03. August 2021

Das Zentrum der deutschen Kultur in Oktjabrskoe ist ein Vierteljahrhundert alt

- JEWGENIJA GAMOWA -


Zusammen mit dem Internationalen Verband der deutschen Kultur, der mehr als 500 öffentliche Organisationen der Russlanddeutschen vereint, werden 20 Organisationen ihre Jubiläen feiern. Darunter auch das im Jahre 1996 gegründete Zentrum der deutschen Kultur im Kirchendorf Oktjabrskoe des Stadtkreises Karassuk im Gebiet Nowosibirsk.

Das Kirchendorf Oktjabrskoe wurde von den Wolgadeutschen im Jahre 1908 gegründet. Damals hieß es jedoch Hoffental. Im Jahr 1928 bestand die Siedlung aus 134 Haushalten, wobei die Mehrheit der Bevölkerung Deutsche waren. Der Großteil der deutschen Bevölkerung kam jedoch erst nach der Deportation 1941 in das Dorf. Nach Aussage der einheimischen Deutschen halfen sie den Aussiedlern oft beim Überleben. Die Dialekte waren unterschiedlich, was die Verständigung aber nicht besonders erschwerte. Heute leben etwa 350 Russlanddeutsche in Oktjabrskoe.

Im März 2021 feierte das lokale Zentrum der deutschen Kultur (ZDK) sein großes 25-jähriges Jubiläum. Zu einer für die Organisation bedeutsamen Zeit sprachen wir mit der Leiterin Nadeschda Matwejewa, die das Zentrum seit 2001 leitet.

RD: Wie begann die Geschichte Ihres Zentrums der deutschen Kultur? Wann und von wem wurde es gegründet?

N. M.: Im Jahre 1995 entstanden in dem Gebiet Nowosibirsk und in dem Stadtkreis Karasuksk die ersten öffentlichen Organisationen der Deutschen. Unser Zentrum wurde am 6. März 1996 gegründet. Dies waren die ersten freundschaftlichen Treffen, bei denen deutsche Lieder gesungen und die deutsche Sprache gesprochen wurde.

Die Organisatorin unseres Zentrums war Nina Beifuß, eine Deutschlehrerin an der Schule in Oktjabrskoje. Unter ihrer Leitung unternahm die Gesangsgruppe „Hoffental“ Tourneen durch das gesamte Gebiet Nowosibirsk. Eines der Gruppenmitglieder, Wladimir Rein, lebt noch immer in unserem Dorf und ist Vertreter einer deutschen öffentlichen Organisation.

Nachdem Nina Beifuß nach Deutschland ausgereist ist, wurde ihr Platz von Swetlana Deines eingenommen, die als Bibliothekarin an der Schule in Oktjabrskoe arbeitete. Sie war etwa drei Jahre lang Leiterin des Zentrums der deutschen Kultur.

RD: Konnte die massenhafte Ausreise von Deutschen nach Deutschland durch die Gründung der Organisation verhindert werden? Hatten Sie ein solches Ziel?

N. M.: Das hat leider nicht funktioniert. Es hat im Gegenteil dazu geführt. Es gab einen Sprachklub im Zentrum, in dem ausreisende Deutsche das Sprechen der Sprache üben konnten. Bis 2002 ist der größte Teil der deutschen Bevölkerung nach Deutschland ausgereist. So blieben nur zwei der 28 Mitglieder der Gesangsgruppe „Hoffental“ im Dorf.

RD: Welche waren die interessantesten Jahre in der Entwicklung des Zentrums der deutschen Kultur?

N. M.: Das Ziel unseres Zentrums ist es, die Kultur der Russlanddeutschen zu bewahren und die deutsche Ethnie wiederzubeleben und zu erhalten. Für uns steht jedes Jahr die Arbeit mit den Kindern und Enkelkindern der Russlanddeutschen im Mittelpunkt.

Es ist die Realität, dass es heute keine rein deutschen Familien mehr gibt. Es gibt keine Familien, in denen beide Elternteile Russlanddeutsche sind. Es kommt immer zu einer Mischung von Nationalitäten innerhalb der Familie. So ist bei uns in Oktjabrskoe. Es gibt keine vollkommen deutschen Feiertage, Traditionen und Rituale in den Familien und in unserem Zentrum kann man all dies kennenlernen. Ich habe die ersten fünf Jahre des Zentrums der deutschen Kultur nicht miterlebt, aber alte Bewohner unseres Dorfes erzählen davon.

Diese Jahre sind vielen in Erinnerung geblieben, da bei jeder Veranstaltung deutsche Lieder gesungen und Volksgedichte aufgesagt wurden, alle Anwesenden die deutsche Umgangssprache kannten und sich nur auf Deutsch verständigten. Aber die Deutschsprachigen, die mehr als 90 % unserer Besucher ausmachten, zogen nach Deutschland. Damit begann eine neue Ära in unserem Zentrum der deutschen Kultur.

RD: Welche Projekte haben sich in den 25 Jahren produktiver Arbeit als besonders wichtig erwiesen?

N. M.: Neben den traditionellen deutschen Festen ist unser wichtigstes Projekt der Kreativ-Wettbewerb „Aprelinka“ für Kinder. Wir haben ihn in „Sternschnuppenfall im Mai“ umbenannt und dieses Jahr gibt es ihn bereits seit 20 Jahren. In diesem Jahr nahmen 120 Personen aus dem Stadtkreis Karasuksk an dem Projekt teil.

RD: Wie viele Deutsche aus dem Kirchendorf Oktjabrskoe sind heute in ihrer Organisation vereint?

N. M.: Heute sind etwa 100 Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren verschiedener Nationalitäten in unserer Organisation tätig. Es gibt etwa zehn Erwachsene und rund 60 regelmäßige Besucher.

RD: Welche Ziele haben Sie sich für die nahe Zukunft gesetzt?

N. M.: Wir haben ein großes neues Projekt geplant, womit wir groß rauskommen könnten, genau wie der „Sternschnuppenfall im Mai“. Das Projekt wird den Namen „Weihnachtsfest“ tragen. Wir haben schon mehrmals an einem solchen Projekt des Deutsch-Russischen Hauses in Nowosibirsk teilgenommen und wollen es nun auch mit unserem eigenen Projekt versuchen.

RD: Im März 2021 feierten Sie das 25-jährige Bestehen. Wie verlief die Feier?

N. M.: Wir haben das Jubiläum unseres Zentrums der deutschen Kultur in mehreren Etappen gefeiert. Im März veranstaltete die Schule zwei Workshops für Schüler im deutschen Volkstanz. Ebenfalls im März fand eine Ausstellung über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen statt, die vom Museum für Heimatkunde in Karasuksk vorbereitet wurde. Wir haben die Ausstellungen „Das goldene Händchen“, „Meine Familientraditionen“, „Mein deutscher Stammbaum“ und „Die nationale Küche“ organisiert.

Beim Galakonzert traten Künstlergruppen unseres Zentrums auf, und wir sahen uns mit unseren Gästen einen Film über Russlanddeutsche des Stadtkreises an. In freundschaftlicher Atmosphäre wurden Erinnerungen ausgetauscht und viele Dankesworte an diejenigen gerichtet, die an der Entstehung des Zentrums beteiligt waren.

Während des Konzerts haben wir Aktivisten, Leiter von Sprach- und ethnokulturellen Klubs sowie Leiter von Organisationen, mit denen wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten, ausgezeichnet. Der Höhepunkt der Feier war ein Auftritt von Tanzgruppen aus Nowosibirsk und Nowoiwanowka sowie eine Jubiläumstorte mit Kerzen.

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Ruge

Rubrik: Jubiläumsjahr

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