Ethnografisches Projekt zur Bewahrung des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen im Gebiet Orenburg abgeschlossen


Im Gebiet Orenburg ist ein ethnografisches Projekt zur Erforschung und Bewahrung des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen abgeschlossen worden. Mehrere Tage lang arbeitete die Forschungsgruppe in Orten, in denen Russlanddeutsche früher und auch heute in größerer Zahl leben. Dabei zeichneten die Forschenden die Erinnerungen alteingesessener Bewohner auf, untersuchten Familienarchive, dokumentierten Objekte der materiellen Kultur und hielten Besonderheiten der traditionellen Lebensweise fest.

Die abschließende Route des ethnografischen Projekts führte durch Dutzende Ortschaften der Region. Die Forschenden besuchten Lugowsk, Podolsk, Kuterlja, Dolinsk, Ischalka, Klinok, Jugowka, Donskoje, Krasikowo, Tokskoje, Pleschanowo, Sorotschinsk und Orenburg. In jeder Ortschaft fanden Treffen mit Einheimischen statt. Die historische Bebauung wurde fotografisch und filmisch dokumentiert, Interviews wurden aufgezeichnet und Museumssammlungen untersucht.

Am 31. Juli begab sich die Gruppe nach Lugowsk, wo die Forschenden von Pädagogen und Mitgliedern eines Seniorenklubs empfangen wurden, die sich regelmäßig in der örtlichen Schule treffen. Nach dem Runden Tisch zeichneten die Expeditionsteilnehmenden die Erinnerungen alteingesessener Bewohner auf. In Podolsk wurden typische deutsche Wohnhäuser eingehend untersucht, die Besonderheiten der traditionellen Architektur der Russlanddeutschen bewahrt haben. Im Dorf Kuterlja fanden Interviews mit Einheimischen statt, die dazu beitrugen, das Bild des Alltagslebens in den deutschen Siedlungen zu vervollständigen.

Große Aufmerksamkeit galt der Arbeit mit Museumssammlungen. Im Museum für Geschichte und Heimtatkunde von Podolsk dokumentierten die Projektteilnehmenden Ausstellungen zur Geschichte der Russlanddeutschen und beschäftigten sich zugleich mit der Geschichte des Museumsgebäudes selbst. Besonderes Interesse weckte das Treffen mit dem Ältesten der örtlichen Baptistengemeinde. Das Gespräch mit ihm und seiner Familie ermöglichte einen besseren Einblick in die Besonderheiten des religiösen Lebens der Russlanddeutschen in verschiedenen historischen Epochen und zeigte, welche Rolle der Glaube bei der Bewahrung der nationalen Identität spielte.

Einer der ereignisreichsten Projekttage war die Arbeit im Dorf Ischalka. Hier zeichneten die Forschenden Interviews mit mehreren Menschen auf, die über ein umfangreiches Wissen über die lokale Kultur und Geschichte verfügen. Darüber hinaus lernten die Projektteilnehmenden eine einzigartige private Sammlung von Gegenständen des Alltags und der Kultur der Russlanddeutschen kennen, die von Einheimischen zusammengetragen wurde. Obwohl sich das Museum in einem Privathaus befindet und keinen offiziellen Status besitzt, bewahrt es Dutzende authentische Exponate auf, die vom Leben mehrerer Generationen erzählen.

„Von Anfang an fiel mir eine Besonderheit auf, die ich in anderen Regionen zuvor nicht bemerkt hatte. In praktisch allen Dörfern erwiesen sich die Höfe als erstaunlich offen: niedrige Zäune und das Fehlen hoher Einfriedungen vermitteln ein Gefühl des Vertrauens zwischen den Menschen. In Ischalka hat sich bis heute ein alter Brauch erhalten: Wenn niemand zu Hause ist, wird ein Besen vor die Tür gestellt. Und die Türen werden häufig nicht einmal abgeschlossen – hier gilt nach wie vor ein ungeschriebenes Gesetz des Vertrauens“, berichtet die Projektteilnehmerin Darja Swirina von ihren Eindrücken.

Die Forschenden stellten außerdem fest, dass sich das sprachliche Umfeld gut erhalten hat. In vielen Familien kommunizieren Angehörige der älteren Generation weiterhin auf Plattdeutsch, das nach wie vor ganz selbstverständlich als Sprache der häuslichen Kommunikation verwendet wird.

Eine nicht minder wertvolle Erkenntnis waren zahlreiche Beispiele für die gegenseitige kulturelle Beeinflussung. Im Laufe der Jahrzehnte des Zusammenlebens haben die deutsche und die russische Bevölkerung zahlreiche Alltagstraditionen voneinander übernommen.

„Wir haben sehr interessante Beispiele für das Miteinander verschiedener ethnischer Gruppen gesehen. Die russische Bevölkerung in der Nachbarschaft bewahrt deutsche Traditionen nicht nur, sondern gibt sie auch an ihre Kinder weiter. Vieh wird nach deutscher Tradition geschlachtet, von deutschen Handwerkern gefertigte landwirtschaftliche Geräte werden verwendet und traditionelle Methoden der Gartenbearbeitung angewandt. Viele Gerichte der deutschen Küche sind längst Teil des alltäglichen Speiseplans russischer Familien geworden. Gleichzeitig gibt es auch umgekehrte Beispiele, bei denen die Russlanddeutschen einzelne Elemente der russischen Kultur übernommen haben. All das zeigt, wie eng die Schicksale der verschiedenen Völker miteinander verflochten sind“, betont Darja.

„Solche Projekte helfen den Menschen, den Wert ihrer eigenen Geschichte zu erkennen und zu verstehen, dass die Erinnerung ihrer Familien nicht nur für sie selbst, sondern auch für künftige Generationen von Bedeutung ist. Für die Forschenden ist dies unschätzbar wertvolles Material, das sich in Archiven nicht finden lässt. Ins Gebiet Orenburg muss man unbedingt zurückkehren – hier gibt es noch sehr viele Geschichten, die darauf warten, entdeckt zu werden.“

Auch Marina Dadytschenko, Dramatikerin und Regisseurin unabhängiger Theaterprojekte in Tjumen, schilderte ihre Eindrücke von ihrer Teilnahme am Projekt: „Persönlich suche ich nach Prozessen und Schlüsselmomenten, in denen sich etwas im Leben oder im Charakter eines Menschen verändert und nicht mehr so ist wie zuvor. Viele von uns haben beispielsweise warme Erinnerungen an das Essen, das wir in unserer Kindheit bekommen haben. Das spricht die Zuschauer unmittelbar an und ermöglicht es, einen Raum gemeinsamer Erinnerungen zu schaffen. Indem wir solche Erinnerungen im Zuschauerraum gemeinsam erleben, bekommen wir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Geschichte zu berühren – etwas, das größer ist als wir selbst –, sie wieder lebendig werden zu lassen und neu zu verarbeiten.“

Mich hat vor allem die Möglichkeit angesprochen, Kultur unmittelbar in ihrem Lebensumfeld zu erleben – durch den Dialog mit den Menschen und nicht in einer musealen Darstellung. Theater ist für mich in vielerlei Hinsicht eine Möglichkeit, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen gemeinsam zu reflektieren. Die Suche nach der eigenen Identität ist dabei ein äußerst wichtiges Thema.

Die Regisseurin Polina Saharowa nimmt erstmals an einem ethnografischen Projekt teil: „Ich bin zum ersten Mal im Gebiet Orenburg. Aber schon jetzt kann ich sagen, dass die Dörfer und Siedlungen der Russlanddeutschen von fruchtbaren Gemüse- und Obstgärten, viel Vieh und schönen, gepflegten Häusern geprägt sind. Aus ethnografischer Sicht sind hier zahlreiche Objekte erhalten geblieben. Meine Motivation für die Teilnahme an dem ethnografischen Projekt war der Wunsch, ein anderes Bild von der Welt zu bekommen. Ich wollte sehen, wie Menschen an Orten leben, an denen ich zuvor noch nie gewesen war, ihre Kultur und Traditionen kennenlernen und sie bei der Arbeit und im Alltag erleben.

Mich haben die Familienbücher interessiert, in denen Informationen über die gesamte Familiengeschichte zusammengetragen sind, ebenso wie einzigartige historische Fotografien, Familiengeschichten und Briefe. Am meisten interessieren mich jedoch die Interviews mit den Bewohnern dieser Orte und ihre lebendigen Erinnerungen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, mehrere eindrucksvolle Geschichten zu sammeln, die die Grundlage für die Dramaturgie unseres Theaterprojekts im Rahmen des Art-Laboratoriums mit Jugendlichen aus der Gemeinschaft der Russlanddeutschen bilden werden. Das Art-Laboratorium findet im Oktober 2027 statt. Wenn wir auf Grundlage der im Rahmen dieses Projekts gesammelten Materialien gemeinsam mit Marina Dadytschenko ein Theaterprojekt entwickeln, hoffe ich, dass wir den Jugendlichen den Wert und die Bedeutung der Bewahrung von Erinnerung vermitteln und ihnen zeigen können, auf welch unterschiedliche Weise man sich mit diesem Thema auseinandersetzen kann.“

Der Leiter der Forschungsgruppe, Dmitrij Weimann, schilderte seine Eindrücke von dem abgeschlossenen ethnografischen Projekt: „Nicht zufällig wurden gerade diese Gebiete und Ortschaften im Gebiet Orenburg ausgewählt, in denen bis heute Russlanddeutsche leben. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart machen Russlanddeutsche in einigen Ortschaften nach wie vor bis zur Hälfte der Bevölkerung aus. Trotz der erheblichen Veränderungen in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung ist das äußere Erscheinungsbild der deutschen Dörfer in vielerlei Hinsicht erhalten geblieben. Auch die Traditionen der Russlanddeutschen und ihre Art, ihren Lebensraum zu gestalten, sind hier vielfach noch lebendig. Die Einheimischen pflegen Traditionen, die mit dem Alltag verbunden sind: Sie laden zum Mittagessen ein und bewirten ihre Gäste mit traditioneller deutscher Küche – all das gehört zu ihrem täglichen Leben.

Wichtig ist auch, dass die deutsche Sprache hier weiterhin Teil der alltäglichen Kommunikation ist. Natürlich nimmt die Zahl der Dialektsprecher ab und auch der Anwendungsbereich der Sprache wird kleiner und beschränkt sich zunehmend auf die Kommunikation innerhalb der Familien. Dennoch sehen wir, dass die Tradition, sich auf Deutsch zu verständigen, hier nach wie vor relativ stabil ist. Es handelt sich dabei nicht nur um Angehörige der älteren Generation, sondern auch um Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 20 bis 25 Jahren.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Engagement, mit dem sich die lokale Gemeinschaft für die Bewahrung ihrer Kultur und deren Vermittlung einsetzt. Dazu gehören private Museen, die aus persönlichem Engagement und ohne finanzielle Unterstützung entstehen. Solche Museen gibt es in Schdanowka, im Stadtkreis Alexandrowsk, im Stadtkreis Krasnogwardeiski und in Ischalka. Hinzu kommen Bücher, Broschüren und Workshops, die ebenfalls im Rahmen der Arbeit dieser Museen angeboten werden.“

Im Rahmen des Projekts wurden Dutzende Stunden an Audio- und Videoaufnahmen sowie Hunderte Fotografien von Objekten des materiellen Erbes, Familienarchiven und Baudenkmälern gesammelt. Alle Materialien werden anschließend systematisiert und digitalisiert. Sie sollen zur Erweiterung des Virtuellen Museums der Russlanddeutschen, zur Vorbereitung einer Ausstellung im Deutsch-Russischen Haus in Moskau, für wissenschaftliche Publikationen sowie für die Erstellung eines Registers der Objekte des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen genutzt werden. Darüber hinaus werden die gesammelten Geschichten die Grundlage für ein Art-Laboratorium zur Theaterkunst bilden, das der Bewahrung der Familienerinnerung gewidmet ist und 2027 im Rahmen des Programmpunkts „Avantgarde“ stattfinden wird.

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Schott


Das Projekt wurde vom Internationalen Verband der deutschen Kultur im Rahmen des Unterstützungsprogramms für Russlanddeutsche durchgeführt.

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