liebe“, sagt Natalia Sementschenko, Besitzerin eines tiefen, samtigen Alt-Soprans. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Rückkehr. Natalia sang bereits in einer der ersten Besetzungen des Ensembles – noch vor ihrer Heirat. Das Leben einer Offiziersfrau ist voller Veränderungen: Während der Dienstjahre ihres Mannes hat die Familie sieben verschiedene Städte kennengelernt. „Nach 17 Jahren sind wir schließlich nach Engels zurückgekehrt. Ich kam fast sofort wieder zum Zentrum und es fühlte sich an, als käme ich wirklich nach Hause.“

Heute gelingt es mir, Beruf und künstlerisches Schaffen miteinander zu verbinden, was mir die Harmonie schenkt, nach der ich so lange gesucht habe.

„Es ist eine freundschaftliche Gemeinschaft, in der wir die Musik wirklich genießen“, ergänzt Arina Egorowa. Ihr Einstieg in das Ensemble erfolgte nach der Pandemie. Arinas Familie bereitete sich auf den Umzug nach Deutschland als Spätaussiedler – und das Zentrum wurde für sie zu einem Ort, um die Sprache zu lernen. Doch ihre musikalischen Fähigkeiten haben sich durchgesetzt.

„Ich habe eine ganz neue Welt entdeckt: Vorher hatte ich keine Ahnung, wie viele Zentren der deutschen Kultur es in unserem Land gibt.

Hier habe ich Freunde gefunden, mit denen ich rund um die Uhr in Kontakt stehe.

Dank Julia Medwedewa habe ich sogar den Mut gefasst, eine professionelle Ausbildung im Bereich Showgesang zu absolvieren.“

„Das ist für mich eine Art Familienleben“, gesteht die Leiterin des Ensembles, Julia Medwedewa. Als professionelle Musikerin, Absolventin eines Konservatoriums und künstlerische Leiterin der A.-G.-Schnittke-Philharmonie in Saratow benutzte sie „Veilchen“ als eine ganz besondere Zuflucht.

„Mein Leben hat sich 2015 grundlegend verändert. Die Arbeit im Zentrum der deutschen Kultur wurde zu einer neuen Herausforderung: Hier bin ich nicht nur Sängerin, sondern auch Mentorin.“

Seit 2022 hat sich das Ensemble stabilisiert, was uns auf eine neue Ebene des intuitiven Zusammenspiels gebracht hat: Wir spüren uns auf der Bühne ohne Worte.

Repertoire: Zwischen Vergangenheit und Zukunft

– Das Programm des Ensembles war immer vielfältig. Wie gelingt es euch, klassische Stücke und moderne Rhythmen zu vereinen?

Julia Medwedewa: Wir versuchen, den Prinzipien von Artur Karl treu zu bleiben. Er schätzte die klassische Musik sehr, und die stimmlichen Fähigkeiten der Sängerinnen erlauben es uns, diese zu interpretieren. Doch wir stagnieren nicht. Es gibt viele Jugendprojekte, und wir fahren mit moderner deutscher Popmusik dorthin. Wir nehmen aktiv an Wettkämpfen und Festivals teil und erweitern so ständig unsere Horizonte.

Unsere Besonderheit liegt darin, dass wir Lieder auswählen, die den Interessen unseres Publikums entsprechen.

– Falls wir über die Vorlieben ihrer Zuhörer sprechen, darf Anna German nicht unerwähnt bleiben. Welche Bedeutung hat ihr Erbe in eurem Leben?

Julia Medwedewa: Es bedeutet mir viel. Anna German ist eine Brücke zwischen den Kulturen, eine der bekanntesten Vertreterinnen der Russlanddeutschen. Wir treten häufig auf öffentlichen Veranstaltungen auf, zum Beispiel bei der „Nacht der Museen“, wo auch Menschen dabei sind, die mit der deutschen Folklore nicht vertraut sind, aber Anna German ist vielen bekannt und beliebt.

Natalia Sementschenko: Das Singen von Anna Germans Liedern ist immer ein besonderer Moment der Verbindung mit dem Publikum.

Man sieht, wie die Menschen im Saal verstummen, wie sie ehrlich gerührt sind: Viele haben Tränen in den Augen und eine helle, kaum wahrnehmbare Traurigkeit auf den Gesichtern. Für uns wird diese Reaktion wohl nie zur Gewohnheit.

Es ist jedes Mal eine emotionale Engstelle, auch für uns selbst. Wir versuchen nicht, Anna Hermans einzigartigen Klang zu kopieren – das ist unmöglich – aber wir möchten die Reinheit und Wärme bewahren, die in ihr steckten. Es ist gewissermaßen ein Dialog „vom Herz zum Herz“ – ehrlich und aufrichtig.

Bühne als Spiegel der Gefühle

– Ende 2025 hat das Ensemble einen bedeutenden Erfolg: Es wurdet Erstplatzierte beim Festival „ART-PANORAMA Russland–Belarus“. Was bedeutet für sie alle die Teilnahme an solchen großen Projekten?

Natalia Sementschenko: Das war die Initiative von Swetlana – sie fand den Wettbewerb und wir schickten ein Video. Und dann passierte ein Wunder! Wir wurden eingeladen. Die Jury bestand aus bekannten Persönlichkeiten, zum Beispiel Gleb Lapitski, dem Generaldirektor des „Zentrums für Kultur ‚Vitebsk‘“ und Leiter des internationalen Festivals „Slawischer Basar“. Mitveranstalter der Veranstaltung war auch Ekaterina Sergeewa, Präsidentin der Festivals „Meine Heimat“ und „Quellen“.

Es war eine große Verantwortung, nicht nur unsere Stadt, sondern die gesamte Wolgaregion und die Kultur der Russlanddeutschen zu vertreten.

Julia Medwedewa: Solche Festivals bedeuten nicht nur harte Konkurrenz, sondern vor allem Zusammenhalt. Im Jahr 2026 – das von der Regierung zum Jahr der Völkervereinigung ausgerufen wurde – spürt man das besonders stark.

Wir kommen von solchen Treffen emotional aufgeladen zurück. Es entstehen Begeisterung und die Motivation, gemeinsam neue Projekte zu entwickeln. Wir denken bereits an gemeinsame Auftritte mit jungen Instrumentalgruppen anderer Nationen.

„Wir fahren langsam der Wolga entlang“: Ein Lied als genetischer Code

– 2026 feiert der Internationale Verband der deutschen Kultur ihr 35-jähriges Bestehen, ebenso wie mehrere andere gesellschaftlichen Organisationen der Russlanddeutschen in der Wolgaregion, Sibirien, im Zentralrussland und am Ural. Zu diesem Anlass produziert die Organisation einen Dokumentarfilm, dessen Leitthema das berührende Lied „Wir fahren langsam der Wolga entlang“ bildet. Welche Rolle spielt dieses Lied in eurem Repertoire? Was bedeutet es euch, diese gefühlvolle, bewegende Melodie zu singen?

Julia Medwedewa: Wir haben es erst vor Kurzem für uns entdeckt, dank Elena Geidt, der Vorsitzenden der Deutschen national-kulturellen Autonomie des Gebiets Saratow. Es ist eine erstaunliche Melodie, die tief im städtischen Volkslied verwurzelt ist und den volkstümlichen Liedern von Saratow sehr nahekommt.

Wir haben nicht versucht, unseren Gesang in einen Folk-Stil zu „zerlegen“, sondern das Lied auf unsere eigene Art und Weise zweistimmig vorgetragen und dabei die Intimität bewahrt.

Unsere Vorfahren könnten es so im Altai oder hier in der Wolgaregion gesungen haben.

Swetlana Philippowa: Wir haben sie sofort gelernt. Manchmal ist es so: Ein Lied „liegt“ einfach auf der Stimme, und man merkt, dass es zu einem gehört.

Natalia Sementschenko: Ich möchte einen berührenden Moment teilen: Als wir anfingen, an „Wir fahren langsam der Wolga entlang“ zu arbeiten, saßen wir intuitiv im Kreis und sangen, dabei schauten wir uns gegenseitig in die Augen. Vielleicht so haben einst auch unsere Großmütter gesungen – im gemütlichen Kreis, nach einem gemeinsamen Tag oder einfach zum Ausklang. In solchen Momenten wird aus einem Lied mehr als nur Noten und Text.

Wir wollten es nicht nur singen, sondern wirklich erleben – die Ehrlichkeit und Wärme spüren, mit der es vor Jahrzehnten in den Familien der Russlanddeutschen gesungen wurde.

– Ist es schwierig, auf die Bühne zu gehen, ohne das Recht zu haben, Fehler zu machen?

Julia Medwedewa: Es ist zwar schwer, aber genau darin liegt die Magie. Musik ist eine temporäre Kunst – man kann sie nicht pausieren oder exakt wiederholen, wie den Erfolg von gestern. Jedes Mal ist ein neues Risiko, eine neue Offenbarung. Wir müssen noch viel lernen, denn vor allem bei Auftritten außerhalb des Studios ist häufig Improvisation gefragt – manchmal ohne vollständige Proben.

Doch das Besondere bei „Veilchen“ ist die Suche nach einem ausgeglichenen, tiefen und vertrauensvollen Klang. Dieser Ehrlichkeit lassen wir niemals nach.

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