„Unter blauem Himmel“: Ikonen der Baronin Julia Reitlinger

Eine Baronin, die von klein auf zur Selbstständigkeit angehalten wurde. Schülerin des Buch- und Bühnenkünstlers Iwan Bilibin sowie des französischen Symbolisten Maurice Denis. Geistliche Tochter Sergej Bulgakows. Ikonenmalerin, die mit 37 Jahren die Nonnengelübde ablegte. Julia Reitlinger – eine Frau mit einem wahrhaft außergewöhnlichen Lebens- und Schaffensweg.

Aus der Hand Julia Reitlingers stammen höchst eigenständige Ikonen. Sie beeindrucken durch die meisterhafte Kombination scheinbar unvereinbarer Farben, durch unkanonische Perspektiven, die Dynamik der Bewegungen und eine reiche Tierwelt. Die Gestalten der Engel und Heiligen sind in Momenten schwungvoller Bewegung und ausdrucksstarker Gestik festgehalten. Tiere und Pflanzen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt bevölkern ausgedehnte Landschaften und markante Berghänge; sie beleben nicht nur den Hintergrund, sondern weiten auch den Rahmen des ikonografischen Geschehens. Sie malte die Kirche des Heiligen Johannes des Kriegers in Meudon, einem Pariser Vorort, aus.

Julia zeichnete schon seit ihrer Kindheit; künstlerisches Talent besaß auch ihr Vater, der hohe Beamte Nikolai Alexandrowitsch Reitlinger. Eine fundierte künstlerische Ausbildung erhielt sie jedoch nicht. Vor der Revolution studierte Julia Nikolajewna bei Iwan Jakowlewitsch Bilibin an der Petersburger Zeichenschule der Gesellschaft zur Förderung der Künste, und in den Jahren der Emigration wurde sie Schülerin des Symbolisten Maurice Denis, der ein Atelier für sakrale Kunst gegründet hatte.

Mit 37 Jahren legte die Ikonenmalerin die Nonnengelübde ab und erhielt den Namen Ioanna. Zwanzig Jahre später erhielten sie und ihre Schwester die Ausreisegenehmigung und kehrten in die Sowjetunion zurück. Dort bemalte die Künstlerin, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, in einer Fabrik Seidenschals und nahm parallel kleinere Privataufträge für Ikonen an. Die Arbeiten dieser Jahre waren oft von kleinem Format, da sie, unauffällig verpackt, in einen gewöhnlichen Versandkarton passen mussten. Ein größeres Paket hätte unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Die Werke der Künstlerin können in der Ausstellung „Unter blauem Himmel" besichtigt werden, die noch bis zum 26. Juli 2026 im Haus des russischen Auslands zu sehen ist. Ausführlich über das bewegte Schicksal Julia Reitlingers berichtet ein Artikel der „Moskauer Deutschen Zeitung".

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