17 Oktober 2017

„Als Mitglied einer Minderheit lebt es sich besser“

- Ulrike Butmaloiu -


Erstmals präsentieren sich alle deutschen Minderheiten Europas gemeinsam in einer Ausstellung.

Berlin - Unterschiedliche Herkunft, verschiedene Dialekte, andere Traditionen: Die deutschen Minderheiten in Europa unterscheiden sich in vielem. In Berlin zeigt seit letzter Woche die Ausstellung „In zwei Welten - 25 deutsche Geschichten. Deutsche Minderheiten stellen sich vor“ was genau das Leben der Deutschen im Ausland ausmacht. Mit ihr werden erstmals alle deutschen Volksgruppen in 25 Ländern Europas und Zentralasiens gemeinsam vorgestellt. Sie ist eine Gesamtschau des Lebens jener rund eine Million Deutsche, die heute noch in größeren Gruppen außerhalb Deutschlands leben. Die Ausstellung führt ihre Besucher von Dänemark über das Baltikum, zum Mittelmeer und den Kaukasus bis nach Sibirien und Tadschikistan.

„Ein Abenteuer“, nennt Katharina Weißbach, die Kuratorin der Ausstellung, das Projekt. Die 50-Jährige und ihr Team standen vor der Aufgabe, in einem Guss eine weit verstreute Volksgruppe darzustellen, deren einzige Gemeinsamkeit oft nur die Herkunft ihrer Vorfahren aus deutschen Landen ist. Dazu haben Weißbach und ihre Mitarbeiter europaweit über 200 Fragebögen an Vertreter der deutschen Minderheiten geschickt. „Aus ihren Antworten haben wir die Stimmungslage der Deutschen im Ausland kondensiert“, erzählt die promovierte Kunsthistorikerin, die seit 20 Jahren Ausstellungen entwirft. „Wir sind dabei auf abenteuerliche Lebensgeschichten gestoßen“, sagt sie. Unglaubliche Zitate seien dabei gewesen, wie jenes von Ondrej Pöss, dem Vorsitzenden des Karpatendeutschen Vereins in der Slowakei: „Als Angehöriger einer Minderheit hat man mehr vom Leben.“

Ausstellung mit Blick auf das Brandenburger Tor

Diese Zitate und Geschichten sind nun an den Stellwänden der Ausstellung zu sehen. Sie sind streng nach Ländern geordnet und mit Bildern und Informationen, Audiostücken und Videos aus dem Leben der jeweiligen Minderheit versehen. Dazu gehören Bilder vom Karpatendeutschen Museum in Pressburg (Bratislava) mit seiner großen Bibliothek und den Filialen in drei weiteren Orten der Slowakei, der Bericht über einen Audioguide für die Kirchenburgen im rumänischen Siebenbürgen oder ein Video vom Kulturfestival in Breslau (Wroclaw) sowie Mitschnitte vom Training der Miro Deutschen Fußballschulen im Gebiet Oppeln (Opole).

Die Tafeln dokumentieren außerdem das Kulturhistorische Seminar für Russlanddeutsche und die Fußballmannschaft RusDeutsch bei der Kultur- und Sportakademie für Russlanddeutsche in Kasan. Sie zeigen den Großen Katharinenball, der an die deutschstämmige Zarin Katharina die Große erinnert und im festlich hergerichteten Ballsaal nahe Moskau Russen und Russlanddeutsche verbindet, sowie das deutsch-russische Kultur- und Geschäftsforum Made by Deutschen aus Russland in Omsk und Bayreuth.

Die Ausstellung erzählt von Samstagsschulen, in denen von der Adria bis zum Pazifik Deutsch gelernt wird, von Festivals, zweisprachigen Ausstellungen und Minderheiten-Projekten. Besucher hören über die Spurensuche nach deutschen Mundarten in Tschechien und erleben, wie im Planspiel „Frau Deutschmannová, wie konnte das passieren?!“ simuliert wird, wie sich Deutsche in Böhmen, Mähren und Schlesien nachhaltig in die Gesellschaft einbringen.

Gezeigt werden berühmte Gesichter, wie der Nobelpreisträger für Physiker Stefan Walter Heil und Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die beide aus dem rumänischen Banat stammen, oder der Musiker und Produzent Peter Maffay aus Siebenbürgen. Mit dabei ist auf der Russland-Tafel auch die Puppe Schrumdi, mit deren Hilfe momentan Kinder in 200 Kindergärten in neun Regionen des Landes Deutsch lernen.

Neben den nach Ländern geordneten Tafeln hat Kuratorin Weißbach eine Art Themenlandschaft installiert. „Hier geht es um die übergreifenden Fragen: Was ist Deutsch? Welche Identität habe ich als Minderheit und welche habe ich in der Mehrheit?“, erklärt Katharina Weißbach. Diese ideelle Landschaft besteht aus großen Boxen, die wie Inseln im Raum verteilt sind und im Bereich Sprache, Religion, Jugend, Kunst und Medien Antworten auf diese Fragen geben.

In der Sprachenbox sind etwa Gedichte auf Plautdietsch zu hören, dem Dialekt der in Sibirien lebenden Mennoniten, Geschichten auf Essekerisch, einem Dialekt aus Kroatien, sowie das Märchen vom Rotkäppchen in der ungarndeutschen Mundart Kaanr. Auf der Themeninsel nebenan zeigen Gesangsbücher, Bibeln und ein ungarischer Himmelsschlüssel die starke Identifikation der Deutschen mit ihren Kirchen und Bethäuser. Die deutschsprachigen Medien finden eine Insel weiter Beachtung, ebenso wie die Erinnerung an Deportation und Unterdrückung, die für viele Mitglieder der deutschen Minderheiten bis in die 90er Jahre Realität war.

Die Idee zur Ausstellung stammt von Olga Martens, der Vizepräsidentin des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur (IVDK) in Russland. Bei einem Treffen der Vertreter aller deutschen Minderheiten Europas vor zwei Jahren im Bundestag hatte sie die gemeinsame Schau angeregt. „Es ging um das Thema Ausstellung. Da lag die Frage auf der Hand: Warum manchen wir nicht eine gemeinsam?“ Die Initiative fand schnell Gehör und mit 240.000 EUR finanzierte der Deutsche Bundestag das gesamte Vorhaben.

„Für die deutsche Gemeinschaft ist dies eine super Chance“, so Olga Martens. Deshalb seien die Ausstellungsmacher aktiv von allen Verbänden und Minderheitenorganisationen unterstützt worden. „Besonders für kleine Minderheiten wäre eine Ausstellung außerhalb der Landesgrenzen nicht möglich gewesen“, betont die Vize-Chefin des IVDK mit Blick auf Aserbaidschan, Tadschikistan und Turkmenistan, wo jeweils noch höchstens 500 Deutsche leben.

Ende Oktober wird die Ausstellung von Berlin aus auf Reisen gehen. Innerhalb Deutschlands wandert sie zu Kulturhäusern und Bildungseinrichtungen. „Wir wollen der deutschen Öffentlichkeit zeigen, dass wir uns nicht nur um Folklore, Trachten und traditionelle Kochrezepte drehen. Neben all dem sind wir moderne Menschen, leben im Hier und Jetzt“, so Olga Martens. Ein Zwilling wird gleichzeitig durch Europa und Zentralasien geschickt – in alle Länder, in denen Vertreter der deutschen Minderheit leben.

Berlin - Unterschiedliche Herkunft, verschiedene Dialekte, andere Traditionen: Die deutschen Minderheiten in Europa unterscheiden sich in vielem. In Berlin zeigt seit letzter Woche die Ausstellung „In zwei Welten - 25 deutsche Geschichten. Deutsche Minderheiten stellen sich vor“ was genau das Leben der Deutschen im Ausland ausmacht. Mit ihr werden erstmals alle deutschen Volksgruppen in 25 Ländern Europas und Zentralasiens gemeinsam vorgestellt. Sie ist eine Gesamtschau des Lebens jener rund eine Million Deutsche, die heute noch in größeren Gruppen außerhalb Deutschlands leben. Die Ausstellung führt ihre Besucher von Dänemark über das Baltikum, zum Mittelmeer und den Kaukasus bis nach Sibirien und Tadschikistan.

„Ein Abenteuer“, nennt Katharina Weißbach, die Kuratorin der Ausstellung, das Projekt. Die 50-Jährige und ihr Team standen vor der Aufgabe, in einem Guss eine weit verstreute Volksgruppe darzustellen, deren einzige Gemeinsamkeit oft nur die Herkunft ihrer Vorfahren aus deutschen Landen ist. Dazu haben Weißbach und ihre Mitarbeiter europaweit über 200 Fragebögen an Vertreter der deutschen Minderheiten geschickt. „Aus ihren Antworten haben wir die Stimmungslage der Deutschen im Ausland kondensiert“, erzählt die promovierte Kunsthistorikerin, die seit 20 Jahren Ausstellungen entwirft. „Wir sind dabei auf abenteuerliche Lebensgeschichten gestoßen“, sagt sie. Unglaubliche Zitate seien dabei gewesen, wie jenes von Ondrej Pöss, dem Vorsitzenden des Karpatendeutschen Vereins in der Slowakei: „Als Angehöriger einer Minderheit hat man mehr vom Leben.“

Diese Zitate und Geschichten sind nun an den Stellwänden der Ausstellung zu sehen. Sie sind streng nach Ländern geordnet und mit Bildern und Informationen, Audiostücken und Videos aus dem Leben der jeweiligen Minderheit versehen. Dazu gehören Bilder vom Karpatendeutschen Museum in Pressburg (Bratislava) mit seiner großen Bibliothek und den Filialen in drei weiteren Orten der Slowakei, der Bericht über einen Audioguide für die Kirchenburgen im rumänischen Siebenbürgen oder ein Video vom Kulturfestival in Breslau (Wroclaw) sowie Mitschnitte vom Training der Miro Deutschen Fußballschulen im Gebiet Oppeln (Opole).

Die Tafeln dokumentieren außerdem das Kulturhistorische Seminar für Russlanddeutsche und die Fußballmannschaft RusDeutsch bei der Kultur- und Sportakademie für Russlanddeutsche in Kasan. Sie zeigen den Großen Katharinenball, der an die deutschstämmige Zarin Katharina die Große erinnert und im festlich hergerichteten Ballsaal nahe Moskau Russen und Russlanddeutsche verbindet, sowie das deutsch-russische Kultur- und Geschäftsforum Made by Deutschen aus Russland in Omsk und Bayreuth.

Die Ausstellung erzählt von Samstagsschulen, in denen von der Adria bis zum Pazifik Deutsch gelernt wird, von Festivals, zweisprachigen Ausstellungen und Minderheiten-Projekten. Besucher hören über die Spurensuche nach deutschen Mundarten in Tschechien und erleben, wie im Planspiel „Frau Deutschmannová, wie konnte das passieren?!“ simuliert wird, wie sich Deutsche in Böhmen, Mähren und Schlesien nachhaltig in die Gesellschaft einbringen.

Gezeigt werden berühmte Gesichter, wie der Nobelpreisträger für Physiker Stefan Walter Heil und Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die beide aus dem rumänischen Banat stammen, oder der Musiker und Produzent Peter Maffay aus Siebenbürgen. Mit dabei ist auf der Russland-Tafel auch die Puppe Schrumdi, mit deren Hilfe momentan Kinder in 200 Kindergärten in neun Regionen des Landes Deutsch lernen.

Neben den nach Ländern geordneten Tafeln hat Kuratorin Weißbach eine Art Themenlandschaft installiert. „Hier geht es um die übergreifenden Fragen: Was ist Deutsch? Welche Identität habe ich als Minderheit und welche habe ich in der Mehrheit?“, erklärt Katharina Weißbach. Diese ideelle Landschaft besteht aus großen Boxen, die wie Inseln im Raum verteilt sind und im Bereich Sprache, Religion, Jugend, Kunst und Medien Antworten auf diese Fragen geben.

In der Sprachenbox sind etwa Gedichte auf Plautdietsch zu hören, dem Dialekt der in Sibirien lebenden Mennoniten, Geschichten auf Essekerisch, einem Dialekt aus Kroatien, sowie das Märchen vom Rotkäppchen in der ungarndeutschen Mundart Kaanr. Auf der Themeninsel nebenan zeigen Gesangsbücher, Bibeln und ein ungarischer Himmelsschlüssel die starke Identifikation der Deutschen mit ihren Kirchen und Bethäuser. Die deutschsprachigen Medien finden eine Insel weiter Beachtung, ebenso wie die Erinnerung an Deportation und Unterdrückung, die für viele Mitglieder der deutschen Minderheiten bis in die 90er Jahre Realität war.

Die Idee zur Ausstellung stammt von Olga Martens, der Vizepräsidentin des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur (IVDK) in Russland. Bei einem Treffen der Vertreter aller deutschen Minderheiten Europas vor zwei Jahren im Bundestag hatte sie die gemeinsame Schau angeregt. „Es ging um das Thema Ausstellung. Da lag die Frage auf der Hand: Warum manchen wir nicht eine gemeinsam?“ Die Initiative fand schnell Gehör und mit 240.000 EUR finanzierte der Deutsche Bundestag das gesamte Vorhaben.

„Für die deutsche Gemeinschaft ist dies eine super Chance“, so Olga Martens. Deshalb seien die Ausstellungsmacher aktiv von allen Verbänden und Minderheitenorganisationen unterstützt worden. „Besonders für kleine Minderheiten wäre eine Ausstellung außerhalb der Landesgrenzen nicht möglich gewesen“, betont die Vize-Chefin des IVDK mit Blick auf Aserbaidschan, Tadschikistan und Turkmenistan, wo jeweils noch höchstens 500 Deutsche leben.

Ende Oktober wird die Ausstellung von Berlin aus auf Reisen gehen. Innerhalb Deutschlands wandert sie zu Kulturhäusern und Bildungseinrichtungen. „Wir wollen der deutschen Öffentlichkeit zeigen, dass wir uns nicht nur um Folklore, Trachten und traditionelle Kochrezepte drehen. Neben all dem sind wir moderne Menschen, leben im Hier und Jetzt“, so Olga Martens. Ein Zwilling wird gleichzeitig durch Europa und Zentralasien geschickt – in alle Länder, in denen Vertreter der deutschen Minderheit leben.

 

Quelle: Moskauer Deutsche Zeitung Nr. 18 (457). 

Rubrik: Verschiedenes

NACHRICHTEN
ARCHIV