„Lehren ist der schönste Beruf der Welt“: Interview mit Tatjana Smirnowa


Über Wissenschaft, Lehre und die Rolle kulturhistorischer Seminare im Leben junger Forscher. Im Vorfeld eines kulturhistorischen Seminars sprachen wir mit Tatjana Borisowna über ihren beruflichen Werdegang, ihre Lehrprinzipien, die Herausforderungen des heutigen akademischen Umfelds und die Bedeutung wissenschaftlicher Plattformen für junge Menschen.

Tatjana Borisowna Smirnowa ist Ethnografin, Ethnosoziologin, Doktorin der Geschichtswissenschaften und Expertin, deren wissenschaftlicher Laufbahn mit der Erforschung ethnischer Prozesse und Kultur verbunden ist, darunter auch der Geschichte der Russlanddeutschen. Ihr Werdegang ist eine Kombination aus akademischer Strenge, Lehrerfahrung und ständiger Einbindung in die wissenschaftliche Gemeinschaft, in der nicht nur Ergebnisse, sondern auch der lebendige Wissensaustausch wichtig sind.

Warum haben Sie sich entschieden, Lehrerin zu werden?

Lehren ist der beste Beruf der Welt. In dieser Hinsicht können nur Ärzte mit Lehrern konkurrieren. Diese Arbeit hat Sinn und bringt Ergebnisse. Umso mehr, als ich an der OmskerStaatlichen Universität unterrichte. Das ist die beste Universität in unserer Stadt, das wichtigste intellektuelle Zentrum der Region.

Wie sind Sie an die Omsker Staatliche Universität gekommen?

Mein Lehrer, Nikolai Arkadjewitsch Tomilow, baute den Lehrstuhl für Ethnographie auf und bot mir, wie vielen anderen meiner Kollegen auch, eine Stelle an. Alle Ethnographen, und nicht nur die Mitarbeiter unseres Lehrstuhls, waren seine Schüler. Die Archäologen waren Schüler von Wladimir Iwanowitsch Matjuschtschenko. Die Archäologen und Ethnografen unserer Universität bilden wissenschaftliche Schulen, die im ganzen Land und über dessen Grenzen hinaus bekannt sind. Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich habe den richtigen Betreuer gewählt und mich mit ganzer Kraft meiner geliebten Arbeit gewidmet.

Welche Eindrücke hatten Sie von den ersten Vorlesungen oder Seminaren? Was ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Im ersten Studienjahr hatte ich mehrere Dozenten: Jurij Wassiljewitsch Balakin, Nikolai Arkadjewitsch Tomilow und Wladimir Iwanowitsch Matjuschchenko. Welche Eindrücke hätte es denn geben können, außer hervorragenden? Später unterrichteten mich Walentina Pawlowna Korsun, Walentina Georgiewna Ryschenko, Anatolij Pawlowitsch Tolotschko, Jurij Aleksejewitsch Sorokin und natürlich Heinrich Kutdusowitsch Sadretdinow, bei dem jede Vorlesung wie eine Theateraufführung war. Derzeit arbeiten zwei Dozentinnen am Lehrstuhl, die mich unterrichtet haben – Swetlana Wladimirowna Fomenko und Ljudmila Rolandowna Rotermel. Ich bin meinen Lehrern sehr dankbar. Die einprägsamsten Vorlesungen hielt Heinrich Kutdusowitsch, sie waren lebhaft und ungewöhnlich, man zitierte ihn ständig. Er war der Begründer der Mediävistik an unserer Universität.

Was ist Ihrer Meinung nach das Schwierigste und das Schönste am Lehren?

Wenn man fast 40 Jahre Berufserfahrung hat, gibt es unter normalen Umständen eigentlich keine Schwierigkeiten mehr. Aber die Bedingungen sind derzeit nicht normal: Die Arbeitsbelastung ist sehr hoch und es fehlt die Zeit für die Vorbereitung, es gibt keine Hausarbeiten, und die wissenschaftliche Arbeit der Studierenden ist zu einer Art Selbstbeschäftigung verkommen; die Professoren halten Vorlesungen, führen aber keine Seminare durch, weshalb es unmöglich ist, zu überprüfen, wie die Studierenden den in den Vorlesungen behandelten Stoff verinnerlicht haben, und es gibt weitere ähnliche Probleme bei der Organisation des Lehrbetriebs. Das Schöne daran ist, die Ergebnisse der eigenen Arbeit zu sehen. Wenn Studierende und Doktoranden ihre Abschlussarbeiten erfolgreich verteidigen, brillante Arbeiten verfassen und Erfolge erzielen – das sind ja auch unsere Ergebnisse.

Welche Themen oder Kurse liegen Ihnen am meisten am Herzen?

Themen und Kurse, die mit Ethnizität zu tun haben. Vom ethnokulturellen Erbe bis hin zu interethnischen Konflikten. Da ich von Beruf Ethnologe bin, beschäftige ich mich schon mein ganzes Leben lang damit. Natürlich ist es toll, sich mit ethnischer Kultur zu beschäftigen, das ist ein wunderbares Thema. Aber man muss sich auch mit der Beilegung ethnischer Konflikte befassen, mit Migranten arbeiten und Gutachten erstellen. Bei solchen Themen gibt es wenig Schönes, aber sie haben eine große praktische Bedeutung.

Erinnern Sie sich noch an das allererste kulturhistorische Seminar? Wie war die Atmosphäre und der Inhalt?

Das erste kulturhistorische Seminar fand in Fulda statt. Ich habe wunderbare Erinnerungen an diese Veranstaltung. Es herrschte ein Gefühl der völligen Neuheit: ein neues Format, neue Teilnehmer, sehr viele junge Forscher, eine gleichberechtigte Beteiligung der deutschen und russischen Seite, neue Themen und Forschungsrichtungen. Bei allen wissenschaftlichen Veranstaltungen gibt es ausnahmslos ein Problem: Wenn sie regelmäßig stattfinden, verlieren sie an Brisanz. Und in Fulda, nachdem unsere wissenschaftlichen Veranstaltungen bereits, sozusagen, nach einem festen Schema abliefen, erhielten wir eine völlig neue Veranstaltung im Format eines kulturhistorischen Seminars. Das war ungewohnt, vielleicht nicht mit den größten wissenschaftlichen Ergebnissen, aber es war sehr nützlich und interessant. Die Atmosphäre war sehr ungezwungen, die Distanz zwischen Studierenden und Professoren war gering, wir haben uns ständig unterhalten. Das erinnerte mich an eine Expedition, was die Intensität des Austauschs angeht. Auch die Stadt trug zur Atmosphäre bei. Fulda ist eine alte Stadt, die im 8. Jahrhundert gegründet wurde. Sie ist die Wiege des Katholizismus, die Stadt des Heiligen Bonifatius, der die Germanen taufte. Als Historikerin beeindruckte mich die Einstellung zur Vergangenheit und zu den Denkmälern. Das erste Seminar war wunderbar.

Wie haben sich die Seminare Ihrer Meinung nach im Laufe der Zeit verändert?

Zu den letzten Seminaren kann ich nicht viel sagen, da ich das letzte Mal während der Pandemie teilgenommen habe. Das war eine schwere Zeit. Das Online-Format eignet sich für ein solches Seminar überhaupt nicht. Schauen wir uns unsere Jugend in Moskau an. Ich denke, dass das Seminar eine sehr wichtige Funktion erfüllt, nämlich junge Wissenschaftler und Studierende für unser Thema – die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen – zu begeistern. Die Funktion, wissenschaftliche Talente zu entdecken und zu fördern. Sie haben einfach sonst nirgendwo die Möglichkeit, sich in das Thema zu vertiefen, ihre Ergebnisse vorzustellen und Kontakte zu knüpfen, zumal auf einer solchen Ebene, auf der die Teilnehmer aus dem ganzen Land anreisen. Bei uns finden viele regionale Veranstaltungen (Wettbewerbe, Konferenzen) statt, aber auf Bundesebene gibt es nur wenige solcher Veranstaltungen. Eine Jugendkonferenz oder eine Themenschule zu organisieren ist sehr schwierig, kaum jemand kann eine solche Veranstaltung stemmen. Deshalb muss man dem Internationalen Verband der deutschen Kultur für die Idee eines solchen Seminars danken und dafür, dass es bereits seit 10 Jahren stattfindet, und zwar jedes Jahr – mit einer neuen, aktuellen Agenda.

Wie sehen Sie die heutigen Studierenden? Inwiefern unterscheiden sie sich von Ihrer Generation?

Ich mag sie, ich liebe sie. Natürlich gibt es Gruppen, bei denen es Liebe auf den ersten Blick ist, und andere, die schwieriger sind, aber man muss alle unterrichten, so ist dieser Job nun einmal. Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den Generationen, aber nicht im Studium, sondern eher im Privatleben. Bei uns gab es sehr viele Studentenfamilien; als ich meine Doktorarbeit verteidigte, hatte ich bereits zwei Kinder. Auf Expeditionen sind wir mit den Kindern gefahren. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Die heutigen Studierenden sind in erster Linie auf Karriere, Komfort und ein sorgenfreies Leben ausgerichtet; ich glaube, dass sie einen sehr wichtigen Teil des Lebens verpassen. Es überrascht mich wirklich, dass sie Familie und Karriere in eine Reihenfolge bringen – zuerst die Karriere, dann die Familie –, dabei kann man doch alles gleichzeitig und zusammen haben.

Welcher Ihrer Dozenten oder Betreuer hat Sie am stärksten beeinflusst?

Nikolai Arkadjewitsch Tomilow – er war mein wissenschaftlicher Betreuer, angefangen bei den Hausarbeiten bis hin zur Betreuung meiner Doktorarbeit. In den letzten Jahren arbeite ich viel an Programmen und Projekten unter der wissenschaftlichen Anleitung von Akademiemitglied Walerij Alexandrowitsch Tischkow, der seit vielen Jahren das Institut für Ethnologie und Anthropologie der Russischen Akademie der Wissenschaften leitet. Ihr Einfluss war und ist nach wie vor entscheidend.

Was hilft Ihnen, bei der Arbeit motiviert und inspiriert zu bleiben?

Ich liebe meine Arbeit, sie macht mir Spaß, ich war noch nie enttäuscht, daher musste ich mich nicht extra inspirieren oder motivieren.


Das Projekt wurde mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der Deutscher Kultur im Rahmen des Förderprogramms der Russlanddeutschen realisiert.

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