Viele Bücher über die Russlanddeutschen der Region Altai wären ohne seinen Beitrag nicht erschienen. Der Unternehmer, Wohltäter und Verleger Jakob Grinemaer ist eine bekannte Persönlichkeit in der Region Altai und unter den Russlanddeutschen. Er unterstützt nicht nur die Schriftsteller, Dichter und Künstler seiner kleinen Heimat, indem er die Publikationen ihrer Werke fördert, verschiedene Kulturveranstaltungen unterstützt, sondern hält auch die einzigartigen Ansichten seiner Heimat in Fotografien fest. Darüber hinaus verfasst er selbst Gedichte über seine Heimat, die Natur, Liebe und Freundschaft sowie Betrachtungen der Ewigkeit. Lesen Sie mehr in unserem Artikel.
- Dank Ihrer langjährigen Verlagsprojekte wird das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen – Werke von Schriftstellern und Gemälde von Künstlern – für die nächste Generation über Jahrhunderte hinweg bewahrt. Erzählen Sie uns, wie alles begann?
Alles begann in meiner Kindheit. Meine Liebe zur Musik entflammte durch die Schallplatten meiner älteren Schwestern. Seitdem sind mir der Walzer „Unter dem Himmel von Paris“ und der „Marsch der Hochhausmonteure“, inspiriert vom virtuosen Klang einer Blaskapelle, ans Herz gewachsen. Die aktive Teilnahme an Amateuraufführungen und die enge Freundschaft mit Alexander Justus, der später Berufsmusiker wurde und maßgeblich zur Gründung des Volksensemble „Morgenrot“ beitrug, ließen mich schon damals in die kreative Welt eintauchen. Ich spreche zwei Sprachen: Deutsch, meine Muttersprache, in der ich schreibe und lese, und Russisch, das ich von guten Lehrern gelernt habe. Ich behandle das Wort als solches mit großer Ehrfurcht.
In der Schulzeit in Podsosnowo, im Studium am Elektrotechnischen Institut in Nowosibirsk und auch später, als ich begann im Radiogerätewerk in Slawgorod zu arbeiten, engagierte ich mich aktiv im sozialen und kulturellen Leben. Zusammen mit meinen Gleichgesinnten veranstalteten wir Debatten, Discos und gesellige Abende, gründeten sogar einen Jugendclub. Ende der 1990er-Jahre, nach den turbulenten Jahren der Perestroika, als ich mich als Unternehmer etabliert hatte, gründete ich innerhalb meines kleinen Unternehmens eine Werbeagentur. Diese produzierte ein eigenes Radioprogramm, schrieb Werbespots und Tonaufzeichnungen auf, nahm lokale Musiker und Schriftsteller auf. Ich unterstützte schon damals verschiedene Projekte, darunter ein Motorradtreffen und das Jugendfestival „Crazy Summer“. Außerdem war ich einer der Organisatoren des regionalen Liederfestivals „Singender August“ und des städtischen Fotowettbewerbs „Die Stadt, in der ich lebe“. Heute arbeite ich neben meinem Hauptberuf im Verlagswesen und an verschiedenen Kulturprojekten in der von mir eröffneten Galerie „Rad der Geschichte“. All diese meine Tätigkeit blieb nicht unbemerkt. Die Stadt Slawgorod verlieh mir den Titel „Preisträger des Bürgermeisterpreises für Kultur“ und die Region zeichnete mir mit der Medaille „Für Verdienste um die Gesellschaft“ mit dem Bild von W.M. Schukschin, einem Mann, dessen Werk Teil des goldenen Fundus der russischen Kultur geworden ist.
- Wie sind Sie zum Wohltäter geworden? Warum haben Sie angefangen, kreative Menschen zu unterstützen?
Das kreative Umfeld ist für mich sehr wichtig. Deshalb geht es mir nicht nur darum, kreative Menschen an sich zu unterstützen, sondern auch darum, ihre Arbeit zu fördern und sie zu den Protagonisten unserer Projekte zu machen. Dort kann ich, nicht nur als Autor des Projekts, sondern oft auch in anderen Rollen, meine kreativen Bedürfnisse und meine Vision verwirklichen. Auf diesem Weg habe ich viele interessante und talentierte Menschen kennengelernt und treue Weggefährten gefunden. Der Austausch mit ihnen und ihre Unterstützung sind unschätzbar wertvoll. Ich bemühe mich nach besten Kräften, die Kreativität von Menschen, die mir im Geiste nahesteht und mir wichtig ist, in den kulturellen Raum einzubringen.

Jakob Grinemaer und Alexander Pak bei der Präsentation von Alexander Paks Album „Harmonie der Linien“, das dem 70. Geburtstag des Autors gewidmet ist, 2023
Фото: Wladimir Beck
- Mit wem arbeiten Sie all diese Jahre bei Verlagsprojekten zusammen? Haben Sie ein eigenes Team?
Wir begannen unsere Arbeit mit dem Dichter und Grafiker Alexander Pak und Alexander Karpow, ebenfalls ein Schriftsteller und Künstler. Unser Trio, aus dem später die Künstlergruppe „Sonne über der Steppe“ hervorging, initiierte zahlreiche kreative Projekte mit vielen talentierten Menschen. Die Redaktion „Zeitung für Dich“ – Erna Berg und Maria Aleksenko – leistete mit ihrer Erfahrung und ihren tiefen Kenntnissen rund um das Thema „Russlanddeutsche“ einen unschätzbaren Beitrag zu unseren zweisprachigen Publikationen. Leider arbeiten nicht alle, mit denen wir diese 20 Jahre gemeinsam verbracht haben, weiterhin mit uns zusammen. Ich bin jedoch allen, die an diesem oder jenem Projekt mitgewirkt haben, von Herzen dankbar, denn nur gemeinsam konnten wir so viel schaffen.
- Wie wählen Sie aus, was Sie veröffentlichen? Suchen Sie selbst nach interessanten Personen, oder helfen Sie beispielsweise jemandem, der Sie bittet, sein Buch zu veröffentlichen?
Unser Hauptziel ist es, die bedeutenden Werke unserer Vorfahren, die in jener Zeit nicht ausreichend gewürdigt wurden, und die bemerkenswerte Kreativität der Menschen, die mit uns leben, zu bewahren. Unsere Publikationen sind ein Versuch, das Leben der Werke von Autoren zu verlängern und sie der Nachwelt zu hinterlassen. Viele interessante und talentierte Menschen waren und sind weiterhin Teil unserer Gemeinschaft, und wir freuen uns, wenn es uns gelingt, einen Autor wiederzuentdecken oder sein Werk zu fördern. Und dies ist vielleicht der größte Lohn für unsere Beharrlichkeit im Angesicht des unerbittlichen Laufs der Zeit.
Wenn sich jemand mit einer Bitte um Unterstützung an uns wendet, können wir in der Regel Ratschläge geben und relevante Kontakte mitteilen. Selbstverständlich können wir auch anbieten ein Buch zu veröffentlichen, sofern dessen Inhalt einzigartig ist und einen Bezug zur Kultur und Geschichte unserer kleinen Heimat hat.
Leider sind unsere Ressourcen begrenzt. Wir arbeiten in unserer Freizeit und nutzen dafür in der Regel unsere eigenen Mittel. Wir bemühen uns, Fehler so weit wie möglich zu vermeiden: Unser Verlagsteam besteht aus Fachleuten. Unsere Publikationen wurden mehrmals ausgezeichnet, unter anderem beim jährlichen Regionalwettbewerb „Veröffentlicht im Altai“ und beim Wettbewerb „Russlanddeutsche in der Avantgarde der Zukunft“. Mehrere Bücher wurden sogar nachgedruckt. Menschen von Juschno-Sachalinsk bis Deutschland, darunter Übersetzer, Journalisten, Mitglieder des Schriftstellerverbandes Russlands, Kritiker, Kunsthistoriker, Kunsmaler und Fotografen haben zu unseren Publikationen beigetragen.
- Sie haben bereits über 35 Publikationen unterstützt – Gedichtsammlungen, Anthologien der Künstler und Schriftsteller, Kinderbücher, Publikationen zur Ortsgeschichte, Künstleralben, Fotoalben und Postkartensets. Beziehen sich all diese Publikationen auf die Russlanddeutsche?
Ein Großteil dieser Publikationen befasst sich mit dem Werk und der Geschichte der Russlanddeutschen und hat zum Ziel, dieses Thema in den zeitgenössischen Kulturraum zu popularisieren. Daher sind die meisten Publikationen zweisprachig – in Deutsch und Russisch. Dazu gehören die Anthologie „Begegnungen im August“, eine Reihe von Sammlungen altaideutscher Autoren aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Autorenprojekt „Mein Podsosnowo“ mit zwei Almanachen, einem Fotoalbum und der umfangreichen Tafelausstellung „Volksgedächtnis“, ein Katalog und ein Album mit Grafiken von Ivan Friesen, Alben von Viktor Hahan und Kurt Hein, Fotoalbum „Altaideutsche: Gestern und Heute“ von Wladimir Beсk sowie ein Kinderbuch.

Präsentation des Buches „Unser Werk“, das zum 100-jährigen Jubiläum des Radiogerätewerks von Slawgorod herausgegeben wurde, Galerie „Rad der Geschichte“, 2023
Фото: Wladimir Beck
- Wenn Sie eine Auflage eines veröffentlichten Buches erhalten, welche Gefühle haben Sie, wenn Sie es in den Händen halten?
Ein Gefühl der Freude, dass ich es geschafft habe, den ganzen schwierigen Weg zu gehen, den ich mit anderen teilen möchte, und gleichzeitig ein Gefühl der Traurigkeit, denn jetzt wird das Buch sein eigenes Leben führen. Etwas mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seit die ersten bescheidenen Bücher veröffentlicht wurden, und ich kann es kaum fassen, dass ich jemals an all dem, was veröffentlicht wurde, beteiligt war.
- Helfen Sie in irgendeiner Weise bei der Verbreitung von Publikationen?
Ja, wir veranstalten verschiedene Buchpräsentationen und versenden mehrere Exemplare an die Bibliotheken und Partner in ganz Russland, alle unsere Publikationen sind z.B. in der Wissenschaftlichen W.-Ja.-Schischkow-Bibliothek der Region Altai zu finden. Ein Großteil unserer Publikationen wurde vom Internationalen Verband der deutschen Kultur hinsichtlich der Druckkosten und Verbreitung unterstützt.

Präsentation der Künstlergruppe „Sonne über der Steppe“ in der Wissenschaftlichen W.-Ja.-Schischkow-Bibliothek der Region Altai, 2024
Фото: Wladimir Beck
- Herr Grinemaer, wie es sich herausstellte, schreiben Sie auch selbst Gedichte. War die erste Erfahrung während der Pandemie oder hatten Sie es schon vorher versucht?
Als ich jung war, habe ich schon versucht zu dichten; mein Freund komponierte Musik und ich schrieb Liedertexte. Während der Pandemie, völlig unerwartet für mich selbst, verspürte ich erneut den Drang, mich auszudrücken. Wenig später starben mir sehr nahestehende Menschen – mein älterer Bruder, ein alter Freund… Ich begann, alles aufzuschreiben, was mir auf dem Herzen lag, meist in Blankversen. Ich kehre oft zu den Gedichten zurück, versuche die zu verbessern, kritzele drauflos, deshalb nenne ich meine Gedichte – „Gekritzel“. Ich schreibe eher für mich selbst, teile es nur selten mit den anderen. Vieles davon ist traurig. Jetzt versuche ich aber etwa positiver zu schreiben.
- Also wissen nur wenige, dass Sie Gedichte schreiben. Haben Sie vielleicht noch andere verborgene Talente?
Während meiner Schulzeit spielte ich Trompete in der Blaskapelle des Kulturzentrums Podsosnowo, Balalaika im Volksinstrumentenorchester und sang im dortigen Vokalensemble. Außerdem habe ich die Sieben-Saiter-Gitarre durch Selbststudium etwas gemeistert, ich nehme sie je nach Stimmung in die Hand.
- Sie fotografieren ja auch gern. Es wurde sogar Ihre persönliche Fotoausstellung in Slawgorod organisiert. Ist es auch Ihr Hobby?
An die Fotografie führte mich schon früh meine Schwester Lisa heran. Ich fotografiere nicht nur selbst, sondern popularisiere auch die Bilder und verfüge über eine große Sammlung von Fotos zum Thema der Russlanddeutschen und meiner kleinen Heimat. 2005 rief ich den Fotowettbewerb „Die Stadt, in der ich lebe“ ins Leben und veranstaltete ihn 17 Jahre lang jährlich in Zusammenarbeit mit dem Heimatmuseum Slawgorod als Mitorganisator und Juryvorsitzender. Darüber hinaus habe ich im Laufe der Jahre verschiedene Fotoausstellungen von Künstlern initiiert und organisiert, darunter auch meine eigenen.
- Ihre Fotoarbeiten sind derzeit in der Galerie „Rad der Geschichte“ ausgestellt, die Sie 2022 eröffnet haben. Erzählen Sie uns etwas über dieses „Herzensprojekt“.
Die Galerie beherbergt Dauerausstellungen in zwei Sälen sowie wechselnde Foto- und Kunstausstellungen. Darüber hinaus bietet sie Führungen zur Ortsgeschichte, Präsentationen unserer Publikationen und verschiedene Veranstaltungen unter der Teilnahme von kreativen Menschen an.
Der große Saal der Galerie präsentiert die Flachbett-Fotoausstellung „Fotografie – Erinnerung des Volkes“ zur Geschichte des Dorfes Podsosnowo. Ergänzt wird sie durch eine umfassende Themenausstellung, die den Zeitraum vom späten 19. Jahrhundert bis 1991 abdeckt und Filme, Fotografien, Musik, Druckausgaben und weitere Materialien umfasst. Im kleinen Saal der Galerie werden Werke von Altai-Künstlern gezeigt, darunter die Russlanddeutschen Kurt Hein und seine Schüler Eugen Kisselmann, Iwan Friesen, Irina Klassen und Wiktor Hahan. Zu den Ausstellungsstücken gehören die Zeitung „Rote Fahne / Zeitung für Dich“ und Publikationen sowjetisch-deutscher Schriftsteller sowie zahlreiche Veröffentlichungen über Russlanddeutsche, darunter alle unsere Bücher. Die Galerie beherbergt außerdem ein einzigartiges Schiller-Klavier aus dem Jahr 1911, das mit Unterstützung von Alexander German restauriert wurde.
- An welchen Projekten arbeiten Sie momentan?
Das Jahr 2026 hält viele Jubiläumsereignisse für uns bereit. Es bietet sich eine Publikation über das Werk des Dichters Alexander Beck an, die seinen 100. Geburtstag würdigen soll. Es ist genügend Material für einen dritten Almanach, „Mein Podsosnowo“ gesammelt, mit dem ich meine Autorentrilogie abschließen möchte. Auch zwei Fotoausstellungen sind denkbar: eine von Wladimir Beck, der 70 Jahre alt wird, und eine weitere von mir zu meinem 65. Geburtstag. Ich habe mir längst folgende Arbeitsformel zu eigen gemacht, angelehnt an das bekannte Sprichwort: „Jedes Projekt ist die Kunst des Möglichen“, daher wird alles von der jeweiligen Situation abhängen.



