13. Juli 2021

Das Zentrum der deutschen Kultur in Krasnoobsk feiert sein 30-jähriges Bestehen

- JEWGENIJA GAMOWA -


Zusammen mit dem Internationalen Verband der deutschen Kultur, der mehr als 500 öffentliche Organisationen der Russlanddeutschen vereint, werden 20 Organisationen ihre Jubiläen feiern. Darunter auch das Zentrum der deutschen Kultur in Krasnoobsk des Gebietes Nowosibirsk.

Hier wurde im Jahre 1991 eines der ersten Begegnungszentren der Russlanddeutschen gegründet. Im März feierte das Zentrum der deutschen Kultur (ZDK) sein großes 30-jähriges Jubiläum. Wir sprachen mit der Leiterin Tatjana Hlystun über die Geschichte der Organisation, die Entwicklungsstufen und bedeutende Verlagsprojekte.

Die Siedlung Krasnoobsk wurde im Jahre 1970 für die wissenschaftlichen Mitarbeiter der sibirischen Abteilung der Sowjetischen Akademie für Landwirtschaften gegründet. Am 14. November 1969 hat der Ministerrat der UdSSR mit dem Ziel der Beschleunigung der Entwicklung der Landwirtschaft Sibiriens und des Fernen Ostens sowie der Erhöhung der wissenschaftlichen Rolle in der Entwicklung der Leistungskraft der Region die Verordnung über den Bau eines Forschungskomplexes in der Nähe von Nowosibirsk angenommen.

Die Belegschaft verschiedener Versuchsbetriebe und landwirtschaftliche Fachleute deutscher Nationalität waren dort versammelt: Zilke, Maisinger, Wibe, Hergert, Kiel, Schäffer, Hofmann, Klein, Schmidt und viele andere. Von 1990 bis 2021 sind 80 % der deutschen Familien unserer Siedlung nach Deutschland gezogen und haben dort ihren festen Wohnsitz.

RD: Tatjana, wie begann die Geschichte des Zentrums der deutschen Kultur in Krasnoobsk? Wer beteiligte sich an der Gründung?

T. H.: Seit Februar 1991 wurde in Krasnoobsk das Begegnungszentrum der Russlanddeutschen gegründet. An sich war es nicht einmal ein Zentrum, sondern eher ein kleiner Kreis von Menschen, die Deutsch lernten. Nach einer Anzeige in der Zeitung versammelten sich alle, die Deutsch lernen wollten. Die meisten von ihnen waren natürlich Russlanddeutsche. Der Organisator und Leiter des Kreises war der wissenschaftliche Züchter, Doktor der biologischen Wissenschaften, Professor der Staatlichen Landwirtschaftsuniversität in Nowosibirsk und Verdienter Wissenschaftler der Russischen Föderation, Reginald Zilke.

Im Jahre 1994 übernahm Alexander Klein ehrenamtlich die Leitung des Zentrums. Das Begegnungszentrum in Krasnoobsk war damals das einzige und es war der deutschen Botschaft in Moskau bekannt, die dem Zentrum Lehrbücher zuschickte. Ein Generalkonsulat gab es damals in Nowosibirsk noch nicht. Die Tätigkeiten des Zentrums erweiterten sich immer weiter: Es wurden Gesangs- und Tanzgruppen organisiert, und die Kultur, Traditionen und Bräuche der Russlanddeutschen wurden immer aktiver erforscht. Durch den Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA), später durch die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die das Bildungszentrum BiZ in Mamontowka bei Moskau leiteten, wurden ein Chorleiter, ein Choreograf, Sprachlehrer und die Leitung des Zentrums in Krasnoobsk selbst zur Lehre geschickt. Im Jahre 1995 wurde Klein zum sowjetischen Seminar über die Angelegenheiten der Russlanddeutschen eingeladen. Damals waren alle Leiter der russlanddeutschen Bewegung aus Moskau, dem Altai, Sibirien und dem Gebiet Saratow bei dem Seminar anwesend.

Am 12. Dezember 1996 feierte das ZDK in Krasnoobsk sein 5-jähriges Bestehen. Auf einem großen Konzert traten die Gesangs- und Tanzgruppen des ZDKs auf. Dank der Sponsoren (Unternehmen in Nowosibirsk, die von den Russlanddeutschen verwaltet werden) haben die künstlerischen Kollektive des Zentrums deutsche nationale Anzüge nähen können, und allen Gästen wurden denkwürdige Abzeichen überreicht. Rechtlich wurde das Zentrum als Zweigstelle am 1. Januar 1997 in das Deutsch-Russische Haus des Gebietes Nowosibirsk aufgenommen.

Als Leiter des Zentrums erlebte Alexander Klein Höhen und Tiefen. Auf die helle Seite im Leben des Zentrums, als es über eine Räumlichkeit verfügte, einen hohen Zulauf von russlanddeutschen Familien hatte sowie zahlreiche ethnokulturelle Klubs, Sprachkurse und sogar eine Sonntagsschule für Kinder hatte, folgte die dunkle Seite.

Dem Zentrum wurden Räumlichkeiten verweigert, 80 % der aktiven Mitglieder des Zentrums zogen nach Deutschland und die Sprachkurse wurden nach und nach geschlossen. Die langjährige Erfahrung von Alexander, seine Ausdauer und seine Fähigkeit, mit den Menschen zu kommunizieren, haben es dem Zentrum ermöglicht, in diesen schwierigen Zeiten zu überleben. Alexander Klein vereinte die verbliebenen Aktivisten des ZDKs und schaffte es, neue Menschen für die deutsche Kultur und die Traditionen der Russlanddeutschen zu gewinnen und zu interessieren. Im Jahr 2010 trat er aus gesundheitlichen Gründen aus der Leitung des Zentrums zurück und blieb trotzdem noch als Ehrenmitglied aktiv.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die Leiter des Zentrums haben gewechselt und die Belegschaft und die Anzahl der Mitglieder des Zentrums haben sich geändert. Doch bis heute existiert, arbeitet und versucht das Zentrum, für alle Bewohner unserer Siedlung interessant zu sein. Die Leitung des Kulturhauses stellte die Räumlichkeiten für das Zentrum der deutschen Kultur zur Verfügung, wofür wir der Direktorin W. Kusina herzlich danken. Im Jahr 2017 hatte unser Zentrum eine Einweihungsfeier.

RD: Welche waren die interessantesten Jahre in der Entwicklung der Organisation?

T. H.: Für mich sind es drei Daten. Im Jahre 1998 wurde die erste Gedichtsammlung von Alexander Zilke veröffentlicht. Leider wurde sie erst nach seinem Tod gedruckt. Auf Wunsch des Sohnes des Dichters wurden Übersetzungen seiner Gedichte aus dem Deutschen ins Russische von Mitgliedern des ZDKs A. Gibert, N. Petrowa und T. Hlystun angefertigt. Im ZDK und DRH in Nowosibirsk wurde die Sammlung präsentiert.

Im Jahre 1999 fand ein Wohltätigkeitskonzert des Kinderchors unter der Leitung von N. Netschaj in der Hämatologie für Kinder des zentralen Bezirkskrankenhauses in Nowosibirsk statt. Das Konzert wurde mit Unterstützung des Chefarztes J. Bergen und der Krankenhausverwaltung durchgeführt.

Und zum Schluss das Jahr 2010. Es wurden erweiterte Sammlungen der Gedichte von Alexander Zilke mit zusätzlichen Übersetzungen von Mitgliedern des ZDKs veröffentlicht. Außerdem gab es Präsentationen der Gedichte an verschiedenen Plattformen dieser Stadt.

RD: Welche Tätigkeitsbereiche und Projekte haben sich in den 30 Jahren produktiver Arbeit als besonders wichtig erwiesen?

T. H.: Die Hauptaufgabe des ZDKs ist die Bewahrung und Popularisierung der Kultur der Russlanddeutschen. Im Zentrum wird viel Aufmerksamkeit der älteren Generation gewidmet. Sie gehören zu den meisten Zuschauern bei allen Veranstaltungen. In den vergangenen zwei Jahren wurde der Vorschlag gemacht, auch Menschen mit Behinderungen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, da diese beiden gesellschaftlichen Gruppen am stärksten von der mangelnden Aufmerksamkeit und Kommunikation betroffen sind. Der ethnokulturelle Gesangsverein für Erwachsene „Sonnenschein“ hat ehrenamtliche Aufgaben übernommen: Er ist bereits mehrmals mit Konzertprogrammen im Altenheim und im Blindenverband in Nowosibirsk aufgetreten. Später wurde beschlossen, die Patenschaft für die Behindertengesellschaft in Krasnoobsk zu übernehmen, sie zu Veranstaltungen des Zentrums einzuladen und sie mit den Bräuchen und der Kultur der Russlanddeutschen vertraut zu machen.

Außerdem finden in unserem ZDK kreative Treffen mit Gästen aus Deutschland und Workshops zum Kochen deutscher Gerichte statt. Die Mitglieder unseres Zentrums sind sehr schöpferisch und sie versuchen, mit üblichen Dingen im Alltag kreativ umzugehen. So haben wir 2018 zum Gedenk- und Trauertag ein Theaterstück nach der Erzählung von Katharina Martin „Im letzten Atemzug“ aufgeführt.

Wir bemühen uns, das Interesse unserer Enkelkinder an der Kultur und den Traditionen der Russlanddeutschen zu wecken. Kinder gehen gerne auf Feste und nehmen an Ausstellungen von Kinderzeichnungen und Workshops teil. Unser ZDK pflegt freundschaftliche Beziehungen mit anderen Zentren.

Dadurch konnten wir Konzerte in Iskitim, Moschkowo, Nowo-Pitschugowo, Kolywan, Krasnoosjorsk und Tomsk durchführen. Unser Zentrum hatte die Ehre, zweimal an dem bemerkenswerten Projekt „Nemezkaja sloboda“ (dt. Deutsche Vorstadt) teilzunehmen, das in das Goldene Buch der Kultur im Gebiet Nowosibirsk eingetragen ist.

RD: Tatjana, wie viele Russlanddeutsche sind heute in der Organisation vereint?

T. H.: Unser Zentrum vereint rund 50 Menschen, darunter Erwachsene und Kinder, Großeltern und Enkelkinder. Einige von ihnen besuchen Treffen des Gesangsklubs „Sonnenschein“ und für Kinder gibt es den Tanzklub „Wdohnowenie“ (dt. Inspiration). Die anderen beteiligen sich an der Dekoration der Bühne und des Festsaals, backen nationales Gebäck oder sind einfach nur Zuschauer bei all unseren Veranstaltungen.

RD: Welche Ziele haben Sie sich für die nahe Zukunft gesetzt? Welche Projekte planen Sie bis zum Ende des Jahres umzusetzen?

T. H.: Unsere Pläne für die zweite Hälfte des Jahres waren sehr interessant. Wir wurden eingeladen, an den Konzerten des Tages der Stadt teilzunehmen. Wir sollten am 5. multinationalen Festival „Unsere Wurzeln. Made in Sibirien“ in Ust-Aleus teilnehmen, aber alles wurde abgesagt. Zum Gedenk- und Trauertag am 28. August möchten wir mit unserer Theaterinszenierung, die auf der Erzählung „Im letzten Atemzug“ von Katharina Martin beruht, in dem ZDK in Iskitim oder im Kirchendorf Werch-Tula auftreten. Außerdem wollten wir die aktiven und älteren Mitglieder unseres Zentrums kurz vor dem denkwürdigen Datum zu einem Ausflug zur Heiligen Quelle der Siedlung Loschok im Gebiet Iskitimsk einladen.

RD: Tatjana, wie verlief die Feier anlässlich Ihres Jahrestages?

T. H.: Das Jubiläum des Zentrums der deutschen Kultur ist nicht nur eine festliche Veranstaltung mit geladenen Gästen, sondern auch eine Art Meilenstein für das Resümee unserer Arbeit. Zu Ehren des Organisators unseres Zentrums R. Zilke, enthielt das Programm des Jubiläumskonzerts Gedichte seines Vaters in deutscher und russischer Sprache. Das Konzert begann mit einer Präsentation der Geschichte unseres Zentrums und es wurden Videogrüße gezeigt, die zum Jubiläum aus verschiedenen Städten und Ländern geschickt wurden. Im Anschluss gratulierte V. Protokowilo, stellvertretender Direktor des Deutsch-Russischen Hauses in Nowosibirsk, den Mitgliedern des Zentrums zum Jubiläum und überreichte feierlich Dankesschreiben an die Leitung des ZDKs und die Aktivisten. Unser Vokalensemble „Sonnenschein“ erhielt zum Jubiläum neue Bühnenkostüme als Geschenk vom DRH und IVDK. Am Konzert nahmen das ethnokulturelle Vokalensemble für Erwachsene „Sonnenschein“, der ethnokulturelle Tanzklub für Kinder „Wdohnowenie“ (dt. Inspiration), die Gruppe des klassischen Tanzes „Wolschebnaja tufelka“ (dt. Der Zauberschuh), das Duett „Harmonie“ und die Gesangsgruppe „Gute Laune“ teil. Auf den festlichen Walzer folgte eine feurige deutsche Polka und auf eine klassische Ballettnummer folgte ein Holzschuhtanz.

Für die Gäste wurde eine Foto-Zone, eine Kunstausstellung sowie Gebäck und Süßwaren nach traditionellen Rezepten der Russlanddeutschen organisiert. Nach dem Konzert hinterließen die Zuhörer warme Worte der Dankbarkeit im Gästebuch und es gab auch einige, die Mitglieder des Zentrums werden wollten, um mehr über die Kultur, Traditionen und Bräuche der Russlanddeutschen zu erfahren.

Diese Veranstaltung wurde dank der Unterstützung des IVDKs, des Deutsch-Russischen Hauses und der Leitung des Kulturhauses ermöglicht.

Rubrik: Jubiläumsjahr

NACHRICHTEN
ALLE NACHRICHTEN