Im Deutsch-Russischen Haus in Moskau findet die Fotoausstellung „Jahre, Ereignisse, Gesichter“ des Fotografen, Journalisten und Pädagogen Gennadi Grikow-Mayer statt. In einem Interview erzählte Gennadi, wie unauffällig die Fotografie nach und nach zu seinem Lebenswerk wurde, und teilte seine kreativen Prinzipien.
Gennadi Grikow-Mayer ist Mitglied der Kreativen Union der Künstler Russlands, der Internationalen Föderation der Künstler UNESCO, Stipendiat der Russischen Akademie der Künste und Mitglied der Künstlervereinigung der Russlanddeutschen. Über fünfzehn Jahre war er unermüdlich mit Kamera bei Veranstaltungen des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK) im Deutsch-Russischen Haus in Moskau (DRH Moskau) anwesend und hat eine künstlerische Chronik von Ereignissen, Begegnungen und menschlichen Emotionen geschaffen.
Die Fotoausstellung „Jahre, Ereignisse, Gesichter“ ist eine visuelle Chronik der Projekte des IVDK im DRH Moskau sowie der Menschen, die über viele Jahre das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen geschaffen und bewahrt haben. In der Ausstellung sind Porträts bekannter und unbekannter Gesichter zu sehen – Kollegen, Freunde, Gleichgesinnte, Lehrkräfte und Teilnehmer der Deutschclubs.
Die Besucher haben die Möglichkeit, nicht nur die von Gennadi gesammelten Fotografien zu betrachten, sondern auch die Geschichten aus erster Hand zu hören – Geschichten, die lautlos hinter den Bildern standen und geduldig auf den passenden Moment warteten, um mit dem Betrachter zu sprechen. Für manche wurde die Ausstellung zu einem persönlichen Erinnerungsalbum, für andere zu einem aufrichtigen Bericht über die Leidenschaft und das Engagement der Menschen, die auf den Fotos festgehalten sind.
Die Kunst der Fotografie ist für Gennadi quasi zufällig in sein Leben eingezogen und wurde nach und nach zu seiner Lebensaufgabe. Das Alltägliche durch eine „künstlerische Linse“ zu sehen, ist für den Fotografen mittlerweile eher keine berufliche Notwendigkeit mehr, sondern eine innere Notwendigkeit, eine Philosophie seines Lebens. Das Interview mit Gennadi ist ein „Schritt hinter die Kulissen“ — ein Weg in die Welt der präzisen, mathematisch genauen Optik und der feinen psychologischen Beobachtungen.
Gennadi, bitte erzählen Sie, wie Sie mit der Fotografie begonnen haben.
Eigentlich habe nicht ich selbst mit der Fotografie angefangen – das hat für mich meine Mutter getan. Eines Tages brachte mein Großvater aus einer Geschäftsreise eine deutsche Kamera mit, und meine Großmutter begann zu fotografieren. All diese Instrumente sind noch erhalten geblieben: eine rote Dunkelkammerlampe, Bilderrahmen zum Entwickeln. Als ich sechs Jahre alt war, beschloss meine Mutter, dass es Zeit ist, mir das alles zu zeigen.
Wir saßen im Badezimmer. Meine Mutter beleuchtete das Negativ, das unter einem Glas lag, mit Streichhölzern.
Die notwendige Lichtintensität wurde durch die Dichte des Negativs bestimmt und mit der Anzahl der Streichhölzer geregelt. Und so erschienen im Dunkeln Abbildungen auf einem weißen Blatt...
Natürlich war ich stolz, dass man mir erlaubt hatte, nicht unbedingt Streichhölzer, aber zumindest den Bilderrahmen in die Hand zu nehmen. Anscheinend war das der erste Versuch, der mich emotional ergriff.
Später zeigte meine Mutter mir, wie man richtig fotografiert. Den damaligen technischen Möglichkeiten entsprechend musste die Sonne im Rücken stehen. Das war eine sehr scharfe Einschränkung, denn damals gab es keine Objektive, die erlaubten, die Sonne auf den Film zu bannen.
Natürlich war auch die Herangehensweise meiner Mutter sehr bedeutend: „Schau, was für eine Blume. Sieh mal, welches Käferchen darauf sitzt...“ Ich habe erst später verstanden, was das sie gekostet hat. „Mama, schau, was für eine Raupe!“ – und schon renne ich wie ein Offizier zu ihr. „Hör auf, mir dieses Ungeziefer zu zeigen!“ „Aber genau das hast du mir beigebracht!“ „Das stimmt, und... ich habe es ausgehalten“ (erzählt Gennadi lachend).
Selbst Fotos zu machen begann ich bereits in der ersten Klasse. Die technischen Abläufe lernte ich natürlich später. Alles wurde ernst, als mein Vater nach Tscheljabinsk fuhr und auf dem Flohmarkt für vier Rubel eine „Smena“-Kamera kaufte. Damals schimpfte meine Mutter sehr, weil das Gehäuse der Kamera einen Riss hatte und mit schwarzem Isolierband repariert war.
Ich lerne mein Leben lang. Bis ich das Fotografieren beherrschte, verwandelte sich die analoge Filmbeschaltung allmählich in die digitale Welt. Das bedeutet, ich lerne jetzt die Bildbearbeitung am Computer und beginne zu verstehen, was den Unterschied zwischen analogen und digitalen Bildern ausmacht. Gerade habe ich das Gefühl, der König zu sein – und schon haben kluge Leute künstliche Intelligenz erfunden. Was soll ich sagen? Ich werde wieder lernen müssen...
Die Fotos, die auf der Ausstellung „Jahre, Ereignisse, Gesichter“ gezeigt werden, sind eine visuelle Chronik des Lebens der Projekte des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Deutsch-Russischen Haus in Moskau und der Menschen, die seit vielen Jahren das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen schaffen und bewahren. Bitte erzählen Sie, wie sind die auf der Ausstellung präsentierten Fotos entstanden?
Einst wurde ich eingeladen eine Veranstaltung an einen entlegenen Ort zu fotografieren. Ich stellte die Frage, warum man eben mich einlud. Die Organisatoren erklärten: „Du liebst Menschen“. Sie hatten meine Fotos gesehen, die ich hier gemacht hatte (im Deutsch-Russischen Haus in Moskau, Anm. d. Red.).
Ich betrachtete die Menschen, die hier waren, als wären sie meine Familie. Alle waren sehr interessant – Menschen im Allgemeinen sind sehr interessant, – aber die, die ich zufällig hier getroffen habe, haben mich besonders fasziniert. Deshalb habe ich hier ziemlich viel fotografiert, besonders viel im Sprachclub, wo mein Sohn deutsch lernte. Ich nahm die Leiter des Clubs, die Lernenden, die gemeinsam mit mir die deutsche Sprache studierten, auf. Später begann ich bei Veranstaltungen, Konferenzen und anderen Ereignissen zu fotografieren. Schon damals waren das nicht nur Gesichter, die mir gefallen, sondern wirklich bekannte Menschen.
Ich fotografierte einfach, weil ich wollte. Damals dachte ich: „Wo es angewendet wird – das wird sich noch zeigen“. Und wie Sie sehen, haben diese Fotos nach 15–16 Jahren ihren Platz gefunden.
Aufnahmen eines Kindes und Aufnahmen eines Erwachsenen – sind die Eindrücke bei der Arbeit mit dem Model aus fotografischer Perspektive unterschiedlich?
Ja. Ein Kind wird keine bestimmte Rolle spielen. Es kann sich vielleicht verrenken oder herumalbern, aber auch das ist wunderbar. Ein Erwachsener kann eine Rolle spielen. Einige Schriftsteller nennen das „eine Maske tragen“, die die Menschen zu Hause abnehmen. Wenn ich spüre, dass jemand eine Maske trägt, muss ich ihn so fotografieren, dass es niemand sonst bemerkt.
Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen der Aufnahme eines bekannten Menschen und eines Unbekannten? Suchen Sie bei einem bekannten Menschen nach einer bestimmten wertvollen Eigenschaft?
Ich erzähle Ihnen, wie dieser Arbeitsprozess abläuft. Vielleicht werde ich Sie ein bisschen enttäuschen... Bei einer großen Veranstaltung fragte man mich: „Wie fandest du die Rede von Bruno?“ „Welche Rede von Bruno?“, frage ich. „Alter, du standest neben der Rednerbühne und hast ihm das riesige Objektiv direkt ins Gesicht gehalten!“ (lächelt)
Ich habe mir schon lange angewöhnt: Wenn etwas mich berührt, fotografiere ich! Wofür – das wird sich später klären.
Zu sagen, dass ich etwas gezielt suche… Vielleicht tue ich das auch. Bei einem vertrauten Publikum findet sich immer jemand, der schwer zu fotografieren ist. Einer hat die Angewohnheit, beim Zuhören die Augen zu schließen, und der andere schafft es, sie nur ganz kurz vor dem Blitz zu schließen. Manchmal muss ich absichtlich herangehen und sagen: „Mein Lieber, du kennst dich so gut – ich bitte dich herzlich!“ Als ich in unserer Gemeinschaft bekannt wurde, wurde das Arbeiten natürlich einfacher.
Wie bedeutend ist die Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Model? Ist es Ihnen wichtig, sich vorab mit der Person, die Sie fotografieren möchten, auszutauschen?
Etwa 150 Delegierte auf einer Konferenz… Verstehen Sie? (lächelt)
Was bedeutet eigentlich Kommunikation? Sie kann weiter gefasst werden als nur ein alltägliches Gespräch über das Wetter oder Lebenspläne.
Wie sich eine Person bewegt, in welcher Haltung sie sitzt, wie sie mit anderen Teilnehmern der Konferenz interagiert – all das kann manchmal viel mehr über die Person erzählen.
Gennadi, wie schnell entwickelt ein Fotograf die Fähigkeit, Menschen anhand ihres Verhaltens zu analysieren?
Das ist eher keine fotografische Eigenschaft. Diese Fähigkeit entsteht aus Aufmerksamkeit gegenüber den Menschen. Aber den Wahrnehmungsprozess nur auf sich selbst zu beschränken – so nach dem Motto: „Ich bin so gut, ich habe es gesehen“ – das ist nicht sinnvoll. Eines Tages bemerkte ich, dass ich etwas fotografierte, was nicht geplant war: Beim Betrachten der fertigen Bilder wurde mir klar, dass ich eine Aufnahme gemacht hatte, die bedeutungsvoller und intensiver war, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte. Etwas hat mich damals dazu gebracht, genau diese Aufnahme zu machen.
Ich bin es seit Langem gewohnt, darüber nachzudenken, was ich sehen durfte. Es dauerte lange, bis diese Reflexion reifte.
Dieses Gefühl ist vermutlich religiös. Gott hat mir den Weg gezeigt, mich hierhergeführt und mir erlaubt es zu sehen. Über mich selbst werde ich nie sagen, dass ich ein Schöpfer bin. Was für ein Schöpfer bin ich, wenn ich nicht einmal die Realität abbilden kann: Die Realität ist dreidimensional, und das, was ich mache, wird immer zweidimensional sein.
Wie wichtig ist für Sie die Reaktion Ihrer Freunde auf die Fotos, die Sie von ihnen gemacht haben?
Wenn eine Reaktion da ist, freut mich das sehr. Wenn nicht, habe ich meinen Teil getan – ich habe ein Foto von meinem Freund gemacht. Ich sehe schon lange die Portraits nicht mehr als eine direkte Abbildung der Person. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, ganz zu schweigen davon, dass das eine lebendig ist und das andere nicht so sehr.
Gennadi, ich wurde unabsichtlich Zeuge davon, wie Sie Ihre Freunde zur Fotoausstellung eingeladen haben. Wie wichtig ist es für Sie, dass neben dem Foto die Originalperson – die Person, von der das Bild gemacht wurde – steht?
Da ich ein stolzer Mensch bin, ist mir die Reaktion der betreffenden Person auf das fotografische Porträt völlig gleichgültig. (lächelt) Hier geht es um etwas anderes. Stellen Sie sich vor: Herr Grikow hat ein Foto gemacht – es hängt vor den Zuschauern, er erzählt den Anwesenden etwas darüber – erzählt nicht schlecht, man kann zuhören. Gleichzeitig sieht Herr Grikow die Reaktion der Modellperson und der Gäste auf das Bild und auf das, was er erzählt.
Mir und allen Anwesenden wird eine seltene Gelegenheit geboten, gleichzeitig eine Reihe völlig unterschiedlicher Emotionen und Empfindungen zu erleben.
In der Ausstellung „Jahre, Ereignisse, Gesichter“ sind sowohl farbige als auch Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen. Welche Rolle spielt die Farbe im Bearbeitungsprozess der Fotos?
Das ist eine äußerst komplexe Frage, auf die ich versuchen werde, eine eindeutige Antwort zu geben. Der Tonwert ist zweifellos wichtig. Heute sind Schwarz-Weiß-Bilder im Trend, aber viele Menschen, die noch keine Gewohnheit im Umgang mit einer Vielzahl von Bildern haben, neigen dazu, nur entsättigte Bilder zu erstellen, also Bilder in Grautönen.
Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Farb- und Schwarz-Weiß-Bildern.
Volumen und Formen werden im Schwarz-Weiß-Format ganz anders vermittelt. Dieser Faktor sollte man beim Fotografieren berücksichtigen und nicht erst bei der Nachbearbeitung.
Zum Glück hatte ich Erfahrung mit einer Digitalkamera, die wunderbare Schwarz-Weiß-Aufnahmen macht.
Was denken Sie, warum macht man im Theater meistens Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Schauspielern?
Erstens hat sich das historisch so eingebürgert. Zweitens ist diese Art der Aufnahme besonders geeignet für Schauspieler. Warum? Weil Schauspieler für die Rollen ständig umgestylt, umgezogen werden, und nur eine monochrome Aufnahme bewahrt die Gesichtsgrafik und zeigt die Person so, wie sie wirklich ist.
Verstehe ich richtig, dass Sie mehr die Schwarz-Weiß-Bilder bevorzugen?
Nein. Die Wahl hängt eher von meinem Zustand zum Zeitpunkt des Fotografierens ab.
Ich nehme so auf, dass ich die Möglichkeit habe, dieselbe Szene auch in Farbe zu erhalten.
Gleichzeitig gibt es Szenen, die ich lieber in Schwarz-Weiß entwickle, weil sie in dieser Version viel besser aussehen. Ich fotografiere mit großer Freude trockene Blätter auf der Straße, Wolken. Aber ich würde nicht sagen, dass mir Schwarz-Weiß-Fotos grundsätzlich besser gefallen.
In der Künstlerwelt hört man oft Diskussionen darüber, was wichtiger ist – Farbe oder Licht. Kann man eine der beiden Eigenschaften bevorzugen, wenn es um die Kunst der Fotografie geht? Oder ist es richtiger, von einer ganzheitlichen Wirkung zu sprechen?
Ich hatte einen großartigen älteren Kollegen, mit dem wir uns im Rat der Künstler getroffen haben. Er hat mich am Knopf genommen und gefragt: „Gennadi, was bedeutet das Wort ‚Fotografie‘?“ „Lichtbildkunst“, – antworte ich. – „Michail Sinowjewitsch.“ „Und ihr, Junge, habt das vergessen!“ (lächelt) Das Bild entsteht durch Licht.
Wenn man ehrlich ist, lassen sich diese Kategorien nicht wirklich trennen. Licht ist das Mittel, mit dem wir technische Probleme lösen. Aber niemand wird behaupten, dass bei Farbfotos die Farbe keine Rolle spielt.
Sie haben die Kamera erwähnt, die Ihren Bedürfnissen entspricht. Welche Beziehung kann ein Fotograf zu seinem Arbeitsgerät haben? Wie wichtig ist es, eine gemeinsame Sprache mit der Technik zu finden?
Für mich ist es sehr wichtig, eine gemeinsame Sprache mit der Technik zu haben. Das Werkzeug ist entweder „für meine Hand geeignet“ oder eben nicht – Maler wählen ja auch ihre Pinsel. Gleichzeitig kenne ich Kollegen, denen diese Sache völlig egal ist.
Meiner Meinung nach ist die Kamera für einen Fotografen eine sehr persönliche Sache. Wenn jemand, den ich kenne, meine Kamera in die Hand nimmt, empfinde ich es anders, als wenn es ein Fremder ist. Verstehen Sie?
Sie sind der Meinung, dass Fotografie auf dem Bildschirm und gedruckte Fotografie unterschiedliche Phänomene sind. Können Sie diese Idee bitte ausführlicher erläutern?
Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Trägermedium ein wesentlicher Bestandteil des Bildes ist.
Ich sehe aber auch den Zuschauer als einen integralen Teil des Bildes.
Physische Fotos sehen wir im reflektierten Licht, während die Bilder auf einem Bildschirm durch durchlässiges Licht betrachtet werden. Dieses zumindest unterschiedliche Licht- und Betrachtungsprinzip beeinflusst unsere Reaktion unterschiedlich. Früher war das Betrachten von Dias sehr populär, und diese Bilder wirkten auf der Projektionsfläche viel beeindruckender. Weiterhin spielen die Papierstruktur und andere technische Faktoren eine Rolle.
Eigentlich sollte man bei der künstlerischen Arbeit immer über das Trägermedium nachdenken – über die Größe, die möglichen Betrachtungsweisen, hier kann man eine lange Liste anführen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, wem der Fotograf sein Werk zeigt. Ein und dasselbe Portrait kann bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Gedanken hervorrufen.
Ich bin der Meinung, jeder Fotograf sollte praktisch den Hippokratischen Eid befolgen – ‚Schadensvermeidung‘. Man weiß ja nie, wer das Bild betrachten wird.
Welches Genre der fotografischen Kunst – Portrait, Landschaft oder Stillleben – liegt Ihnen am nächsten?
Meine Einstellung hat sich im Laufe der Zeit verändert. Das Landschaftsbild hat mich schon immer fasziniert, und heute interessiert mich dieses Genre noch mehr. Das Einzige, mich reizt die Landschaft „mit Nachdenken“ – also mit Stativ aufgenommen – nicht mehr so, als z.B. das „Landschaft-Zustand“-Genre. Der Zustand kann nur Sekunden dauern – da gibt es keine Zeit, ein Stativ auszubauen.
Ich bin ein wandernder Fotograf. Alle leicht zugänglichen Orte sind bereits durchlaufen, ich spüre die Notwendigkeit, weiter vorzudringen. Aber es kostet viel Zeit, um passende Orte zu finden.
Wie oft kehren Sie zu fertigen Arbeiten zurück? Gibt es das Bedürfnis, sie wieder anzusehen?
Das Bedürfnis besteht nicht. Dennoch blättere ich manchmal durch meine Arbeiten. Wozu? Erstens, um sicherzugehen, dass ich ein großartiger Fotograf bin. (lächelt) Zweitens, um zu überprüfen, ob ein großartiger Fotograf auch mal ein Trottel sein kann.
Ich erinnere mich gut an viele meiner Aufnahmen. Zum Beispiel bildet sich beim Fotografieren ein starkes Gefühlschaos: Ein leichter Wind weht, ein Vogel fliegt vorbei, im Hintergrund raschelt es im Schnee. Aber da ich ein erfahrener Fotograf bin, kann ich die visuellen und akustischen Eindrücke auseinanderhalten. Beim Betrachten ist der Vogel längst nicht mehr singend da, und der Schnee raschelt nicht mehr. Dann stellt sich die Frage: Wofür habe ich meine Batterien verschwendet?!
Deshalb sind einige Leute manchmal empört über mich.
Für eine gute Arbeit an Fotos muss ich zunächst meine Eindrücke loswerden, mich abkühlen, um sie mit einer eher kühlen Perspektive bewerten zu können und keine Fehler zu machen.
Gennadi, welche Regeln für die Arbeit als Fotograf haben Sie im Laufe Ihrer Tätigkeit für sich selbst formuliert?
Wenn es dir nicht gefällt, tu es einfach nicht, aber wenn du etwas beginnst, zieh es auch zu Ende. Schadensvermeidung: Sei vernünftig, sogar auf die Gefahr hin, dass der Kunde unzufrieden sein kann. Wenn du Menschen fotografierst, versuche nach Möglichkeit, nicht mit deiner Linse in ihre Seele einzudringen – das kann ein viel effektiveres Werkzeug sein als Psychoanalyse. Vertrau dir: Wenn du fotografieren möchtest, dann mache es einfach – später findest du heraus, was du damit anfängst. Beurteile deine Arbeit mit kühlem Kopf: Wenn alle Emotionen abklingen, schau dir die Fotos noch einmal an. Nachdem ich diese Regeln für mich selbst formuliert hatte, wurde das Leben deutlich einfacher.
Nach der Arbeit an dieser Ausstellung habe ich deutlich erkannt, dass sich ein Fotograf im Laufe der Zeit verändert. Da steckt kein Kummer drin: Ein Mensch kann nicht immer gleich sein.
Das Projekt wurde mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation realisiert.









