Der Name der russischen Dirigentin Dajana Hoffmann steht heute für die Schnittstelle verschiedenster Musikwelten und kultureller Kontexte. Die Gründerin und künstlerische Leiterin des Orchesters „Nowaja Moskwa“ (Neues Moskau) ist bekannt für ihren unkonventionellen Umgang mit der klassischen Bühne. Seit mehr als einem halben Jahr leitet sie nun schon die US-Saison des großen internationalen Festivals Muffled Voices.
Dieses Projekt bringt seltene und vergessene Opern von Komponistinnen zurück auf die Bühne. Dajana Hoffmann wurde dabei die Leitung hochkomplexer Partituren und die Arbeit mit Solisten der Metropolitan Opera anvertraut. Nach der erfolgreichen Halbzeit der Saison und gastronomischen Kritiken der US-Presse für die Premiere der Oper „Das Schweigen von Baruch“ glänzte Hoffmann parallel auf einer weiteren renommierten internationalen Bühne: Erst im Juni gewann sie die höchste Auszeichnung der Dirigier-Laboratorien in South Carolina – das Diplom Honorable Mention.
Im Exklusiv-Interview spricht Dajana Hoffmann darüber, wie sich strenge Klassik in den USA und musikalische Innovation in Russland vereinbaren lassen. Sie verrät, ob neue Ideen für „Nowaja Moskwa“ direkt während des Auslandsvertrags entstehen, warum Musik die wichtigste Sprache der Diplomatie bleibt und wie viel Gewicht Herkunft und Identität der Russlanddeutschen in diesem internationalen Kontext haben.
Dajana, herzlichen Glückwunsch zu dieser prestigeträchtigen Auszeichnung in South Carolina! In den Medien wird viel über Ihren Erfolg berichtet, aber wir möchten von Ihren persönlichen Eindrücken hören. Mit welchen Gefühlen haben Sie dieses Diplom entgegengenommen? Wie sehr unterschied sich die Atmosphäre im Labor von der enormen internationalen Verantwortung, die Sie beim Festival tragen?
Vielen Dank für die Glückwünsche! Tatsächlich waren es zwei völlig verschiedene Welten und zwei komplett unterschiedliche Facetten meiner Arbeit. Diese Projekte haben wirklich kaum etwas gemeinsam – außer, dass beide in Amerika stattfinden (lacht).
Im Labor herrscht ein starker Wettbewerbscharakter. Es wurden fantastische Dirigenten aus der ganzen Welt eingeladen: aus Frankreich, Vietnam, Argentinien, den USA und vielen anderen Ländern. Mir wurde die Ehre zuteil, Russland als einzige Teilnehmerin zu vertreten. Es war ein faszinierendes Umfeld, in dem die Rivalität – die typische Competition – und die Freude über den lang ersehnten kreativen Austausch aufeinandertrafen.
Jeder Wettbewerb und jeder Meisterkurs leben vom Erfahrungsaustausch unter Kollegen. Im normalen Berufsalltag kreuzen sich die Wege von uns Dirigenten extrem selten – meistens steht man allein vor seinem Orchester.
Deshalb habe ich mich riesig über dieses Treffen gefreut. Wir haben tolle Kontakte geknüpft und stehen immer noch mit Kollegen aus den benachbarten Bundesstaaten in Verbindung. In gewisser Weise war das Labor für mich eine echte Erholung für die Seele.
Bei Muffled Voices ist das völlig anders. Das bedeutet eine enorme internationale Verantwortung und ist mein erstes großes Engagement in den USA. Hinzu kommt, dass es sich nicht um ein klassisches, sondern um ein Festival für zeitgenössische Oper handelt.
Klassische Oper ist an sich schon schwere Kost, aber zeitgenössische Werke verlangen vom Publikum ein völlig neues Niveau der Vorbereitung. Genau deshalb ist der Erwartungsdruck dort gigantisch.
Bei solchen Dirigier-Laboratorien bewerten Experten die feinsten Nuancen. Was hat Ihrer Meinung nach die amerikanischen Kollegen und die Jury an Ihrer Dirigiertechnik und Ihrer Interpretation des Materials so fasziniert?
Es fällt mir schwer, meine eigenen Kompetenzen oder meine Technik zu beurteilen – das überlasse ich lieber den Experten, der Jury und den Musikkritikern. Ich kann nur sagen, dass ich mich im Labor absolut ruhig und glücklich gefühlt habe.
Wenn ich am Dirigentenpult stehe, spüre ich immer, dass ich genau am richtigen Platz bin – an der Seite der Musiker. Ich verschmelze quasi mit dem Orchester und seinem Spiel. Wahrscheinlich habe ich deshalb keinen Druck und keine Tension gespürt. Wir waren von Musik umgeben, die ich von ganzem Herzen liebe: Strawinsky, Tschaikowski, Beethoven. Viele dieser Werke habe ich schon früher dirigiert, aber im Labor war es unglaublich wertvoll, von Maestro Tchivzhel feine Nuancen der Interpretation und technische Kniffe zu lernen. Egal auf welcher Stufe der Karriere man steht: Solch ein Blick von außen ist unbezahlbar. Ich weiß noch, wie ich dachte: „Mensch, hätte ich diese Nuance damals bei jenem Konzert bloß schon gewusst, das wäre genial gewesen!“.

„Wenn ich am Dirigentenpult stehe, spüre ich immer, dass ich genau am richtigen Platz bin – an der Seite der Musiker“
Фото: Stefania Piptschenko
Für mich ist jeder Auftritt, selbst unter Wettbewerbsbedingungen, in erster Linie ein Fest. Mir geht es nicht um den Moment des Gewinnens oder Verlierens, ich genieße den Prozess an sich zutiefst.
Dieses Musikfest in South Carolina war eine perfekte Atempause. Aber wie Sie schon sagten: Die Leitung von Muffled Voices fordert Sie auf einem ganz anderen Niveau. Zumal die US-Presse jeden Ihrer Schritte genau beobachtet. Die Premiere der Oper „Das Schweigen von Baruch“ fand Ende letzten Jahres statt, und Magazine wie OperaWire haben Ihre Arbeit bereits detailliert rezensiert. Welche Kritik der amerikanischen Experten hat Sie am meisten überrascht? Haben die Kritiker die Bedeutungen erfasst, die Sie in die Partitur gelegt haben?
Ich bin ein riesiger Fan dieser Oper und generell des Schaffens von Ella Milch-Sheriff.
Als Dirigentin bin ich fest davon überzeugt: Man muss das, was man aufführt, aufrichtig lieben. Zuerst musst du die Musiker im Orchester von dem Werk überzeugen, und das klappt nur, wenn du selbst bedingungslos an das Material glaubst. Deshalb versuche ich immer, einen Zugang zu finden und selbst die Musik lieben zu lernen, die mich auf den ersten Blick vielleicht nicht anspricht – andernfalls wäre die Arbeit unerträglich schwer.
Bei „Das Schweigen von Baruch“ war das allerdings überhaupt nicht nötig. Diese Musik ist schlichtweg phänomenal! In ihr stecken so viele Bedeutungsebenen, die sich uns im Arbeitsprozess bis zum allerletzten Tag Stück für Stück erschlossen haben. Je tiefer und vielschichtiger das Material ist, desto spannender ist es für die Ausführenden – aber desto anspruchsvoller wird es auch für das Publikum im Saal.
Ich bin den amerikanischen Kritikern sehr dankbar für diese tiefgründigen Rezensionen, für die detaillierte Analyse der Szenografie und der musikalischen Feinheiten. Kritiker stehen vor einer extrem schwierigen Aufgabe: Das, was wir monatelang bei den Proben buchstäblich in Moleküle zerlegen, muss ein Kritiker in nur zwei Stunden Aufführung erfassen, reflektieren und bewerten. Das ist eine enorme Leistung. Deshalb kann ich keine einzelne Rezension hervorheben – sie alle wurden Teil einer großen, tiefen Reflexion dieser komplexen Musik.
Wenn wir über diese Saison im globalen Sinne sprechen, stehen Sie vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits widmet sich das Projekt ausschließlich Werken von Komponistinnen, deren Stücke lange Zeit vom klassischen Repertoire ausgeschlossen waren. Andererseits repräsentieren Sie selbst den Beruf der Dirigentin, der traditionell als Männerdomäne galt. Spüren Sie persönlich noch die Nachwirkungen von Geschlechterstereotypen? Und warum braucht die klassische Bühne heute ein Projekt wie Muffled Voices?
Was die Geschlechterstereotype im Dirigentenberuf angeht: Ich glaube, den Großteil dieser „Kreise der Hölle“ habe ich bereits hinter mir. Vielleicht hält das Leben noch die eine oder andere skurrile Erfahrung bereit, aber im Moment lässt mich das völlig kalt. In dieser Hinsicht bin ich inzwischen so sehr ein „alter Hase“, dass dieses Thema für mich eine ziemlich alte und langweilige Kamelle ist.
Was das Festival selbst betrifft: Ich bin ein idealistischer Mensch. Für mich ist es lebensnotwendig, an Projekten mitzuwirken, die eine große Mission haben – eine echte Big Idea.

Dajana Hoffmann bei der feierlichen Preisverleihung des Gesamtrussischen Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche – 2025“
Фото: Stefania Piptschenko
Die Idee, die von Yulia Petrachuk, der Präsidentin von Lyrica Classic und des Muffled Voices-Festivals, formuliert und ins Leben gerufen wurde, liegt mir wahnsinnig am Herzen. Und das keineswegs primär, weil ich selbst eine Frau bin, sondern weil ich Musikerin bin, die sich seit vielen Jahren intensiv mit akademischer Musik auseinandersetzt.
Jahrhundertelang wurden die Stimmen von Frauen nicht nur gedämpft. Der metaphorische Titel des Festivals – Muffled Voices (Gedämpfte Stimmen) – beschönigt die Realität fast noch: Diese Stimmen wurden über Jahrhunderte hinweg schlichtweg erstickt. Uns ist ein riesiges Erbe wunderbarer Musik verloren gegangen, nur wegen absolut barbarischer Vorurteile. Die Epochen der Klassik, der Renaissance, der Romantik haben uns Meisterwerke hinterlassen – aber es macht mir Angst zu denken, wie viel mehr geniale Musik hätte entstehen können, wenn Frauen damals das Recht gehabt hätten, sich Gehör zu verschaffen. Die Menschheit hat einen gigantischen Kulturhintergrund verloren. Um diese historische Ungerechtigkeit wiedergutzumachen, braucht es Missionarinnen wie Yulia Petrachuk. Ich bin sehr stolz darauf, Teil dieser Bewegung zu sein. Ich denke, jeder gebildete Musiker versteht das genauso wie ich – und dafür muss man definitiv keine Frau sein.
Ein so globales Verständnis der Kunstgeschichte erfordert zweifellos ein starkes inneres Fundament. In Ihrer Biografie kommen faszinierende Kontexte zusammen: Sie haben in St. Petersburg, Moskau und Belgrad studiert, sind aber gleichzeitig russlanddeutscher Herkunft. Welche Dirigierschule hat Ihren professionellen Stil geprägt? Und helfen Ihnen die deutschen Wurzeln dabei, die feine Balance zwischen strenger europäischer Tradition und der emotionalen russischen Interpretationsschule zu finden?
Wenn wir über das Fundament sprechen, ist die musikalische Verbindung zwischen Russland und Deutschland tatsächlich so tief und wechselseitig, dass es nicht ganz korrekt wäre, mich als Erbin einer ausschließlich russischen Schule zu bezeichnen – obwohl meine wichtigsten Professoren aus St. Petersburg und Moskau stammten.
Der Einfluss der deutschen Kultur und deutscher Musiker auf das Konservatoriums- und Konzertleben in Russland war in der Entstehungsphase unserer akademischen Schule kolossal – es ist buchstäblich eine Verschmelzung zweier Kulturen.

Dajana Hoffmann beim Weihnachtsempfang im Deutsch-Russischen Haus in Moskau
Фото: Stefania Piptschenko
Wenn man sich natürlich über das Land der Ausbildung identifiziert, bin ich ein absolutes Produkt der russischen Interpretationsschule, mit allen Konsequenzen. Das spürt man sehr intensiv, wenn man außerhalb Russlands und mit nicht-russischen Orchestern arbeitet. Im internationalen Umfeld merkt man sofort, dass man in musikalischen Fragen manchmal sehr kategorisch oder gar fanatisch ist. Ich spreche hier nicht von Grobheit oder Härte, sondern von jenem positiven, gesunden Fanatismus im besten Sinne des Wortes, der uns in Russland beigebracht wird. Er ermöglicht es einem, diesen Dienst an der Musik ein Leben lang voller Hingabe zu leisten.
Es scheint, als sei dieser Dienst an der Musik der Ausdruck Ihres persönlichen Kulturcodes. Schließlich erforschen Sie auch in Ihren eigenen Projekten diese feinen Verbindungen zwischen russischer akademischer Tradition und deutschen Wurzeln – unter anderem im Deutsch-Russischen Haus und in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Verband der deutschen Kultur. Wie wichtig ist Ihnen diese Identität heute, da Sie aktiv in zwei Ländern arbeiten? Fühlen Sie sich in den USA als Botschafterin dieser einzigartigen Grenzkultur der Russlanddeutschen?
Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir unseren genetischen Code immer in uns tragen – er verlässt uns nie.
Erst kürzlich hatte ich in Amerika ein faszinierendes Erlebnis. Ich lernte jemanden kennen, wir kamen ins Gespräch, und er fing an, mir sehr langatmig und kompliziert seine Herkunft zu erklären: dass sein Vater Deutscher sei und woher genau die Familie stamme. Er war offensichtlich auf lange Nachfragen und Erstaunen meinerseits eingestellt, so nach dem Motto: „Oh, wie ist das denn möglich?“.

Dajana Hoffmann bei der feierlichen Preisverleihung des Gesamtrussischen Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche – 2025“
Фото: Stefania Piptschenko
Aber ich beruhigte ihn und gab ihm kurzerhand einen kleinen historischen Abriss über die Geschichte der Russlanddeutschen. Er war völlig baff und hat sich unglaublich gefreut!
Ich wiederum war einmal mehr fasziniert davon, wie klein die Welt doch ist: Man kann sich an den entlegensten Orten der Erde treffen und diese tiefe Verbundenheit spüren. Deshalb ist mir diese Identität natürlich sehr wichtig.
Es ist faszinierend, wie tief der berufliche Weg manchmal mit der persönlichen Geschichte verwoben ist. Nach diesem amerikanischen Kapitel Ihres Lebens wollen wir nach Hause zurückkehren. Man muss die Heimat einfach ansprechen: Seit vielen Monaten leben Sie praktisch in zwei Ländern. Wie reagieren die Musiker Ihres Heimat-Orchesters „Nowaja Moskwa“ auf diese Erfolge? Gibt es da keine künstlerische Eifersucht, und wie schaffen Sie es rein logistisch, die Leitung Ihres Kollektivs mit so einem dichten Terminkalender im Ausland zu vereinbaren?
Eigentlich ist das eine weltweit gängige Praxis: Viele Dirigenten leiten heute gleichzeitig Kollektive in verschiedenen Teilen der Welt.
Natürlich kann man darüber streiten, wie effizient das ist. Früher, als ein großer Maestro sich ausschließlich einem einzigen Orchester widmete, – wie in der Goldenen Ära der „Big Five“ in Amerika – entstanden Meilensteine. Viele halten dieses Modell bis heute für das Beste. Aber die Welt verändert sich, und mit internationaler Reisetätigkeit überrascht man heute niemanden mehr.
Was „Nowaja Moskwa“ betrifft, so ist unser Orchester selbst schon lange in globale Prozesse eingebunden. Bereits Ende 2024 haben wir begonnen, intensiv mit der amerikanischen Agentur Lyrica Classic zusammenzuarbeiten, und haben schon mehrere große Gemeinschaftsprojekte realisiert. Deshalb sehen die Musiker meine Arbeit in den USA als etwas völlig Natürliches an. Ich bin überzeugt: Jeder produktive Schritt, den ich in neuen geografischen und kreativen Räumen mache, stärkt die Position von „Nowaja Moskwa“ und eröffnet unserem Kollektiv neue, unerwartete Horizonte.
Das Orchester „Nowaja Moskwa“ wurde von Ihnen als Kollektiv einer neuen Generation gegründet – frei von starren akademischen Dogmen. Entstehen jetzt, da Sie mitten im amerikanischen Projekt stecken und Ihre Saison in vollem Gange ist, ganz neue Konzepte für Ihr eigenes Orchester? Findet im Moment ein inneres Umdenken statt, wohin und wie Sie „Nowaja Moskwa“ weiterentwickeln wollen?
Eine gewisse Note des Protests gegen starre akademische Grenzen gab es bei „Nowaja Moskwa“ schon immer, das stimmt. Und in diesem Sinne setzt meine Arbeit in Amerika diese Linie ganz logisch fort: Mir liegt die dortige Freiheit sehr nah, besonders wenn man selbst in der strengen akademischen Schule von St. Petersburg und Moskau großgeworden ist. Wenn das professionelle Fundament felsenfest steht, sieht man viel besser, in welche Richtung man vom Kanon abweichen kann und wie man das elegant anstellt. Amerika ist das ideale Land, um genau diese Qualitäten weiterzuentwickeln, die mir eigentlich schon immer eigen waren.
Deshalb beobachte ich sehr genau, wie das Musikbusiness und das Marketing hier funktionieren.
Ich habe mich schon immer nicht nur als Dirigentin gesehen, sondern als Führungskraft und Visionärin, die intensiv darüber nachdenkt, wie sich Prozesse in der modernen Kunst generell entwickeln sollten.
Meine amerikanischen Erfahrungen beeinflussen schon jetzt die Arbeitsweise bei „Nowaja Moskwa“, und in Zukunft wird dieser Einfluss garantiert noch stärker werden.
Ihren visionären Ansatz in der Kunst kennt das russische Publikum ja bereits. Das wohl lauteste Beispiel für diesen Innovationsgeist war die Inszenierung einer Oper im Hip-Hop-Stil, die gängige Schablonen komplett sprengte. Warum brauchen Sie als Musikerin mit tiefem klassischen Hintergrund solche grenzenlosen Experimente?
Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht, warum ich das brauche. Wenn man die Last und die Verantwortung auf sich nimmt, ein Orchester zu gründen und zu leiten, bekommt man einen wunderbaren Bonus: das Recht, auf der Bühne genau das zu tun, was man will.

Dajana Hoffmann beim Weihnachtsempfang im Deutsch-Russischen Haus in Moskau
Фото: Stefania Piptschenko
Bei „Nowaja Moskwa“ lief das schon immer so: Ich kam mit einem Projekt, für das ich brannte, und wir haben es umgesetzt.
Das Leben ist einfach zu kurz, und selbst ich in meinem jetzigen Alter fange an, ernsthaft darüber nachzudenken. Die Zeitspanne zwischen dem Moment, in dem man diesen Beruf endlich richtig versteht, und der Zeit, in der die Gesundheit ein kreatives Schaffen schlicht nicht mehr zulässt, ist katastrophal kurz. Wenn ich also etwas erschaffen will, gibt es für mich keine inneren Barrieren.
Das besagte Projekt entstand aus einer interdisziplinären Kollaboration zwischen mir und meinem Kollegen, dem Hip-Hop-Produzenten D-kat Drummasta (Dikej). Ich finde, wir haben da etwas wirklich Großartiges und Mutiges auf die Beine gestellt. Übrigens sind solche Projekte in den USA völlig normal, damit lockt man dort niemanden hinter dem Ofen hervor. Menschen aus völlig gegensätzlichen Welten kommen zusammen und erschaffen gemeinsam Kunst, weil sie offen und frei von akademischem Snobismus sind.
Die Vorstellung, es gäbe eine „hohe Kunst“ und der Rest sei minderwertig, ist hoffnungslos veraltet. Ein solches Denken schadet jeder kreativen Arbeit.
Wenn es für Sie in der Kunst keine unüberwindbaren Grenzen gibt: Wie sieht es mit den Grenzen zwischen Staaten aus? Heute fungieren Sie praktisch als Bindeglied zwischen völlig verschiedenen Ländern und Interpretationsschulen. Ist Ihr Glaube daran, dass Kunst die universelle Sprache der Diplomatie bleibt, in den heutigen Realitäten nicht ins Wanken geraten? Kann Kunst immer noch Brücken bauen, wo andere Kommunikationskanäle blockiert sind?
„Sobald es um Musik geht, entsteht sofort ein gemeinsamer Kontext, und es folgt ein Moment des absoluten gegenseitigen Verständnisses“
Wissen Sie, dass Musik eine universelle Sprache ist, das sind keineswegs nur schöne Phrasen. Ich erlebe das jeden Tag bei den Proben, ganz egal, wo ich mich befinde: ob im Nahen Osten oder in Amerika. Die einzige Grundvoraussetzung ist, die Sprache zu beherrschen, in der die Welt heute kommuniziert – und das ist Englisch.
Alles, was über Kulturdiplomatie gesagt wird, stimmt zu einhundert Prozent. Egal, wo auf der Welt ich an ein Pult trete: Sobald ich anfange, mit dem Orchester zu kommunizieren, fallen alle Barrieren. Im Informationsraum mag es noch so viele Vorurteile geben, aber auf der Bühne gewinnen wir augenblicklich ein enormes gegenseitiges Vertrauen.
Man kann das damit vergleichen, wie Migranten aus demselben Land in der Fremde plötzlich aufeinandertreffen und sofort eine Heimatverbundenheit spüren. Für Menschen außerhalb der Kunst sind diese „Vertrauten“ meistens Landsleute mit demselben Pass.
Wir Musiker haben jedoch das einzigartige Privileg, mit einer riesigen Anzahl von Menschen über die Sprache der Kunst zu sprechen. Selbst wenn einer von uns in der Wüste aufgewachsen ist, der zweite im ewigen Eis und der dritte im tropischen Regenwald – wir verstehen uns auf der tiefsten Ebene.
Sobald es um Musik geht, entsteht sofort ein gemeinsamer Kontext, und es folgt ein Moment des absoluten gegenseitigen Verständnisses. Das ist keine abstrakte Theorie, so funktioniert Musik in der Praxis.
Das russische Publikum wartet schon sehnsüchtig auf Ihre nächsten Konzerte. Teilen Sie Ihre Pläne mit uns: Was sind Ihre nächsten künstlerischen Schritte in der Heimat, und welche Überraschungen hält das Orchester „Nowaja Moskwa“ für seine Zuhörer in naher Zukunft bereit?
Ich kann noch nicht alle Karten auf den Tisch legen, aber in der nächsten Saison erwartet mich eine intensive internationale Tätigkeit in den USA. Ich habe ein sehr wichtiges neues Engagement angenommen, das mich dazu verpflichtet, mich intensiv um bestimmte Prozesse direkt in Amerika zu kümmern.
„Ich bin sicher, dass die neue Saison für uns mit sehr außergewöhnlichen Projekten starten wird“
Genau aus diesem Grund bereiten wir für „Nowaja Moskwa“ derzeit eine Reihe einzigartiger, innovativer Programme vor. Wir hatten zum Beispiel schon die Erfahrung, dass das Orchester live in Moskau spielte, während ich die Proben leitete und das Konzert in Echtzeit aus Washington dirigierte. Diese hochtechnologische Liveschaltung zwischen Moskau und Washington war ein atemberaubendes kreatives Experiment!
Ich bin sicher, dass die neue Saison für uns mit sehr außergewöhnlichen Projekten starten wird, über die wir schon bald ausführlich berichten können.
Dajana, vielen Dank für dieses wunderbare, tiefgründige Gespräch! Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrer neuen Aufgabe in den USA. Natürlich warten wir vom gesamten Internationalen Verband der deutschen Kultur und alle Zuschauer des Landes sehnsüchtig auf Ihre Rückkehr und neue, spannende Performances – auch im Rahmen der Projekte des IVDK.
Vielen Dank auch Ihnen für diese interessanten und tiefen Fragen, sie haben mich wirklich zum Nachdenken gebracht! Ich freue mich meinerseits auch immer auf unsere Treffen und kann es kaum erwarten, die Kollegen und Freunde vom Internationalen Verband der deutschen Kultur bei Veranstaltungen in Moskau oder anderen Städten live wiederzusehen.
Ich liebe die Projekte des IVDK sehr, weil wir in diesen Momenten alle wie eine große Familie zusammenkommen. Die Menschen reisen aus allen Ecken des Landes an – von Kaliningrad bis Barnaul, Tomsk und Moskau. Es ist ein wunderbares Gefühl einer Familie, die sich zwar zeitweise in alle Welt verstreut, dann aber immer wieder zusammenfindet. Bis bald!






