Autokorso „Meine ethnische Identität“: Eine Reise auf den Spuren der Russlanddeutschen


Vom 27. bis 31. Mai fand in der gastfreundlichen Wolgaregion ein besonderes kulturhistorisches Projekt statt: eine Autoreise „Meine ethnische Identität“. Die Teilnehmenden, die aus verschiedenen Städten des Urals anreisten, legten in ihren eigenen Fahrzeugen mehr als 1.500 Kilometer zurück. Sie reisten an ihr Ziel, um die Geschichte des eigenen Volkes hautnah zu erleben.

Täglich standen Vorträge hochqualifizierter Referenten zu ethnischer Kultur und Ahnenforschung auf dem Programm. Zudem besuchten die Teilnehmenden historische Erinnerungsorte der Region und nahmen an kulturellen Veranstaltungen sowie interaktiven Programmen teil. Für die jungen Russlanddeutschen bot dies die einzigartige Gelegenheit, ihre ethnische Identität tiefer zu ergründen, das kulturelle Erbe und die Geschichte ihrer Vorfahren kennenzulernen und die Verbindung zu ihren Wurzeln zu stärken.

Der erste Tag begann in Saratow mit einem Besuch des dortigen Heimatmuseums. Gemeinsam mit der Historikerin und Ethnografin Elena Arndt besichtigten die Gäste die Dauerausstellung „Aus der Geschichte der Wolgadeutschen“. Diese basiert auf einer einzigartigen Museumssammlung, deren Grundstein bereits in den 1920er Jahren gelegt wurde.

Bei einem interaktiven Stadtrundgang mit Irina Mamporija erfuhren die Gäste spannende historische Fakten, lauschten lokalen Legenden und gewannen Einblicke in die Besonderheiten des ethnischen Identitätsgefühls der Wolgaregion um Saratow.

In den folgenden zwei Tagen hieß die Stadt Engels die Gäste aus dem Ural herzlich willkommen. Dort bot sich den Teilnehmenden die lang ersehnte Gelegenheit, das Staatsarchiv der Wolgadeutschen zu besuchen. Die engagierten Archivmitarbeiterinnen – unter der Leitung von Olga Skutschaewa (Leiterin der Abteilung für Dokumentennutzung und -publikation) und Swetlana Gozko (Chefkonservatorin) – gaben tiefere Einblicke in ihre Arbeit zur Bewahrung und Rekonstruktion historischer Daten. Zudem halfen sie den Gästen zu verstehen, wie man Anfragen zur Ahnenforschung richtig stellt. Mit großem Interesse sichteten die Teilnehmenden Originaldokumente, die die Geschichte vieler Generationen deutscher Einwanderer bewahren.

Im Zentrum der deutschen Kultur in der Stadt Engels wurden die Gäste von Julia Tarabrina, der Vorsitzenden des Vereins der Deutschen „Wiedergeburt“ des Gebiets Saratow, herzlich empfangen. Dort fand auch der Programmpunkt zur Ahnenforschung statt: Professor Dr. Igor Plewe, renommierter Historiker, gab einen detaillierten und fesselnden Einblick in die Methodik genealogischer Forschungen. Er erläuterte die Besonderheiten der Informationsrecherche sowie die Archivquellen, die für die Suche nach den eigenen Wurzeln und das Erstellen eines Stammbaums herangezogen werden können. Vielen Teilnehmenden half dies zu verstehen, wie sie die Erforschung der eigenen Familiengeschichte anfangen können.

Am selben Tag ehrten die Teilnehmenden am Denkmal für die russlanddeutschen Opfer der Repressionen in der UdSSR das Andenken all jener, die nie wieder nach Hause zurückkehren durften.

Die nächste Station der Rallye war die Stadt Marx. Hier wurden die Teilnehmenden von Natalia Meidt, der stellvertretenden Vorsitzenden der National-kulturellen Autonomie der Deutschen des Rajons Marx des Gebiets Saratow, sowie von Aleksander Kirsanow, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Heimatmuseums von Marx, Landeskundler und Buchautor, herzlich empfangen. Er führte die Gäste zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die eng mit der Geschichte der Russlanddeutschen verbunden sind.

Im Deutsch-Russischen Haus in Marx wurden die Gäste von Elena Geidt herzlich begrüßt, der ersten Vizepräsidentin der Föderalen national-kulturellen Autonomie der Russlanddeutschen und stellvertretenden geschäftsführenden Direktorin für Regionalprojekte des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur. Im Anschluss trafen die Projektteilnehmenden auf den Seniorenclub „Wolga-Welle“, der ein buntes Konzertprogramm vorbereitet hatte. Die dargebotenen Lieder über die Wolga lösten stürmischen Beifall aus und sorgten für eine verbindende Atmosphäre im Saal. Fortgeführt wurde das Programm von Elena Arndt, die eine Ausstellung traditioneller wolgadeutscher Trachten präsentierte und Einblicke in die Geheimnisse und Besonderheiten ihrer Schneiderei gab.

Ein besonderes Highlight für die Delegation aus dem Ural war der Besuch des Radiosenders „Golos Powolschja“ („Stimme der Wolgaregion“) und des dazugehörigen Tonstudios. Dort erhielten die Gäste exklusive Einblicke in die Produktion von Radiosendungen. Zudem erfuhren sie mehr über moderne digitale Tonaufzeichnungstechniken, die für die Ausstrahlung von Beiträgen über das Leben der in der gesamten Russischen Föderation lebenden Russlanddeutschen genutzt werden.

Der Abschlusstag in Saratow fand im L.-W.-Sobinow-Konservatorium statt. Neben den Programmpunkten zur ethnischen Identität bot sich den Teilnehmenden dort die einzigartige Gelegenheit, die Geschichte dieses beeindruckenden Gebäudes sowie die Spuren deutscher Persönlichkeiten im Musikleben der Stadt kennenzulernen. Ein absoluter Höhepunkt war die Besichtigung des weltweit einzigen Flügels mit dem Original-Autogramm von Sergei Rachmaninow, das als historisches und kulturelles Denkmal unter staatlichem Schutz steht.

Im Kulturzentrum „Pioner“, das in der ehemaligen katholischen St.-Clemens-Kathedrale untergebracht ist, lernten die Gäste die Projekte zur virtuellen Rekonstruktion des Gotteshauses kennen. Mithilfe von VR-Technologie konnten sie sich lebhaft vorstellen, wie die Kathedrale und die damalige Deutsche Straße vor über einhundert Jahren aussahen.

Im Anschluss stand für alle Teilnehmenden ein weiteres Treffen mit Professor Dr. Igor Plewe auf dem Programm. Der Historiker räumte mit populären Mythen rund um die Geschichte der Wolgadeutschen auf. Er analysierte, wann und zu welchem Zweck diese Legenden entstanden und warum sie sich bis heute so hartnäckig halten. Die Gäste erfuhren, dass viele vermeintlich „allgemein bekannte“ Geschichten über die Einwanderer in Wahrheit spätere Verfälschungen sind. Solche Verzerrungen entstanden mal rein zufällig, mal wurden Fakten ganz gezielt verändert. Igor Plewe beantwortete im Anschluss zahlreiche Fragen aus dem Publikum und gab wertvolle Ratschläge für die Erforschung der eigenen historischen Wurzeln.

Zum Abschluss leitete Irina Mamporija das Training „Meine deutsche Identität“ und stellte das Modell der kulturellen Vielfalt vor. Gemeinsam mit der ehrenamtlichen Expertin Olga Mamporija präsentierte sie moderne Ansätze zur Bewahrung des kulturellen Erbes sowie zur Vermittlung ethnischer und lokaler Identität durch die Kreativwirtschaft. Zudem gaben die beiden Expertinnen Einblicke in wegweisende regionale Projekte, die sich für den Erhalt des materiellen und immateriellen Erbes der Region einsetzen.

Während der ereignisreichen Projektreise besuchten die Teilnehmenden drei Städte der Region und erlebten hautnah, wie reich und facettenreich die Kultur und Geschichte der Russlanddeutschen sind. Die Reise erwies sich als echtes Highlight, das die Verbindung zwischen den Gemeinschaften der Russlanddeutschen stärkte und die Beteiligten dazu inspirierte, ihre Herkunft weiter zu erforschen. Bei vielen wuchs der Wunsch, in Zukunft auch ihre Familien und Angehörigen an diese geschichtsträchtigen Orte zu bringen, um das gemeinsame kulturelle Erbe noch tiefer zu ergründen und lebendig zu halten.

Die Organisatoren sprechen allen Partnern und Institutionen ihren herzlichen Dank aus, die dazu beigetragen haben, dieses Projekt zu einem so lebendigen und unvergesslichen Ereignis zu machen: dem Zentrum der deutschen Kultur in Engels, dem Deutsch-Russischen Haus in Marx, dem Staatsarchiv der Wolgadeutschen, den Heimatmuseen in Saratow und Marx, dem Staatlichen L.-W.-Sobinow-Konservatorium Saratow, dem Kulturzentrum „Pioner“ sowie dem Verlagshaus „Wolga“.

Eindrücke der Teilnehmenden:

„Für unsere Familie war dies ein echtes Abenteuer und eine wertvolle gemeinsame Erfahrung.

Unsere Kinder waren von allen Aktivitäten hellauf begeistert, haben Fragen gestellt, fotografiert und – was das Wichtigste ist – ein ganz neues Interesse an unserer Familiengeschichte entwickelt.

Für Anna und mich war es ebenfalls ein sehr bewegender Moment: Erinnerungen an die Erzählungen unserer Großeltern wurden wach, wir konnten Parallelen zu dem Gesehenen ziehen und haben gespürt, wie wichtig es ist, diese Erinnerung weiterzutragen. Das Projekt ‚Meine ethnische Identität‘ hat uns nicht nur geholfen, mehr über unsere Wurzeln zu erfahren, sondern uns auch mit Stolz auf unsere Vorfahren erfüllt.

Wir haben hautnah erlebt, wie viel Herzblut und Energie die Organisatoren in die Bewahrung des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen stecken“, teilt Igor Karamasin aus Jekaterinburg, der gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern an dem Projekt teilgenommen hat.

Dieses Projekt war wie eine echte Zeitreise, die unserer Familie die Seiten der Geschichte der Wolgadeutschen geöffnet hat…

„Alle Referenten waren zutiefst vertraut mit dem Thema der nationalen Identität. Wir haben ganz offen über dieses Thema diskutiert – wir haben gestritten und einander zugestimmt… Insgesamt war der Autokorso für unsere Familie ein unvergessliches Ereignis: Er hat meinen Mann und mich motiviert und inspiriert, tiefer in die Geschichte unserer deutschen Vorfahren einzutauchen, ihre Traditionen und Kultur zu studieren und unsere Deutschkenntnisse zu verbessern“, teilen Anna Lowkina und Aleksej Parchomenko ihre Eindrücke.

Das Projekt ‚Meine ethnische Identität‘ hat es mir ermöglicht, ein umfassendes Gesamtbild der Geschichte der Wolgadeutschen und des Gebiets Saratow als Ganzes zu gewinnen.

„Das klug zusammengestellte Programm bot die Gelegenheit, in kurzer Zeit Museen zu besuchen, die Arbeit des Staatsarchivs der Wolgadeutschen kennenzulernen und tief in die Kultur der Region einzutauchen. Besonders beeindruckt haben mich die Projekte des Kulturzentrums ‚Pioner‘ sowie die Arbeit von Irina und Olga Mamporija. Als besonders wertvoll empfand ich die Vorträge der Koryphäen Elena Arndt und Igor Plewe“, so das Fazit von Ekaterina Neufeld aus Suchoi Log.

Und das berichteten die Mitglieder der Familie Roganin aus Tjumen:

„Die Teilnahme an dem Autokorso zu den historischen Orten der Wolgadeutschen hat uns tief beeindruckt und wird uns noch viele Jahre in Erinnerung bleiben. Das Programm war unglaublich vielseitig und spannend.

Besonders in Erinnerung geblieben ist uns die Stadt Saratow mit ihrem prachtvollen Konservatorium, der ehemaligen ‚Deutschen Straße‘ und der wunderschönen Wolga-Promenade.

In Engels haben wir das einzigartige Staatsarchiv der Wolgadeutschen besucht und erfahren, wie man Anfragen richtig formuliert, um nach den eigenen Verwandten zu suchen. Das war überaus lehrreich. Unsere Familie möchte allen Organisatoren ihren tiefen Dank für diese herzliche und bedeutsame Veranstaltung aussprechen.“


Das Projekt wurde mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation realisiert.

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