Ethnografisches Projekt im Gebiet Orenburg geht weiter: Forschende besuchen deutsche Dörfer


Die Teilnehmenden des ethnografischen Projekts im Gebiet Orenburg haben ihre Sammlung von Materialien zur Kultur, zu den Traditionen und zur Familienerinnerung der Russlanddeutschen fortgesetzt. Die Forschungsgruppe besuchte mehrere Ortschaften, führte dort Interviews durch, dokumentierte Objekte des materiellen Kulturerbes und traf sich mit Menschen, die sich für die Bewahrung der lokalen Geschichte einsetzen.

Die Route war in zwei Etappen aufgeteilt: An einem Tag besuchte die Gruppe die Dörfer Schdanowka, Kanzerowka, Kamenka und Chortiza, am anderen Tag arbeitete sie in Pretoria, Kubanka, Kitschkas und Pleschanowo.

In jeder Ortschaft trafen die Projektteilnehmenden mit Einheimischen zusammen, hielten die Erinnerungen alteingesessener Bewohner fest, führten Interviews durch und dokumentierten Objekte, die mit der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen verbunden sind. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei Familiengeschichten und -traditionen, den Besonderheiten des Alltagslebens sowie erhaltenen Elementen des materiellen und immateriellen Kulturerbes.

Parallel dazu untersuchten die Forschenden örtliche Museumssammlungen, Archivmaterialien und bedeutungsvolle Orte, die Einblicke in die Geschichte der deutschen Siedlungen ermöglichen und dazu beitragen, Informationen über das Leben mehrerer Generationen von Russlanddeutschen zu bewahren.

Für Darja Swirina, Dozentin am Institut für Sozialwissenschaften in Moskau, ist dies bereits nicht das erste ethnografische Projekt. Diesmal ist Darja für die Durchführung von Befragungen und die Aufzeichnung der Erinnerungen alteingesessener Bewohner im Rahmen des ethnografischen Forschungsprogramms zur Bevölkerung der Russlanddeutschen verantwortlich: „Für mich ist es wichtig, die Perspektive und auch die geografischen Grenzen zu erweitern. Unter den Russlanddeutschen in Russland gibt es zentrale Orte, die in der Regel besser erforscht sind. Ich bin auf die Redewendung gestoßen: ‚Deutsch ist nicht gleich Deutsch‘. Und ich möchte die Unterschiede zwischen den einzelnen Gebieten und Regionen sowie zwischen den verschiedenen Gruppen der Russlanddeutschen verstehen. Dabei hat jede Gruppe ihren eigenen historischen Kontext, ihre eigenen Siedlungsgebiete, ihre eigene Entstehungsgeschichte und ihren eigenen religiösen Kontext.“

Dabei geht es gewissermaßen darum, die verschiedenen Regionen miteinander zu vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, da der regionale Aspekt im Mittelpunkt der Untersuchung steht.

„Das Gebiet Orenburg ist deshalb interessant, weil sich hier kompakte Siedlungen erhalten haben und die Russlanddeutschen von hier nicht umgesiedelt wurden. Daher ist die Kultur der Russlanddeutschen hier in größerem Maße erhalten geblieben als an den Orten, aus denen die Deutschen umgesiedelt wurden“, berichtet Darja. „In diesem Zusammenhang ist es interessant, die Museen zu betrachten, die wir besucht haben. Wir haben bereits drei Museen besucht. Dort gibt es umfangreiche und inhaltsreiche Sammlungen von Gegenständen, die einst von den Deutschen, die in diesen Ortschaften lebten, im Alltag verwendet wurden. Darunter befindet sich eine große Vielfalt an Haushaltsgegenständen, Kleidung, Schuhen und Haushaltsgeräten, die von den Russlanddeutschen genutzt wurden.“

An dem ethnografischen Projekt beteiligt sich auch eine kreative Gruppe aus Tjumen, bestehend aus der Dramatikerin Marina Dadytschenko und der Regisseurin Polina Saharowa. Sie sammeln im Rahmen des Projekts Material, das später im Art-Laboratorium für Theaterkunst zum Thema Bewahrung der Familienerinnerung der Russlanddeutschen verwendet werden soll. Das Art-Laboratorium wird 2027 stattfinden.

Marina Dadytschenko schildert ihre Eindrücke: „In der Regel gibt das gesammelte Material den Sinn und die Art und Weise der Textmontage vor: Wie der Text auf der Bühne existieren wird, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Wir werden die im Rahmen des Projekts gesammelten Materialien im Herbst des kommenden Jahres für das heutige städtische Publikum aufbereiten. Wir fahren durch Dörfer, in denen kulturelle Ausdrucksformen Teil alltäglicher und häufig nicht bewusst reflektierter Rituale und des Lebensumfelds sind – im Gegensatz zu Städten, in denen dieselben Ausdrucksformen keine Wurzeln mehr im täglichen Leben haben.“

Gerade diese Verbindung kann meiner Meinung nach interessante Bilder und Vorstellungen entstehen lassen.

Die Regisseurin Polina Sacharowa erklärt: „Die Erinnerungen alteingesessener Bewohner und heutiger Träger der Kultur der Russlanddeutschen aufzuzeichnen, ist für die Bewahrung der Erinnerung an eine Volksgruppe, die über Jahrhunderte hinweg ihre einzigartige Kultur entwickelt hat, von großer Bedeutung. Es geht darum, wertvolles Wissen darüber, wie die Russlanddeutschen trotz bestimmter historischer Ereignisse ihre Identität bewahrt haben, an die kommenden Generationen der Russlanddeutschen sowie an Menschen aller Nationalitäten weiterzugeben. Und natürlich geht es auch darum, die konkreten Menschen sichtbar zu machen, die heute bereits einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung und Bewahrung dieser Kultur leisten. Das Gebiet Orenburg und die Dörfer und Siedlungen der Russlanddeutschen stehen für fruchtbare Gemüse- und Obstgärten, viel Vieh und schöne, gepflegte Häuser. Aus ethnografischer Sicht sind hier zahlreiche Objekte erhalten geblieben. Vielleicht leben heute nicht mehr so viele Russlanddeutsche in diesen Dörfern, aber diejenigen, die geblieben sind, erinnern sich an vieles und wissen viel. Und sie lieben ihr Land.“

Ein weiteres Ziel des Projekts ist es, den seltenen Dialekt zu dokumentieren, der heute nur noch von der älteren Generation gesprochen wird. Die Sprache soll als einer der bedeutendsten und lebendigsten Bestandteile der Kultur der Russlanddeutschen im Gebiet Orenburg bewahrt werden.

Der Leiter der Forschungsgruppe, Dmitrij Weimann, betont die Bedeutung des ethnografischen Projekts im Gebiet Orenburg: „Das ethnografische Projekt setzt eine Reihe von Forschungen über die Russlanddeutschen im Gebiet Orenburg und ihre bäuerlichen und ländlichen Siedlungen fort, die hier im Zuge der Stolypinschen Agrarreform Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Hier entstanden die ersten deutschen Kolonien. Insgesamt gibt es sechs Stadtkreise im Gebiet Orenburg, von denen sich in drei Stadtkreisen vor allem Mennoniten ansiedelten. Bis heute leben hier Deutsche, weil die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten deutschen Dörfer noch bestehen. Die traditionelle Kultur ist hier noch lebendig, und hier leben sogar noch die Nachkommen der ersten Siedler. Darüber hinaus gibt es mehrere Ortschaften, in denen Deutsche – insbesondere Mennoniten – bis heute einen bedeutenden Teil der Bevölkerung ausmachen.“

Die Aufgaben der Projektgruppe umfassen mehrere Bereiche. Im Mittelpunkt steht zunächst die Untersuchung des visuellen Erscheinungsbildes: Erfasst werden soll, wie die deutschen Dörfer heute aussehen. Darüber hinaus wird das materielle Erbe untersucht, das in den deutschen Dörfern erhalten geblieben ist. Dabei sollen unter anderem öffentliche Gebäude der Russlanddeutschen dokumentiert werden.

Die gewonnenen Materialien werden von den Teilnehmenden des ethnografischen Projekts täglich systematisiert. Sie sollen künftig als Grundlage für die Erweiterung des Registers des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen, für Ausstellungen des Virtuellen Museums der Russlanddeutschen und des Deutsch-Russischen Hauses in Moskau sowie für wissenschaftliche Publikationen und Bildungsprojekte dienen.

Von besonderem Wert sind die persönlichen Berichte der Kulturträger. Sie ermöglichen es, nicht nur historische Fakten, sondern auch persönliche Erinnerungen, dialektale Sprache, Familientraditionen und lokale Besonderheiten der deutschen Siedlungen im Gebiet Orenburg zu bewahren.

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Schott


Das Projekt wird vom Internationalen Verband der deutschen Kultur im Rahmen des Unterstützungsprogramms für Russlanddeutsche durchgeführt.

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