Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ethnokulturellen Treffen für junge Familien der Russlanddeutschen aus den Zentral- und Nordwestregionen Russlands besuchten das Haus der Nationalitäten in Iwanowo.
Empfangen wurden die jungen Familien aus Moskau, Sankt Petersburg, Iwanowo, Petrosawodsk und Jaroslawl von Gulnara Schakirowa, Leiterin der Abteilung für die Zusammenarbeit mit nationalen Vereinigungen des Hauses der Nationalitäten in Iwanowo und Vorsitzende des tatarischen Bildungszentrums „Belem“ („Wissen“). Sie machte die Gäste mit der Kultur, den Lebensgewohnheiten und den Traditionen der Völker vertraut, die heute im Gebiet Iwanowo leben.
Im Haus der Nationalitäten wurde außerdem eine einzigartige Ausstellung eröffnet, die Gemälde zeigt, welche 2025 von aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jugendklubs und Jugendvereinigungen der Zentral- und Nordwestregionen Russlands in Kotlas im Rahmen einer Forschungswerkstatt zur Bewahrung des kulturhistorischen Erbes der Russlanddeutschen geschaffen wurden. Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten Materialien über die russlanddeutschen Trudarmisten gesammelt, die am Bau der Brücke über die Nördliche Dwina sowie an der Nördlichen Eisenbahn beteiligt waren. Diese Bahnstrecke entwickelte sich während des Zweiten Weltkriegs zu einer strategisch bedeutenden Verkehrsader, über die Kohle und Erdöl an die Front transportiert wurden.
Heute haben diese Gemälde in Iwanowo ein neues Leben gefunden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Familientreffen blieben vor jedem einzelnen Bild stehen und betrachteten aufmerksam dessen Details. Die Symbolik der Werke beeindruckt zutiefst. Bei Tageslicht sind auf den Leinwänden dunkle Baracken, gesichtslose Silhouetten von Gefangenen und Grabkreuze zu erkennen. Wird das Licht jedoch gedimmt und gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, erscheinen helle Bilder glücklicher Menschen – Szenen eines friedlichen Lebens, von dem die Trudarmisten, die Erbauer der Brücke über die Nördliche Dwina, einst träumten.
Die Leiterinnen der Workshops des Familienprojekts, Valeria Bühler und Emilija Kolotilowa, die selbst an der Forschungswerkstatt in Kotlas teilgenommen und die ausgestellten Werke geschaffen hatten, erläuterten den Gästen die Bedeutung ihrer Bilder. Valeria Bühler gab ihrem Werk den Titel „Linie des Lebens“. Zu sehen ist eine in die Ferne führende Eisenbahnstrecke. Entlang der Leinwand sind deutsche Familiennamen zu lesen: Baal, Ries, Hermann, Stang, Gleich, Vogelmann, Propp und Kraft. „Mein Bild steht symbolisch für das Schicksal Tausender Russlanddeutscher, die nach Kotlas kamen, um die Brücke zu errichten“, erklärt Valeria Bühler, Koordinatorin der Jugendarbeit der Zentral- und Nordwestregionen Russlands. „Über Schienen und Schwellen wurden sie in den Norden gebracht. Dieselben Schienen und Schwellen verlegten sie später selbst und eröffneten unter Einsatz ihres Lebens während des Großen Vaterländischen Krieges den Weg zu den Kohle- und Erdölvorkommen. Die Namen auf dem Bild verdeutlichen die Verbindung zwischen den Generationen und stehen für die starke familiäre Kontinuität innerhalb der russlanddeutschen Gemeinschaft.
Die Eisenbahn symbolisiert die Einheit unterschiedlichster Lebenswege und steht als Metapher für den Lebensweg, auf dem jeder Mensch – unabhängig von seiner Nationalität – Spuren in der Geschichte einer Stadt hinterlässt. Am Horizont zeichnet sich der Wald ab. Seine unregelmäßige, pulsierende Kontur erinnert an einen Herzschlag, an den Lebenswillen und an das Leben selbst, das die Trudarmisten ihren Kindern schenkten.
Ich freue mich sehr, dass diese Ausstellung nun in Iwanowo gezeigt wird. Sie ist ein hervorragendes Beispiel für ein generationsübergreifendes Projekt, bei dem junge Menschen ihr Wissen von den Bewahrern der Geschichte, Kultur und Traditionen unseres Volkes erhalten.“
Das Werk von Emilija Kolotilowa (Wolf) ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Monodrama „Die heilige Ju“ von Olga Schutschkowa, das in Kotlas im Rahmen der Projekte „Art-Tour“ und „Jugendforschungswerkstatt zur Bewahrung des kulturhistorischen Erbes der Russlanddeutschen“ aufgeführt wurde. Grundlage des Stücks sind Tagebücher, Briefe und Erinnerungen dreier Frauen: der Urgroßmutter von Olga Schutschokowa, Julija Wiegel (Godfried), sowie ihrer beiden Töchter Erna und Emma. Die Geschichten dieser drei Frauen verschmelzen zu einem gemeinsamen Schicksal: Deportation, Trennung, Arbeitsarmee, Hunger und die Sehnsucht nach einer Heimat, in die es keine Rückkehr mehr gab.
Andrej (Heinrich) Wiegel und Julija lebten glücklich in der Stadt Schwed im Gebiet Saratow und erzogen dort ihre beiden Töchter. Der Krieg zerstörte ihr Familienglück. Von einem Tag auf den anderen wurden sämtliche Wolgadeutschen deportiert. Andrej wurde zur Arbeitsarmee eingezogen und nach Kotlas geschickt, wo er am Bau der Brücke über die Nördliche Dwina arbeiten musste. Aus dem Norden schickte er noch einige Briefe. Danach verlor sich jede Spur von ihm. Julija zog ihre Kinder allein groß und wartete ihr ganzes Leben lang auf ihren Mann. Sie heiratete nie wieder und blieb Andrej bis zu ihrem Lebensende treu.
Auf der hellen Leinwand ist die Silhouette eines Mannes zu sehen. Ist es Andrej? Oder ein Aufseher, der ihn Julija entreißt und für immer nach Kotlas bringt? Oder ist es das Bild Andrejs, das Julija ihr ganzes Leben lang in ihrer Erinnerung bewahrte? Auf der stillen Leinwand stehen ihre Worte, fein in schwarzer Schrift auf weißem Grund festgehalten: „Auf Andrej habe ich immer gewartet und ich warte noch heute auf ihn... In meiner Bibel bewahre ich zwei Briefe von ihm und sein Foto auf. Es kamen Männer, die mich heiraten wollten… Ich war damals schön. Einer kam immer wieder aus Urschum und sagte: ‚Julija, komm, wir heiraten. Du bist allein, dir ist schwer. Und ich brauche auch eine Frau.‘ Wenn er kam, setzte ich die Mädchen neben mich, damit er mich nicht berühren konnte. Ich habe nicht zugestimmt. Ich brauchte niemanden!“
„Die Ausstellung unserer Werke in Iwanowo gibt uns die wunderbare Möglichkeit, die starken Emotionen, die wir in Kotlas erlebt haben, noch einmal nachzuempfinden“, erzählt Emilija Kolotilowa (Wolf). „Auf Grundlage der Erinnerungen der Kinder ehemaliger Trudarmisten haben wir sowohl diese Gemäldeausstellung als auch einen Dokumentarfilm geschaffen.“
Bis heute erinnere ich mich an den Moment, als Olga Schutschkowa auf der Gedenkstätte in Saowraschje eine Gedenktafel mit dem Namen ihres Urgroßvaters Andrej am Denkmal befestigte... Jahrzehnte später hatte sie ihn endlich gefunden.
Madina Dschun aus Furmanow (Gebiet Iwanowo) schuf ihr Werk „Träume vom Glück“ bewusst in einer stark reduzierten Farbpalette. Die monochrome Schwarz-Weiß-Komposition wird von einem markanten Rot dominiert – als Symbol für das Blut, das im Krieg vergossen wurde, für die innere Stärke der Menschen, die unvorstellbares Leid ertrugen, und für den unausweichlichen Sieg. Auf dem Bild ist eine Eisenbahn zu sehen – Sinnbild für den unbeugsamen Willen der Trudarmisten und ihre unermüdliche, selbstlose Arbeit. Erlischt jedoch das Licht, erscheinen auf der Leinwand ein Haus und eine Familie. „Das Ehepaar mit dem Säugling habe ich bewusst in Anlehnung an die Ikonenmalerei dargestellt, um an die Krippe zu erinnern, in der Jesus Christus geboren wurde“, erläutert Madina Dschun.
Die zentrale Bildkomposition macht deutlich, dass es vor allem Glaube, Hoffnung und Liebe waren, die den Trudarmisten nicht nur das Überleben unter unmenschlichen Bedingungen ermöglichten, sondern ihnen auch die Kraft gaben, ihren Kindern Liebe und Wärme weiterzugeben.
Marija Brusowa (Fritzler) widmete ihr Gemälde „Ein winziges Stück Heimat“ ihrem Großvater, der seine Kindheit und Jugend hinter Stacheldraht verbrachte. Er wuchs in einem Lager auf und arbeitete als Entaster im Holzeinschlag – eine Tätigkeit, die damals als vergleichsweise leicht galt. Doch wie kann Arbeit leicht sein, wenn der Hunger einen jede Sekunde begleitet? Im Mittelpunkt ihres Bildes steht ein vom Hunger und von schwerer Arbeit gezeichneter Häftling mit einer Brotration von lediglich dreihundert Gramm. In der Dunkelheit erscheint jedoch, mit fluoreszierender Farbe sichtbar gemacht, die Silhouette eines gesunden und glücklichen Mannes, der zu Hause an einem Tisch sitzt, auf dem ein frisch gebackenes, duftendes Brot liegt…
„Die Begegnung junger Familien der Russlanddeutschen hier auf Iwanower Boden ist ein wahrhaft wunderbares Ereignis, das Menschen zusammenführt und die Kraft von Gemeinschaft und Familienwerten sichtbar macht“, resümiert Gulnara Schakirowa, Leiterin der Abteilung für die Zusammenarbeit mit nationalen Vereinigungen des Hauses der Nationalitäten in Iwanowo und Vorsitzende des tatarischen Bildungszentrums „Belem“ („Wissen“). „Besonders erfreulich ist, dass die Organisatoren nicht nur großen Wert auf die inhaltliche Gestaltung der Ausstellung gelegt haben, sondern auch auf ihre tiefere Botschaft. Die präsentierten geistigen Werte und das kulturelle Erbe verdienen höchste Anerkennung und unterstreichen, wie wichtig die Bewahrung der kulturellen Identität ist. Ich bin überzeugt, dass die junge Generation diese Traditionen würdig fortführen und Sprache sowie Kultur ihrer Vorfahren an kommende Generationen weitergeben wird.“
Unser Treffen ist mehr als nur eine Veranstaltung. Sie ist eine Brücke, die Generationen, Völker und Zeiten miteinander verbindet.
Die ethnokulturellen Treffen für junge Familien der Russlanddeutschen aus den Zentral- und Nordwestregionen Russlands wurden von der Gesellschaftlichen Organisation „Zentrum der deutschen Kultur ‚Nadeschda‘“ des Gebiets Iwanowo mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur organisiert und durchgeführt.
Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Schott


