Im zweiten Teil unseres Gesprächs über das Projekt „Hochzeit mit deutschem Flair“ wenden wir uns der Person zu, die maßgeblich für die visuelle Gestaltung verantwortlich war. Die Co-Regisseurin Sofia Wlassowa berichtet über das Filmkonzept, ihre Arbeit mit dem Raum, die Reaktionen der Jugendlichen auf Hochzeitszeremonien und die Momente, in denen die Tradition auf der Leinwand ein ganz eigenes Leben entwickelte.
In „Hochzeit mit deutschem Flair“ des Teams „Jugendstadt“ können die Zuschauer die visuelle Tiefe, die Liebe zum Detail und jenes seltene Gefühl erleben, wenn Tradition auf der Leinwand nicht mehr eine Rekonstruktion ist, sondern zu einer lebendigen Emotion wird. Die Co-Regisseurin Sofia Wlassowa war maßgeblich für diesen künstlerischen Ansatz verantwortlich und arbeitete an Konzept, visueller Dramaturgie, Auswahl der Räumlichkeiten und der Thematik jeder Szene.
Im zweiten Teil unseres ausführlichen Gesprächs sprachen wir mit Sofia darüber, wie die visuelle Ästhetik des Films entstanden ist, warum junge Menschen so stark auf die Hochzeitsbräuche der Russlanddeutschen reagierten und in welchem Moment deutlich wurde, dass die Tradition vor der Kamera wirklich zum Leben erwachte.
Welche Rolle hatten Sie als Co-Regisseurin bei dem Projekt, und für welche Szenen oder Prozesse waren Sie persönlich verantwortlich?
Es fällt mir schwer, mich in der Teamarbeit hervorzuheben. Da ich keinen Theaterhintergrund habe, versuche ich, mich nicht in die intensive schauspielerische Arbeit einzumischen und überlasse das Dajana. Aber wir haben eine großartige Partnerschaft entwickelt: Wir verstehen, wie wir uns ergänzen, und keine von uns drängt sich in die Aufgaben der anderen ein. Sie sieht Dinge, die mir entgehen würden, und ich bemerke Details, die ihr entgehen: einen ungleichmäßigen Vorhang, einen abstehenden Draht, einen zerzausten Pony. Daher wäre es nicht richtig zu sagen, ich hätte mit den Schauspielern gearbeitet.
Mein Bereich ist das Konzept und die visuelle Gestaltung. Wir haben das Drehbuch gemeinsam mit Dajana entwickelt und verschiedene Formate erkundet: von einer Geschichte über ein Buch bis hin zu zwei separaten Filmen. Das Format, das nun auf der Leinwand zu sehen ist, ist das Ergebnis der Teamarbeit.
Eine der größten Herausforderungen war die Auswahl der Räumlichkeiten. Obwohl ich schon lange nicht mehr dort lebe, bezeichne ich mich stolzMarxeinheimische, kenne jede Straße und kann die schönsten Landschaften und stimmungsvollsten Häuser empfehlen. Mein größter Stolz ist aber wohl die Zeremonie zur neuen Epoche. Ich erinnere mich noch gut an die Gänsehaut, die ich bekam, als ich zum ersten Mal in Wirklichkeit sah, was ich mir monatelang vorgestellt hatte.
Natürlich haben große Projekte eigene Dekorateure, Lichtdesigner und andere Spezialisten, aber unser Projekt hatte kein solches Team, und das erwies sich als unglaublich hilfreich: Ich lernte, jede Rolle zu übernehmen. Ich wurde Dekorateurin, entwarf Tische für die verschiedenen Epochen, verarbeitete Röcke aus der Kostümabteilung des Deutschen Hauses zu Tagesdecken und Tischdecken und schickte Leute los, um Zweige für die Dekorationen zu schneiden. Ich war auch persönlich für das Museumsgeschirr verantwortlich: Wir sammelten die Exponate, fotografierten sie und lagerten sie in einem separaten Raum.
Ein besonderer Moment war Erikas Brautstrauß. Ich habe ihn persönlich um zwei Uhr morgens auf dem Hotelboden gebunden. Die Äste wurden nach Mitternacht im Wald geschnitten, die Blumen in einem 24-Stunden-Laden gekauft. Dieser Brautstrauß erlebte Klebeband, Bastelkleber und Nadeln – mein persönlicher Applaus. Meine Hauptaufgabe war die visuelle Gestaltung. Ich war dafür verantwortlich, das Bild mit Alltagselementen zu füllen, die Zeremonie im Freien nachzustellen, die Locations auszuwählen und sicherzustellen, dass sie sauber waren. Außerdem kümmerte ich mich um die Nachbereitung und stimmte die Zuschauer auf die Präsentation ein.
So war jeder Tag intensiv, und alle Aufgaben, sichtbar wie unsichtbar, erzeugten das Gefühl einer echten Hochzeit auf dem Bildschirm.

Die neue Epoche: Die Brautübergabe. Der Bräutigam hat alle Prüfungen bestanden, die Gäste gratulieren dem Paar.
Фото: Sergej Gorischnij
Wie reagierten die Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer – insbesondere die Jugendlichen – auf das Eintauchen in die Hochzeitsbräuche? Was überraschte sie besonders?
Das Team von „Jugendstadt“ entwickelt sich rasant. Es ist wichtig zu verstehen, dass junge Menschen oft wegen des Nervenkitzels und des visuellen Erlebnisses zu solchen Projekten kommen – um die Atmosphäre aufzusaugen, eine Zugfahrt in eine Nachbarstadt zu unternehmen und neue Freunde zu finden. „Jugendstadt“ hat diesen Prozess selbst durchlaufen, sich gewandelt und versammelt nun bewusste junge Menschen um sich, für die Kultur ein tiefgreifendes Erlebnis ist.
Wir bieten ihnen kreative, immersive Formate, und das Feedback ist durchweg positiv. Alles geschieht ganz spontan, mit Elementen der Improvisation, sodass die Kinder einen bleibenden Wow-Effekt erleben. Es ist fast wie Theaterpädagogik: Wir bereiten gemeinsam mit ihnen eine beeindruckende Veranstaltung vor, und erst im Nachhinein begreifen sie, was gerade geschehen ist. Fast immer beginnen die Jugendlichen nach solchen Projekten, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen: Was zunächst wie eine Aufführung wirkte, entpuppt sich als Spiegelbild realer Familientraditionen – jemand erinnert sich an eine ähnliche Hochzeit der Großmutter, die sie aber einfach vergessen hatten.
Ich kann mich an keine bestimmte Szene erinnern, aber ich hatte quasi kindlicheGefühle während der Dreharbeiten: Ihre Sprache, ihre Haltung und ihr Verhalten veränderten sich – eine wahre Transformation. Man könnte es totales Eintauchen nennen.
Dies zeigte sich besonders deutlich in der Darstellung der Vergangenheit: Schon die Innengestaltung regte zum Nachdenken an, und manchmal mussten wir die Schauspieler, die völlig in Gedanken an die Vergangenheit versunken waren, „aufwecken“. Alte Lieder, raschelnde Kleider, Tänze „aus der Zeit gefallen“ – und gleichzeitig fühlte sich jeder wie die Hauptfigur: egal ob Gast oder Bräutigam.
Ich möchte besonders Dajanas Arbeit betonen: Auch wenn der Bildschirm nicht alles einfangen kann, war ihr Training vor den Dreharbeiten so intensiv, dass es einen regelrechten Zeitreise-Effekt erzeugte. Eine solche historische Reise in so kurzer Zeit lässt sich kaum in Worte fassen.
Die Schauspieler der „neuen Epoche“ hatten ihren ganz eigenen Zauber. Traditionen wirken aus moderner Sicht ungewöhnlich und sogar etwas fremd, aber die Jungs erkannten, dass man die Kultur der Russlanddeutschen adaptieren und auf fesselnde Weise präsentieren kann. Für viele war das eine echte Entdeckung und Überraschung, und genau das faszinierte und inspirierte sie.
Gab es während der Dreharbeiten einen Moment, in dem Sie spürten, wie die Tradition vor der Kamera wirklich „zum Leben erwachte“?
Für mich war dieser Moment Erikas und Nikitas Hochzeitstanz in der „neuen Epoche“. Sie tanzten vor einem Hintergrund aus Girlanden, während im Hintergrund ein Video eines Hochzeitstanzes aus einer anderen Generation lief. Eigentlich hätte ich in diesem Moment hinter den Kulissen arbeiten und das Set überwachen sollen, aber ich konnte einfach nichts mehr um mich herum wahrnehmen – ich weinte vor Rührung darüber, wie wunderschön und … zeitlos es aussah.
Ich verstehe, dass unsere Geschichte hauptsächlich von Russlanddeutschen handelt, aber dieser besondere Moment wirkte engelsgleich und heilig, als wäre es nicht nur ein Video auf einem weißen Laken, sondern der Schatten unserer Vorfahren, die in jedem von uns weiterleben, ob wir sie kennen oder nicht. Für mich war es auch ein zutiefst persönlicher Moment. Die Idee mit dem Projektor und dem Tanz stammte ganz von Dajana. Ich erinnere mich, wie wir bei mir zu Hause vor Freude aufschrien, als wir sahen, wie wunderschön alles geworden war und wie wundervoll es wäre, das Ganze vor der Kamera zum Leben zu erwecken.
Auch der Hochzeitskranz der Heldinnen „wanderte“ zwischen den Epochen: Es ist derselbe Kranz, „von Generation zu Generation weitergegeben“, der neue, farbenfrohe Symbole annimmt.
Ein weiterer besonders bewegender Moment für mich war die Rede des Pfarrers bei der Hochzeit. Eine kirchliche Trauung wirkt immer geheimnisvoll und intim, aber hier verbindet sie mehrere Epochen gleichzeitig. Das Thema Liebe zieht sich wie ein dünner Faden durch die Geschichte und verwandelt sich allmählich in ein starkes, unzerbrechliches Seil. Die Liebe wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte, die wir dann aus unserer eigenen Liebe heraus fortsetzen – jenseits von Zeit und Nationalität.
Wie haben Sie und das Team die Balance zwischen historischer Genauigkeit und zeitgenössischer Filmsprache finden können?
Zur Vorbereitung des Projekts haben wir uns intensiv mit der Fachliteratur vonSchischkina-Fischer, Arndt, Dietz usw. auseinandergesetzt und Internetportale, Foren und Fotografien durchforstet. Uns war es wichtig, Fakten aus dem wahren Leben zu sammeln, nicht nur trockene Informationen. Für die Darstellung der Moderne stützten wir uns vor allem auf Beobachtung, Kreativität und die Analyse visueller Bilder.
Authentizität spielte dabei eine zentrale Rolle: Wir wussten, dass sich der Film nicht nur an junge Menschen, sondern auch an die ältere Generation richtet, für die die Bewahrung von Traditionen wichtig ist. Daher achteten wir sorgfältig auf die korrekte Darstellung von Ritualen, Chronologie und äußeren Merkmalen.
Die Epochen unterschieden sich stilistisch stark. In der „alten Epoche“ wurden Gelbtöne und eine statische Kameraführung eingesetzt, um das Flair von Filmen „jener Zeit“ zu erzeugen. In der neueren Epoche hingegen erwecken leuchtende Farben und eine dynamische, „flackernde“ Kameraführung den Eindruck, das Material sei mit einem Smartphone aufgenommen worden. Die filmische Ausgewogenheit zeigte sich in den Übergängen zwischen den Szenen. Zum Beispiel diente der Krebli als Übergang zu einer neuen Geschichte, die Szene des Kennenlernens der Eltern der Braut und der Tanz zur „Hopsa Polka“ wurden in der Moderne auf neue Weise nachgestellt, und der Hochzeitskranz wanderte zwischen den Epochen und nahm neue Farben und Symbolik an.
So konnten wir die Präzision historischer Traditionen mit einer zeitgemäßen Bildsprache verbinden und den Film für Jung und Alt gleichermaßen ansprechend gestalten.
Das Projekt „Hochzeit mit deutschem Flair“ beweist noch einmal, dass kulturelleErinnerung zeitgemäß, visuell und emotional authentisch vermittelt werden kann. Durch die Sprache des Films, Symbole und lebendige Geschichten werden die Hochzeitstraditionen der Russlanddeutschen neu interpretiert und bleiben dabei sorgsam in ihren historischen Hintergründen verwurzelt.
Besonders wichtig ist, dass dieses Format die jüngere Generation anspricht: Es erzählt nicht einfach die Vergangenheit nach, sondern lädt sie ein, sie neu zu erleben und sich selbst, ihre Familien und ihre eigene Geschichte darin wiederzuerkennen.
Symbolisch gesehen wird die Arbeit zur Bewahrung der Hochzeitstraditionen heute nicht nur im Film fortgesetzt, sondern auch in den Regionen, wo Begegnungszentren der Russlanddeutschen, ethnokulturelle Clubs und Forscher lebendige Zeugnisse, Erinnerungen und Familiengeschichten sammeln und diese in Bücher, Ausstellungen, Bühnenproduktionen und neue Medienprojekte umwandeln.



