Russlands herausragende Deutsche – 2026: Lernen Sie den Preisträger in der Kategorie „Effektive Führungskraft“ Otto Gross kennen


Im Jahr 2026 wurden die Preisträger des allrussischen Wettbewerbs „Russlands herausragende deutsche Namen – 2026“ bekannt gegeben. Zu den Preisträgern gehört ein Mann, dessen Leben untrennbar mit dem Rhythmus der Felder und der rauen Schönheit der Kulundasteppe verbunden ist. Otto Ottowitsch Gross hat sich bereits aus dem Geschäftsleben zurückgezogen und die Leitung an seinen Sohn übergeben, doch sein Name ist für immer in die Geschichte der Landwirtschaft des Landes eingegangen. In einem Exklusivinterview sprach er zum ersten Mal so ausführlich nicht nur über die großen Erfolge, sondern auch über die Hintergründe der Unternehmensführung, familiäre Traditionen und seine Pläne für den neuen Lebensabschnitt.

Wenn Otto Gross heute auf den zurückgelegten Weg zurückblickt, erinnert er sich mit einem Lächeln daran, wie er als 12-jähriger Junge zum ersten Mal auf ein Pferd stieg, um als Hirte und Stallknecht zu arbeiten. Damals wusste er noch nicht, dass die Landwirtschaft sein Lebenswerk werden würde und Fleiß zum Markenzeichen der Dynastie, die er gründen sollte.

Meine Güte, wer fängt heutzutage schon mit 12 Jahren an zu arbeiten? Aber bei uns gab es immer Arbeit, so wie bei vielen Kindern unserer Zeit. Das war ganz normal. Ich kenne es nicht anders.

Eine vom Krieg und von der Steppe geprägte Familiengeschichte

Das Gespräch beginnt mit den Wurzeln, und hier verrät Otto Ottowitsch Details, die in offiziellen Biografien normalerweise unerwähnt bleiben. Die Familie seiner Mutter, Olga Friedrichowna, durchlebte die Hölle des Großen Vaterländischen Krieges. Seine Großmutter Emilia brauchte ein halbes Jahr, um nach Sibirien zu gelangen.

„Mein Großvater mütterlicherseits war der beste Landwirt im Dorf“, erinnert sich Otto Ottowitsch. „Das ganze Dorf kam zu ihm, um sich Geld zu leihen, obwohl er nur als einfacher Nachtwächter im Viehstall arbeitete. Er war sogar einmal Leiter eines großen landwirtschaftlichen Betriebs. Sein Nachname war Hoffmann – ein echter Wirt. In einer solchen Atmosphäre sind wir aufgewachsen.“

Die Familie seines Vaters, Otto Friedrichowitsch, wurde im Dezember 1941 aus der Republik der Wolgadeutschen deportiert. Sein Vater war damals 9 Jahre alt und blieb als einziger Mann in der Familie zurück. „Sie können sich vorstellen, was sie durchmachen mussten“, sagt Otto Ottowitsch.

Sein Vater arbeitete sich vom Schuhmachergehilfen – er nähte Schuhe, um seine Schwestern und sich selbst mit Schuhen zu versorgen – zum besten Maschinenführer des Rayons, dann zum Vorarbeiter und schließlich zum Verwalter zweier Dörfer hoch. Er wurde nicht einmal 35 Jahre alt und hinterließ eine Witwe mit vier Kindern – Elsa, Fjodor, Otto und dem jüngsten, Wiktor.

„Ich hatte gerade die erste Klasse abgeschlossen, als mein Vater starb. Ab meinem zwölften Lebensjahr arbeitete ich während der Sommerferien als Hirte im Sowchos, zunächst ging ich zur Schule, später besuchte ich die landwirtschaftliche Fachschule. Nach meinem Wehrdienst kehrte ich in meinen Heimatsowchos zurück, nun jedoch als Agronom. Drei Jahre lang arbeitete ich als Agronom in einem ziemlich großen Betriebsabteilung – mehr als 7.000 Hektar Land –, dann wurde ich zum Leiter dieser Abteilung befördert. Ich war 24 Jahre alt, als ich im Grunde genommen Leiter eines großen Dorfes wurde. Ich war doch noch ein richtiger Junge“, sagt der Preisträger.

Der Anfang: Das „Tagebuch der Anliegen“ und das erste Bekenntnis

Der Weg vom Maschinenführer zum Chefagronomen war rasant, aber nicht einfach. Mit 24 Jahren brauchte der junge Mann, der ein Dorf mit 7.000 Hektar Land, eine Schule, einen Kulturklub und eine Krankenstation leitete, eine gehörige Portion Weisheit.

„Ich habe ein ‚Tagebuch der Bürgeranliegen‘ angelegt“, erzählt Otto Ottowitsch. „Wer mit welchem Anliegen zu mir kam, wie ich helfen konnte. Im Laufe eines Jahres habe ich viele Seiten vollgeschrieben. Zum Beispiel gab es im Dorf Probleme mit der Kohle. Ich habe mich mit den Händlern geeinigt, Waggons herangeholt, einen Berg Kohle abgeladen und an alle Haushalte verteilt – streng nach Liste. Damals wurde viel für die Dorfbewohner getan.“

Einmal beschloss man bei einer Sitzung der Rayonleitung, den jungen Leiter der Abteilung auf seine Bürgernähe und den Umgang mit den Anliegen der Bevölkerung zu prüfen.

Ich schlug das Buch vor ihnen auf, und darin befanden sich viele Seiten, die in kleiner Handschrift mit den Namen von Bürgern und einer Liste der erledigten Anliegen vollgeschrieben waren. Die Kommission kam zu dem Schluss, die Erfahrungen des jungen Leiters zusammenzufassen und deren Anwendung in anderen Betrieben zu empfehlen, – erzählt Otto Ottowitsch.

Nach einiger Zeit wurde er Chefagronom eines der damals größten Betriebe in der Region Altai und war bereits für 40.000 Hektar Land und das Leben von sechs Dörfern verantwortlich. Schon bald belegte der Sowchos unter den 800 landwirtschaftlichen Betrieben der Region den ersten Platz bei der Ernteleistung pro Mähdrescher und Traktor.

„Als ich aus diesem Dorf in die Rayonhauptstadt aufbrach, kamen mir die alten Rentner entgegen, streckten mir die Hände entgegen und weinten: ‚Warum hast du uns im Stich gelassen? Wenn du geblieben wärst, hätte das Dorf weiterleben können.‘ Ich erinnere mich noch heute an diese Augen“, gesteht er.

Die Anfänge der Bauernbewegung

Im Jahr 1991 wagte Otto Gross einen mutigen Schritt – er trat aus dem Sowchos aus und gründete einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb. Es waren unruhige Zeiten, und die Rayonleitung lehnte es einstimmig ab, ihm Land am Rande des Rayon Zentrums zuzuteilen. Daraufhin fuhr Otto Ottowitsch jedes einzelne Mitglied der Kommission persönlich zu einem Brachgelände mit einer Mülldeponie und bewies, dass er genau hier eine Produktionsstätte aufbauen könne. Das Land wurde ihm unter der Bedingung zugeteilt, dass er es in Ordnung bringe, und dies war der Beginn einer neuen Ära.

Otto Gross war der Initiator und Organisator der Bauernbewegung in der Kulundasteppe. Unter seiner Führung wuchs der Bauernverband des Rayons Tabuny innerhalb nur eines Jahres auf 300 Betriebe an und wurde damit nicht nur in der Region Altai, sondern in ganz Sibirien zum größten Verband. Als zweimaliger Delegierter der allrussischen Bauernkongresse erhob er seine Stimme vor dem Ministerpräsidenten des Landes, um die Interessen der Landwirte in der Trockenzone zu vertreten.

Im Jahr 1992 reiste er nach Deutschland, um Erfahrungen in der landwirtschaftlichen Betriebsführung zu sammeln.

„Da kam mir die Idee: Ich muss mich an die deutsche Regierung wenden, damit sie auf der Grundlage meines Betriebs einen Lehr- und Versuchsbetrieb einrichtet, in dem Interessierte in privater Landwirtschaft geschult werden. Deutschland verfolgte damals, Anfang der 90er-Jahre, eine aktive Politik zur Aufnahme von Spätaussiedlern. Die Eingliederung jedes Russlanddeutschen in die historische Heimat kostete damals rund 50.000 D-Mark. Und ich dachte mir: Warum investiert die Bundesregierung nicht direkt in Förderprojekte für Landwirte in Russland? Das würde die Abwanderungswelle eindämmen, indem es den Menschen vor Ort eine Perspektive gibt, und unserer heimischen Landwirtschaft neue Impulse verleihen. In der Folge erhielt ich eine Einladung, mich in Deutschland auf Kosten der Gastgeber umfassend weiterzubilden.“

„Man führte uns zu verschiedenen Betrieben und zeigte uns das Beste, was es in allen Bereichen der Landwirtschaft und der Verarbeitungstechnologie gab. Die deutsche Seite leistete zudem humanitäre Hilfe, indem sie für mehrere hunderttausend D-Mark Ausrüstung für uns kaufte. Das war für uns nicht nur in materieller Hinsicht wertvoll – diese Fortbildung hat unsere Vorstellung von der Landwirtschaft völlig auf den Kopf gestellt. Später gründeten wir den Verband der deutschen Landwirte Sibiriens, hielten in Tabuny den Gründungskongress ab und ließen den Verband beim Justizministerium registrieren. Unsere Aufgabe war klar: Wir wollten moderne Maschinen und Technologien aus Deutschland holen und der Jugend beim Einstieg in die Landwirtschaft helfen“, erinnert sich Otto Ottowitsch.

Doch der europäische Pragmatismus wurde für ihn nicht zum Dogma – er schuf sein eigenes System, das auf der russischen Seele und der deutschen Disziplin beruhte.

„Person des Jahres“ mit Tausenden von Stimmen

Später, als er bereits Geschäftsführer der ООО „Stepnoje“ war, erhielt Otto Gross eine Auszeichnung, die für ihn von besonderem Wert ist. Seit rund 20 Jahren wird in der Region der Wettbewerb „Person des Jahres“ veranstaltet. Im Jubiläumsjahr schlug das Team ihn heimlich als Kandidaten vor.

„Ich war auf Dienstreise. Da rief man mich an: ‚Sie haben gewonnen.‘ Später erfuhr ich: Menschen, die ich nicht einmal persönlich kannte, waren im Winter nach der Arbeit durch die Höfe gegangen und hatten Unterschriften gesammelt. In jenem Jahr lag der Zweitplatzierte bei 40 Stimmen. Meine Stimmen gingen in die Tausende. Das war die höchste Auszeichnung für mein Wirken“, sagt Otto Ottowitsch.

„Stepnoje“: Rekorde und Innovationen

Im Jahr 2000 wurde der landwirtschaftliche Betrieb in die OOO „Stepnoje“ umgewandelt, und die folgenden 25 Jahre wurden zu einer Erfolgsgeschichte effektiven Managements. Unter der Leitung von Otto Gross entwickelte sich das Unternehmen zu einem vorbildlichen Agrarbetrieb.

Das Jahr 2009 stach dabei besonders hervor. Trotz denkbar schwieriger Witterungsbedingungen erzielte das Team eine Ernte, die das Vorjahresergebnis um das Fünffache übertraf. Auf einzelnen Schlägen in einer Zone des Risikoackerbaus lieferte der Weizen mehr als 35 Dezitonnen (Zentner) pro Hektar, was an sich schon an ein Wunder grenzte. Die Arbeitsproduktivität stieg um das 3,2-Fache, und das Einkommen der Beschäftigten verdoppelte sich – in Krisenzeiten war dies ein entscheidender Faktor.

Im Jahr 2016 nahm bei „Stepnoje“ eine eigene Sonnenblumenverarbeitungsanlage den Betrieb auf. Das unter den Marken „Ich liebe es und koche damit!“ und „Altai-Etalon“ vertriebene Öl gewann Goldmedaillen auf den renommierten Messen „ProdExpo“ und „InterFood Siberia“ und bewies damit, dass ein Produkt aus dem Altai ein Maßstab für Qualität sein kann.

Qualität, die die Welt erobert hat

Das Engagement hat erstaunliche Ergebnisse gebracht. Ein führender Hersteller von Babynahrung in Russland hat beschlossen, ausschließlich mit dem Betrieb von Gross zusammenzuarbeiten.

„Sie kamen aus dem europäischen Teil des Landes und haben die Qualität unserer Produkte in mehreren Laboren geprüft. Letztendlich haben sie alle anderen Lieferanten abgelehnt. Im vergangenen Jahr wurden 70 % der buchweizenbasierten diätetischen Babynahrung in Russland aus Rohstoffen unseres Betriebs hergestellt“, erzählt er stolz.

Oder ein anderer Fall: Fernfahrer eines der größten Unternehmen, mit dem „Stepnoje“ zusammenarbeitete und das in den GUS-Staaten tätig war, kamen zu ihm, um sich für die reibungslose Verladung und den Respekt vollen Umgang mit den Menschen zu bedanken. „So etwas haben wir in keinem Land gesehen! Nicht einmal in unseren eigenen Betrieben“, gaben sie zu.

Im Ferienort am Jarowoje-See, wo sein Öl verkauft wird, bilden sich 100 bis 200 Meter lange Schlangen. „Leute aus Kemerowo, Tomsk, Omsk, Krasnojarsk und Nowosibirsk kaufen ganze Kartons ein, damit es für sie und ihre Angehörigen ein Jahr lang reicht. In ihren Heimatstädten gibt es so etwas eben nicht. Das spricht für sich“, lächelt er.

Unternehmensphilosophie: „Zuflucht in der Seele“

Das Erfolgsgeheimnis von „Stepnoje“ liegt nicht in modernster Technik, sondern in den Menschen. Im Betrieb arbeiten etwa 60 Mitarbeiter, die ein so enges Team bilden, dass niemand freiwillig geht. Otto Ottowitsch zitiert hierzu Robert Kiyosaki: „Um die Welt zu regieren, muss man in der Seele jedes Menschen Zuflucht finden und jedem Menschen Zuflucht in seiner eigenen Seele gewähren.“

„Gleiches zieht Gleiches an“, erklärt er. „Wenn du zu mir kommst, anständig arbeitest und nicht stiehlst, tue ich alles für dich. Unzuverlässige Menschenbleiben nicht bei uns – sie gehen einfach andere Wege. In meinem ganzen Leben habe ich nur drei Mitarbeiter entlassen: Zwei sind dem Alkohol verfallen, einer hat gestohlen. Mehr war nicht nötig. Niemand verlässt uns von sich aus.“

Das Gehalt nimmt in der Wertehierarchie den dritten oder vierten Platz ein. An erster Stelle steht das Arbeitsklima, der Umgang mit den Mitarbeitern und die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung.

Bei uns sind die Beziehungen im Team manchmal besser als in der Familie. Ein Leiter – selbst, wenn er noch so klug ist – ist ohne sein Team ein Nichts. Das ist uns völlig klar. Wenn ich morgens zu den Maschinenführern gehe, sind sie mürrisch. So zu sein wie sie, nur mit mehr Verantwortung – das ist mein Stil, – erzählt er.

Otto Ottowitsch ist überzeugt, dass die Bewertung der Tätigkeit eines jeden Unternehmens und vor allem seines Leiters anhand eines einzigen Indikators erfolgen muss – nämlich danach, inwieweit sich die Lebensbedingungen seiner Mitarbeiter verbessert haben. „Alles andere hat mit der Sache nichts zu tun. Andere Bewertungskriterien gibt es nicht. Das ist eine eiserne Philosophie“, fügt unser Preisträger hinzu.

Analytik der Steppe: Warum hier besondere Menschen leben

Otto Ottowitsch lädt dazu ein, die Kulundasteppe nicht nur als bloßes Gebiet zu betrachten, sondern tiefer in sie hineinzuschauen.

„Das Halbwüstengebiet wurde vor 120 Jahren im Rahmen der Stolypin-Reform erschlossen. Dorthin zogen Menschen aus dem europäischen Teil des Landes, denen es an Land mangelte. Im Grunde genommen bedeutete das, auf kargem Boden zu schuften. Die zweite Welle erfolgte im Dezember 1941 und 1945, als Deutsche hierhergebracht wurden. Die dritte Welle war die Erschließung der Neulandgebiete im Jahr 1954. In meinem Rayon Tabuny waren in den besten Zeiten 60 Prozent der Bevölkerung Deutsche. Sie haben tiefe Spuren hinterlassen“, erzählt er.

Und er kommt zu einer überraschenden Schlussfolgerung: „In unserer Steppe leben ganz andere Menschen. Es gibt weder Wald noch Flüsse, nur Sand und Lehm. Aber die Straßen sind sauber, die Häuser gepflegt.“

Je härter die Lebensbedingungen sind, desto stärker wird der Charakter geformt. Der Mensch ist gezwungen, seinen Verstand und seine Muskeln anzustrengen. Ein müßiges Leben lehrt uns nichts; nur Schwierigkeiten und Prüfungen sorgen für unser persönliches Wachstum und unsere Weiterentwicklung.

Eine schwere Entscheidung: Warum das Lebenswerk verkauft wurde

Die Entscheidung, das Unternehmen zu verkaufen, fiel ihm nicht leicht, doch Otto Ottowitsch hält sie für richtig: „Wir haben erkannt, dass das goldene Zeitalter der russischen Bauernschaft vorbei ist. Genauer gesagt: Es hat gar nicht erst richtig begonnen. Wir haben den schweren Entschluss gefasst, den Betrieb zu verkaufen, bevor nur noch ein Schatten davon übrigblieb. Heute wäre ein Verkauf kaum mehr möglich – eine Welle von Unternehmensinsolvenzen rollt an, und die Liquidität der Betriebe sinkt drastisch. Wir haben genau zum richtigen Zeitpunkt verkauft.“

Sein Sohn Wiktor, der mehr als 20 Jahre lang sein Stellvertreter war, blieb auch unter dem neuen Eigentümer Geschäftsführer. Und im vergangenen Jahr erwies sich „Stepnoje“ als das profitabelste Unternehmen unter allen neun Betrieben der gesamten Holding.

Die wertvollste Ressource sind die Menschen

Familie und die Entscheidung der Kinder: „Ich habe ihn nicht dazu gedrängt, es war seine Entscheidung“

Einer der bewegendsten Momente des Interviews ist die Geschichte darüber, wie Sohn Wiktor ins Dorf zurückkehrte. Der Jüngere, Alexander, blieb in Barnaul. Der Ältere hingegen, der als Handelsvertreter arbeitete und Produkte an Kioske auslieferte, sah sich mit Betrug und den Schattenseiten des Stadtlebens konfrontiert. Und so beschloss er, sein Glück auf dem Land zu versuchen. Nachdem er eine Zeit lang bei einem Saatgutunternehmen gearbeitet hatte, gestand der Sohn: „Papa, nach all dieser städtischen Hektik gefällt es mir hier so gut. Die Menschen sind offen, niemand betrügt einen. Ich bleibe hier.“

Ich habe ihn nicht dazu gedrängt. Und ich werde es auch meinen Enkeln niemals aufzwingen. Es ist ihr Leben. Wichtig ist, dass sie ehrlich das tun, was sie lieben.

Über die russische Seele und die russische Sprache

Auf die Frage nach der nationalen Identität antwortet Otto Ottowitsch überraschend: „Meine Familie lebt seit 260 Jahren in Russland. Ich habe die russische Sprache schon immer geliebt. Uns Deutsche haben sie damals gehänselt, und aus Trotz habe ich kein Deutsch gelernt – ich hatte darin nur eine Drei. An der Fachschule wurde ich vom Unterricht in russischer Sprache und Literatur befreit; man sagte mir: ‚Du kannst es zu gut, du störst die anderen.‘“

Er war oft in Deutschland. „Aber dort wird mir schnell langweilig. Es geht nur um Geld und materielle Dinge. Bei uns in Russland ist es einfach interessanter“, gesteht unser Preisträger.

Anerkennung und Vermächtnis

Im Laufe seines Berufslebens wurde Otto Gross mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt: von den Titeln „Direktor des Jahres“ und „Mensch des Jahres“ bis hin zur höchsten staatlichen Anerkennung – per Erlass des Präsidenten der Russischen Föderation vom 3. Juli 2019 wurde ihm der Ehrentitel „Verdienter Landwirt der Russischen Föderation“ verliehen. Er ist zudem Preisträger des nach P. A. Stolypin benannten Gouverneurspreises und Ehrenbürger des Rayons Tabuny.

Heute hat sich Otto Ottowitsch aus der operativen Leitung zurückgezogen. Sein Werk führt sein Sohn Wiktor fort, der gemeinsam mit seinem Vater alle Stationen durchlaufen hat – vom Acker bis in die Geschäftsführung. Doch Otto Gross selbst bleibt für seine Landsleute ein Symbol für Standhaftigkeit und Verbundenheit mit der heimatlichen Scholle. Nicht umsonst ist er auch Preisträger des Gouverneurspreises „Für die Treue zum Beruf“.

Trotz seines Rückzugs aus dem aktiven Geschäft sprüht Otto Ottowitsch vor Energie: Er hat ein Studium an der Präsidentenakademie (RANEPA / RANChigS) aufgenommen.

Im Alter von 68 Jahren habe ich beschlossen, noch einmal zu studieren. Dabei geht es mir nicht um das Diplom, sondern darum, dass der Geist rege bleibt und nicht einrostet, – betont Gross mit einem Lächeln.

Das Leben als Vorbild

Otto Ottowitsch Gross ist es gelungen, unter rauen klimatischen Bedingungen, mitten in einer Dürrezone, einen hocheffizienten landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen. Das Wichtigste dabei ist für ihn, die Erde zu lieben, die Menschen zu respektieren und in der eigenen Entwicklung niemals stillzustehen.

Ich lese sehr gerne … Vor allem Memoiren herausragender Persönlichkeiten und Literatur zur Persönlichkeitsentwicklung, – gesteht er.

Otto Ottowitsch ist überzeugt: Die Hauptaufgabe des Staates besteht darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Talente und Fähigkeiten der Menschen zur Entfaltung kommen; den Rest erledigen sie selbst.

Meiner Ansicht nach zeigt sich die wahre Größe eines Menschen nicht darin, dass er sich über die Köpfe anderer hinweg nach oben drängt, um sich persönlich zu bereichern, sondern darin, inwieweit er in der Lage ist, das innere, verborgene Potenzial seiner Mitmenschen zu erschließen, ihre Talente zu erkennen und zu fördern, anstatt die eigenen zur Schau zu stellen.


Das Projekt wird vom Internationalen Verband der deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms für Russlanddeutsche in der Russischen Föderation umgesetzt.

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