Im Interview mit RusDeutsch erzählt Andrej Gamm von seinen ersten Schritten als Illusionist, seinen russlanddeutschen Wurzeln, seinem Verhältnis zum Publikum und davon, welches Wunder er vollbringen würde, wenn es tatsächlich Magie gäbe.
Der Illusionist Andrej Gamm begann seine Karriere mit Auftritten auf der Straße, wo er zufällig vorbeikommende Passanten mit seinen Zaubertricks verblüffte. 2019 gewann er in Moskau die russische Meisterschaft im Zaubern in der Kategorie „Mikromagie“ – einer Sparte der Illusionskunst, bei der mit kleinen Gegenständen gearbeitet wird. Eine wichtige Rolle auf seinem beruflichen Weg spielte der Illusionist Wladimir Schmidt. Außerdem studierte Andrej Gamm an der Russischen Staatlichen Hochschule für Darstellende Künste im Fachbereich Produktion. Dort erhielt er Einblicke in die Abläufe von Theater, Film und Showbusiness. Heute tritt er vor den unterschiedlichsten Zuschauern auf und besucht unter anderem kostenlos Kinderheime und Krankenhäuser.
– Andrej, erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie erkannt haben, dass Zaubertricks für Sie nicht mehr nur ein Hobby, sondern Ihre Lebensaufgabe sind?
– An einen ganz bestimmten Moment kann ich mich nicht erinnern. Vielmehr war es ein allmählicher Prozess: Es kamen die ersten Erfolge und die ersten Zuschauer, die sich wirklich über das Gesehene freuten. Gleichzeitig entwickelte sich bei mir immer stärker das Gefühl, dass mir diese Tätigkeit liegt. Irgendwann wurde mir einfach klar, dass die Magie bereits ein fester Bestandteil meines Lebens geworden war. Und wahrscheinlich entstand damals auch das Gefühl, dass sie mich für immer begleiten würde.
– Wie sahen Ihre ersten Auftritte aus?
– Ich habe auf der Straße angefangen. Ich zeigte Passanten einfach meine Zaubertricks. Am Anfang war ich sehr nervös und unsicher, manchmal sogar richtig ängstlich: Man geht auf einen fremden Menschen zu und weiß überhaupt nicht, wie er reagieren wird.
Doch schon nach einigen solcher Auftritte verspürte ich eine völlig neue Freiheit – die Freiheit von dem ständigen Gedanken daran, was andere sagen oder denken könnten.
Wir sperren uns oft selbst in einen unsichtbaren Käfig aus den Meinungen anderer. Auf der Straße lernt man sehr schnell, aus diesem Käfig auszubrechen.
– Sie haben an der Russischen Staatlichen Hochschule für Darstellende Künste im Fachbereich Produktion studiert. Was hat Ihnen diese Ausbildung als Künstler gebracht?
– Das Studium hat mir geholfen, die Abläufe innerhalb der kreativen Branche besser zu verstehen. Ich konnte Theater, Film und Showbusiness nicht nur aus der Perspektive eines Künstlers oder Zuschauers betrachten, sondern auch die Prozesse kennenlernen, die normalerweise hinter den Kulissen stattfinden. Man beginnt besser zu verstehen, wie ein kreatives Produkt entsteht und wie viel Arbeit hinter dem steckt, was das Publikum am Ende zu sehen bekommt. Ich denke, das hat auch meine Einstellung zu meiner eigenen Arbeit beeinflusst.
– 2019 haben Sie in Moskau die russische Meisterschaft im Zaubern in der Kategorie „Mikromagie“ gewonnen. Was genau verbirgt sich hinter dieser Sparte?
Bei der Mikromagie werden Zaubertricks mit kleinen Gegenständen vorgeführt – und das alles geschieht buchstäblich direkt vor den Augen des Zuschauers. Hier sind Präzision und Liebe zum Detail besonders wichtig, denn zwischen dem Künstler und seinem Publikum gibt es praktisch keine Distanz.
– Mir hat gerade dieser unmittelbare Kontakt mit dem Zuschauer schon immer besonders gefallen. Der Sieg bei der russischen Meisterschaft 2019 war natürlich ein wichtiger Meilenstein auf meinem beruflichen Weg.
– In der Zauberkunst beruht vieles auf dem Vertrauen des Publikums. Was ist Ihnen wichtiger: einen Menschen zu verblüffen oder ihm Emotionen vermitteln?
– Natürlich geht es mir darum, Emotionen zu vermitteln. Die Überraschung an sich ist für mich eher ein Werkzeug, dessen sich ein Illusionist bedient. Man kann einen technisch äußerst anspruchsvollen Trick zeigen, aber viel wichtiger ist, was der Mensch in diesem Moment empfindet.
Das eigentliche Ziel ist es, dem Zuschauer wenigstens für ein paar Sekunden das Gefühl zu geben, echte Magie zu erleben.
– Sie sind Russlanddeutscher. Inwiefern haben Ihre Herkunft und Ihre Kultur Ihren künstlerischen Weg beeinflusst?
– Für mich zeigt sich diese Verbindung vor allem durch meinen Lehrer, den russlanddeutschen Illusionisten Wladimir Schmidt. Er hat mir in vielerlei Hinsicht eine bestimmte Schule und Herangehensweise an die Zauberkunst vermittelt, die später auch meinen eigenen künstlerischen Weg geprägt haben. Ein Mentor gibt nicht nur berufliche Techniken weiter, sondern auch eine bestimmte Einstellung zur eigenen Tätigkeit. Deshalb ist Wladimir Schmidts Rolle bei meiner persönlichen und beruflichen Entwicklung für mich von großer Bedeutung.
– Wann haben Sie begonnen, sich bewusst für die Geschichte Ihrer eigenen Familie und Ihre deutschen Wurzeln zu interessieren?
– Ich glaube, dass es für jeden Menschen wichtig und interessant ist, sich mit seinen eigenen Wurzeln zu beschäftigen.
Wenn man die Geschichte seiner Familie kennenlernt, beginnt man besser zu verstehen, woher man kommt und welchen Weg die Menschen vor einem gegangen sind. Es geht dann nicht mehr nur um Nachnamen oder Daten, sondern um einen Teil der eigenen Geschichte.
Deshalb ist die Beschäftigung mit meinen Wurzeln für mich etwas ganz Natürliches und Wichtiges.
– Magie wird oft als die Kunst des Unmöglichen wahrgenommen. Woran glauben Sie selbst wirklich?
– Ich glaube daran, dass Zufälle keine Zufälle sind. Manchmal scheint eine Begegnung oder ein Ereignis zunächst völlig zufällig zu sein. Mit etwas Abstand erkennt man jedoch, dass es eine ganz andere Bedeutung haben kann. Man versteht, dass genau dieses Ereignis einen vielleicht zum nächsten wichtigen Abschnitt im Leben geführt hat. Der Gedanke, dass zwischen solchen Ereignissen eine gewisse Verbindung besteht, ist mir sehr nahe.
– Sie treten kostenlos in Kinderheimen und Krankenhäusern auf. Warum ist Ihnen das wichtig?
– Dafür gibt es eigentlich keine komplizierte Erklärung. Ich spüre einfach intuitiv, wie wichtig solche Auftritte sind, und weiß, dass sie gerade dort gebraucht werden.
Wenn die eigene Arbeit einem Menschen auch nur für kurze Zeit positive Emotionen schenken kann – insbesondere einem Kind, das sich in einer schwierigen Situation befindet –, bekommt sie eine ganz andere Bedeutung. In solchen Momenten ist Magie nicht mehr bloße Unterhaltung.
– Was empfinden Sie, wenn Sie merken, dass es Ihnen gelungen ist, ein Kind zumindest für einige Minuten von seiner Krankheit oder seinen schwierigen Lebensumständen abzulenken?
– Ich denke, das wichtigste Gefühl in diesem Moment ist die Gewissheit, am richtigen Platz zu sein. Man sieht die Reaktion des Kindes und versteht, dass all das, was man gelernt hat, gerade tatsächlich für jemanden von Bedeutung ist. Dann geht es nicht mehr darum, wie anspruchsvoll ein Zaubertrick ist oder wie gut er ausgeführt wurde. In diesem Moment ist das Empfinden des Menschen, der einem gegenübersteht, viel wichtiger.
– Wen kann man schwerer verblüffen – Kinder oder Erwachsene?
– Natürlich Erwachsene. Erwachsene versuchen häufiger, das Geschehen zu analysieren, eine Erklärung zu finden und das Geheimnis hinter dem Trick zu durchschauen. Gerade deshalb macht es mir oft sogar noch mehr Spaß, vor einem erwachsenen Publikum aufzutreten. Es entsteht eine besondere Art von Spiel zwischen Künstler und Zuschauer. Aber auch Kinder mag ich sehr und trete gerne für sie auf.
– Gibt es einen Zaubertrick, der besonders viel über Sie als Menschen aussagt und nicht nur Ihr Können unter Beweis stellt?
– Für mich ist es grundsätzlich wichtig, dass ein Zaubertrick eine bestimmte Botschaft vermittelt. Mich interessieren Zaubertricks nicht besonders, die ausschließlich dazu dienen, technisches Können zu demonstrieren. Natürlich ist handwerkliches Können unverzichtbar. Dahinter sollte aber immer auch ein Gedanke oder eine Emotion stehen. Dann wird ein Zaubertrick zu etwas, das über einen bloßen Trick hinausgeht.
– Wenn Sie nur einen einzigen Zaubertrick in Ihrem Programm behalten dürften, welchen würden Sie wählen?
– Ich würde einen klassischen Trick zeigen, bei dem plötzlich echte Zitronen in einem gewöhnlichen Glas erscheinen. Ich liebe diesen Trick einfach viel zu sehr.
Er verkörpert genau das, was mich an der Magie fasziniert: Der Zuschauer sieht ganz gewöhnliche, vertraute Dinge – und plötzlich geschieht mit ihnen etwas völlig Unmögliches.
Wahrscheinlich schätze ich genau dieses Gefühl so sehr. Deshalb würde ich mich von allen Möglichkeiten für diesen Zaubertrick entscheiden.
Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Schott






