20 August 2015

„Dann kommt da eben oft nichts mehr“

„Dann kommt da eben oft nichts mehr“

Waldemar Weiz ist Geschäftsführer des Unternehmerverbands der Deutschen aus Russland (UVDR). Der Russlanddeutsche leitet zudem das Unternehmen Weiz Industrie- und Robotertechnik mit Sitz im nordrhein-westfälischen Kürten (Moskauer Deutsche Zeitung vom 3. August 2015). 

Waldemar Weiz ist Geschäftsführer des Unternehmerverbands der Deutschen aus Russland (UVDR). Der Russlanddeutsche leitet zudem das Unternehmen Weiz Industrie- und Robotertechnik mit Sitz im nordrhein-westfälischen Kürten (Moskauer Deutsche Zeitung vom 3. August 2015). 

Herr Weiz, was heißt es für Sie, ein russlanddeutscher Unternehmer zu sein?

Es ist eigentlich egal, ob man Russlanddeutscher oder anderer Herkunft ist. Unternehmer zu sein, ist die Hauptsache. Durch eigenes Handeln übernimmt man die Verantwortung für sich und auch für die Familie und das Umfeld. Allerdings ist die Selbständigkeit keine Selbstverständlichkeit für Menschen mit Migrationshintergrund. Viele unseren  Landsleute kommen aus kleinen Dörfern in Russland und Kasachstan (genau so wie ich). Und die Tatsache, dass diese Menschen Fuß im neuen Land fassen und den Schritt in die Selbständigkeit wagen, ist eine große Herausforderung und ein großer Erfolg. Das fasziniert mich an unseren Unternehmern.  

Aber es gibt dennoch einen Unternehmerverband der Deutschen aus Russland.

Ja. Die Idee des Unternehmerverbands ist aus der Jugendorganisation der Russlanddeutschen, dem Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Russland (JSDR), heraus gewachsen. Im Laufe der Jahre  haben wir gemerkt, dass es unter den Mitgliedern des JSDR  viele Selbständige gibt und so wurde die Idee eines Vereins  beim  JSDR-Jugendforum im Oktober 2010 vorangetrieben.   Wir haben uns dann entschieden, einen Verein der russlanddeutschen Unternehmer zu gründen mit dem Ziel, uns gegenseitig zu unterstützen, Ratschläge zu geben, uns bei Aufträgen gegenseitig auszutauschen und zu empfehlen. Sich hier in Deutschland alleine selbstständig zu machen, ist schwierig. Besonders, wenn wir als Russlanddeutsche nach Deutschland kommen. Die deutsche Konkurrenz ist groß und der Markt ist oft gesättigt. Auch bei Neugründungen beraten wir gerne. Etwa: Was muss man beachten, wenn man sich selbständig macht? Wir klären auch über die Vor- und Nachteile auf, die das mit sich bringt. Das kennen wir ja aus eigener Erfahrung. 70 Prozent unserer Mitglieder sind Selbständige.  

Aus welchen weiteren Branchen kommen die Mitglieder des UVDR?

Viele der russlanddeutschen Unternehmer sind Handwerker. Da kann man sich dann zum Beispiel gut gegenseitig helfen. Der Fliesenleger kann den Maurer empfehlen, der dann später den Dachdecker und so weiter. Im Bereich Maschinenbau ist es auch so. Die Mitglieder des UVDR kommen außerdem aus den Branchen: KFZ, Touristik, Consulting, IT, Versicherungen und Finanzen.  

Spielt in dem Verband die Identität als Russlanddeutsche eine Rolle?

Das spielt schon eine Rolle. Fast alle sind russischsprachig. Außerdem können wir mit unserer ähnlichen Mentalität die Dinge ganz anders besprechen.   Die meisten sprechen Deutsch und Russisch gleich gut. Es gibt aber in unserem Verband auch Menschen, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind. Dann ist es auch eine Hilfestellung, wenn man auf Russisch miteinander sprechen kann. Bei uns gibt es allerdings keine Ausgrenzung, dass man unbedingt Russlanddeutscher sein muss. Wir sind zwar der Unternehmerverband der Deutschen aus Russland, aber unter uns sind nicht nur Russlanddeutsche, sondern auch ukrainische Deutsche oder einfach Russischsprachige.   

Viele Ihrer Mitglieder machen vermutlich auch Geschäfte mit Russland. Die sind in letzter Zeit stark eingebrochen. Macht sich das auch bei den UVDR-Mitgliedern bemerkbar?

Man kann sagen, dass etwa 30 bis 40 Prozent unserer Mitglieder Geschäfte mit Russland machen. Der Markt ist tatsächlich stark eingebrochen. Der Handel mit Russland ist bei vielen der Unternehmen um 50 Prozent zurückgegangen. Bei einigen sogar um 100 Prozent. Es gibt Betriebe, die sich komplett umorientiert haben und nun kaum mehr etwas mit Russland machen. Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich noch vor zwei Jahren rund 70 Prozent für den russischen Markt produziert habe. Aber seit einem Jahr gibt es da fast überhaupt nichts mehr und ich habe mich schnell auf den deutschen Markt umorientiert. Wir haben nach wie vor viele Anfragen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine, aber es bleibt leider nur bei Anfragen. Auch eine andere Firma, die Medizintechnik nach Russland verkauft, hat momentan große Schwierigkeiten.   Viele möchten die Technik und das Know-how kaufen, können das aber nicht bezahlen, weil sie offenbar keine Kredite aufnehmen können. Das hören wir leider häufig.  

Erwarten Sie, dass sich das bald ändert?

Wir hatten im letzten Jahr die Hoffnung, dass sich die Wirtschaftslage in diesem Jahr schnell wieder ändert und wieder besser wird. Jetzt haben wir zwar die Hoffnung, dass die Krise schnell vorbei geht, aber wir erwarten, dass es Jahre dauert, um wieder auf den Stand von vor zwei Jahren zu gelangen.   Trotzdem pflegen wir weiter die Kontakte und arbeiten mit den Kunden. Wenn da Anfragen aus Russland kommen, werden die natürlich auch bearbeitet. Momentan vergleichen sie die Preise im Westen und in China und dann entscheiden sie. Dann kommt da eben oft nichts mehr.   

Liegt das für Sie vor allem an der allgemeinen Wirtschaftslage oder an den Sanktionen?

Ich glaube, dass das an der Wirtschaftskrise in Russland und in anderen GUS-Ländern liegt. 90 Prozent dieser Wirtschaftskrise besteht daraus, dass die Unternehmen in Russland die Kredite nicht mehr zu so günstigen Konditionen bekommen können wie früher und daher nicht die notwendigen Investitionen tätigen können. Wenn man sich die Betriebe ansieht – ich bin fast einmal im Monat in Russland – dann sieht man Firmen, in denen alles modern ist, aber leider auch viele, in denen mit alten Maschinen gearbeitet wird, die vor langer Zeit in Deutschland gekauft wurden. Das muss natürlich modernisiert werden. Damit kann man nicht mithalten.  Wenn man diese Investitionen nicht tätigen kann, weil man keinen Kredit aufnehmen kann, ist es sehr schwierig. Das hängt zum Teil auch mit den EU-Finanzmarktsanktionen zusammen, die den Zugang zu günstigen Krediten versperrt haben.

Sind Sie als UVDR in Kontakt mit ähnlichen Verbänden in Russland?

Ja, wir haben eine enge Partnerschaft mit dem Businessclub der Russlanddeutschen. Auch mit anderen sind wir in Kontakt und treffen uns bei bestimmten Seminaren, tauschen Kontakte aus. Es gibt außerdem einen Unternehmerverband in Kasachstan, mit dem wir im März in Frankfurt ein Wirtschaftsforum mit 150 Unternehmern veranstaltet haben. Dabei war das Besondere, dass uns das kasachische Ministerium für Entwicklung und Innovation und die Botschaft stark unterstützt hat. So etwas planen wir als UVDR auch für Russland – ein Wirtschaftsforum, um den russischen Markt vorzustellen. Besonders in diesen schwierigen Zeiten der Krise ist das wichtig. Wir haben bereits Gespräche geführt. Der Ort steht noch nicht fest. Als Termin planen wir derzeit mit Oktober oder November 2015, aber wir suchen momentan noch Partner und Ansprechpartner aus der Russischen Föderation.

Das Interview führte Simon Schütt. 

Moskauer Deutsche Zeitung vom 3. August 2015

Rubrik: Verschiedenes, Wissenswertes, Partnerschaften, Deutsche-Partner

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