„Hier ist die Luft von Familiengeschichte erfüllt“: Eindrücke der Maler


Am 17. Juli wurden im Deutsch-Russischen Haus in Marx die Ergebnisse des diesjährigen Art-Labors für bildende Kunst präsentiert.

Vom 13. bis 17. Juli reisten Künstlerinnen und Künstler aus den Reihen der Russlanddeutschen durch die Wolgaregion. Ihre Route führte über Saratow, Marx, Engels, Kamyschin und Nischnjaja Dobrinka. Es sind Orte, an denen der Geist deutscher Gründlichkeit und Detailliebe bis heute spürbar ist. Die Maler kehren regelmäßig zu diesen historischen Wurzeln zurück. Ihr Ziel: Baudenkmäler und historische Fassaden auf Leinwand festzuhalten und nach Möglichkeit verloren gegangene architektonische Details zu rekonstruieren. In diesem Jahr machten sich neun Kunstschaffende aus Krasnojarsk, Perm, Jekaterinburg, St. Petersburg und Moskau auf den Weg.

„Für mich ist das Wolgaland lebendige Erinnerung – an meinen Vater, meine Schwestern und andere Verwandte“, erklärt Nadeschda Wirt, Künstlerin und langjährige Dozentin aus der Region Krasnojarsk.

Ihre Schwester gab ihr einen besonderen Wunsch mit auf den Weg: ‚Bring mir eine Handvoll Saratower Erde als Andenken mit‘. Das werde sie tun, denn für ihre Schwester bedeute dies sehr viel.

Viele Kunstschaffende aus den Reihen der Russlanddeutschen sind Stammgäste beim Art-Labor. Auch Nadeschda Wirt reiste bereits zum dritten Mal zu dem gemeinsamen Open-Air-Plenair an: „Ich freue mich riesig, vertraute Gesichter wiederzusehen. Man spürt diese emotionale Welle, die echte Wiedersehensfreude, das Interesse an den kreativen Plänen der anderen. Solche Treffen sind für mich unglaublich wichtig – denn dort in Sibirien schmort man, auf gut Deutsch gesagt, doch meist im eigenen Saft.“

Erstmals schloss sich Alexander Popp, ein weiterer Kunstmaler aus der Region Krasnojarsk, dem Kreativteam an. Seine kargen, fast asketischen Landschaften und Porträts laden den Betrachter zum Innehalten ein – sie sind eine visuelle Reflexion über den Reichtum, die Vielfalt und die tiefe Identität der Natur, der kulturellen Traditionen und des spirituellen Erbes des russischen Nordens.

Der Künstler spürte sofort, dass die endlosen Weiten der Wolgaregion einen völlig anderen Charakter haben: „Wenn man in den Norden der Region Krasnojarsk fährt, beginnt dort die absolute Wildnis, die Taiga. Die Taiga ist kein gewöhnlicher Wald, sie ist eben die Taiga.“

Unser Jenissei ist rau und unerbittlich, aber hier zeigt sich der Fluss von seiner sanften, beinahe zärtlichen Seite.

Ob die Getreidebörse in Engels, die lutherische Kirche in Marx, die katholische St.-Marien-Kirche in Kamenka oder das Arztzeithaus in Nischnjaja Dobrinka – jeder der Kunstschaffenden fand genau jenen historischen Ort, der die eigene kreative Vision zum Leben erweckte. „Mich haben die Wolgaufer tief beeindruckt, die sich uns vom historischen Getreideanleger aus eröffneten“, teilt der russlanddeutsche Maler Dmitri Geweiler seine frischen Eindrücke. „Vom Glockenturm aus konnte ich ein Panorama der Stadt und des Flusses einfangen. Ein absolut malerischer Anblick: vorn die Silhouette der Stadt, dahinter der mächtige Strom, der von Steilufern gesäumt wird. Ich bin mir sicher, dass ich dieses Bild zu Hause auf der Leinwand verarbeiten werde.“

„Kamyschin verdient ein ganz eigenes Kapitel. Die faszinierende Architektur der Stadt und ihre alten Gassen haben mich tief berührt“, so Dmitri Krell, Koordinator der künstlerischen Richtung der Künstlervereinigung der Russlanddeutschen. „Sie haben mich irgendwie an die alten Stadtvillen in Woronesch erinnert, die ich einst bei einem föderalen Studenten-Plenair gesehen habe. Ohne die moderne Werbung an den Fassaden wären diese Häuser die perfekte, authentische Kulisse für Filme aus der Epoche von Anton Tschechow. Die Gassen von Kamyschin versprühen genau diese Atmosphäre.“

Ausgedehnte Streifzüge zu Fuß wechselten sich mit konzentrierter Arbeit ab: Durch das Weiß der grundierten Leinwände schimmerte allmählich die erste Untermalung in Grisaille-Technik hindurch, bevor mit energischen Pinselstrichen und satten Farben das ganz eigene Gesicht der historischen Architektur zum Leben erwachte.

Wie intensiv dieser künstlerische Schaffensprozess war, bringt Dmitri Geweiler auf den Punkt:

Natürlich diszipliniert der enge Zeitrahmen ungemein und zwingt einen dazu, sich voll und ganz zu fokussieren. Sobald man direkt vor dem Objekt steht, wird einem klar: Das ist der einzige Moment, um es genau zu studieren und zeichnerisch einzufangen.

Unter den Teilnehmenden des Art-Labors herrscht absolute Einigkeit darüber, dass ein Plenair immer von der Jagd nach jenen intensiven Eindrücken lebt, die förmlich von selbst direkt auf die Leinwand drängen. Dmitri Krell beschreibt diese kreative Dynamik so:

Jedes Plenair ist eine Art Wunder. Man fährt ins Ungewisse und weiß gleichzeitig, dass man die Chance hat, das Maximum an Eindrücken von einem neuen Ort in sich aufzusaugen. Von jedem Plenair nimmt man etwas mit, das tief in der Seele bleibt.

Den Kunstraum der Abschlussausstellung prägten die frisch vollendeten Werke – die Ölfarbe auf den Leinwänden war noch nicht einmal ganz getrocknet. In ihnen spiegelten sich die unverfälschten, neuen Eindrücke der Maler wider. Nach der Rückkehr in ihre Heimatregionen werden die Künstler die eingefangenen visuellen Bilder weiter verfeinern und ausarbeiten. Die im Rahmen dieses kreativen Treffens entstandene Dokumentation der historischen Architektur und der Atmosphäre des einstigen Lebens in der Region wird als Fundament für künftige Kunstprojekte des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur dienen.


Das Projekt wurde mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Förderprogramms der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation realisiert.

Rubriken: Eliteförderung/AvantgardeIVDKSpuren der deutschen Kultur in Russland