Zu Gast im Deutsch-Russischen Haus Moskau: Die Singer-Songwriterin Dascha Wiens begeisterte das Publikum mit einem stimmungsvollen Solokonzert. Stilistisch bewegt sich die junge Musikerin zwischen Indie- und „Theater-Pop“. Dabei erobert sie nicht nur die Bühne, sondern auch die Filmwelt. In diesem Jahr untermalte ihr Song den Spielfilm „Tschelowek, kotory smejetsja“ (dt. „Der lachende Mann“) des bekannten Regisseurs Wladimir Kott.
Das Konzert von Dascha Wiens im Deutsch-Russischen Haus stand unter dem Motto „Auf der Suche nach sich selbst“. Genau über diesen Weg zu sich selbst haben wir gesprochen – und über Songs, die wie Trostpflaster wirken, über Kaugummis, einen rebellischen Soundtrack im Kino sowie über familiären Rückhalt und den Stolz ihres Vaters.
Es wurde ein regelrecht therapeutisches Gespräch darüber, wie man sich selbst zum Freund wird, mutig bleibt und den eigenen Weg geht. Wäre dieser Text eine Medizin, so wäre er ein Elixier für innere Wärme, Achtsamkeit, Stille und Ehrlichkeit. Einnahme: jederzeit und absolut unbegrenzt.
– Dascha, dein Solokonzert im Deutsch-Russischen Haus trug den Titel „Auf der Suche nach sich selbst“. Dieser Gedanke zieht sich auch wie ein roter Faden durch deine Songtexte, was mich persönlich sehr berührt hat. Ich möchte unser Gespräch gerne genau um dieses Thema herum aufbauen – um das eigene Ich. Darum, wie man sich frei und mutig entfalten kann und wie man trotz aller Höhen und Tiefen seinen Entscheidungen treu bleibt und den eigenen Weg geht. Lass uns mit einer etwas philosophischen Frage beginnen: Was bedeutet die Redewendung „man selbst sein“ für dich ganz persönlich, Dascha? Wie fühlt sich das an?
– Oh, ich glaube, ich suche selbst noch nach der Antwort, was es eigentlich bedeutet, frei, gelassen und ausdrucksstark man selbst zu sein. Das ist ein extrem aktuelles Thema. Vor allem in der heutigen Zeit, in der uns von allen Seiten vorgelebt wird, wie Selbstverwirklichung angeblich funktioniert: „Ich bin so, ich bin so, und ich bin wieder anders.“ Und man selbst ertappt sich bei dem Gedanken: „Mein Gott, und wer bin dann ich? Warum bin ich nicht so laut und schrill?“
Wir leben heute in einer Zeit des ständigen Vergleichens, in einer Ära der extremen Selbstdarstellung. Das bringt den inneren Kompass total durcheinander. Leider geht es mir wie vielen anderen auch: Ich scrolle manchmal im Schnelldurchlauf durch Informationen, anstatt mit Dankbarkeit und Liebe in mich hineinzuhören.
Dadurch fängt man an, Erwartungen an sich selbst zu stellen, was alles nur noch mehr verwirrt und die Orientierung raubt. Dabei müsste man, um zu verstehen, wer man eigentlich ist, einfach viel öfter in sich gehen und diese angenehme innere Stille genießen. Sie gibt uns viel mehr Antworten als alles, was von außen kommt. Deshalb befinde ich mich – genau wie viele andere Menschen auch – nach wie vor auf der Suche nach mir selbst.
– Danke, dass du das so offen mit uns teilst. Es läuft ja gefühlt auf jedem Kanal hoch und runter, wie wichtig es sei, man selbst zu sein und sich selbst zu lieben. Eine echte Anleitung, wie das konkret aussieht und was man dafür tun muss, liefert aber niemand! Ich denke, sobald wir in der Öffentlichkeit stehen, erschaffen wir ohnehin ein bestimmtes Bild von uns. Im Kreis der Familie und der engsten Freunde zeigen wir dann wieder ganz andere Facetten. Und wenn wir komplett mit uns allein sind, kommen noch einmal völlig neue Seiten zum Vorschein. Wenn es für dich in Ordnung ist: Erzähl uns doch mal von dir in diesen drei „Schichten“. Wie tickt Dascha Wiens als Künstlerin und Singer-Songwriterin?
– Ich versuche einfach, vollkommen ehrlich zu sein. Ich glaube, alle kreativen Menschen sind so etwas wie Kanäle für etwas Lichtes – für etwas, das Hoffnung und Wärme schenkt und dem Publikum hilft, die eigenen Schutzmauern fallen zu lassen. Wenn ich spüre, dass die Zuhörer sich mir gegenüber öffnen, fühle ich mich unendlich lebendig. Dann weiß ich, dass ich nicht umsonst auf dieser Welt bin, weil ich das Herz eines Menschen berühren kann.
Als Künstlerin hat man eine riesige Palette an Facetten. Ich selbst sehe mich dabei eher als Rebellin. Mir ist es wichtig, auf der Bühne ein echtes, spannendes Gespräch anzuzetteln und die Menschen in diesen wilden Trubel mitreinzuziehen. Sehr vieles bei meinen Auftritten entsteht spontan aus dem Moment heraus.
Die Musik ist im Grunde nur mein Werkzeug, um mit dem Publikum zu kommunizieren.
Wie ein Kind möchte ich mich am liebsten mit allen im Saal anfreunden. Ich gehe auf die Bühne und sage innerlich: „Hallo, ich singe Songs. Und ich würde euch wahnsinnig gerne kennenlernen.“ Es ist ein pures Glücksgefühl, Gemeinsamkeiten zu entdecken, wenn ich in den Augen der Zuschauer sehe, dass meine Gedanken bei ihnen ankommen.
Vor Kurzem stand ich mit der Band „Schajka Dochlij Nomer“ (dt. „Die Truppe Fehlversuch“) auf der Bühne. Ihr Stil ist eine explosive Mischung aus Jazz und Punkrock, gewürzt mit tiefgründigen, literarischen Texten.
Und der Frontmann sagte zum Publikum: ‚Wir verstehen uns selbst als Punkband. Aber ich finde, das Mädel, das vor uns aufgetreten ist – Dascha – sie ist auch Punk. Denn Punk bedeutet Freiheit im Ausdruck‘. Es geht dabei gar nicht so sehr um die Musik, die wir spielen, sondern darum, wie wir uns auf der Bühne präsentieren und keine Angst davor haben, unbequeme Themen anzusprechen.
Das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Ich dachte nur: „Was für eine zarte Seele die Männer doch haben können!“ Das ist so tiefgründig. Ich hatte das Wort „Punk“ vorher nie aus dieser Perspektive betrachtet. Ich war völlig baff und dachte: „Mein Gott, was für ein faszinierendes St. Petersburg!“
- Super! Danke dir für diese ganz neue Dimension des Begriffs „Punk“ – dass es eben nicht nur um eine Musikrichtung geht, sondern um die Art und Weise, wie man sich ausdrückt, und um die eigene Weltanschauung. Das werde ich auf jeden Fall in meiner Sammlung für spannende Denkanstöße abspeichern.
– Ja! Und wenn du das nächste Mal etwas tun willst, was für dich selbst völlig unerwartet ist, sag dir einfach: „Ich bin ein Punk.“ Und dann mach es einfach ganz mutig und erlaube dir, ein bisschen aus der Reihe zu tanzen.
– Großartig! Ich möchte kurz teilen, wie deine Songs auf mich wirken: Beim Zuhören spürt man diese rebellische, freche und dynamische Energie in deiner Musik und deiner Stimme. Sogar die Liebeslyrik – egal ob es um das Verliebtsein oder um eine Trennung geht – hat immer etwas unbeschwert Keckes.
– Das habe ich definitiv von meiner Mutter. Sie ist bei uns in der Familie für den rebellischen Part zuständig.
– Aber einige deiner Songs stechen besonders heraus, wie zum Beispiel „S lubiwju is Pitera“ (dt. „Mit Liebe aus Piter“). Ich war völlig verzaubert davon, wie zart, lyrisch und voller Weisheit dieses Lied ist. Der Text handelt von einer Trennung und von Tränen, aber gleichzeitig schwingt eine tiefe Dankbarkeit für diese Erfahrung mit und dieser Wunsch, dass all das dich „zu dir selbst führen“ möge. Ich habe mir das angehört und dachte nur: „Wow, wie wunderschön. Das ist mit so einer bedingungslosen Liebe gesagt.“
– Danke dir, das bedeutet mir sehr viel! Ich weiß noch, wie sehr ich diese damalige Situation einfach loslassen wollte… Um den Song herum entstand sofort ein regelrechter Wirbelsturm: Ich habe das Demo buchstäblich an einem einzigen Abend geschrieben. Aber ich hatte ständig das Gefühl, dass es wie irgendetwas anderes klingt – als hätte ich die Akkorde oder Melodieführung von jemandem geklaut. Als ich Freunden von meinen Zweifeln erzählte, erinnerten sie mich an die Geschichte hinter „Yesterday“ von den Beatles. Als Paul McCartney den Song schrieb, hatte er genau dasselbe Gefühl, er fragte damals jeden: „An welche Melodie erinnert euch das?“ Bei mir war es exakt so. Ich bin sofort zu befreundeten Arrangeuren ins Studio gefahren, um ihnen das Lied vorzuspielen. Niemand konnte Ähnlichkeiten finden, alle meinten nur: „Komm, das nehmen wir auf!“
Bis heute bekomme ich Nachrichten von wildfremden Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken, die mir schreiben, dass sie gerade genau dieselbe Phase durchmachen, und sich für den Song bedanken. Diese ehrlichen, von Herzen kommenden Worte berühren mich jedes Mal zutiefst.
Ich habe damals in einer bestimmten Lebensphase einfach versucht, einen Menschen loszulassen und ihm „Danke“ zu sagen. Und ich bin froh, dass mir das gelungen ist. Wenn ich Lieder schreibe, die so extrem persönlich und ehrlich sind, weine ich anfangs viel. Als ich diesen Song die ersten Male hergezeigt habe, habe ich mich ständig zurückgezogen und habe geweint: Ich habe mich so verletzlich gefühlt und hatte unheimliche Angst davor, mein Innerstes so offen herzuzeigen.
Mittlerweile ist Zeit vergangen. Der Song hat – genau wie die Wunde im Herzen selbst – eine schützende Kruste gebildet und ist verheilt. Zurückgeblieben ist pure Dankbarkeit, einfach ein helles, schönes Gefühl.
– Mir kommt da gerade eine Metapher in den Sinn: Solche Songs und Gedichte sind wie ein Trostpflaster für die Seele. Man weint sich aus, drückt all seine Gefühle aus, besingt sie, durchlebt sie. Und genau hier (zeigt auf ihr Herz, Anm. d. Red.) bildet sich eine Narbe mit einer schützenden Kruste – aber es ist eine ganz sanfte Narbe, voller heller Dankbarkeit und Freude über das, was war.
– Absolut... Ohne diese Narbe wäre man ja nicht zu dem Menschen geworden, der man heute ist. Deshalb muss man auch diesen Prozess durchleben. Es ist im Grunde eine riesige Liebeserklärung: Du warst ein wichtiger Teil meines Lebens.
Wenn ich das Lied heute singe, geht es darin gar nicht mehr um eine bestimmte Person. Die Zeile „Ich werde mich in Momenten der Kraft und der Schwäche an dich erinnern“ beschreibt einen Augenblick, den man mit den Augen einfangen, quasi im Geist fotografieren und im Herzen bewahren möchte, damit er in dieser ganzen Informationsflut nicht einfach weggespült wird.
Im Moment bereite ich meinen Umzug vor, und deshalb fühlt sich der Song für mich gerade wie ein Abschied von St. Petersburg an. Wenn ich jetzt „Mit Liebe aus Piter“ singe, widme ich das Lied der Stadt selbst – dass ich mich an sie „in Momenten der Kraft und der Schwäche“ erinnern werde. Deshalb findet wohl jeder in diesem Song etwas ganz Eigenes und Persönliches.
– Wunderschön… Lass uns das Gespräch über die verschiedenen Schichten des „Man-selbst-Seins“ fortsetzen. Es gibt die rebellische Dascha Wiens, die auf der Bühne und in ihren Songs eine Art Punk zelebriert. Aber wie ist Dascha im engen Kreis ihrer Liebsten?
– Na ja, da ist nicht immer alles nur rosarot. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, sich mal zu verheddern. Mir fällt dazu spontan die Metapher von einem Wollknäuel ein: Manchmal strickt man daraus etwas Wunderschönes, und manchmal verknoten sich die Fäden einfach total.
Ich kann sehr zerbrechlich, verletzlich und leicht kränkbar sein, aber im nächsten Moment auch unheimlich fröhlich und abenteuerlustig. Erst neulich habe ich meinen Mann im Spiderman-Kostüm am Flughafen abgeholt. Warum auch nicht? Er hatte sich das gewünscht, ich hatte Lust darauf – ich liebe es einfach, etwas Leichtigkeit und Spaß in den Alltag zu bringen.
Obwohl ich selbst eigentlich kein so unbeschwerter Mensch bin. Ich nehme mir psychologische Themen oft sehr zu Herzen, reflektiere ununterbrochen und drehe alles so lange im Kopf durch den Fleischwolf, bis ich es mir selbst schwer mache. Es ist also mal so, mal so.
Auch St. Petersburg hat mich geprägt – diese Stadt hat manchmal diesen melancholischen Balabanow-Vibe. Das ist mir ironischerweise erst so richtig bewusst geworden, als ich meinen Mann kennengelernt habe. Er ist ein extrem unbeschwerter Mensch und traf auf mich – eine kleine Regenwolke. Er sagt manchmal: „Ab und zu bist du die pure Verkörperung von St. Petersburg.“ Wir reiben uns an unseren Charakteren, erforschen, wie unterschiedlich man fühlen und wie man trotzdem in dieselbe Richtung blicken kann.
– Sehr ehrlich. Ich glaube, so geht es jedem von uns: Es ist mal so, mal so. Wir können nachtragend sein, düster, aber im nächsten Moment auch wieder strahlend, unbeschwert und leicht. Nur ist nicht jeder bereit, all diese unterschiedlichen Seiten an sich selbst zu akzeptieren. Dascha, du hast gesagt, dass es mit dir selbst manchmal gar nicht so einfach ist. Wenn es für dich in Ordnung ist, erzähl uns ein bisschen von dieser Schicht deines Ichs: Wie ist Dascha im Umgang mit Dascha?
– Oh, im Moment fühle ich mich einfach wie eine Suchende. Irgendwann habe ich mir gesagt: „Hier erschaffen wir jetzt einen Safe Space und werden einfach nur forschen und beobachten.“ Zum Glück bin ich mittlerweile in einem Alter, in dem man sich mit sich selbst wohlfühlt und anfängt, Freundschaft zu schließen: „Was willst du eigentlich? Was brauchst du gerade?“ Natürlich ist das ein langer psychologischer Prozess – sich selbst in all dem inneren Chaos anzunehmen, in dem es kein Gut oder Schlecht gibt. Das Innenleben ist extrem facettenreich, und es ist eben nicht immer so laut und schillernd wie auf der Bühne.
Als Künstlerin lebt man oft in Phasen extremer Highlights, auf die dann der ganz normale Alltag folgt. Und genau in diesem Alltag gilt es, die Schönheit und das Besondere zu finden. Früher war das für mich eine emotionale Achterbahnfahrt: Auf der Bühne sind alle Gefühle auf Maximum aufgedreht, und du denkst: ‚Wahnsinn, wie geil ist das denn!‘ Doch dann kehrst du in das alltägliche Leben zurück und bist völlig verloren: ‚Warum ist es hier nicht auch so?‘
Ich glaube, ich habe erst vor Kurzem gelernt, mich emotional zu schützen. Das moderne Leben da draußen ist so verrückt, dass es unweigerlich auf das eigene Innere abfärbt. Und ich versuche, mich wie ein kleiner Ritter mit einem Schutzschild dagegen zu verteidigen.
– Danke, dass du so offen darüber sprichst. Wenn ich dir so zuhöre, sehe ich eine unglaublich feinfühlige junge Frau vor mir, die ihre Emotionen genau wahrnimmt, analysiert und sie durch Worte und Musik in Kunst verwandelt. Gleichzeitig denke ich mir: Wer den Schritt in die Öffentlichkeit wagt und Erfolg haben will, braucht neben dieser kreativen Fragilität auch das genaue Gegenteil – ein dickes Fell, um trotz Kritik, Akzeptanz oder Ablehnung unbeirrt den eigenen Weg zu gehen. Wie vereinbarst du diese tiefe Sensibilität mit deinem Weg als Künstlerin?
– Um ehrlich zu sein: schrecklich schlecht. Aber mit den Jahren kommt die Erkenntnis, warum man eigentlich hier steht und was man den Menschen gibt. Mit diesem gesammelten Gepäck an wunderschönen Momenten wird man mit der Zeit ruhiger. Früher war es viel schwerer, seine nackte Seele so ungeschützt zur Schau zu stellen. Wir Kreativen sind alle verletzlich und unberechenbar, und diese Fragilität kann durch ein einziges unbedachtes Wort im Nu zerbrechen. Es ist eben der Weg eines Samurais.
Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch mit einer ganz eigenen Genialität geboren wird. Wichtig ist nur, dass man sie sich nicht von anderen kaputtmachen lässt – nicht durch böse Worte oder missgünstige Blicke. Denn diese Genialität ist wie ein Leuchtturm für all jene, die sich in der Dunkelheit verirrt, ihre Orientierung verloren haben und dringend Hoffnung brauchen.
Manchmal schaue ich mir im Internet Videos von älteren Damen an, die einfach nur Blumen umtopfen. Das ist so friedlich und beruhigend! Sie sind wie eine kleine Oase der Ruhe – so wie damals bei der Oma im Garten. Und man denkt sich: ‚Mein Gott, ich wurde geboren, um mir das anzusehen und runterzukommen, und diese wunderbare Frau wurde geboren, um Blumen mit einer solchen Hingabe und so einem Talent umzutopfen‘. Ich bin überzeugt: Jeder Mensch hat seinen ganz eigenen Fluss.
Früher hat mich die Kritik extrem aus der Bahn geworfen, und das hat mich blockiert. Ich hatte Angst, innerlich zu zerbrechen, wenn ich mich in die Arena stelle und sage: „Hier sind meine Gefühle, hört zu!“ Es war anfangs unheimlich schwer, eine klare Grenze zu ziehen: da zu trennen zwischen mir als dem Menschen, der das Lied über seine Emotionen geschrieben hat, und mir als der Sängerin, die jetzt auf der Bühne performt. Manchmal kamen mir einfach die Tränen, besonders wenn meine Eltern im Saal saßen. Ein winziger Blick zu ihnen reichte – und schon verschwamm die Wimperntusche und ich war mitten im Drama.
Na ja, jetzt habe ich das natürlich alles sehr dramatisch beschrieben. Aber es ist es absolut wert! Am Ende des Tages gehst du auf die Bühne, transportierst die Botschaften, die dir wichtig sind, und findest neue Zuhörer, bei denen das ankommt – und das ist wunderschön. Ich weiß gar nicht, wie viele wunderbare kreative Menschen ich verpasst hätte, wenn ich nicht selbst geleuchtet und den Mut gehabt hätte, meine Kunst der Welt zu zeigen.
– Ich finde gar nicht, dass du das zu dramatisch darstellst. Aufgrund meiner eigenen psychologischen Struktur kann ich diese Prozesse absolut nachvollziehen. Wenn ich zum Beispiel Gedichte schreibe, ist das für mich auch eine Art Selbsttherapie. Man kann sie in seinem Notizbuch verstauben lassen – oder man veranstaltet einen Autorenabend und öffnet seine Seele weit für andere. Und danach bekommt man das Feedback, dass sich die Zuhörer in jeder einzelnen Zeile wiedererkannt haben. Das schafft eine unglaublich wertvolle Verbindung von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele. Wann kam bei dir eigentlich das Gefühl auf, dass die Musik und die Kunst dein Weg sind?
– Als ich 15 war, fing die Musik einfach an, aus mir herauszufließen. Seitdem gehen wir gemeinsam durchs Leben. Während meines Schauspielstudiums am Kulturinstitut in Barnaul habe ich nebenbei weiter Songs geschrieben und Konzerte gegeben. Es gab da einen Schlüsselmoment: Eines Tages platzte eine Gruppe von Studieninteressierten mitten in unseren Unterricht, angeführt von einem Dozenten, der ihnen das Institut zeigte. Wir waren gerade mitten in einer Übung, als plötzlich ein Mädchen mit absolut klaren, wachen Augen fragte: „Entschuldigung, ist das das vierte Studienjahr?“ Alle drehten sich um, komplett aus der Rolle gefallen: „Ja.“ Es war ein skurriler Moment, wie im Film.
Das Mädchen sieht mich an, ich sehe sie an. Und sie sagt: ‚Und du bist Dascha Wiens, du machst Musik, oder?‘ Ich antworte: ‚Ja…‘ Während mir das Blut ins Gesicht schießt, denke ich nur: ‚Nein, nein, bitte nicht in dieser Situation!‘ Bei uns in der Schauspielklasse herrschte ein erbitterter Konkurrenzkampf. Es war ein echtes Schlachtfeld, auf dem jeder um die Spitzenposition kämpfte. Und ausgerechnet jetzt wurde ich vor allen anderen hervorgehoben.
Und das Mädchen sagt: „Ich liebe deine Songs!“ Ich spüre, wie mein Gesicht feuerrot wird. Alle starren mich an, und mir ist es wahnsinnig unangenehm, dass ich hier so im Rampenlicht stehe.
Die Situation war ohnehin angespannt, weil ich wegen meiner Konzerte und Wettbewerbe oft die Vorlesungen verpasste. Man wollte mich sogar schon exmatrikulieren und stellte mich vor die Wahl: „Entscheiden Sie sich – Schauspiel oder Musik.“ Eine Theaterausbildung duldet keine Abwesenheit. Das ist ein permanenter, intensiver Prozess, weil man dort zu einem Schauspieler herangezogen wird, der dem Theater dienen soll.
Und als dieses Mädchen fragte: „Du bist doch Dascha Wiens und machst Musik?“, sagte ich innerlich zu mir selbst: „Ich heiße wirklich Dascha Wiens, und ich mache Musik.“ In diesem exakten Moment wurde mir klar, dass ich keinen Rückzieher machen will.
Es gab in meinem Leben noch andere kreative Abzweigungen. Man hatte mir eine Zukunft als Malerin prophezeit. Aber diesen Part übernimmt heute meine jüngere Schwester in der Familie, die bei demselben Lehrer wie ich gelernt hat. In dem Moment, als ich eigentlich mein Rotes Diplom an der Kunstschule hätte entgegennehmen sollen, habe ich stattdessen ein Video mit einem meiner Songs auf der Gitarre aufgenommen. Ich habe die feierliche Verleihung kurzerhand sausen lassen – und ich verspürte nicht das geringste Bedauern oder das Gefühl, einen Fehler zu machen. Ich habe einfach Entscheidungen getroffen. Und so bin ich ganz behutsam genau den Weg gegangen, der mich damals fasziniert hat und bis heute fasziniert.
– Ich habe in deinem jüngsten Interview mit der Regionalausgabe der „Komsomolskaja Prawda“ auf dem Altai gelesen, dass du dich selbst als Enkelin von „Leutnant Schmidt“ bezeichnest (eine humorvolle Anspielung auf die legendäre KVN-Comedy-Gruppe „Die Kinder von Leutnant Schmidt“, in der der Vater von Dascha, Peter Wiens, spielte, Anm. d. Red.). Du bist quasi hinter den Kulissen aufgewachsen und standest schon als Kind mit deinem Vater an der Bühne. Aber wann und wie genau hat sich dein eigener Weg ins Rampenlicht formiert?
– Ich denke, so richtig professionell und bewusst fing das vor sechs Jahren mit meinem Umzug nach St. Petersburg an. Damals begann mein eigenständiges Leben, ohne Eltern, dafür mit den Problemen des Erwachsenwerdens. Mir war die Musik extrem wichtig, aber ich musste ja auch irgendwie Brötchen verdienen. Auch wenn manche Musiker Coverbands kritisieren und es für unter ihrer Würde halten: Für mich war das eine riesige Schule und eine enorme Bühnenerfahrung. Ich habe gelernt, wie man ein anfangs völlig unterkühltes Publikum innerhalb von anderthalb Stunden auftaut und eine echte Verbindung zu den Leuten aufbaut.
Manche Cover-Musiker sagen: „Ach, das sind doch nur fremde Songs, man singt sie einfach runter.“ Ich finde aber, dass genau das die größere Herausforderung ist. Berühmte Hits kennt schließlich jeder. Aber so im Gedächtnis der Leute hängenzubleiben, dass nach dem Auftritt jemand zu dir kommt und sagt, wie sehr ihn deine persönliche Energie berührt hat – das ist die eigentliche Kunst. Mit eigenen Songs sticht man sowieso aus der Masse heraus, weil sie einzigartig sind und die eigene Weltsicht widerspiegeln. Bei bekannten Popsongs landet man dagegen schnell in einer Art gigantischem Betonmischer.
Ich habe in einer Band gesungen, und das war für mich der perfekte Startplatz, um das Publikum zu studieren. Damals hatte ich noch kaum Erfahrung mit eigenen Konzerten. Mit der Coverband sind wir unglaublich viel herumgekommen, das war eine großartige Zeit. So eine Erfahrung hätte ich wohl nirgendwo sonst sammeln können. Im Theater gibt es schließlich die sogenannte vierte Wand – da findet so gut wie kein direkter Austausch mit den Zuschauern statt.
Mir war es immer extrem wichtig, die Lebendigkeit in den Menschen zu wecken. Zu sehen, wie diese erste Blockade schwindet, wenn anfangs alle noch steif dastehen und denken: „Was passiert hier eigentlich? Wo sind wir hier gelandet? Wir werden auf keinen Fall tanzen!“ Und ich denke mir im Stillen: „Oh doch, das werdet ihr.“ Es fasziniert mich einfach zu beobachten, wie die Leute sich entspannen und ihre Schutzmauern fallen lassen.
Einmal kam zum Beispiel nach einem Auftritt eine Zuschauerin zu mir und sagte: ‚Wir arbeiten jeden Tag im Büro. Und wir schätzen euch ‚Feiertagsmenschen‘ so sehr, weil ihr es schafft, dass wir all die Arbeit und den Alltagsstress für zumindest einen Tag komplett vergessen können. Danke, dass ich mich heute Abend wieder lebendig fühlen und einfach mal loslassen durfte‘.
Und tatsächlich: Obwohl ihr Chef im Saal stand und seine Mitarbeiter genau im Auge behielt, hat diese Frau gefeiert, als gäbe es kein Morgen! Es ist einfach großartig, solches Feedback zu bekommen.
Du meintest ja vorhin, dass meine Tracks so unterschiedlich sind – meistens rebellisch, aber eben auch lyrisch. Das sind einfach verschiedene Phasen meines Lebens. Erst vor zwei Jahren habe ich angefangen, mein kreatives Schaffen strategischer und bewusster anzugehen. Früher lief das eher so: Ich habe einen Song aufgenommen, er kam gut an, und ich habe einfach weitergemacht, ohne große Pläne zu schmieden. Meine eigene Musik lief damals einfach wie ein treuer, guter Freund an meiner Seite mit.
Trotzdem war mir klar: Ich will auftreten, mich den Menschen zeigen, meinen eigenen Sound finden, Stück für Stück mein Publikum aufbauen und meine Songs in andere Projekte einbringen. Ich bin innerlich gewachsen, es war ein Reifeprozess auf ganzer Linie, und ich habe die volle Verantwortung für mein kreatives Schaffen übernommen. Jetzt ist der ganze Mechanismus viel eingespielter: Du weißt genau, welche Schritte zu tun sind, wohin du gehen musst und wie du dein Material am besten aufnimmst.
Dabei dreht sich die Welt da draußen aktuell in einer unvorhersehbaren Zentrifuge der Ereignisse. Da bleibt einem nur, das Eigene zu tun – und darauf zu vertrauen, dass es dich schon an den richtigen Ort katapultieren wird. Ich hätte mir zum Beispiel nie vorstellen können, dass ich zum Festival „Tawrida.ART“ (ein allrussisches Kunstcluster zur Förderung kreativer Jugendprojekte, Anm. d. Red.) fahren und dort einen Song schreiben würde, der für mich zu einer echten Zerreißprobe wurde. Ich hatte den Mentoren ein Demo präsentiert, das ich selbst richtig gut fand. Aber sie meinten nur: „Das gefällt uns nicht. Schreib das bitte noch mal komplett um.“
Du bist erst mal gekränkt, gehst auf Konfrontationskurs, schreibst in 20 Minuten irgendeinen Text hin und knallst ihn ihnen hin: ‚Hier habt ihr es, bitteschön! Wenn euch das nicht passt, gibt es gar nichts mehr!‘ Und die Mentoren? (zeigt beide Daumen nach oben, Anm. d. Red.). Und später geht dieser Song seinen ganz eigenen Weg und landet in einer Serie auf dem Fernsehsender ‚STS‘.
Infolge all dieser Ereignisse wirst du zum Filmfestival von „Tawrida“ eingeladen. Dort besuchst du einen Vortrag von Wladimir Kristowski, dem Frontmann der bekannten Band „Uma2rmaH“. Plötzlich erwähnt er genau den Song, der dich damals durch deine Trennung begleitet hat. Du kannst dich nicht zurückhalten und rufst laut in den Saal: „Das ist mein absolutes Lieblingslied!“ Er blickt auf und fragt: „Wer hat das gesagt?“ – „Ich war das!“ Daraufhin antwortet er: „Ich werde diesen Song heute Abend für dich singen.“ Und er hat es tatsächlich nicht vergessen: Beim Konzert am Abend sagt Wladimir auf der Bühne: „Ich habe versprochen, heute ein Lied für ein bestimmtes Mädel zu singen.“ Und ich schreie wieder: „Das bin ich!“ Diese Erinnerungen sind für mich ein unheimlich schönes Puzzleteil in meinem Leben geblieben.
Man weiß also nie, wohin einen die eigenen Songs am Ende führen. Alles kann sich verändern, nur weil du kurz auf die Mentoren eingeschnappt warst und in 20 Minuten ein Lied hingefetzt hast. Deshalb versuche ich, all diese Momente bewusst wahrzunehmen und dankbar für sie zu sein.
Manchmal führt uns die Unberechenbarkeit des Lebens an die wundervollsten Orte, von denen wir nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
– Eine unglaublich inspirierende Geschichte. Das erinnert mich an ein bekanntes Bild aus den sozialen Medien, bei dem zwei Karten gegenübergestellt werden: Auf der einen steht „Deine Pläne“ und man sieht eine einzige kleine Blume im Topf. Und auf der anderen steht „Gottes Pläne“ – und da erstreckt sich ein riesiges, prachtvolles Rosenfeld.
– Das Wichtigste ist, ihm dabei einfach nicht im Weg zu stehen!
– Oh ja! Und was ist das für ein Song, den du da in 20 Minuten hingerotzt hast und der plötzlich so durch die Decke gegangen ist?
– Das ist der Song „Staryje Plastinki“ (dt. „Alte Schallplatten“), der mittlerweile zu einem meiner erfolgreichsten Tracks geworden ist. Aber ich musste mit ihm erst alle fünf Phasen der Trauer und des Akzeptierens durchlaufen. Früher hatte ich regelrecht Angst, ihn live zu spielen, weil er für mich einfach nur ein billiger Ohrwurm war. Der Text hat diese Zeilen, die sich ständig wiederholen und sofort im Kopf hängenbleiben: „Starye plastinki, tschuschaja wetscherinka“ (dt. „Alte Schallplatten, eine fremde Party“). Und ich merke jedes Mal, wie die Zuschauer anfangen, im Takt mit dem Kopf zu nicken, den Refrain mitzusingen und am Ende stimmt der ganze Saal lauthals mit ein. Mittlerweile habe ich Frieden mit dem Song geschlossen. Er ist einfach, hat diesen typischen Straßensound. Da steckt keine tiefere Psychologie drin – das Lied lockert einfach die Stimmung auf und schweißt die Leute zusammen: „Hey, lasst uns alle ein bisschen Spaß haben und den ganzen Stress abbauen!“
– Ich habe diesen Song gehört. Es ist toll, jetzt seine Geschichte zu kennen und den Track in all seinen Facetten zu sehen. Erzähl uns doch mal von dem Song „Dura“ (dt. „Die Dumme): Er hat es ja in den Spielfilm „Tschelowek, kotory smejetsja“ (dt. „Der lachende Mann“) des Regisseurs Wladimir Kott geschafft, der landesweit in den Kinos lief. Wie ist das Lied entstanden und wie ist es am Ende im großen Kino gelandet?
– Auch hier gilt: Das Wichtigste ist, Gottes Plänen einfach nicht im Weg zu stehen. Genau das habe ich getan – die Dinge haben sich einfach perfekt gefügt. Dank dieses Songs durfte ich sogar die Schauspieler des Films persönlich kennenlernen: Ich bin bei der feierlichen Kinopremiere aufgetreten und habe die Darsteller angekündigt, als sie auf die Bühne kamen. Das war mir eine riesige Ehre.
Ich war wie erstarrt, als ich meinen Song eine ganze Minute lang im Film hören konnte. Ich weiß gar nicht, was ich in diesem Moment gefühlt habe. Ich starrte einfach nur auf die Leinwand und dachte: ‚Passiert das gerade wirklich? Ist das mein echtes Leben oder schaue ich nur jemand anderem dabei zu, wie er gerade etwas Großes erreicht?‘
Und geschrieben habe ich das Lied nach einer ziemlich lustigen Situation, als ich nachts zu einem Kumpel fahren wollte, aber nicht in die Wohnung kam. Wegen der geöffneten Petersburger Zugbrücken musste ich irgendwo unterkommen – außen herumzufahren wäre einfach zu lang, zu teuer und unpraktisch gewesen. Ich hatte das vorher mit ihm abgesprochen. Es war Sommer, die Brücken waren oben, 5 Uhr morgens. Ich komme an, gehe hoch, klopfe an die Tür – aber niemand öffnet. Nach 20 Minuten nicht, nach 40 Minuten nicht… Ich rufe an, niemand geht ran.
Am Ende habe ich gewartet, bis die Brücken wieder geschlossen wurden, und bin nach Hause gefahren. Mein Kumpel rief mich später an: „Dascha, es tut mir so leid, ich bin einfach eingepennt und habe nichts gehört.“ Die Situation an sich war völlig banal: Ich brauchte wegen der Zugbrücken ja einfach nur ein Zimmer für die Nacht.
Aber dieses Bild ist mir im Kopf geblieben: wie ich da im Treppenhaus vor seiner Tür saß. Davor war ich die ganze Nacht mit meinen Mädels unterwegs gewesen. Und getragen von dieser gemeinsamen Welle habe ich mir diese rebellische, freche Stimmung zusammengereimt. Am nächsten Tag saß ich dann ganz in Ruhe im Sessel und summte vor mich hin: „Du wirst Mama nicht erzählen, wo du nachts warst.“ Und so entstand diese lyrische Heldin – eine kleine „Dura“, eine Dumme, die bereit ist, stundenlang im Treppenhaus zu warten.
– Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich gerne noch über das Thema Familie sprechen. Wie ich bereits erwähnt habe, kenne ich deinen Vater: als ich vor ein paar Jahren in Barnaul war, habe ich ihn im Theater besucht und wir haben ein Interview geführt. Neben dem KVN und dem Theater ging es damals auch um die Familie. Es war wunderschön und berührend mitanzusehen, mit wie viel Zärtlichkeit und Stolz er über seine Töchter spricht – über dich und deine jüngere Schwester, die Malerin. Peter hat mir erzählt, dass er bei deinen Auftritten immer unheimlich mitfiebert. Wie erlebst du selbst diese Konzerte, bei denen deine Familie im Saal sitzt und deine Gedanken und Gefühle von der Bühne aus miterlebt? Wie bringt sich deine Familie in dein kreatives Schaffen ein?
– Es ist im Grunde unerträglich. Aber gleichzeitig bin ich wahnsinnig glücklich darüber. Für mich war meine Familie schon immer das wichtigste Fundament, mein allergrößter Rückhalt. Das sind Menschen, die all meinen rebellischen Ausbrüchen mit einer unendlichen Weisheit begegnen: Sie schaffen es, ihr Kind in das Erwachsenenleben loszulassen und das, was es tut, aufrichtig zu bewundern. Egal was passiert – sie glauben an mich und sagen: „Wir sind immer für dich da. Du kannst dorthin gehen, wohin dein Herz dich zieht, und du sollst wissen, dass wir dich bei allem unterstützen.“ Das ist unbezahlbar. Und ich spüre eine große Verantwortung, sie nicht zu enttäuschen.
Diese Liebe weckt in mir den tiefen Wunsch, niemals den Mut zu verlieren und richtig, richtig große Erfolge zu erzielen. Obwohl sie sich über jedes Ergebnis freuen. Selbst wenn ich bei einem Konzert nur vor 15 Leuten spiele – sie würden meine Songs genauso lautstark mitschreien und feiern, als stünde ich in einem ausverkauften Stadion.
Papa zeigt seine Gefühle selten offen, er gibt sich immer tapfer. Ich spüre seine Liebe und wie viel ich ihm bedeute. Seine Liebe zeigt sich darin, wie er mich in meiner Kreativität unterstützt – er interessiert sich dafür, hört zu und analysiert. Und es berührt mich zutiefst, durch andere zu erfahren, dass er stolz auf mich ist. Ich weiß das. Und ich bin auch unendlich stolz auf ihn.
Auf Konzerten binde ich ihn oft in meine Improvisationen ein. Als mein Mann und ich neulich ein gemeinsames Konzert hatten, kam Papa erst kurz vor Schluss in den Saal, weil er selbst eine Aufführung hatte. Ich hielt ihn auf: „So, mein Herr, Sie kommen hier nicht rein, ohne ein Lied zu singen oder zu tanzen!“ Er hat sich nicht beirren lassen! Ich bin so dankbar, dass wir eine kreative Familie sind, in der jeder sofort jeden Spaß und jeden Blödsinn mitmacht.
Ich glaube, dass meine kreative Ader zum Teil von meinem Vater kommt. In unserer Wiens-Familienlinie ist er der große Impulsgeber für Kreativität. Im März haben wir Verwandte von der Wiens-Seite getroffen, die ich seit über 20 Jahren nicht gesehen hatte: Oma, Opa, Onkel, Tante, einfach alle. Wir waren etwa zwanzig Leute, und jeder macht etwas anderes. Papa hat ein Gedicht geschrieben, das der Familie und dem Zuhause gewidmet war. Ich glaube, ich habe ihn zum ersten Mal im Leben so emotional erlebt und so intensiv spüren sehen, wie schnell die Jahre vergehen.
Ich spüre ganz genau, dass ich mit meinem Wesen und all meinen inneren Prägungen von keinen anderen Eltern hätte abstammen können. Und ich bin überglücklich, dass wir in so engem und innigem Kontakt bleiben.
– Das ist unglaublich wertvoll und berührend... Wenn wir auf dein Solokonzert im Deutsch-Russischen Haus zurückkommen: Erzähl uns bitte von diesem kreativen Meilenstein und deinem Austausch mit der Gemeinschaft der Russlanddeutschen.
– Das ist eine sehr faszinierende Erfahrung, die ich als ein weiteres Puzzleteil in meine Sammlung wunderbarer Reisen aufnehme. Als ich das erste Mal beim Weihnachtsempfang aufgetreten bin, erwies sich dieser Ort als eine wunderbare Kombination aus herzlicher Energie, offenen und einladenden Menschen. Ich schätze Orte sehr, an denen man sich leicht öffnen, Wärme und Energie schenken kann. Es gibt ja auch Konzertbühnen, die einem viel mentale Vorbereitung und extreme Konzentration abverlangen.
Solche Orte wie den Saal des Deutsch-Russischen Hauses nenne ich Lichtblicke – Orte, an die Menschen strömen, denen es ein Anliegen ist, die Seele des anderen zu fühlen. Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und intensiver Werbung ist so ein behaglicher, familiärer Raum, in dem man ganz man selbst sein und sich austauschen kann, eine wahre Bereicherung für die Seele und eine Wohltat für das Herz.
Für mich ist es eine große Ehre, hier aufzutreten und meine Gefühle und Emotionen zu teilen.
– Es ist eine alte journalistische Tradition von mir, jedes Gespräch mit einem herzlichen Wunsch des Interviewgastes zu beenden. Ausgehend von deinem jetzigen Gefühl und all den wunderbaren Themen, über die wir gesprochen haben, Dascha: Was würdest du den Lesern wünschen? Was sollen sie als Nachgeschmack mitnehmen?
– Für mich ist in dieser Lebensphase die Achtsamkeit mit mir selbst besonders wichtig. Und ich möchte den Lesern wünschen, all das Lebendige und Echte in uns behutsam zu bewahren – all die Momente, die auf unserer großartigen und weiten Reise auf dieser Erde passieren. Ich wünsche ihnen, den Fokus auf das Gute zu richten, selbst in turbulenten Zeiten. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Wenn ich über das Schlechte oder über zu gewaltige Dimensionen nachdenke, verliert meine Energie an Kraft. Ich schrumpfe und fühle mich nur noch wie ein winziges Sandkorn im Leben.
Wenn wir das Gute in uns kultivieren, behutsam mit uns selbst und miteinander umgehen, entsteht eine ganz andere Energie zwischen uns – eine Energie, die vielleicht fähig ist, diese Welt zu retten. Deshalb ist mein Wunsch: alles zu bewahren und anzunehmen.















