Vor genau 500 Jahren, am 1. Juli 1526, wurde Herzog Albrecht und der dänischen Prinzessin Dorothea als Hochzeitsgeschenk ein erlesenes Nussdessert überreicht. Bis heute, fünf Jahrhunderte später, nennen wir es Königsberger Marzipan.
Der Königsberger Marzipanhersteller M. Zappa berichtet, dass etwa 80 % der Besucher seines Betriebs gar nicht wissen, was Marzipan eigentlich ist. Wir klären auf: Marzipan ist eine geschmeidige Masse aus gemahlenen Mandeln, Zucker und Rosenwasser. Moderne Konditoren nutzen jede Gelegenheit, um mit dem ehrwürdigen Rezept zu experimentieren, und verleihen der Masse mit verschiedenen Sirupen eine neue Note: So kann der Geschmack des Desserts von einer fruchtig-beerigen Säure bis hin zu dezent salzigen Biernoten variieren.
Marzipan ist ein einzigartiges Produkt, denn er kann sowohl als eigenständige Süßigkeit (zum Beispiel in Form von Pralinen) als auch als charakteristische Ergänzung zu opulenteren Desserts (als Füllung in Gebäck oder als Tortendekoration) serviert werden.
Äußerlich unterschied sich der Königsberger Marzipan von seinen süßlich-bitteren Verwandten durch die goldbraune Kruste, die beim Backen im Ofen entstand. Bei der Zubereitung der Masse bevorzugten die Königsberger Konditoren bittere Mandelsorten und reduzierten die Zuckermenge. Als süße Ergänzung für diese eher „zurückhaltende“ Masse dienten Konfitüre, Glasur oder kandierte Früchte.
Das „kaiserliche Dessert“
In Russland verbreitete sich die Begeisterung für Marzipan dank der preußischen Prinzessin Charlotte – der Gemahlin von Kaiser Nikolaus I., die bei ihrem Übertritt zur Orthodoxie den Namen Alexandra Fjodorowna annahm. In ihrer Jugend hatte Charlotte mehrere Jahre in Königsberg verbracht, wohin ihre Familie vor den Wirren der Napoleonischen Kriege geflohen war. Genau dort begegnete die spätere russische Kaiserin jenem Dessert – und verliebte sich für den Rest ihres Lebens in ihn.
Die Spuren des Marzipan-„Booms“ sind deutlich sichtbar: Im Jahr 1912 nahm in den Reiseführern für russische Touristen die Werbung für das „kaiserliche Dessert“, das von S. Plouda, dem Hoflieferanten des Deutschen Kaiserhofs, hergestellt wurde, eine ganze Seite ein.
Königsberger Marzipan in Kaliningrad
Mit der deutschen Geschichte Königsbergs geriet auch die Geschichte des Marzipans in dieser Stadt über lange Jahrzehnte in Vergessenheit. In anderen deutschen Städten wurde die Mandelköstlichkeit weiterhin nach traditionellen Rezepten hergestellt, doch in Kaliningrad erinnerte man sich vergleichsweise spät wieder an sie.
Im Jahr 2015 wurde das Unternehmen Pomatti gegründet, das Marzipan nach traditionellen Rezepten unter den Marken Pomatti und Plouda herzustellen begann. Vor 100 Jahren standen diese Namen für renommierte Produzenten des „Marzipan-Glücks“.
Die 500-jährige Geschichte des Originalrezepts für das „Marzipan-Glück“ in Kaliningrad ist wechselhaft, doch der Königsberger Marzipan konnte sich fest als gastronomisches Symbol der Region etablieren. Mehr über glaubwürdige und weniger glaubwürdige Legenden rund um die Entstehung des Marzipans, die einst berühmten Hersteller des Desserts und seine moderne Geschichte erfahren Sie in der „Moskauer Deutschen Zeitung“.
