Spezifik im Detail: Ethnographisches „Offenes Treffen“ im DRH Moskau


Am 25. Mai verwandelten sich Feldforschungsnotizen, Archivfotografien, Videoaufnahmen und Zeitzeugenberichte in Puzzleteile eines großen ethnographischen Bildes. Zusammengefügt wurde dieses Mosaik im Deutsch-Russischen Haus in Moskau von Dmitrij Weiman, dem leitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für humanitäre Forschungen der Ural-Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften. Das Offene Treffen bot den Gästen einen tiefen Einblick in die Hochzeitsrituale der Wolga-, Ural- und Sibiriendeutschen in den kompakten Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen.

Die Hochzeit... Sie markiert einen der wichtigsten Meilensteine im menschlichen Leben – ein familiäres Ritual, das untrennbar mit dem Wechsel des sozialen Status verbunden ist. Ein Ethnograph betrachtet diese Traditionen durch das Prisma wissenschaftlicher Erkenntnis. Auf diese Weise verschmelzen persönliche Geschichten zu einem großen, lebendigen Panorama eines ganzheitlichen ethnokulturellen und sozialen Phänomens.

Dmitrij Weiman, der Moderator des Abends, betonte dazu:

„Die Hochzeitsrituale existieren keineswegs isoliert vom Volkskalender. Die Wahl des Termins, die Bindung an bestimmte Jahreszeiten und Wochentage sowie die rituellen Parallelen zu den Festen des Jahreskreises verdeutlichen die tiefe Verbundenheit zwischen Familien- und Kalenderbrauchtum in der traditionellen Kultur der Russlanddeutschen.“

Traditionell feierten die Russlanddeutschen ihre Hochzeiten im Spätherbst. Zu dieser Zeit waren die landwirtschaftlichen Arbeiten abgeschlossen und die Ernte eingebracht. Dem eigentlichen Hochzeitsfest gingen stets die Brautwerbung und die Verlobung voraus.

Der Heiratsantrag war ein tief verwurzeltes, eigenständiges Ritual. In einigen lokalen Traditionen suchten die Brautwerber – Männer, Paten oder enge Bekannte, die von den Verwandten des Bräutigams eigens dazu bestimmt worden waren – das Haus der zukünftigen Braut am Abend oder in der Nacht heimlich auf.

Die Wahl dieser späten Tageszeit hatte einerseits ganz praktische Gründe: Tagsüber waren die Männer mit der Hofarbeit ausgelastet. Zudem waren im Winter, der Hauptsaison für Hochzeiten, abendliche Besuche aufgrund der kurzen Tage ohnehin an der Tagesordnung. Nicht zuletzt hielt der Schutz der Dunkelheit das Ereignis aus der Öffentlichkeit heraus. Endete die Brautwerbung mit einer Absage, wurde dies nicht sofort zum Dorfgespräch.

Andererseits war dieser nächtliche Besuch von einer tiefen sakralen Symbolik geprägt. Er verlieh der Brautwerbung den Status des „Geheimnisvollen“ und Hob das Ereignis aus dem Alltag heraus – als Beginn einer tiefgreifenden Wende. In der Volkskultur gilt die Nacht traditionell als Zeit des Übergangs und des Statuswechsels. Genau diesen Übergang stieß die Brautwerbung an: Für das Mädchen begann damit der Weg in einen neuen Lebensabschnitt.

Die Hochzeitsvorbereitungen lagen keineswegs nur auf den Schultern des künftigen Brautpaars und deren Eltern: Die vom Bräutigam ausgewählten Brautführer luden die Gäste ein, während die von der Braut ernannten Brautjungfern das Geschirr für das festliche Gelage einsammelten. Dass die Brautführer im Anmarsch waren, erkannten die Dorfbewohner schon von Weitem: Bei ihrem Rundgang durch das Dorf trugen die jungen Männer einen festlich geschmückten Hochzeitsstab – den sogenannten „Stock“.

Einer der bekanntesten Hochzeitsbräuche der Russlanddeutschen und zugleich der emotionale Höhepunkt der Feier war das Abnehmen des Kranzes. Dieses Ritual symbolisierte den Abschied der Braut vom Elternhaus, von den Jugendfreundinnen und dem unbeschwerten Mädchenleben sowie den Beginn eines neuen Kapitels als verheiratete Frau. Zum Ausklang des ersten Hochzeitstages trat die Braut in die Mitte des Raumes, wo ihr die Patentante den Hochzeitskranz abnahm. Vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft wurde der frischgebackenen Ehefrau ein Kopftuch umgebunden – das traditionelle Zeichen der verheirateten Frau.

Dies beschreibt den allgemeinen Ablauf des Hochzeitsrituals. Vor Ort stoßen Forschende jedoch oft auf faszinierende Details, die die Traditionen der einzelnen Siedlungen voneinander unterscheiden. Bei den Wolhyniendeutschen beispielsweise übernahm der „Brautdiener“ die Einladung. Er ritt hoch zu Ross von Haus zu Haus und versuchte dabei nicht selten, direkt auf die Veranda oder gar mitten in die Wohnstube hineinzureiten. In der mennonitischen Tradition hingegen lud man mithilfe eines Umlaufschreibens ein: Der Brief wurde von Haus zu Haus weitergereicht, bis er schließlich wieder beim Absender ankam. Auch die Dauer der Hochzeitsfeiern variierte je nach Region zwischen ein und drei Tagen.

Bei den Mennoniten wurde am Vorabend der Hochzeit ein Geschenkabend veranstaltet, der als Polterabend bekannt war. Hier kamen die Verwandten des Brautpaars zusammen, um zu gratulieren, Lieder zu singen und Präsente zu überreichen.

Das Bild einer Volkstradition gewinnt erheblich an Tiefe und Kontur, wenn Ethnographinnen und Ethnographen die Möglichkeit haben, sich mit Vertretern anderer Kulturen auszutauschen, die im selben Forschungsgebiet leben. Dmitrij Weiman, der Moderator des Abends, berichtet dazu:

Bei der Feldforschung frage ich meine Interviewpartner oft, wie sie das Leben von Menschen aus anderen Kulturkreisen wahrnehmen. Solche Fragen lenken den Blick auf scheinbar offensichtliche Details, die einem auf den ersten Blick jedoch oft entgehen.

„Ein Beispiel: In einem deutschen Dorf in Baschkortostan hatte ich Gelegenheit zu einem Gespräch mit einer älteren tatarischen Frau, die Mitte der 1950er Jahre dorthin gezogen war. Ich fragte sie, warum sie und ihr Mann sich entschieden hatten, genau hier zu bleiben und nicht in dem zehn Kilometer entfernten tatarischen Aul zu leben. Was war das Erste, das ihnen an der Kultur der einheimischen Bewohner dieses deutschen Dorfes ins Auge gesprungen ist?

Die aussagekräftigsten Zeugnisse, die der Referent im Rahmen des Offenen Treffens präsentierte, waren audiovisuelle Materialien, die die lebendigen Stimmen und Emotionen der Kulturträger einfingen. „Heutzutage wird das Format einer Videopräsentation – ein multimediales Produkt – leichter aufgenommen und eignet sich hervorragend für die Popularisierung sowie die Arbeit mit einem breiten Publikum“, erklärt Dmitrij. „Mir macht es große Freude, im Bereich der visuellen Anthropologie zu arbeiten, und zwar gerade mit dem Fokus auf Fotografie, zeitgenössische Fotografie und Video. Besonders reizvoll ist dabei die Möglichkeit, keine Rekonstruktion, sondern eine lebendige Tradition festzuhalten“. Nach Ansicht des Ethnographen bietet das Videoformat seine größten Vorteile nicht einmal im Moment der Ergebnispräsentation vor einem interessierten Publikum, sondern vielmehr während des eigentlichen Forschungsprozesses selbst:

Ich kann immer wieder zu diesen Aufnahmen zurückkehren und meinen Blick auf Kontexte und Details richten, die mir beim ersten Mal durch das Kameraobjektiv entgangen sind.

Kann eine traditionsreiche, einzigartige Festkultur eines Volkes selbst einen erfahrenen Ethnographen noch in Erstaunen versetzen? Bei der Beantwortung dieser Frage betont Dmitrij, dass jedes Volksfest durch seine Sprache und spezifische rituelle Handlungen einzigartig sei: „Wenn wir über eine Agrarkultur sprechen, die auf Ackerbau und Viehzucht basiert, lassen sich bei den meisten europäischen Völkern gemeinsame Züge erkennen. Ein Beispiel dafür ist das Fest des Pfluges, das das Ende der Frühjahrsfeldarbeiten symbolisiert – bei den Udmurten heißt es ‚Gerber‘, während es bei den Tataren, Baschkiren und anderen Turkvölkern als ‚Sabantuj‘ bekannt ist.

Ich möchte ein noch anschaulicheres Beispiel anführen: Fast alle Völker backen Kuchen oder Pasteten, aber in jedem einzelnen Fall offenbart sich eine ganz eigene Spezifik, die fest in den ethnokulturellen Kontexten verwurzelt ist. So macht es jeder in seiner eigenen Sprache und verwendet seine eigenen ‚Utensilien‘. Auch in den Rezepturen lassen sich feine Unterschiede erkennen.

Genau in diesen Details – und nicht in der bloßen Existenz eines gemeinsamen Gerichts – offenbart sich die wahre Einzigartigkeit einer Kultur.

Selbst beim Kennenlernen eines traditionellen Ernährungssystems lässt sich die Spezifik der jeweiligen Hochzeitsrituale entschlüsseln und deren innere Logik rekonstruieren: von der Zusammenstellung der Speisen bis hin zur Reihenfolge, in der sie serviert werden. Anhand bestimmter Gerichte und ihrer Bezeichnungen lässt sich eine lokale Tradition identifizieren. Essen fungiert hierbei nicht nur als bloßer Bestandteil eines Festmahls, sondern als Marker einer Gruppenidentität, an dem die Kulturträger das ‚Eigene‘ untrüglich vom ‚Fremden‘ unterscheiden.

Im Großen und Ganzen jedoch sind die Völker, die im Ural, in der Wolgaregion oder im Kaukasus leben – und die sich durch Sprache und Religion voneinander unterscheiden – aufgrund ihrer geografischen Nähe und des interethnischen Austauschs einander sehr ähnlich. Die Spezifik liegt eben im Detail...“


Das Projekt wurde mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms für Russlanddeutsche in der Russischen Föderation realisiert.

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