Vom 10. bis 13. Juli fand in Taschtagol das Projekt „Ethnokulturelle Literatur- und Theatertreffen für Jugendliche“ statt, an dem Aktivisten gesellschaftlicher Organisationen der Russlanddeutschen teilnahmen. Vier Tage lang tauchten die Teilnehmer in die deutsche Sprache und die Literatur ihrer Vorfahren ein, lernten die Geschichte und Kultur ihres Volkes kennen, probierten traditionelle Gerichte, entwickelten ihre schauspielerischen Fähigkeiten und diskutierten über die Möglichkeiten der Jugendbewegung.
Das Projekt begann mit einem Block zum Kennenlernen und zur Teambildung. Für viele Teilnehmer bot das Treffen die Gelegenheit, sich mit Aktivisten aus verschiedenen Städten und Regionen zu vernetzen, Erfahrungen aus der Arbeit in Jugendklubs auszutauschen und Gleichgesinnte zu finden.
Besonderes Augenmerk legten die Organisatoren auf den Tag der JDR – eine traditionelle Veranstaltung, die der Arbeit des Jugendrings gewidmet ist. Die Teilnehmer lernten die Struktur der Jugendbewegung der Russlanddeutschen, laufende Projekte sowie Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und zum ehrenamtlichen Engagement kennen. Im Rahmen der Treffen wurde erörtert, wie sich junge Menschen nicht nur an bereits bestehenden Initiativen beteiligen können, sondern auch eigenständig neue Projekte ins Leben rufen können, welche die Jugendlichen rund um die deutsche Sprache, Kultur und Geschichte zusammenbringen.
Für mich war der Tag der JDR eine Gelegenheit, besser zu verstehen, wie groß die Gemeinschaft der Russlanddeutschen heute ist. Besonders inspirierend fand ich, dass man praktisch jede Idee umsetzen kann, wenn man Gleichgesinnte findet, berichtete die Projektteilnehmerin Uljana Korowjakina.
Deutsch durch Literatur
Eines der zentralen Merkmale des Projekts war die Heranführung an die deutsche Sprache anhand der Werke russlanddeutscher Autoren. Anstelle der üblichen Grammatikübungen setzten sich die Teilnehmer mit literarischen Texten auseinander, analysierten Gedichte, diskutierten literarische Werke und deren Zusammenhang mit der Geschichte des Volkes.
Die Arbeit mit Lyrik wurde auch im Modul „Schauspielkunst“ fortgesetzt. Die Teilnehmer lernten, Emotionen und Bedeutungen literarischer Werke durch szenische Sprache, Intonation und Bewegung zu vermitteln. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit waren Videoclips, die auf Werken von Russlanddeutschen basieren. Die fertiggestellten Clips werden in Kürze auf den Informationsplattformen der Veranstalter veröffentlicht.
Es war interessant zu sehen, wie ein literarischer Text auf der Bühne buchstäblich zum Leben erwacht. Wenn man anfängt, ein Gedicht laut vorzulesen und darin nach Emotionen zu suchen, nimmt man es ganz anders wahr, bemerkte der Teilnehmer Kirill Kirsanow.
Eine Geschichte, die einem näherkommt
Ein wesentlicher Teil des Programms war der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Russlanddeutschen gewidmet. Bei ihrem Rundgang durch die Museumsräume erfuhren die Teilnehmer mehr über den herausragenden Wissenschaftler Wilhelm Radloff (Wassili Wassiljewitsch Radlow) – einen Sibirienforscher, Ethnografen, Turkologen und Sammler von Volkskunde, der einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung der Kulturen der Völker dieser Region geleistet hat.
Die Veranstaltung bot die Möglichkeit, anhand von authentischen Museumsobjekten und Archivmaterialien einen Einblick in die Geschichte zu gewinnen, und die anschließende Diskussion half den Teilnehmern, Parallelen zwischen historischen Ereignissen und der heutigen Entwicklung der ethnokulturellen Gemeinschaft zu ziehen.
Traditionen zum Anfassen
Ein eigener Teil des Programms war dem Kunsthandwerk gewidmet. Die Teilnehmer probierten sich gleich in mehreren Bereichen aus.
Während des Workshops zur Seifenherstellung kreierte jeder seine eigene Duftkomposition, inspiriert von der Kultur der Russlanddeutschen. Bei der Auswahl der Düfte ließen sich die Teilnehmer von Assoziationen zu Familientraditionen, Natur, Backwaren und Heimatgefühl leiten.
Eine weitere kreative Aktivität war ein Mal-Workshop. Die Jugendlichen schufen Darstellungen von Vogelbeeren und Russlanddeutschen in Trachten. Im Mittelpunkt stand die Vogelbeere – ein Symbol, das vielen aus dem russlanddeutschen Volkstanz „Vogelbeerbaum“ bekannt ist. Mit ihren Zeichnungen versuchten die Teilnehmer, die Verbindung zwischen Natur, traditioneller Kultur und familiären Erinnerungen zum Ausdruck zu bringen.
Besonders gut hat mir gefallen, dass jede kreative Aufgabe ihre eigene Geschichte hatte. Wir haben nicht einfach nur gemalt oder Souvenirs gebastelt – wir haben erfahren, warum gerade diese Symbole für die Russlanddeutschen so wichtig sind, erzählte die Projektteilnehmerin Sofia Neb.
Der Geschmack der traditionellen Küche
Ein fester Bestandteil des Programms war die Auseinandersetzung mit dem gastronomischen Erbe der Russlanddeutschen.
Im Rahmen eines Kochworkshops bereiteten die Teilnehmer gemeinsam zwei traditionelle Gerichte zu – Krebbel und „Kartoffeln mit Kraut “. Für viele war es das erste Mal, Familienrezepte der Russlanddeutschen selbst nachzukochen.
Während der gemeinsamen Arbeit wurde über die Herkunft der Gerichte, die Besonderheiten ihrer Zubereitung in verschiedenen Familien und Regionen sowie darüber gesprochen, wie gastronomische Traditionen dazu beitragen, die Verbindung zwischen den Generationen aufrechtzuerhalten.
Das Theater als kommunikative Sprache
Die Blöcke zum Thema Schauspielkunst boten Raum für die Entwicklung von Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit und die Entfaltung des kreativen Potenzials der Teilnehmer.
Anhand von Theaterübungen lernten die Jugendlichen, mit ihrer Stimme, ihren Emotionen und ihrem Körperausdruck umzugehen, Bühnenbilder zu gestalten und mit Spielpartnern zu interagieren. Dabei waren die Theaterübungen eng mit dem literarischen Teil des Projekts verknüpft: Die Teilnehmer interpretierten Werke russlanddeutscher Autoren, suchten nach zeitgemäßen Wegen für deren szenische Umsetzung und machten sich Gedanken darüber, wie man das kulturelle Erbe in einer für Jugendliche verständlichen Sprache vermitteln kann.
Jeder Abend klang mit ethnokulturellen Programmen aus, die eine starke sprachliche Komponente besaßen. Spiele, kreative Aufgaben, Gespräche auf Deutsch und gemeinsame Auftritte trugen dazu bei, die tagsüber erworbenen Kenntnisse zu festigen und ein echtes Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.
Gerade der informelle Austausch wurde zu einem der wichtigsten Werte des Projekts. Innerhalb weniger Tage erwarben die Teilnehmer nicht nur neues Wissen, sondern fanden auch Freunde, tauschten Erfahrungen aus der Arbeit in Jugendklubs aus und ließen sich zur Gründung eigener Initiativen inspirieren.
Diese vier Tage haben gezeigt, dass die Kultur der Russlanddeutschen nicht nur Geschichte ist, die man aus Büchern lernt. Es sind die Menschen, das kreative Schaffen, die Sprache, gemeinsame Projekte und der Wunsch, gemeinsam etwas zu gestalten , erklärte Wjatscheslaw Fatkulin.
Das Projekt „Ethnokulturelle Literatur- und Theatertreffen für Jugendliche“ wurde zu einer Plattform, auf der Literatur, Theater, Geschichte, Kunsthandwerk und traditionelle Küche zu einem einheitlichen ethnokulturellen Programm verschmolzen. Dieser Ansatz ermöglichte es den Teilnehmern, nicht nur eine Ansammlung einzelner Traditionen zu sehen, sondern ein lebendiges Erbe, das sich dank der Initiativen der Jugendlichen selbst weiterentwickelt.
Die Organisatoren betonen, dass solche Projekte nicht nur dazu beitragen, das Wissen über die Geschichte der Russlanddeutschen zu erweitern, sondern auch die Voraussetzungen für neue Jugendinitiativen schaffen, die Verbindungen zwischen den Vereinen stärken und eine Gemeinschaft bilden, in der deutsche Sprache, Kultur und Traditionen zu einem selbstverständlichen Teil des modernen Lebens werden.
Das Projekt wird mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms für die Russlanddeutschen in der Russischen Föderation umgesetzt.







