„Vom Schicksal gezeichnet und geadelt“ – eine Tragikomödie von Wendelin Mangold erschienen


  Im Berliner Geest-Verlag ist vor kurzem die Tragikomödie von Wendelin Mangold „Vom Schicksal gezeichnet und geadelt" erschienen. Das Theaterstück stellt die 250-jährige Geschichte der Russlanddeutschen an der Wolga dar. Das Theaterstück schlägt einen Bogen von der Auswanderung bis zur Rückwanderung. Wendelin Mangold hat sich längst weit über den Kreis der Russlanddeutschen hinaus als literarische Instanz etabliert. Wie kaum ein anderer Autor ist er mit der politischen und literarischen, mit der theologischen und philosophischen Geschichte der Deutschen in und aus Russland vertraut. Seine neue Tragikomödie ist ein ideales Theaterstück für ein breites Publikum, das Grundverfasstheiten, historische Entwicklungslinien für ein einheimisches bundesdeutsches Publikum aufzeigt und einem russlanddeutschen Publikum selbst Möglichkeiten der Identitätsauseinandersetzung bietet.

Im Berliner Geest-Verlag ist vor kurzem die Tragikomödie von Wendelin Mangold „Vom Schicksal gezeichnet und geadelt" erschienen. Das Theaterstück stellt die 250-jährige Geschichte der Russlanddeutschen an der Wolga dar. Das Theaterstück schlägt einen Bogen von der Auswanderung bis zur Rückwanderung. Wendelin Mangold hat sich längst weit über den Kreis der Russlanddeutschen hinaus als literarische Instanz etabliert. Wie kaum ein anderer Autor ist er mit der politischen und literarischen, mit der theologischen und philosophischen Geschichte der Deutschen in und aus Russland vertraut. Seine neue Tragikomödie ist ein ideales Theaterstück für ein breites Publikum, das Grundverfasstheiten, historische Entwicklungslinien für ein einheimisches bundesdeutsches Publikum aufzeigt und einem russlanddeutschen Publikum selbst Möglichkeiten der Identitätsauseinandersetzung bietet.



Von Alfred Büngen


„Vom Schicksal gezeichnet und geadelt“ – eine Tragikomödie von Wendelin Mangold.
Das Theaterstück stellt die 250-jährige Geschichte der Russlanddeutschen an der Wolga dar. Das Los dieser Volksgruppe ist trotz des errungenen Erfolgs von bitteren Schicksalsschlägen gezeichnet: Enteignung und Säuberung, Erniedrigung und Verfolgung, Deportation und Vertreibung. Das Theaterstück schlägt einen Bogen von der Auswanderung bis zur Rückwanderung. Mangold wählt dabei bewusst die Form der Tragikomödie, verbindet also tragische und heitere Momente, um die Grundzüge des Denkens und Fühlens der Menschen besonders hervorzuheben und um die Zuschauer nicht im Tränenmeer des Leids der Russlanddeutschen zu ersticken. Er verfolgt mit origineller und überraschend unkonventioneller Darstellungsweise die kontinuierliche Erosion der deutschen Sprache und Kultur der Russlanddeutschen infolge der äußeren zeitgeschichtlichen Umstände, den unvermeidbaren Prozess der Russifizierung. Das Einzige, das als harter Kern des Russlanddeutschen bleibt, ist der Glaube.

Wendelin Mangold wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren, wo er gelebt, gearbeitet, studiert und viele Jahre danach Deutschlehrer ausgebildet hatte, bis er 1990 nach Deutschland übersiedelte und anschließend 17 Jahre bei der Seelsorge für Spätaussiedler als Sozialarbeiter tätig war. Somit war er doppelt von der Aussiedlerproblematik betroffen: persönlich wie durch die langjährige Betreuung seiner Landsleute. Die Gefühlslage der Aussiedler ist ihm daher besonders vertraut. Er lebt heute im (Un-)Ruhestand in Königstein im Taunus.

Seine besondere Begabung, kreativ, wortwitzig und originell zu schreiben und sich sprachlich, inhaltlich und formbewusst auszudrücken, macht den Reiz seiner Texte aus.

Zum Band:

Der Aberwitz der Geschichte der Russlanddeutschen – eine Tragikomödie


Wendelin Mangold hat sich längst weit über den Kreis der Russlanddeutschen hinaus als literarische Instanz etabliert. Selber unter den Bedingungen des autoritären Regimes in der Sowjetunion aufgewachsen, studiert, gearbeitet und gelitten, siedelte er 1990 in die Bundesrepublik über und betreute dort seine Landsleute. Wie kaum ein anderer Autor ist er mit der politischen und literarischen, mit der theologischen und philosophischen Geschichte der Deutschen in und aus Russland vertraut.

Mangold wusste daher um die Aussichtslosigkeit eines Unterfangens, die 250-jährige Geschichte der Menschen, die seit der Ansiedlung der Deutschen in der Region der unteren Wolga vergangen sind, etwa in der Form eines Historiendramas zu literarisieren. Die in einem solchen Rahmen notwendigen Differenzierungen in Bezug auf die Entwicklung der verschiedenen regionalen und religiösen Gruppen hätte ein Theaterstück ergeben, das nur mit gewaltigem personellem, materiellem und zeitlichem Aufwand darstellbar gewesen wäre. Er jedoch beabsichtigte, was angesichts seiner literarischen Vorliebe für die Lyrik nicht verwundert, ein Theaterstück zu schaffen, das für kleinere Personengruppen mit geringem Aufwand und in überschaubarer Darstellungszeit wesentliche Grundelemente der Geschichte und der aktuellen Situation der Deutschen in und aus Russland zur Sprache bringt. Ihm ging es darum, Grundzüge ihres geschichtlich-kulturellen Seins aufzuzeigen, deren Entstehung aufzudecken.

Dass er, durch eine solche Zielsetzung bedingt, die Form der Tragikomödie wählt, ist somit keinesfalls ein Zufall. Die Wahl der Tragödie erklärt sich aus dem historischen Kontext. Die Geschichte der Russlanddeutschen ist eine Tragödie. Bereits unter falschen Versprechungen aus der deutschen Aussichtslosigkeit ins russische Reich gelockt, in entbehrungsreicher Arbeit eine für Russland unglaublich wichtige Aufbauarbeit geleistet und auch selber zu einigem Wohlstand gelangt, sich als zu Russland gehörend betrachtend und zugleich die eigenen deutschen Wurzeln nicht zu verlieren glaubend, werden sie genau aus dem Grund ihres wirtschaftlichen Strebens und der Bewahrung ihres Deutschtums in Russland missachtet, verfolgt, deportiert und getötet. Der Russifizierungsprozess führt zudem zu einer Auflösung ihrer sprachlich-kulturellen Traditionen. Was ihnen bleibt, ist der Glaube, ein unerschütterlicher Glaube.
Dieser „Irrsinn der Geschichte“ der Russlanddeutschen hat für sich genommen bereits komödiantischen Charakter. Ja, man ist beinahe geneigt, bei der Geschichte der Deutschen in und aus Russland von einem „Aberwitz der Geschichte“ zu sprechen, den aber Hunderttausende mit dem Leben bezahlten. Eine Tragikomödie.

Diesen tragischen „Aberwitz der Geschichte“ verdeutlicht Mangold in literarischer Verdichtung in drei Akten, die von einem Prolog und einem Epilog umrahmt werden. Elemente des Volkstheaters, Lieder, das Auftreten wichtiger kultureller Figuren prägen das Geschehen, das, in zeitlich-historisch unterschiedlich angeordneten Akten, eine ungeheure Dynamik entwickelt. Das Leben eines „Volkes“ in wenigen kurzen Sequenzen. Skurrile Situationen verdeutlichen das Handeln beziehungsweise Nichthandeln der Menschen, ihre offensichtlichen Widersprüche in Bezug auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, die vom Betrachter als komödiantisch wahrgenommen werden und im Grunde genommen doch tragisch sind.

Und das Ende, der Epilog, die Rückkehr nach Deutschland ins Land ihrer Urahnen. Mangold zeigt eine verzweifelte Gruppe junger Spätaussiedler, die in ihrem als Heimat empfundenen Land als Russen tituliert werden. Schon beinahe beschwörend versuchen sie, ihre eigene Identität Einheimischen zu erklären, erfahrbar zu machen. „Eine heitere, schrill pfeifende, laut russisch durcheinander sprechende, „Kalinka-Malinka“ singende und „Kasatschok“ tanzende Gruppe von Spätaussiedlern, Männer und Frauen in bunten russischen Trachtenkleidern, schwärmt auf die Bühne“ und beendet diesen Prozess der Identifikationssuche.


Ein sicherlich gewagtes Theaterstück, doch mit seiner radikal tragischen Komik, seiner Kombination aus Volkstheater und surrealen Bühnenelementen ist es ein der realen Historie der Russlanddeutschen in Form und Inhalt angemessenes Stück. Mangold gelingt es, die Stimmungen und Gefühle, die Tragik und den unerschütterlichen Glauben dieser Volksgruppe in seinen vielfachen Erscheinungsformen und Ausprägungen einzufangen und in all seiner verzweifelten Ausweglosigkeit darzustellen. Er entindividualisiert seine Figuren durch Generationen hindurch, stellt kulturelle Verbindungslinien zu anderen russlanddeutschen Autoren her, scheut sich nicht, ein wahres Sprachspektakel zwischen Russisch, Wolgadeutsch und Hochdeutsch auf der Bühne ablaufen zu lassen. Jede Bühnenäußerung ist bis ins Letzte durchdacht, ohne dabei zum Theater für Intellektuelle zu werden, da die volkstheaterhaften Einschübe dem entgegenwirken.

Ein ideales Theaterstück für ein breites Publikum, das Grundverfasstheiten, historische Entwicklungslinien für ein einheimisches bundesdeutsches Publikum aufzeigt und einem russlanddeutschen Publikum selbst Möglichkeiten der Identitätsauseinandersetzung bietet.

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