„Die deutsche Sprache ist die Verbindung zu unseren Vorfahren“: Familie Leichner über den Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“


Der Gesamtrussische Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“ bringt Hunderte engagierte Pädagogen, Sprachwissenschaftler und Aktive aus ganz Russland zusammen. Noch bis zum 14. September können Beiträge eingereicht werden. Die ersten Teilnehmenden haben ihre Bewerbungen bereits eingereicht und RusDeutsch.ru von ihren Erfahrungen berichtet. Über die Liebe zur deutschen Sprache und die Geheimnisse lebendiger Unterrichtsstunden, über ihren Weg in der Organisation der Russlanddeutschen und darüber, wie sich das ethnokulturelle Erbe der Russlanddeutschen der heutigen Jugend verständlich und greifbar vermitteln lässt, berichten die Teilnehmenden der Nominierung „CyberDeutsch“, Oxana und Maxim Leichner, im Interview.

In diesem Jahr haben die Aktiven des städtischen Jugendclubs der Russlanddeutschen „Bes graniz“ (#Grenzlos) aus Omsk – die Lehrerin und Leiterin von Sprachklubs Oxana Leichner und der Deutschlehrer Maxim Leichner – eine besondere methodische Entwicklung für den Wettbewerb eingereicht. In ihrem Projekt verbinden sie das bei Jugendlichen beliebte Format des Sprachcafés mit einem bedeutenden literarischen Werk über die Russlanddeutschen und der innovativen pädagogischen Methode „TRIZ“.

Von Berufung, Vorfahren und der Aufgabe eines Pädagogen

– Erzählen Sie uns zunächst etwas über sich. Wie ist die deutsche Sprache zu Ihrem Beruf geworden?

Oxana: Seit drei Jahren unterrichte ich Deutsch im Einzelunterricht, seit zwei Jahren leite ich außerdem regelmäßig Treffen unseres Klubs der Freunde der deutschen Sprache. Ich habe an einer pädagogischen Hochschule den Studiengang „Fremdsprache (Englisch und Deutsch)“ absolviert.

Doch für mich ist Deutsch viel mehr als nur ein Beruf oder ein Fach, das in meinem Abschlusszeugnis steht. Vor allem ist es die Sprache meiner Vorfahren. Deshalb habe ich mich entschieden, mein Leben dauerhaft mit der deutschen Sprache zu verbinden. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was ich tue.

Maxim: Ich habe an der Staatlichen Pädagogischen Universität Omsk studiert und unterrichte seit mehreren Jahren Deutsch im Einzelunterricht.

Für mich ist Deutsch nicht einfach eine Fremdsprache. Es ist vor allem die Sprache meines Volkes, die Sprache meiner Vorfahren und gewissermaßen auch die Sprache meines heutigen Umfelds.

Ich habe mich schon immer für Sprachen interessiert, aber Deutsch hat mich besonders fasziniert. Außerdem wollte ich als Russlanddeutscher unbedingt Hochdeutsch beherrschen. Deshalb habe ich mich für diesen Beruf entschieden.

– Was sehen Sie als wichtigste Aufgabe einer modernen Fremdsprachenlehrkraft?

Oxana: Meiner Meinung nach besteht die wichtigste Aufgabe einer Lehrkraft heute nicht nur darin, Sprachwissen zu vermitteln und kommunikative Fähigkeiten zu entwickeln. Ebenso wichtig ist es, die Lernenden mit der Kultur des Landes, dessen Sprache sie lernen, sowie mit der Geschichte und dem kulturellen Erbe des Volkes vertraut zu machen, das diese Sprache spricht.

Eine Sprache lebt nur dann, wenn hinter ihr konkrete Bedeutungen und menschliche Schicksale stehen.

Maxim: Die wichtigste Aufgabe einer Fremdsprachenlehrkraft besteht heute vor allem darin, die wertvollsten Traditionen und Werte des Volkes zu vermitteln, dessen Sprache man unterrichtet. Wer eine Sprache lernt, sollte dadurch in die Lage versetzt werden, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven und mit den Augen verschiedener Völker zu betrachten. Das ist in unserer multikulturellen Welt von großer Bedeutung, damit Menschen angemessen und respektvoll mit Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Nationalitäten kommunizieren können.

Innovation und Erinnerung: vom Sprachcafé zu TRIZ

– Wie ist die Idee für Ihren Wettbewerbsbeitrag entstanden? Was hat Sie dazu bewogen, am Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“ teilzunehmen?

Oxana: Inspiriert haben mich die Jugendlichen aus meinem Jugendclub „Bes graniz“ (#Grenzlos). Unser Klub hat eine schöne Tradition: Jeden Monat veranstalten wir ein Sprachcafé. Als wir über den Wettbewerb sprachen, kam uns die Idee: Warum nicht unser traditionelles Sprachcafé einmal in einem völlig neuen und ungewöhnlichen Format durchführen? Also machten wir uns an die Entwicklung und setzten dabei TRIZ – die „Theorie des erfinderischen Problemlösens“ – ein. Am Ende entstand etwas wirklich Neues, Tiefgründiges und Spannendes. Das Ergebnis hat unsere Erwartungen sogar übertroffen!

– Welches Thema bildet die Grundlage Ihrer methodischen Entwicklung und warum haben Sie sich gerade dafür entschieden?

Oxana: Das Thema unserer methodischen Entwicklung lautet „Sitten und Bräuche der Russlanddeutschen“.

Für unser Team ist es von grundlegender Bedeutung, dass junge Russlanddeutsche die Traditionen ihres Volkes kennen, sich an sie erinnern und sie auch emotional erfahren.

Maxim: Wir haben dieses Thema im Format eines Sprachcafés umgesetzt – einem Format, das inzwischen zu einem Markenzeichen unseres Klubs geworden ist. Wir beschäftigten uns mit den Weihnachtstraditionen der Russlanddeutschen und erschlossen das Thema anhand des Werks „Der Wermutstannenbaum“ von Olga Kolpakowa.

– Was ist das Besondere an Ihrer Methode? Wie verbinden Sie darin ethnokulturelle Inhalte mit pädagogischen Ansätzen?

Maxim: Der ethnokulturelle Aspekt ist bereits in das verwendete Material integriert. Wir sprachen über die schwierigen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Deportation, darüber, warum diese Zeit so schwer war und wie es dazu kommen konnte. Auf diese Weise haben wir die ethnokulturelle Dimension unmittelbar über die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk erschlossen.

Oxana:

Um dieses Material intensiv zu bearbeiten, haben wir die Methode „TRIZ“ eingesetzt. Sie fördert kreatives Denken und die Fähigkeit, ein und dasselbe Phänomen aus völlig unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Für die Vermittlung von Ethnokultur ist das ein unverzichtbares Instrument.

Bei der Vorbereitung unserer Wettbewerbsbeiträge haben wir „Der Wermutstannenbaum“ immer wieder gelesen und waren aufs Neue beeindruckt davon, wie tiefgründig der Text ist und wie viele weitere methodische Konzepte sich daraus noch entwickeln lassen.

– Welche interessanten Entdeckungen haben Sie bei der Erstellung der Wettbewerbsunterlagen gemacht?

Maxim: Am interessantesten war für uns die Erkenntnis, dass Wermut und Fichte, die in Olga Kolpakowas Buch beschrieben werden, ganz unterschiedliche und teilweise überraschende Funktionen haben. So stellte sich beispielsweise heraus, dass Wermut zum Schutz von Kellerräumen vor Mäusen eingesetzt werden kann, da diese den Geruch nicht vertragen. Wir haben diese interessanten Fakten in unseren Unterricht eingebunden und die Teilnehmenden dazu eingeladen, ihr eigenes Wissen über Fichten und Wermut miteinander zu teilen. Das sorgte für eine lebendige und produktive Atmosphäre im Sprachcafé und half den Teilnehmenden, ihr eigenes sprachliches und kulturelles Potenzial zu entdecken.

Moderne Ansätze und die Bewahrung der „Deutschheit“

– Wie hat sich Ihrer Beobachtung nach das Interesse an der deutschen Sprache bei der heutigen Zielgruppe verändert?

Oxana: Die Einstellung hat sich grundlegend verändert.

Heute wird Deutsch nicht mehr ausschließlich als pragmatisches Instrument für persönliche oder berufliche Ziele wahrgenommen, sondern zunehmend als Schlüssel zum Verständnis der Kultur, Mentalität und Geschichte eines Volkes.

Maxim: Das Interesse an der deutschen Sprache hat sich eigentlich nicht dahingehend verändert, dass es nun grundsätzlich mehr oder weniger Menschen gibt, die sich dafür interessieren. Es wird immer Menschen geben, die Deutsch spannend finden, und solche, die kein Interesse daran haben. Verändert hat sich vielmehr die Art und Weise, wie dieses Interesse zum Ausdruck kommt. Heute suchen viele Menschen zunehmend den direkten Austausch. In Omsk ist das unter anderem dank des Deutsch-Russischen Hauses und des Jugendclubs „Bes graniz“ (#Grenzlos) mit seinem Sprachcafé möglich.

Die Menschen schauen aktiv Videos und hören Musik auf Deutsch. Außerdem nutzen viele inzwischen KI zum Sprachenlernen. Sie kann dabei helfen, Fehler zu analysieren und sich neues Material anzueignen. Diese Entwicklung ist deutlich spürbar.

– Welche Methoden setzen Sie in Ihrer pädagogischen Arbeit besonders häufig ein?

Oxana: In meinem Unterricht arbeite ich intensiv mit spielerischen Methoden. Sie helfen, Hemmungen schnell abzubauen und die Motivation zu steigern. Außerdem nutze ich digitale Technologien, die den Lernprozess vereinfachen und moderner gestalten. Und natürlich gehören inzwischen auch „TRIZ“-Methoden zu meinem pädagogischen Repertoire. Sie fördern unter anderem kritisches und räumliches Denken.

Maxim: Sowohl in unserer methodischen Entwicklung als auch in meinem Unterricht kommt die Theorie des erfinderischen Problemlösens regelmäßig zum Einsatz. Diese ursprünglich für Ingenieure entwickelte Methode wird heute zunehmend auch in der ethnokulturellen Bildungsarbeit eingesetzt. Sie fördert die Fähigkeit, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten – eine Eigenschaft, die gerade beim Erlernen und Vermitteln von Ethnokultur besonders wertvoll ist. Auch KI setzen wir aktiv ein.

– Verraten Sie uns einen professionellen Tipp: Wie wird eine Deutschstunde wirklich spannend?

Oxana: Mein wichtigster Rat an Kolleginnen und Kollegen lautet: Scheuen Sie sich nicht, neben bewährten Methoden auch völlig neue und unkonventionelle Ansätze auszuprobieren, mit denen Sie vielleicht noch nie gearbeitet haben.

Innovative pädagogische Ansätze stoßen bei den Lernenden meist auf große Resonanz und wecken ihre Neugier.

Und denken Sie daran: Wer nicht vollständig in eine Sprache eintaucht, kann auch ihre Kultur nicht wirklich erleben und verstehen. Deshalb sollte eine Sprache kontinuierlich vermittelt und gelernt werden.

Maxim: Wenn eine Unterrichtsstunde spannend sein soll, empfehle ich, möglichst viele konkrete Gegenstände einzusetzen. Wenn es beispielsweise um den Wermutstannenbaumgeht, bringen Sie Wermut und eine Fichte mit, damit die Teilnehmenden sie anfassen, untersuchen und auf Deutsch beschreiben können. Wenn es um Essen geht, bringen Sie das entsprechende Essen mit. Auf diese Weise werden mehrere Sinne angesprochen. Das unterstützt das Erinnern und ermöglicht eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema.

– Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das Erlernen der deutschen Sprache bei der Bewahrung des ethnokulturellen Erbes der Russlanddeutschen?

Maxim: Das Erlernen der deutschen Sprache spielt dabei eine herausragende Rolle.

Wer die Sprache seines Volkes nicht kennt, versteht auch nicht, wie dieses Volk denkt und lebt.

Ohne die Verbindung von Geschichte, Kultur und Sprache ist es sehr schwierig, jene besondere „Deutschheit“ weiterzugeben. Deshalb sollte das Erlernen der Sprache bei der Vermittlung des ethnokulturellen Erbes der Russlanddeutschen an erster Stelle stehen.

Inspiration und Ratschläge für Kolleginnen und Kollegen

– Was persönlich hat Ihnen die Teilnahme am Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“ gegeben?

Oxana: Vor allem unglaublich viel Inspiration. Es war wunderbar und zugleich bewegend, die ehrlichen Reaktionen der Teilnehmenden unseres Sprachcafés zu erleben. Allen gefielen sowohl das Thema selbst als auch die Arbeit mit dem Buch „Der Wermutstannenbaum“.

Wenn man die Begeisterung in den Augen der Menschen sieht, weiß man, dass sich die eigene Arbeit lohnt.

Maxim: Die Teilnahme am Wettbewerb hat mir einen starken Motivationsschub gegeben, meine Arbeit im Jugendclub „Bes graniz“ (#Grenzlos) fortzusetzen und weiterhin unsere Sprachcafés zu veranstalten, die inzwischen zu einem Markenzeichen des Klubs geworden sind.

Die positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden zu unserer methodischen Entwicklung zu sehen und zu hören, war für mich eine große Inspiration.

– Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Materialien bereits mit anderen Kolleginnen und Kollegen?

Oxana: Natürlich! Ich setze die entwickelten Materialien bereits aktiv bei den Treffen unseres Klubs der Freunde der deutschen Sprache ein und werde sie sehr gerne auch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Regionen teilen.

Maxim: Ja, natürlich! Wir setzen unsere entwickelten Materialien bereits aktiv ein und teilen unsere Erfahrungen mit anderen. Wir haben unser Sprachcafé sogar beim ethnokulturellen Sprachtreffen des Jugendrings der Russlanddeutschen vorgestellt. Die Teilnehmenden reagierten sehr positiv auf dieses Format und äußerten den Wunsch, es auch in ihren eigenen Städten umzusetzen.

– Was möchten Sie Lehrkräften und Aktiven mit auf den Weg geben, die noch überlegen, ob sie sich für den Wettbewerb bewerben sollen?

Oxana: Ich habe nur eine Sache, die ich mit auf den Weg geben möchte: Habt keine Angst.

Habt keine Angst, euch zu zeigen, euer Potenzial zu entfalten und gewohnte Wege zu verlassen.

Der Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“ ist offen für neue Talente, mutige Ideen und Initiativen. Probiert es unbedingt aus – ihr werdet es schaffen!

Maxim: Setzt euch ein konkretes Ziel und arbeitet darauf hin, es bis zum festgelegten Termin umzusetzen. Wenn ihr gute Ideen habt, werden sie mit Sicherheit etwas bewirken.

Wer andere inspirieren möchte, muss bereit sein, dafür Zeit und Mühe zu investieren und sich seiner Verantwortung bewusst zu sein. Denn die eigenen Tätigkeiten können das Leben und die Motivation vieler Russlanddeutscher beeinflussen.

Wir möchten daran erinnern, dass die Einreichungsfrist für den Gesamtrussischen Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“ noch läuft. Die einzelnen Wettbewerbsnominierungen sowie die Möglichkeit zur Bewerbung bis zum 14. September 2026 finden Sie auf der offiziellen Website.

Das Projekt wird vom Internationalen Verband der Deutschen Kultur im Rahmen des Unterstützungsprogramms für Russlanddeutsche in der Russischen Föderation durchgeführt.

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Schott

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