Geschichtswerkstatt für Jugendliche: Wie die „Erinnerungskarte“ der Russlanddeutschen in Omsk erstellt wurde


Vom 13. bis 15. Juni fand im Kultur- und Geschäftszentrum „Deutsch-Russisches Haus in Omsk“ das Projekt „Geschichtswerkstatt für Jugendliche“ statt. Die Werkstatt besuchten die Aktivisten der Jugendclubs der Russlanddeutschen des Gebietes Omsk. Drei Tage lang lernten die Teilnehmer viel über die tragische Geschichte der Deportation und entwickelten eigene Initiativen zur Bewahrung der historischen Erinnerung.

Von der Vergangenheit zur Gegenwart: der Weg der Russlanddeutschen

Das Projekt begann mit einem Rundtischgespräch über die Arbeit der Jugendclubs in der Region. Die Teilnehmer beschäftigten sich mit der Deportation der Russlanddeutschen: Sie sahen sich einen Dokumentarfilm an, arbeiteten mit Archivmaterialien und Zeichnungen, die auf wahren Begebenheiten beruhten. Das half den Teilnehmern nicht nur, diese Tragödie besser zu verstehen, sondern auch die Ereignisse durch eine persönliche, menschliche Wahrnehmung zu betrachten.

Im Praxisblock „Archivdetektiv“ lernten die Jugendlichen den Umgang mit historischen Quellen und rekonstruierten die Geschichte der deutschen Kolonien in Russland. Die Teilnehmer entwickelten dabei die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, Zusammenhänge zu suchen und verlorene Erinnerungsfäden wiederherzustellen.

Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Schicksal der Russlanddeutschen während des Großen Vaterländischen Krieges geschenkt. Die Jugendlichen analysierten Werke der russlanddeutschen Schriftsteller, die diese Epoche widerspiegeln. In Kleingruppen arbeiteten die Teilnehmer an Postern, die den Helden der Sowjetunion gewidmet waren. An der Front und in der Trudarmee – überall zeigten die Russlanddeutschen Mut und Tapferkeit.

Literatur, Interaktivität und persönlicher Lebenslauf

Am zweiten Tag des Projekts arbeiteten die Teilnehmer an ihren eigenen Miniprojekten, die sie in ihren Jugendklubs umsetzen können. Außerdem spielten sie ein interaktives Spiel, um ihr Wissen zu festigen.

Das Hauptprodukt war die „Erinnerungskarte der Russlanddeutschen“, die von den Teilnehmern selbst erstellt wurde. Wie Jewgenija Gamowa, Leiterin des historischen Blocks, erklärt:

„Wir organisierten eine Rekonstruktion der Geschichte der Russlanddeutschen, von den ersten Erwähnungen im 10. Jahrhundert bis zu den Ereignissen des 21. Jahrhunderts. Die Arbeit war sehr umfangreich: Wir haben die wichtigsten Punkte der ethnischen Geschichte hervorgehoben und nachgezeichnet, wie sich das Leben der Deutschen in Russland verändert hat.“

Die Erstellung der Erinnerungskarte bildete den Höhepunkt des Projekts. Sie zeigt die Deportationsorte, ehemalige deutsche Kolonien, moderne Kulturzentren und persönliche Orte - Städte, die mit den Geschichten der Familien der Teilnehmer verbunden sind.

„Es ist sehr wichtig, dass die Jugendliche nicht nur „offizielle“ Orte gesucht und auf die Karte eingetragen haben, sondern auch die Orte, die für sie persönlich von Bedeutung sind. So wird die Geschichte von Abstraktem zum Persönlichen. Wenn ein Teilnehmer auf der Karte den Ort markiert, an dem sein Urgroßvater deportiert wurde, ist er nicht mehr nur Zuhörer, sondern auch Träger dieser Erinnerung“, fügte Jewgenija Gamowa hinzu.

„Durch das Eintauchen in die Geschichte lernen junge Russlanddeutsche nicht nur ihre Wurzeln kennen, sondern erkennen auch die Verbindung zwischen den Generationen, lernen das kulturelle Erbe und das Schicksal ihrer Vorfahren zu schätzen. Dies trägt dazu bei, die Identität zu stärken und die historische Erinnerung zu bewahren“, betonte sie.

„Dieses Projekt, das zum ersten Mal in der Region Omsk stattfand, war für uns ein wichtiger Schritt zur Bewahrung der Erinnerung an die Russlanddeutschen. Drei Tage lang tauchten wir in drei wichtige historische Blöcke ein: Russlanddeutsche – Helden der Sowjetunion, russlanddeutsche Schriftsteller, die über den Großen Vaterländischen Krieg schrieben und die Trudarmee.

Ich habe in meiner Arbeit einen besonderen Schwerpunkt auf die Literatur gelegt, denn die Literatur - Lyrik, Prosa, Dokumentargeschichten, das alles kann uns die Gefühle und Erfahrungen der Menschen, die sie in diesen schwierigen Zeiten erlebt haben, vermitteln. Leider lesen junge Menschen heute nicht viel, und es war uns wichtig, sie auf diese Kulturebene aufmerksam zu machen.

Die Jugendliche analysierten Gedichte, machten sich mit Büchern vertraut und erstellten Informationsplakate über die Werke der Russlanddeutschen. Sie arbeiteten sehr enthusiastisch - das konnte man sehen! Einige von ihnen kannten bereits die Werke von Hugo Wormsbecher oder Olga Kolpakowa, für andere waren diese Namen eine Entdeckung.

Das Wertvollste ist, dass wir es geschafft haben, nicht nur Informationen zu vermitteln, sondern auch Emotionen zu wecken. Das ist genau das, was lange im Gedächtnis bleibt. Vielen Dank an alle Teilnehmer für ihr Interesse und ihre tüchtige Arbeit“, sagte Swetlana Gaus, die Referentin des deutschsprachigen Geschichtsblocks.

Geschichte als Verantwortung

Der Projektleiter und Koordinator für Jugendarbeit des Kultur- und Geschäftszentrum „Deutsch-Russisches Haus in Omsk“ Andreas Dell, wies darauf hin, dass die Aufgabe des Treffens nicht nur darin bestehe, über die Geschichte zu berichten, sondern auch, sie zu begreifen:

„Das Projekt vermittelte den jungen Menschen nicht nur Wissen, sondern auch ein Gefühl der Verantwortung für die Bewahrung der Erinnerung. Wir haben versucht, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Teilnehmer Fragen stellen, argumentieren, nach Antworten suchen und Lösungen vorschlagen können. Das ist eine aktive Einstellung zur Geschichte.

Es ist wichtig, dass die Teilnehmer erkennen, dass die Bewahrung des kulturellen Erbes keine abstrakte Aufgabe ist, sondern dass es sich um konkrete Maßnahmen handelt: eine Ausstellung erstellen, ein Interview mit einer Großmutter machen, ein Familienarchiv sammeln, eine Gedenkaktion initiieren. All dies sind reale und notwendige Schritte“, erklärte er.

Im Rahmen des letzten Blocks präsentierten die Teilnehmer ihre Ideen - von der Erstellung von Digitalkarten und Ausstellungen bis hin zur Eröffnung von Online-Museen und der Organisation lokaler Gedenkveranstaltungen.

Andreas Dell betonte:

„Wir möchten, dass die Arbeit nach dem Workshop nicht aufhört. Wir wollen, dass diese Ideen umgesetzt werden - in Dörfern, Städten, Schulen, Vereinen. Geschichte wird lebendig, wenn man sich mit ihr in der Gegenwart beschäftigt.“

Damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät

Das Projekt endete mit einem Quiz über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, einer Diskussion über die Rolle des Luthertums bei der Identitätsbildung und einer Reflexion der Teilnehmer. Vor allem aber gab es den Anstoß zu neuen Initiativen, die auf einem bewussten und sorgfältigen Umgang mit der Geschichte beruhen.

„Die Geschichtswerkstatt, die vom 13. bis 15. Juni stattfand, war eines der bedeutenden und einprägsamen Projekte des Deutsch - Russisches Hauses. Während dieser kurzen 3 Tage konnte ich viel über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erfahren. Eines der wichtigsten Elemente dieses Projekts war das Organisationsteam, das wie immer sehr professionell war. Die Geschichtswerkstatt war ein so faszinierendes und informatives Projekt, dass ich es immer wieder besuchen möchte“, sagte Projektteilnehmer Ilja Weinbender.

„Am besten haben mir die Blöcke gefallen, die der Literatur der Russlanddeutschen gewidmet waren, und besonders beeindruckt haben mich die Gemälde von Künstlern - Wormsbecher, Friesen. Wir haben die literarischen Werke so tief analysiert, dass jeder die Emotionen spüren konnte, die unsere Vorfahren in schweren Zeiten empfunden haben. Jedes Werk berührte das Innerste der Seele, rief aufrichtiges Mitgefühl und sogar Tränen hervor. Es lässt uns ernsthaft darüber nachdenken, wie wichtig es ist, das historische Gedächtnis für künftige Generationen zu bewahren.

Das Projekt erwies sich als sehr informativ - es wurde auf jede bedeutende Periode der Geschichte der Russlanddeutschen eingegangen. Vielen Dank an die Organisatoren für diese wichtige und notwendige Arbeit“, sagte Uljana Wasnewa, eine Aktivistin des Jugendclubs „Phönix“.

Die „Geschichtswerkstatt“ in Omsk hat gezeigt: Erinnerung ist nicht nur Wissen, sondern auch Handeln. Und die Geschichte einer Nation ist nicht eine Last der Vergangenheit, sondern eine Ressource für die Zukunft.


Das Projekt wird mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Unterstützungsprogramms für Russlanddeutsche in der Russischen Föderation realisiert.

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