„Deutsche Seiten“ der Geschichte von Nowotscherkassk: Interview mit Anastasia Tretjakowa


Industrieunternehmer, Architekten, Beamte, Wissenschaftler und einfach Handwerker – die Russlanddeutsche haben im 19. Jahrhundert maßgeblich zur Entwicklung von Nowotscherkassk beigetragen. Die Fremdenführerin der früheren Hauptstadt der südlichen Region Russlands, Anastasia Tretjakowa, ist überzeugt, dass die wertvollen Früchte ihrer Arbeit noch heute von den Bürgern geerntet werden. Im Interview erzählte Anastasia, wie die „deutschen Seiten“ ihre Sicht auf die Geschichte von Nowotscherkassk verändert haben.

Nowotscherkassk wurde im Jahr 1805 gegründet. Die Stadt wurde zur Hauptstadt der Oblast des Don-Heeres – einer weiten Region, die das heutige Gebiet Rostow um eine eineinhalb Größe übertraf. Die industrielle Entwicklung der Hauptstadt der Donkosaken begann erst im zweiten Halbjahr des 19. Jahrhunderts, als der Ataman Deutsche nach Nowotscherkassk einlud.

„Das A.-A.-Nikolskij-Maschinenbauwerk, die Brauerei, die Fleischwarenfabrik – das sind nur einige Beispiele für Betriebe, die von Deutschen in Nowotscherkassk gegründet wurden“, erzählt begeistert Anastasia Tretjakowa, Touristenführerin für den Gebiet Rostow. Das Thema, der der Geschichte der Deutschen in Nowotscherkassk gewidmet ist, hatte sie lange beschäftigt. Jetzt ist sie bereit, ihre Forschungen und Funde den Bewohnern und Gästen der Stadt zu präsentieren.

Im Interview berichtete Anastasia, wie sie nach der Arbeit in einem Reisebüro selbstständig Touristenführerin in der „südlichen Hauptstadt des Russischen Reiches“ wurde und wie die „deutschen Seiten“ von Nowotscherkassks ihre Sicht auf die Geschichte ihrer Heimatstadt veränderten.

Anastasia, wie haben Sie sich dazu entschieden, Touristenführerin in Ihrer Heimatstadt zu werden?

Das Thema Geschichte hat mich von klein auf interessiert: Ich habe mein Schulgeschichtsbuch mit großer Begeisterung studiert. In den 90er Jahren sah ich am Wochenende die Fernsehsendung „Rund um die Welt“ (Anm. d. Übers.: russ. „Wokrug sweta“), die ich niemals verpasste. Ende der 2010er Jahre habe ich Erfahrung in einem Reisebüro gesammelt, wo mir angeboten wurde, eine Weiterbildung im Bereich „Fremdenführer“ zu absolvieren. Nach einiger Zeit wurde ich selbstständige Führerin.

Verstehe ich richtig, dass Ihr persönliches Interesse an der historischen Vergangenheit Sie geleitet hat?

Ja, anfangs war das mein persönliches Hobby. Als ich mich entschied, Führungen anzubieten, wählte ich als erstes Thema für die Route die Geschichte des Bürgerkriegs in Nowotscherkassk: Über diese Periode wurde damals wenig erzählt, obwohl genau in unserer Stadt die Geschichte geschrieben wurde. Jetzt verstehe ich, dass ich für meine erste Führung ein schwieriges Thema gewählt habe. Schwierig aufgrund seiner Vielschichtigkeit.

Zu Beginn meiner Tätigkeit waren die Exkursionsgruppen klein, doch mit der Zeit lernten mich die Leute kennen, und heute kommen zu mir sowohl Einwohner als auch Gäste der Stadt, um mehr über die Geschichte von Nowotscherkassk zu erfahren.

Ich arbeite ständig daran, neues Material und ungewöhnliche Formate zu entwickeln.

Anastasia, mit welchem Gefühl gehen Sie an ein neues Thema heran?

Eis neues Thema gehe ich mit großer Begeisterung an. Im Übrigen scheinen mir beim Nachdenken über eine neue Idee plötzlich hilfreiche Fakten zu diesem Thema zu begegnen – als würde das ganze Universum mir dabei helfen!

Die entwickelten Führungen versuche ich im gleichen „lebendigen Sprachstil“ zu halten, den wir hier miteinander sprechen, damit die Erzählung über vergangene Ereignisse dynamisch und einprägsam ist und nicht in einer Aufzählung von Daten und Namen verfällt.

Eigentlich sind die Führungen für mich eine heilende Tätigkeit! Manchmal muss ich mit Kopfschmerzen oder Unwohlsein auf die Route gehen, aber im Verlauf fühle ich mich deutlich besser.

Mir ist wichtig, den Mitgliedern der Exkursionsgruppe zu zeigen, dass historische Persönlichkeiten genauso lebendige Menschen waren wie wir – mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Fehlern.

Bevorzugen Sie eher eine Führung oder einen Vortrag?

Ich würde sagen, eher eine Führung: frische Luft, Bewegung, wechselnde Eindrücke. Ein Vortrag ist eine arbeitsintensive Tätigkeit: Man muss von eineinhalb bis zwei Stunden die Aufmerksamkeit der Gäste aufrechtzuerhalten. Außerdem möchte ich, dass die Menschen nicht nur auf meine Person fixiert sind, sondern auch lebendige Eindrücke von der Architektur behalten, und das ist klar nur während der Führung möglich.

Ich spreche gerne viel über Architektur. In unserer Stadt sind wirklich erstaunliche Beispiele für die Baukunst des 19. Jahrhunderts erhalten geblieben. Nowotscherkassk wurde nach einem Stadtentwicklungsplan gestaltet, wie eine Hauptstadt. Mit modernen Worten gesagt, war es eine Stadt von föderaler Bedeutung – die südliche Hauptstadt.

Nowotscherkassk war die südliche Hauptstadt des Russischen Reiches.

Wie hat Ihr Eintauchen in die „deutsche Geschichte“ von Nowotscherkassk stattgefunden?

Zum ersten Mal bin ich in die „deutsche Geschichte“ von Nowotscherkassk eingetaucht, als ich die Route „Von der katholischen bis zur lutherischen Kirche“ vorbereitet habe. In unserer Stadt ist die einzige vorrevolutionäre katholische Kirche im Gebiet Rostow erhalten geblieben – die Kirche der Aufnahme Mariä.

In Nowotscherkassk gibt es auch die einzige erhaltene lutherische Kirche im Süden Russlands. Die Kirchen liegen in der Nähe voneinander, deshalb habe ich eine Route entwickelt, die diese beiden Sehenswürdigkeiten verbindet. Die lutherische Kirche wurde von Deutschen gebaut, und so habe ich mehr über die ersten Gemeindemitglieder und Wohltäter der Kirche erfahren. Heute bilden Baptisten die Glaubensgemeinschaft.

Die baptistische Gemeinde war in den 90er Jahren äußerst engagiert bei der Wiederherstellung der Kirche und hat das deutsche Erbe so gut wie möglich bewahrt.

Die Deutschen waren Vertreter bedeutender Berufsgruppen: Industrielle, Lehrer, Architekten, Künstler, Ärzte und so weiter, und haben wesentlich zur Entwicklung von Nowotscherkassk beigetragen.

Heute erinnern an die Deutschen vor allem die von ihnen errichteten Gebäude.

Welche Gebäude genau meinen Sie? Könnten Sie ein paar Ihren Favoriten nennen?

Schwierige Wahl. (lacht) Mir gefällt die Architektur der Moderne sehr gut. Der Architekt Nikolai Roller hat das Miethaus von Anna Kuteinikowa entworfen – ein sehr markantes Gebäude in der Zentralstraße von Nowotscherkassk. Ich kann auch die Jubiläumshandelsschule der Kosaken nennen, die ebenfalls vom selben Architekten gebaut wurde. Leider wurde sie nach dem Krieg umgebaut und hat das ursprüngliche Erscheinungsbild verloren. Und natürlich das Gebäude der lutherischen Kirche.

Gibt es in Ihrer Stadt viele deutsche Orte?

Tatsächlich gibt es ziemlich viele. Deshalb entstand bei mir die Idee für den Vortrag „Die Deutschen in Nowotscherkassk“. Zuerst fiel mir ein Unternehmen auf, das einst einem Deutschen gehörte, dann ein anderes, ein drittes... Ich wurde neugierig, ob es in unserer Stadt solche Betriebe gibt, die an die Sowjetunion übergingen, aber nicht von Deutschen gebaut wurden. Es stellte sich heraus, dass es nicht so viele sind.

Zum Beispiel habe ich ziemlich lange neben dem Nowotscherkassker Fleischkombinat gewohnt, wusste aber nie, dass dieses Unternehmen dem Deutschen Adolf Lose gehörte. Die ersten Erwähnungen der Wurstfabrik stammen aus dem Jahr 1867. Laut den Druckquellen jener Zeit war die Fabrik für „guten Sorten Wurst und geräucherte Produkte“ bekannt.

Nach der Revolution verlief aktiv die Entkosakisierung, und so wurde unsere Stadt industriell. Die meisten Unternehmen im zentralen, historischen Teil der Stadt, wurden Ende des 19. Jahrhunderts von Deutschen gegründet. Aber darüber hat uns niemand jemals erzählt. Das Einzige, was man gelegentlich hörte, war der Name Foma Fassler: Er gründete eine Gusseisengießerei. In Nowotscherkassk sind bis heute Gullydeckel mit dem Stempel „F. Fassler“ erhalten geblieben.

Wann kamen die Deutschen nach Nowotscherkassk?

Nowotscherkassk wurde Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet. Aber die Stadt entwickelte sich nicht besonders schnell, weil sie eine Stadt der Kosaken war. Die Aufmerksamkeit der Einwohner war eher auf militärische Kampagnen gerichtet als auf die industrielle Entwicklung der Stadt.

Der Aufschwung der Industrie begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – genau dann kamen auch die Deutschen in die Stadt hin. Zudem lud der Ataman selbst deutsche Fachleute nach Nowotscherkassk ein.

Die Produkte der neu gegründeten deutschen Betriebe nahmen bei Staatsausstellungen und Wettbewerben ehrenvolle Plätze ein.

Welche weiteren Fakten würden Sie nennen, um Besucher auf die deutschen Seiten der Geschichte von Nowotscherkassk aufmerksam zu machen?

Es gibt viele interessante Geschichten darüber, wie Unternehmer in die Entwicklung von Unternehmen in Nowotscherkassk investierten und großen Erfolg hatten. Dasselbe gilt für Adolf Lose, eine einfache Person aus Sachsen, der auf europäische Wurstfabriken Erfahrung gesammelt hatte, das Risiko einging und nach Nowotscherkassk kam. Am Stadtrand eröffnete er eine kleine Produktion. Er wuchs, führte neue Technologien ein und wurde später zu einem wahren Wurstmagnaten.

Ich kann ein weiteres auffälliges Beispiel nennen – die Brauerei „Br. O. und G. Basener“. Die Bierproduktion wurde von der in Süd-Russland ansässigen Familie Basener aus Österreich betrieben. Ihr Bier war für seine Geschmackseigenschaften weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt, auch in der Sowjetzeit.

Der ganze Geheimnis lag darin, dass das Bier auch nach der Revolution weiterhin mit deutscher Ausrüstung nach den Rezepten der Brüder Basener hergestellt wurde.

Werden Sie, die deutsche Thematik in Ihren Vorträgen und Führungen künftig weiterentwickeln?

Alles kommt schrittweise. Die Route „Von der katholischen bis zur lutherischen Kirche“ habe ich bereits. Einen Ausflugsweg durch die Industriebetriebe zu planen, ist schwieriger, weil viele Gebäude nicht mehr erhalten sind: Die Perestrojka haben der Betriebe nicht überlebt.

Natürlich wäre es interessant, das Thema des deutschen Patriotismus gegenüber Russland zu vertiefen. Für mich war das ebenfalls eine Entdeckung. Die Besitzer der Unternehmen waren wohlhabende Menschen, daher konnte man vermuten, dass die Deutschen in Nowotscherkassk während des Ersten Weltkrieges oder der Bürgerkriegszeit das Land verlassen würden. Aber nein, viele sind hiergeblieben und bedauerlicherweise wurden sie repressive Maßnahmen ausgesetzt. Zum Beispiel konnte der Sohn von Adolf Lose das Firmenmanagement übernehmen und deren Entwicklung fortsetzen, wurde aber 1938 erschossen. Der Enkel kam in die Arbeitsarmee und starb dort 1942.

Jetzt, wenn ich die nächste Geschichte einer deutschen Familie erforsche, stelle ich mir immer wieder die Frage: Hat es ihr gelungen, zu überleben?

Haben Sie bei sich selbst Anzeichen einer beruflichen Veränderung bemerkt? Vielleicht nehmen Sie die historischen Objekte jetzt etwas anders wahr?

Ich denke, das kennen alle, die in diesem Bereich arbeiten. Es ist unmöglich, ruhig durch eine Stadt zu gehen: Der Blick bleibt an Details wie Fassadendekorationen, Gedenktafeln oder Schildern haften. Manchmal beginnt sogar während eines spontanen Ausfluges mit einer Freundin eine improvisierte Führung: „Anastasia, lassen wir heute bitte mal die Führungen weg, ja?“ (lacht)