„Ich möchte Geschichten erzählen und ehrlich darin sein“: Interview mit dem Schauspieler Alexander Porschin


Alexander Porschin (deutscher Nachname Meiling), junger Schauspieler des Tschechow-Kunsttheaters Moskau, Filmschauspieler und Musicaldarsteller, Absolvent der Schauspielschule des Tschechow-Kunsttheaters Moskau (MChAT) und zugleich Vertreter der Russlanddeutschen steht erst am Anfang seiner professionellen Karriere, formt jedoch bereits selbstbewusst seine eigene künstlerische Sprache. Wir haben Alexander ins Deutsch-Russische Haus in Moskau eingeladen und mit ihm über seine Kindheit in Tscheljabinsk, Berufswahl, Theater und Kino, deutsche Wurzeln, Deutschland und Zukunftspläne gesprochen.

- Sascha, erzähl uns bitte von deiner Kindheit. Wo bist du geboren und aufgewachsen? Wie und wann hast du verstanden, dass du dein Leben dem Schauspiel widmen willst?

Ich bin im Gebiet Tscheljabinsk, in der Stadt Kyschtym, geboren und habe bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr in der benachbarten, geschlossenen Stadt Osjorsk gelebt. Dann zog meine Familie – meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich – nach Tscheljabinsk. Dort habe ich die Schule abgeschlossen und bin anschließend nach Moskau gezogen. Die Entscheidung, Schauspieler zu werden, war für mich und meine Familie wohl immer eine selbstverständliche Sache. Wir saßen nie zusammen und diskutierten, wer ich werde. Die Schauspielerei war etwas Natürliches – wie zwei Hände und zwei Beine. Es war, als sei es von Geburt an bei mir; die Eltern erkannten rasch mein Potenzial. Meine Nachahmungen zu Hause in der Küche, der Versuch, Aufführungen zu inszenieren. Meine Großmutter in Osjorsk lehrte mich als Kind das Gedicht „Brief an eine Frau“ (russ. „Pismo k zhenshchine“) von Sergej Jessenin, „Lukomorje“ (russ. „U lukomorya…“) von Alexander Puschkin, die Fabel „Der Rabe und der Fuchs“ (russ. „Vorona i lisitsa“) von Iwan Krylow. All das erzählte ich mit Vergnügen. Sie sahen, dass ich den Wunsch und Anflug von Liebe zu diesem Geschäft hatte. Dann bot man mir an, in einer Kindertheatergruppe mitzuspielen; ich spielte eine Rolle im Stück – es gefiel allen. Außerdem tanzte ich sportlich-gesellschaftliche Tänze, und das war übrigens einer der Gründe für unseren Umzug nach Tscheljabinsk. Uns als meine Mutter vorschlug, in die dortige Theaterstudiengruppe zu gehen, war ich nicht mehr zu stoppen. Ich bekam immer mehr Rollen in den Theaterstücken und meine künstlerischen Fertigkeiten wurden immer offensichtlicher. In der elften Klasse begann ich, mich auf die Aufnahmeprüfung für die Theaterhochschule vorzubereiten, fuhr zu Vorsprechen und schließlich wurde ich aufgenommen. Für mich war das nichts Ungewöhnliches – es geschah alles wie von selbst.

- Wie wichtig ist dir das Thema deiner deutschen Wurzeln? Wie empfindest du es?

Deutsche Wurzeln sind für mich eine unerledigte Gestalt. Es ist wirklich ein sehr wichtiges Thema für mich, und ich werde mich definitiv irgendwann eingehend damit beschäftigen. Eine große Inspiration war für mich das Buch von Gusel Jachina „Meine Kinder“ (russ. „Deti moi“) – ein Roman über die Wolgadeutschen. Ich habe es drei Mal gelesen. Meine Großmutter, Erna Meiling war eine Deutsche. Sie lebte in Kasachstan, aber sie ist gestorben, als meine Mutter noch ein Kind war. Vor etwa zehn Jahren wollte meine Mutter einen Stammbaum unserer Familie erstellen. Wir machten eine große Reise mit dem Auto: Tscheljabinsk – Ufa – Kasan – Nischni Nowgorod – Saratow. Im Archiv entstand eine Tabelle unseres Familienbaums auf zwei riesigen Postern, die mit einem Hefter zusammengeheftet waren – ein riesiger Baum des Lebens, vielleicht sogar bis ins 18. Jahrhundert. Das war ein echter Schock. Wir erfuhren, dass wir Verwandten in Amerika haben. Meine Mutter veröffentlichte etwas im Internet, und das bemerkte eine entfernte Verwandte, die später nach Russland kam. Wir spazierten über das Rote Platz, und ich machte Fotos von ihnen – sie sahen äußerlich unglaublich ähnlich aus. So begann alles, sich zusammenzusetzen.

- In welchem Moment in deinem Leben ist Deutschland aufgetreten?

Als ich im zweiten Studienjahr war, zogen meine Eltern nach München. Später kam ich auch dorthin und lebte dort etwa ein halbes Jahr. Während dieser Zeit wurde mir klar, dass München für mich zu einem sehr wichtigen Ort geworden ist, zu dem ich immer wieder zurückkehren möchte. Ich betrachte diese Stadt sogar als mein zweites Zuhause. Dabei habe ich deutlich verstanden, dass mein Beruf sehr eng mit der Sprache verbunden ist. Wenn man in Deutschland im Theater spielt, muss man sich vollständig immersiv mit der Kultur beschäftigen: nur mit Deutschen sprechen, die Sprache lernen, den Akzent loswerden. Ich habe verschiedene Theatergruppen in München studiert. Dort sind auch Schauspieler aus Russland, aber sie leben schon seit vielen Jahren in Deutschland. Wir haben auch poetische und erzählerische Abende für die russischsprachige Community veranstaltet. Das war sehr herzlich und schön, die Leute waren wirklich interessiert. Aber natürlich wünsche ich mir mehr – vor allem auf professioneller Ebene.

- Als Student hast du in Tscheljabinsk das Projekt „Wohnung 51“ (russ. „Kwartira 51“) erfolgreich umgesetzt. Kannst du darüber erzählen?

Ja, das war während der COVID-19-Pandemie. Meine Mutter und mein Bruder waren in Deutschland, während ich die Pandemie im Gebiet Nowgorod mit meiner Freundin verbrachte. Als die Pandemie im Sommer nachließ, berichtete meine Mutter, dass unsere Wohnung in Tscheljabinsk schlecht verkauft wurde. Da kam mir die Idee: nach Tscheljabinsk zu fliegen und dort ein Theaterstück in dieser Wohnung zu machen, um meine kreative Form aufrechtzuerhalten und vielleicht auch beim Verkauf zu helfen. Ich schrieb Texte, die Storytelling und Stand-up miteinander verbanden, und daraus entstand ein vollständiges Theaterstück. Ich holte meinen Freund Kirill dazu, der Regisseur wurde, und wir schufen ein Solo-Programm von anderthalb Stunden über die Geschichte dieser Wohnung und meiner Familie. Wir haben genau den Zeitpunkt erwischt, als alle raus aus den Häusern wollten, und das Ergebnis übertraf unsere Erwartungen: Kirill und ich spielten das Stück achtzehn Mal und verdienten unser erstes richtiges Geld. Das war für mich eine große Erkenntnis – ich habe verstanden, dass ein Theater nicht nur auf der Bühne existieren muss. Es öffneten sich viele neue Ideen, und ich gewann neue Freunde. Die Aufführungen zogen Gruppen von 18–20 Personen an, der Format basierte auf Spenden. Das Stück erzählte verschiedene Geschichten: über die vorherigen Bewohner der Wohnung, Gedanken über die zukünftigen Mieter, meine persönlichen Erinnerungen, Familienereignisse und Momente des Lebens, die in diesen Wänden passiert sind. Am Ende wurde die Wohnung verkauft, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Stück der entscheidende Faktor war.

- Planst du, ähnliche Formate weiterhin zu machen?

Ja, ich bin grundsätzlich sehr an dem Prozess des Schaffens interessiert. Ich liebe es, Neues zu kreieren. Zum Beispiel habe ich auch Spaziergänge durch Moskau gemacht – das waren Führungen mit Interviews meiner Freunde, mit Texten von Schriftstellern und Journalisten. Diese Spaziergänge haben mir geholfen, eine Verbindung zu Moskau aufzubauen. Ich habe auch kreative Abende in Tscheljabinsk veranstaltet und möchte das auf jeden Fall weiterführen. Ich habe die Idee, einen Kurzfilm zu drehen – das Drehbuch ist bereits fertig, wir haben angefangen zu drehen, aber in Moment unterbrochen. Ich denke, wir werden ihn in diesem Jahr fertigstellen.

- Der Umzug nach Moskau und Studium an der Schauspielschule des MChATs? Wie war das?

Natürlich war der Umzug nach Moskau kein einfacher Prozess: Man kommt hier her – und muss sofort mehrere Wettbewerbsstufen bestehen. Man muss in die „goldene Fünf“ kommen, drei Auswahlverfahren durchlaufen, eine plastische Prüfung bestehen, sowie Prüfungen in Sprache, Gesang und anderen Fähigkeiten ablegen. Jedes Jahr kommen hierher viele Studienbewerber an, aber letztendlich werden nur 32 ausgewählt, davon 22 für Förderplätze. Anfangs fiel mir die erste Phase ziemlich leicht, aber gegen Ende wurde klar, dass ich nicht der einzige „Tolle“ bin, der hierhergekommen ist. Trotzdem hat alles, dank günstiger Umstände – des Timings, der richtigen Leute und des passenden Moments – dazu geführt, dass ich den Platz auf Förderbasis bekommen habe. Kürzlich ist mein Meister Igor Solotowitski verstorben, der mir unglaublich viel gegeben hat. Ich habe viel reflektiert und verstanden, dass unter all den Theaterwerkstätten in Moskau und Sankt Petersburg gerade seine Werkstatt die einzige war, in der ich wirklich lernen konnte. Unsere Lehrer waren im guten Sinne Hooligans – mit Humor, Ironie und Liebe zu den Leuten. Sie lehrten Respekt vor dem Beruf, Professionalität. Wenn es mir schwerfällt, denke ich oft, was sie in dieser Situation sagen oder tun würden. Ich erkenne, dass im Jahr 2018 es genau Igor Solotowitski und Sergei Semtsow waren, die mich aus der Mende der Bewerber erblickten und gewählt haben, und dieser Moment der Erstimmatrikulation wurde für mich zu einem wirklich schöpferischen und entscheidenden Erlebnis.

- Was bedeuteten für dich die Meister – Igor Solotowitski und Sergei Semtsow?

Oleg Tabakow, den ich persönlich leider nicht kennenlernte, sagte einmal: „Unsere Sache ist ziemlich lustig.“ Damit meinte er sowohl den Beruf, als auch das Leben selbst. Es gibt viele Erinnerungen an ihn, und in der Theatergemeinschaft kursieren immer noch viele Anekdoten darüber, wie Oleg Tabakow war, wie seine Einstellung zum Leben war – mit Humor und Hooliganismus. Vieles davon war auch meinen Meistern eigen. In unserer Werkstatt herrschte immer, wie Konstantin Stanislawski sagte, der „Dummheit und Begeisterung“. Unsere Meister blieben genauso Hooligans – Menschen, die das Leben mit Ironie und Humor nahmen. In Momenten, wenn es wirklich schmerzte, konnten sie Worte sagen, die etwas bedeuteten. Und in Situationen, wenn es darum ging, aus Problemen herauszukommen, griffen sie wieder zum Humor. Sie waren geprägt von Liebe zu den Menschen, Respekt vor dem Beruf, Professionalität. Diese Prinzipien bemühe ich mich, auch in mir zu tragen. Und wenn es schwierig wird, denke ich an diese Menschen und frage mich, wie sie in dieser Situation handeln würden, was sie sagen würden. Sie haben mir sehr viel gegeben, traten in meinem Leben in Moment meiner Entstehung auf, und hinterließen einen unvergesslichen Eindruck.

- Welche ersten Bühnenerlebnisse sind besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben?

Während des Studiums entstanden unsere Arbeiten größtenteils trotz Widerständen. Nach meinem Erlebnis mit dem Projekt „Wohnung 51“, bei dem ich erkannte, dass Tscheljabinsk mich akzeptiert, erinnert sich an mich und ehrt mich, habe ich zusammen mit meinen Kommilitonen ein Stück nach Samuel Beckets „Warten auf Godot“ inszeniert – ein Theater des Absurden. Wir führten es in Tscheljabinsk auf und das Stück wurde mit großem Beifall aufgenommen: Das Publikum war völlig außer sich vor Begeisterung. Es gefiel allen – sowohl den Zuschauern als auch uns selbst. Das war wirklich ein grandioses Ereignis. Später kamen wir wieder, nahmen eine Szene aus diesem Stück heraus, kombinierten diese mit Ausschnitten aus anderen Stücken und schufen so eine eigene Arbeit, eine Art Theater des Absurden. Dieses Stück hieß „Jó reggelt, oder Hundescheiße“ („Jó reggelt“ bedeutet „Guten Morgen“ auf Ungarisch). Es war so beeindruckend, dass wir beschlossen haben, es zu unserer Abschlussaufführung zu machen.

- Wie bist du Teil der Gruppe des Tschechow-Kunsttheaters Moskau geworden?

Das Tschechow-Kunsttheater wurde von Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Danchenko gegründet. Es ist weltweit bekannt für das Stanislawski-System, das Theater, für das Tschechow seine Stücke schrieb. Als Student las ich die Bücher von Oleg Efremow, Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Danchenko über das Theater. Das Theater besitzt eine besondere Aura: So besuchte beispielsweise im Jahr 2004 die amerikanische Schauspielerin Meryl Streep das Theater. Für mich ist es eine große, unvorstellbare Ehre, Teil dieser Geschichte zu sein. Egal, wie zynisch oder ironisch wir auch gegenüber vielem eingestellt sind – wenn man auf der Bühne steht und darüber nachdenkt, wer früher hier gespielt hat, oder Geschichten von Schauspielern hört, versteht man, wer durch diese Flure gegangen ist und wie sehr das die Welt beeinflusst hat und was sie hier gemacht haben. Das Theater besitzt eine enorme Geschichte voller großer Menschen und Schicksale. Natürlich bringt das eine Verantwortung mit sich: Es ist eine stolze Bezeichnung, Schauspieler des Tschechow-Kunsttheaters Moskau zu sein. Egal, wie viel Zeit meines Lebens ich diesem Theater widme, ich spüre, dass die Begegnung mit ihm schon ein Teil meines Lebens geworden ist und für immer bleiben wird.

- Wie hast du dein echtes Bühnen-Debüt im Tschechow-Kunsttheater Moskau in Erinnerung behalten?

Während meines Studiums im Theater habe ich schon viel auf der Bühne gespielt, aber es waren noch keine Hauptrollen – meistens Statistenrollen. Mein erstes wirklich starkes Erlebnis war jedoch die Aufführung im ersten Jahr, anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Schauspielschule des MChATs. Wir betraten die Bühne als Studenten, hatten einen Auftritt im Konzert. Das war mein erstes echtes „Wow – Theater!“-Gefühl. Viele Ehrengäste des Theaters waren bei der Veranstaltung – Galina Woltschek, Walentin Gaft. Ich erinnere mich an den Auftritt, bei dem wir auf die Bühne stürmten, und erst dort wurde mir richtig bewusst, wie groß die Bühne ist, welche Energie sie ausstrahlt und wie majestätisch der Saal wirkt. Wenn du dir dabei bewusst wirst, dass du erst kürzlich noch in Tscheljabinsk studiert hast und jetzt in einem völlig anderen Raum voller Energie bist – das waren unglaubliche Gefühle.

- Und wie waren deine ersten Erfahrungen im Kino?

Mein erster Kontakt mit dem Kino war 2020, als ich in dem Kurzfilm „Der Sprung“ (russ. „Pryschok“) mitspielte. Das war mein erstes echtes Zusammentreffen mit der Filmwelt. Obwohl wir nur eine Szene hatten, spielten wir mit bekannten Schauspielern. Der Dreh hat mich tief beeindruckt: Überall Kameras, kleine Wagen, Leute laufen herum, der Regisseur kommt heran, bekannte Schauspieler treten auf, und du stellst dich ihnen vor: „Hallo, ich bin…“. Man muss lernen, mit ihnen zu interagieren, obwohl man noch Student im zweiten Jahr ist und sie schon bekannte Profis. Für mich war das wirklich ein Sprung in die professionelle Welt.

- Worin unterscheiden sich für dich Theater und Kino?

Schauspieler im Theater und Kino sind zwei unterschiedliche Berufe. Oft sagt man, dass im Theater kein Schnitt ist: Man geht auf die Bühne, spielt und kann anschließend nichts mehr ausbessern. Und das stimmt wirklich. Aber für mich persönlich gilt im Kino, dass man neben dem Teilen der eigenen Energie auch viele technische Details berücksichtigen muss – Licht, Kamera, Kamerawinkel. Im Kino kannst du dich selbst von außen betrachten und anfangen zu analysieren, was man anders gemacht hätte: anders drehen, anders schauen, leiser oder lauter sprechen. Im Theater gehst du auf die Bühne, spielst das Stück und gehst mit deinen Gefühlen nach Hause. Zum Beispiel habe ich in einem Stück mitgemacht, alles wie gewohnt, professionell gespielt, aber die Reaktion des Publikums war seltsam: Die Leute haben die ganze Zeit gelacht, aber am Ende applaudierten sie nicht so wie erwartet. Oder umgekehrt – die gesamte Aufführung verlief in Stille, doch am Ende gab es einen starken Applaus. In solchen Momenten überlegt man: Habe ich etwas falsch gemacht, oder sind einfach die Umstände heute so, dass das Publikum eine eigene Energie erzeugt hat? In Kino kann man solche Fragen beantworten, indem man sich von außen betrachtet. Im Theater verlässt man sich nur auf seine Gefühle – und manchmal sind sie trügerisch, weil Theater und Kunst keine Mathematik sind.

- Erzähle uns bitte etwas über den Film „Hier war Jura“ (russ. „Zdes byl Jura”) und die Zusammenarbeit mit Konstantin Chabenski.

Am 5. Februar kam der Film „Hier war Jura“ mit Konstantin Chabenski in der Hauptrolle ins Kino. Das ist das Debüt von Sergei Malkin – einem talentierten jungen Regisseur, der seine Arbeit mit Leidenschaft macht. Der Film erzählt die Geschichte von drei Jungs, die versuchen, zu verstehen, wie man dieses Leben lebt, denn sie wissen einfach nicht, wie es geht. Durch Umstände, bei denen der Onkel eines der Helden mit besonderen Bedürfnissen auftaucht, verbringen sie zehn Tage mit ihm und beantworten die wichtigsten Fragen des Lebens. Ich würde diesen Film jedem empfehlen, der sich verloren fühlt und nach einem Ausweg sucht. Es ist ein sehr lebendiger, ehrlicher und aktueller Film. Ich kenne Konstantin Chabenski schon seit Längerem. Es war großartig, dass er in diesem Film mitspielt und gleichzeitig künstlerischer Leiter des Tschechow-Kunsttheaters in Moskau ist. Er spielt an der Seite von drei jungen Schauspielern desselben Theaters. Bei der Premiere bedankte er sich bei der Leiterin der Theatertruppe dafür, dass wir es geschafft haben, die Zeitpläne zu den Dreharbeiten abzustimmen. Als er erfuhr, wer im Film mitspielen würde, scherzte Konstantin, dass das Theater stillstehen würde, weil wir alle zu viert mitwirken und niemand sonst bleibe, um auf der Bühne aufzutreten. Das war unglaublich – Konstantin Chabenski zeigte sich als wahrer Profi und behandelte uns wie gleichberechtigte Kollegen. Er hörte sich unsere lustigen, albernen Witze an, und ich bin sicher, er schmunzelte und analysierte sie selbst. Wir spürten keinerlei Distanz. Dank dessen ist der Film genau so geworden, wie er ist: Wir vier wurden zu einem großartigen Team und es entstand zwischen uns echte Chemie. Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Film im Kino anzuschauen!

- Ist das Musical „Walzer Boston“ (russ. „Wals-Boston“) ein neuer Meilenstein?

Das Musical „Walzer Boston“ ist meine erste große Rolle in Bezug auf Umfang – eine der Hauptrollen, bei der ich fast die ganze Zeit auf der Bühne bin. Für mich war das ein Übergang auf eine neue Ebene, die viel mehr Engagement und Verantwortung erfordert. Es ist mein erstes Musical in meiner Karriere, das auf den Liedern von Alexander Rosenbaum basiert und von einem wunderbaren Team erfahrener Profis geschaffen wurde, die zuvor das Musical „Hab keine Angst, ich bin bei dir“ auf die Bühne gebracht haben, welches in ganz Russland großen Anklang fand. Wenn man so eine Verantwortung bekommt, darf man keinen Fehler machen. Die Proben dauerten den ganzen Sommer: Anfangs klappte vieles nicht, ich verstand nicht alles, einiges wurde korrigiert, und später begann ich, den Ablauf zu begreifen. Für jede Rolle gibt es drei Besetzungen, und ich spiele 11–12 Vorstellungen im Monat. Das ist körperlich sehr anspruchsvoll, aber eine unglaublich wertvolle Erfahrung – dramatisch zu spielen, Lieder nicht nur im Karaoke-Stil zu singen, sondern sie mit Analyse zu interpretieren, sodass der Inhalt jeder Komposition klar wird. Man muss die Geschichte erzählen, den Charakter so führen, dass er von Zuschauern verstanden und geliebt wird, dass er genauso wahrgenommen wird, wie es der Regisseur-Dramatiker beabsichtigt hat. Ich bin sehr froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, und das dieses Projekt und die Schule mir helfen, mich beruflich als Schauspieler weiterzuentwickeln. So begann ich, etwas Neues bei der Arbeit auf der Bühne zu entdecken.

- Was liegt dir heute näher: Theater, Kino oder Musical?

Mich inspiriert alles zusammen. Ich kann nicht sagen, dass ich mich nur in einer Richtung weiterentwickeln möchte – nur im Theater, nur im Kino oder nur im Musical. Es gibt Dinge, die ich lese, anschaue, sehe oder als neuen Erfahrungsschatz ausprobiere, und sie geben mir Energie. Zum Beispiel ich lese ein Buch und ich möchte es dann in einer Theatersprache oder durch einen Film erzählen. Ich möchte einfach schaffen – dieser Wunsch begleitet mich schon lange. Ich möchte Geschichten erzählen und sie mit anderen teilen.

- Wie würdest du dich selbst als Künstler beschreiben?

Ich habe keine Angst davor, etwas Neues auszuprobieren, und habe den aufrichtigen Wunsch, es cool zu machen.

- Was ist dir wichtiger: schnelle Anerkennung oder ein schrittweiser Weg?

Für mich ist es wichtig, interessante und coole Sachen für die Menschen zu machen. Was die Anerkennung und breite Bekanntheit betrifft, habe ich keine eindeutige Antwort, weil ich manchmal danach strebe und manchmal nicht. Aber ich denke, wenn ich wirklich gute Sachen schaffe, wird die Anerkennung ganz von selbst kommen.

- Wovon träumst du und wie siehst du deine Zukunft?

Ich möchte viel reisen, lernen, entdecken, lesen, schauen, schaffen, erfinden – und dabei aktiv sein: spielen, filmen, schneiden, singen, hier einen Witz machen, dort etwas tun, irgendwo helfen – und all das in einer harmonischen, ganzheitlichen Welt.