Erkenntnisse aus der ethnografischen Arbeit: Fortsetzung des Augustprojekts


Vom 21. bis zum 27. August besuchte eine Gruppe von Ethnografen eine Reihe von Siedlungen der Russlanddeutschen in den Gebieten Saratow und Wolgograd. Das von den Forschern gesammelte ethnografische Material wird die Grundlage für ethnokulturelle Projekte des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur bilden, darunter auch für den kreativen Bereich „Avantgarde“.

Lücken schließen

Ein Großteil der ethnografischen Forschungen zur Kultur und zum Alltag der Russlanddeutschen wurde in den 1990er- und 2000er-Jahren durchgeführt. Dennoch gibt es auf der Landkarte nach wie vor „weiße Flecken“ – wenig erforschte Gebiete mit einer hohen Konzentration an Russlanddeutschen. Diese Lücken sollen durch ein ethnografisches Projekt geschlossen werden, das vom Internationalen Verband der deutschen Kultur realisiert wird.

Die erste Phase des ethnografischen Projekts fand in der ersten Augusthälfte statt. Die Teilnehmer besuchten deutsche Dörfer im Gebiet Orenburg. Die zweite Phase der Forschungsarbeit fiel auf Ende August.

Diesmal reisten die Teilnehmer in die deutschen Siedlungen der Region Wolgograd. Zu den wichtigsten Stationen auf der Reiseroute gehörten die Dörfer Staraja Poltawka, Kano, Werchnij Jeruslan, Gmelinka, Nischnjaja und Werchnjaja Wodjanka, Romaschki, Staraja und Nowaja Iwanzowka, die Ortschaft Zwetnoje sowie die Stadt Pallasowka. Acht Tage lang arbeitete die ethnografische Gruppe an Orten, an denen früher und heute Russlanddeutsche in großer Zahl leben: Sie zeichnete die Erinnerungen der Ältesten auf, untersuchte Familienarchive, dokumentierte Objekte der materiellen Kultur und Besonderheiten der traditionellen Lebensweise.

An der Spitze der Forschungsgruppe stand Andrian Ochotnikow, Historiker und Anthropologe. Unter seiner Leitung arbeiteten Elena Filimonowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heimatmuseum der Stadt Marx (einer Filiale des Saratower Landeskundemuseums), sowie Daria Swirina, Dozentin am Institut für Sozialwissenschaften der Ersten Staatlichen Medizinischen Universität Moskau I. M. Setschenow und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für grundlegende Probleme der Sozial- und Geisteswissenschaften der Nationalen Forschungsuniversität für Kernenergie „MEPhI“.

Der Schwerpunkt lag auf der Erfassung des „verschwindenden Erbes“ – des materiellen Kulturerbes der Wolgadeutschen (wobei den Bauwerken besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde) – sowie auf dem Verständnis der Motive für die Rückkehr und der Besonderheiten der Anpassung der Wolgadeutschen an eine raue natürliche Umgebung und radikal veränderte soziokulturelle Bedingungen. Andrian Ochotnikow hat die ethnokulturellen Gegebenheiten seiner Heimatregion – Westsibirien – eingehend untersucht, und das Wolgagebiet bot einen hervorragenden Nährboden für eine wissenschaftlich-vergleichende Analyse:

Es war interessant, die Lebensbedingungen der Wolgograder Deutschen in den 60er- bis 80er-Jahren mit den mir vertrauten Gegebenheiten in Westsibirien zu vergleichen.

Das besondere Interesse an den genannten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts rührte daher, dass die Wolgadeutschen in dieser Zeit – im Gegensatz zu den Deutschen in Kasachstan und Westsibirien – unter noch ungünstigeren Bedingungen für die Pflege ihrer Kultur lebten. Und dennoch gelang es ihnen unter diesen harten Bedingungen nicht nur, sich selbst treu zu bleiben, sondern auch ihre Nachbarn mit Wissen über die deutsche Kultur zu bereichern. Tatsächlich werden in beiden Regionen Kuchen gebacken, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit der Einheimischen“, führte Andrian Ochotnikow als anschauliches Beispiel an.

„Klein, aber fein“

Bei den eher unscheinbaren Funden haben die Forscher bisher unterschätzte oder der Wissenschaft noch nicht vollständig bekannte Erkenntnisse über eine spezifische Entwicklung der Bestattungsbräuche am Beispiel der Ausstattung der Grabstätten auf dem Pallasowker Friedhof herausgearbeitet.

Daria Swirina dokumentierte Objekte, die den Teilnehmern der ethnokulturellen Projekte des IVDK und des Jugendrings der Russlanddeutschen (JdR) bereits bekannt waren: die Kirche und die Schleusenbrücke in Werchnij Jeruslan.

„Meine Erfahrungen im Rahmen dieses Projekts wurden vor allem durch die Begegnung mit neuen Arten materieller Objekte bereichert, die die Geschichte der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen widerspiegeln. Ein eindrucksvolles Beispiel für ein solches Objekt war für mich die Schleusenbrücke über den Fluss Jeruslan. Dank der Initiative der Anwohner gelang es, sie zu sanieren und in einen Teil des Erholungsgebiets zu verwandeln.

Für mich ist diese Brücke nicht nur ein moderner öffentlicher Raum, sondern ein materielles Zeugnis der einstigen deutschen Autonomie hier vor Ort.

Unter den selteneren Objekten des materiellen Kulturerbes haben die Projektteilnehmer die im Pallasowker Rajon erhalten gebliebenen Wohnhäuser hervorgehoben. Der Leiter der Forschungsgruppe räumt mit einer gewissen Bitterkeit ein, dass „die ursprüngliche Kultur verschwindet“: „Das Gebiet jenseits der Wolga ist von sekundärer Besiedlung geprägt. Die Menschen haben sich hier erst später niedergelassen und ein kulturelles Erbe geschaffen, das weniger umfangreich ist als an der Wolga.“

„Sprechen ist Silber, Schweigen ist Gold“

Die Schönheit der Ethnografie liegt in der gemächlichen, aufmerksamen Erforschung, bei der der Prozess der Suche nach Details und der Gespräche an sich manchmal nicht weniger wichtig ist als das Endergebnis. Von der Anfertigung von Tonaufnahmen und deren anschließender Digitalisierung bis hin zum behutsamen Umgang mit den Geschichten anderer – das ist das Spektrum an praktischen Fähigkeiten, auf die Ethnografen bei ihrer Feldforschung zurückgreifen müssen. Denn das Sammeln ethnografischen Materials besteht nicht nur aus Fotos von materiellen Objekten des kulturellen Erbes und aus verstaubten Stapeln von Archivdokumenten, sondern vor allem aus der lebendigen Kommunikation mit den Trägern der Kultur und dem respektvollen Umgang mit den Traditionen, die von der lokalen Bevölkerung bewahrt werden. Elena Filimonowa ist überzeugt: Die Fähigkeit, einen vertrauensvollen Kontakt zu den Informanten aufzubauen, ist in der Feldforschung eines Ethnografen mehr wert als Gold.

Manchmal beginnt die wichtigste Erzählung nicht mit einer Frage, sondern mit gemeinsamem Schweigen.

Ähnlich wie ein Ermittler setzt der Ethnograf aus einzelnen Details ein Gesamtbild zusammen: Alltägliche Kleinigkeiten, familiäre Rituale oder sprachliche Besonderheiten fügen sich zu einer einzigartigen Lebensweise zusammen.

Kulturelles Muster oder Vielfalt lebendiger Formen?

Suchen Ethnografen nach kulturellen Patterns, die die Kultur einer bestimmten ethnischen Gruppe prägen, oder versuchen sie, das gesamte Spektrum der lebendigen Ausdrucksformen einer bestimmten Tradition im Blick zu behalten? Die Projektteilnehmer teilten ihre Meinungen zu dieser kontrovers diskutierten Frage mit.

„Ich stehe kulturellen Patterns skeptisch gegenüber, da ich nicht an die Ewigkeit dieser Konstanten glaube.

Aber die Realität hier ist beeindruckend: Ich habe eine phänomenale Beharrlichkeit, Vertrauen in Technologien und eine filigrane Geschicklichkeit im Umgang mit Technik beobachtet.

Hier stimme ich wohl zu, dass diese Muster die Kultur der Russlanddeutschen bestimmen“ – diese Position vertritt Andrian Ochotnikow.

Eine ähnliche Sichtweise vertritt auch Elena Filimonowa: „Der Vergleich der Traditionen der Deutschen in den Gebieten Saratow und Wolgograd hat mir gezeigt, wie dieselben Wurzeln unter dem Einfluss lokaler Gegebenheiten unterschiedliche Ausprägungen hervorbringen: An manchen Orten hat sich der rituelle Aspekt stärker erhalten, an anderen die Sprache und die kulinarischen Gewohnheiten, und wieder an anderen haben sich die Mechanismen der Anpassung und der Vermischung der Kulturen deutlicher gezeigt.

Das hat mich gelehrt, nicht nach einer „Vorbildtradition“ zu suchen, sondern die Vielfalt ihrer lebendigen Formen zu schätzen.

Von der Forschung zum kreativen Schaffen

Die im Rahmen des ethnografischen Projekts gesammelten Materialien werden systematisiert, digitalisiert und dazu genutzt, das Virtuelle Museum der Russlanddeutschen zu ergänzen, die Ausstellung im Deutsch-Russischen Haus in Moskau vorzubereiten, wissenschaftliche Publikationen zu erstellen und ein Verzeichnis der Kulturgüter der Russlanddeutschen zu erarbeiten. Darüber hinaus werden die gesammelten Geschichten den Organisatoren des Kunstlabors für Theaterkunst als Inspirationsquelle dienen. Dieses Projekt widmet sich der Bewahrung des familiären Gedächtnisses und wird 2027 im Rahmen des Themenbereichs „Avantgarde“ stattfinden.


Das Projekt wird mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms für die Russlanddeutschen in der Russischen Föderation umgesetzt.

Rubriken: IVDKSpuren der deutschen Kultur in Russland