Das Projekt „Ethnokulturelle Kindersprachtreffen“ für russlanddeutsche Familien brachte wieder junge Aktivisten und ihre Eltern aus den Zentral- und Nordwestregionen auf dem malerischen Landgut „Jasnaja Poljana“ bei Tula zusammen.
Die Teilnehmer aus den Gebieten Archangelsk, Tula, Belgorod und Moskau versammelten sich, um in die Geschichte und Kultur der deutschen Volksgruppe einzutauchen, die Traditionen ihrer Vorfahren wiederzubeleben und, was das Wichtigste war, Deutsch fließend und mit Vergnügen zu sprechen.
Im Klub „Meine Wurzeln“ berichteten Polina Koslowa, Leiterin des Jugendklubs „Erfolg.rd“ Tula, und die Aktivistin Maria Saulina den jungen Teilnehmern von den nationalen Traditionen. Die Betreuer begannen jeden Tag mit Ethnogymnastik, die Bewegung und Sprache miteinander verband. Weiter ging es mit Quizrunden auf Deutsch. Zum Ausklang stimmten Kinder und Erwachsene unter der Leitung von Igor Machalow gemeinsam Lieder an.
Die Quest durch das Landgut von Leo Tolstoi wurde zu einem spannenden Abenteuer für junge Forscher. Die Aufgaben in deutscher Sprache, die Inna Schestakowa vorbereitet hatte, führten die Kinder durch die Alleen, in denen einst die Stimmen des berühmten Schriftstellers und seiner Familie zu hören waren. Mit großem Eifer lösten die Teilnehmer Rebusse und Scharaden, suchten nach einer jahrhundertealten Eiche und der Lieblingslaube von Sofja Andrejewna Tolstaja (geborene Behrs).
„Wie faszinierend war es, in die Epoche des großen Schriftstellers einzutauchen“, bringt Stepan Tatartschenko aus Staryj Oskol sein Entzücken zum Ausdruck. „Inna Schestakowa erzählte uns von der Lebensweise auf dem Landgut und von der deutschen Familie Behrs.
Außerdem hat mir der berühmte Anke-Kuchen, der im Hause Tolstoi zu den Festen gebacken wurde, sehr gut geschmeckt. Diese Leckerei war nach dem russlanddeutschen Arzt Nikolaj Anke benannt, der die Kochkunst mochte und das Rezept dieses Kuchens an Sofja Andrejewna übergeben hat.
„Ich hätte nie gedacht, dass in der Familie des Schriftstellers so viel nicht nur mit der russischen, sondern auch mit der deutschen Kultur verbunden war. Nach einer so spannenden Quest werde ich unbedingt die Werke von Leo Tolstoi lesen.“
Alexandra Zilkowskaja, die Leiterin des Klubs für Deutschliebhaber, ließ die Teilnehmer in die Welt der Kleidung, des Alltags und der nationalen Küche der Russlanddeutschen eintauchen. Viele mussten sich etwas Mühe geben, um auf Deutsch über die Geheimnisse der Familiengerichte zu berichten.
Jelena Bulach, Artistin des Vokal- und Tanzensembles „Veilchen“, zeigte den Teilnehmern, wie man im Russisch-Deutschen Begegnungszentrum Kotlas „Ojro“ tanzt. Dieser feurige Volkstanz versetzte alle in die Vergangenheit zurück, in die Zeit, als unsere Vorfahren bei traditionellen Festen zu seiner Melodie herumwirbelten. Die Darbietung wurde zum absoluten Höhepunkt des Abschlusskonzerts: Kinder und Erwachsene tanzten „Ojro“ mit der gleichen Begeisterung.
Natalja Frizler, Leiterin der Deutschen nationalen Kulturautonomie von Sergijew Possad, machte die Projektteilnehmer mit dem Schaffen des deutschen Dichters und Malers Wilhelm Busch vertraut, der als einer der Pioniere des Comic-Genres gilt. Natalja Wladimirowna stellte sein berühmtes Werk über die Streiche der zwei jungen Hunde Plisch und Plum und deren Besitzer, der Brüder Paul und Peter, vor. Die Schelmereien der Helden des gleichnamigen Zeichentrickfilms, der auf dieser Bildergeschichte von Wilhelm Busch basierte, brachten die Kinder zum Lachen, während die Erwachsenen voller Nostalgie in ihre Kindheit zurückkehren konnten.
„Die lustigen Figuren brachten die Kinder zum Tränenlachen“, sagt Natalja Frizler mit einem Lächeln. „Die Kinder baten ihre Eltern, Zeichentrickfilme für sie herunterzuladen und das Buch über Plisch und Plum zu kaufen. Das bedeutet, dass die Tradition, die humorvollen Gedichte von Wilhelm Busch zu lesen, in den Familien der Russlanddeutschen weiterleben wird.“
Im Laufe des Projekts schenkte man der traditionellen Kleidung der Russlanddeutschen große Aufmerksamkeit, was sich in einer Trachtenmodenschau widerspiegelte. „Heute ist es schwer vorstellbar, wie die kleinen Töchter der ersten deutschen Kolonisten gekleidet waren“, sagt die junge Teilnehmerin Irina Degtjarenko (Freindt). „Deshalb haben wir uns entschieden, eine Nationaltracht mithilfe moderner Kleidungsstücke nachzubilden.“
Wir haben einen Rock aus einem Stoff gefunden, der der traditionellen Sarpinka sehr ähnlich ist. Dieses Material war in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr beliebt. Der Stoff wurde so genannt, weil er von den Wolgadeutschen in der Siedlung Sarepta hergestellt wurde.
Das Muster der Sarpinka ist kariert oder gestreift. Der Stoff war damals von sehr hoher Qualität und preiswert. In einem Online-Shop haben wir eine Schnürweste gefunden. Ich weiß, dass Mädchen im vorigen Jahrhundert bereits im Alter von fünf Jahren das Weben, Nähen, Sticken und Stricken lernten. Inspiriert davon habe ich den Rock und die Weste mit einer weißen Spitzenbluse kombiniert.“
„Das Programm des Projekts hat uns durch seine Vielfalt und Tiefe beeindruckt. Wir haben nicht nur zugeschaut, sondern sind tief in die Sprache und Kultur der Russlanddeutschen eingetaucht“, teilt Tatjana Kast aus Sergijew Possad ihre Eindrücke mit. „Wir haben viel Neues über die Geschichte erfahren, die Traditionen näher kennengelernt, gespielt, deutsche Lieder gesungen und das traditionelle russlanddeutsche Gebäck probiert. Die Kinder haben sich mit Freude an jedem Workshop beteiligt, und die Erwachsenen an tiefsinnigen und erinnerungsreichen Gesprächen teilgenommen. Dank des Organisationsteams unter der Leitung von Oksana Koslowa haben wir den echten Geist der Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Einheit gefühlt. Der Empfang war warm, fürsorglich und gemütlich wie zu Hause.
Wir haben nicht einfach „diese Veranstaltung besucht“, wir haben eine ganze Woche erlebt, die von Licht, Wärme und Traditionen geprägt war. Jasnaja Poljana wurde für uns zu einem Symbol der Freundschaft!
An diese Zeit werden wir uns mit großer Dankbarkeit und einem Lächeln erinnern.“
Das Fazit zog Oksana Koslowa, Exekutivdirektorin der Deutschen nationalen Kulturautonomie des Gebiets Tula und Projektleiterin:
In diesem Jahr waren die ethnokulturellen Kindersprachtreffen dank der Familien einzigartig, die nicht nur bloße Teilnehmer waren, sondern zu Mitgestaltern des Projekts wurden.
„Mütter und Großmütter leiteten Tanzworkshops und literarische Treffen, während die Kinder vorschlugen, neue Spiele auszuprobieren und ihre Lieblingslieder in das Konzertprogramm aufzunehmen. Ich freue mich sehr, dass unsere Teilnehmer den Gesamtrussischen schöpferischen Kinderzeichenwettbewerb `Farben der Eberesche – Vermächtnis der Einheit` unterstützt haben.“
Gerade durch gemeinsames kreatives Schaffen können wir die reiche Kultur und die Traditionen der Russlanddeutschen an unsere Kinder und Enkelkinder weitergeben. Denn Sprache und Kultur existieren nicht auf den Seiten von Lehrbüchern, sondern sie leben in den Momenten, in denen wir zusammen singen, tanzen, lachen und schaffen.
Das Projekt „Ethnokulturelle Kindersprachtreffen“ wurde von der Deutschen nationalen Kulturautonomie des Gebiets Tula mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK) vorbereitet und durchgeführt.



