„Auf den Geschmack der ethnografischen Realität kommen“: Gespräch mit Anna Blinowa


Was unterscheidet Ethnizität von Identität? Wie viele ethnografische Interviews muss ein Forscher führen, um eine Formel für Volksbräuche abzuleiten? Wie kann man den lebendigen ethnografischen Geist in einer Museumsausstellung bewahren? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie im Interview mit Anna Blinowa, einer der wissenschaftlichen Experten des Kulturhistorischen Seminars 2025.

Anna Blinowa ist Doktorin der Geschichtswissenschaften und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Omsker Laboratorium des Instituts für Archäologie und Ethnografie der sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften. An der Staatlichen F.-M.-Dostojewski-Universität in Omsk unterrichtet Frau Dr. Blinowa Kurse in Ethno-Psychologie, Ethno-Demografie, Gender-Anthropologie und Kinderanthropologie.

Seit den ersten Tagen ihres Studiums hat Anna tief in die Ethnografie eingetaucht. Seitdem lässt das Interesse für diese vielschichtige Wissenschaft die Forscherin nicht los. Sie verfügt über 25 Jahre Erfahrung in der Erforschung der Ethnografie des Kindesalters und der Russlanddeutschen.

Auf dem X. Kulturhistorischen Seminar, das im November 2025 auf dem Gelände des Museums „Alt-Sarepta“ stattfand, war Frau Dr. Blinowa als wissenschaftliche Expertin im Bereich Museumskunde tätig. Sie berichtete den Teilnehmern der Projektgruppe über die Entwicklung moderner Museumskonzepte und präsentierte das Virtuelle Museum der Russlanddeutschen. Im Rahmen des Gesprächs mit Frau Dr. Blinowa haben wir nicht nur die Feinheiten der Arbeit einer ethnografischen Wissenschaftlerin kennengelernt, sondern auch ausführlich über die Besonderheiten des virtuellen Museumformats diskutiert.

Frau Dr. Blinowa, bitte erzählen Sie uns, wie die Ethnografie zu Ihrem Hauptforschungsgebiet wurde. Was hat Sie an dieser Wissenschaft fasziniert? Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich wurde erst beim zweiten Versuch auf die Geschichtsfakultät der Staatlichen F.-M.-Dostojewski-Universität in Omsk aufgenommen. Mir fehlte beim ersten Versuch nur ein Punkt, und um kein Jahr zu verlieren, ging ich auf die vorbereitende Abteilung. Dort hielt Prof. Dr. habil. Tatiana Smirnowa Vorlesungen. Schon damals erzählte sie viele Geschichten aus Expeditionen: Wie Ethnografen mit Menschen kommunizieren, was eigentlich eine ethnografische Expedition ist.

Frau Prof. Dr. habil. Smirnowa unterrichtete so leidenschaftlich ihren Kurs, dass ich, als ich an der Geschichtsfakultät aufgenommen wurde und die Wahl der Spezialisierung anstand, keine Zweifel mehr hatte, wohin ich gehen würde. Ich wusste genau, dass ich zu Tatiana Smirnowa wollte, unter ihrer Leitung Jahresarbeiten und die Abschlussarbeit schreiben, und während der ganzen fünf Jahre meines Studiums an ethnografischen Expeditionen teilnehmen möchte.

Da meine wissenschaftliche Betreuerin auf Russlanddeutsche spezialisiert war, sind wir mit ihr in ein deutsches Dorf gefahren.

Man kann sagen, dass das eine glückliche Fügung der Umstände in meinem Leben war.

Also kann man sagen, dass Ihr Interesse an den Russlanddeutschen durch Ihre wissenschaftliche Betreuerin geweckt wurde?

Mich beeinflussten Tatiana Smirnowa, meine erste Expedition und Menschen mit denen ich dort zusammentraf. Das Sammeln von Material fiel mir ziemlich leicht. Obwohl das Thema nicht einfach war. Ich begann, mich auf Ethnografie des Kindesalters zu spezialisieren.

Die Ethnografie des Kindesalters ist ein sehr faszinierendes und reiches Thema.

Einerseits geht es um das Erwachsenwerden eines Menschen. Hier erinnern sich die Menschen gern an ihre Eltern und ihre Erziehungsmethoden, Lieblingsspiele und Spielsachen, im Allgemeinen an ihre Kindheit. Andererseits gehört zu diesem wissenschaftlichen Feld noch ein großer Block – die Geburtsrituale.

Wie Sie sich vorstellen können, kann man die Leute nicht einfach so nach Geburtsritualen fragen; das ist ein ziemlich intimes Thema. Es war notwendig, erst einen Kontakt aufzubauen. Oft, wenn ein Ethnograf zu den Menschen kommt und sie nach etwas zur Kultur oder zum Dorf fragt, antworten sie sofort, dass sie nichts wissen und nichts erzählen werden.

Dann beginnt man, kleine Schritte zu gehen: man nähert sich einem Menschen durch das Persönliche. Zum Beispiel fragt man: „Woran haben Sie in Ihrer Kindheit gespielt?“

Die Person beginnt sich an ihre Kindheit zu erinnern, es entsteht Vertrauen zum Gesprächspartner, und dann kann der Ethnograf schon komplexere Themen erfassen.

Bitte erzählen Sie, welche Richtungen es in der Ethnografie gibt. Was könnten Sie neben der Ethnografie des Kindesalters als Beispiel nennen?

Das Thema Ethnografie ist deshalb so spannend, weil es darin eine große Anzahl von Richtungen gibt. Es gibt zwei große Blöcke: materielle und geistige Kultur.

Zur materiellen Kultur gehört die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit, die ein Volk in seinem Alltag über viele Jahrhunderte begleitet.

Die Grundlage bilden Wohnung, Nahrung und Kleidung – das ist die sogenannte ethnografische Triade.

Geistige Kultur umfasst Kalender- und Familienrituale. Die Kalenderrituale sind nach Naturzyklen gegliedert. Hochzeits- und Bestattungsrituale haben ebenfalls ihre eigene Struktur. Die Ethnografie des Kindesalters wird separat untersucht.

Darüber hinaus gibt es einen großen Bereich, der mit dem modernen Dasein der Völker verknüpft ist. Das ist die Identität und alles, was damit zusammenhängt: ihre Übermittlung, die Mechanismen ihrer Konstruktion. Nach heutiger Konzeption kann Identität konstruiert werden, da wir sie nicht von Anfang an besitzen. Ich möchte anmerken, dass wir hier nicht von Ethnizität als solcher sprechen, sondern von Identität.

Ethnizität ist ein objektives Phänomen, während Identität unsere Gefühle bezüglich der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk darstellt.

Sie haben die materiellen und geistigen Komponenten der Kultur getrennt. Verstehe ich richtig, dass die Herangehensweise bei der Arbeit, zum Beispiel mit rituellen Traditionen und Artefakten, unterschiedlich sein wird?

Natürlich. Auf der anderen Seite haben wir universelle Methoden der ethnografischen Sammlung. Zu diesen gehört die teilnehmende Beobachtung, bei der der Forscher beobachtet, wie etwas geschaffen, hergestellt oder gefeiert wird.

Aber für die Untersuchung bestimmter Themen ist diese Methode nicht geeignet, deshalb muss man die Menschen befragen. Das Interview – frei oder halbstrukturiert – ist eine zweite universelle Methode der Ethnografie. Dabei ist es wichtig, eine breite Anzahl von Personen zu befragen.

Um beispielsweise die Formel eines Rituals, wie etwa die Taufe, herauszuarbeiten, sind viele ethnografische Interviews notwendig.

Man darf auch nicht die Subjektivität vergessen, mit der jeder Individuum scheinbar objektive Phänomene interpretiert: Manche Teilnehmer erinnern sich an bestimmte Aspekte, andere betrachten etwas anderes als wichtig.

Die Ethnografie ist schwierig, weil man zum einen gut mit Menschen kommunizieren können muss, um Vertrauen zu gewinnen. Ich weiß nicht, inwieweit das eine erlernbare Fähigkeit ist. Wenn einem das nicht im Blut liegt, wird er wahrscheinlich kein guter ethnografischer Feldforscher sein, mit dem die Menschen offen sprechen werden.

Die zweite Schwierigkeit ist die Dauer ethnografischer Studien. Das Material, das man in einem Jahr sammelt, reicht nur für einen kleinen Artikel.

Um wirklich eine gute Arbeit zu schreiben, braucht man etwa 5 bis 10 Jahre, wenn keine vorgefertigte Forschungsbasis vorhanden ist.

In der Staatlichen F.-M.-Dostojewski-Universität in Omsk haben wir Glück, weil diese Basis schon von vielen Vorgängern aufgebaut wurde. Bei ethnografischen Expeditionen haben Studierende Material gesammelt, das nicht nur zu ihrem eigenen Thema gehört, sondern es wurde auch ein breites Spektrum an Themen abgedeckt. Entsprechend lässt sich dieses Material verarbeiten und für wissenschaftliche Artikel nutzen.

Unser Treffen findet im Rahmen des Kulturhistorischen Seminars statt. Was bedeutet diese Plattform für Sie als Ethnograf? Wie schätzen Sie ihre Bedeutung ein?

Für mich ist das Kulturhistorische Seminar eine Gelegenheit, über Museen zu sprechen und darüber, wie eine Person über viele Jahre hinweg die Geschichte ihres Dorfes bewahren und die Kultur weitergeben kann.

Museen sind fest in mein Leben eingegangen: Zu einer bestimmten Zeit konzentrierte sich meine wissenschaftliche Arbeit auf den Museumsbereich. Ich arbeitete im Sektor der historischen Museumswissenschaften am Omsker Laboratorium des Instituts für Archäologie und Ethnografie der sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften. Zuerst beschäftigte ich mich mit Ethnografie des Kindesalters, später mit Museumsarbeit, und dann habe ich zur Ethnodemografie gewechselt. Aber mit Museen beschäftige ich mich immer noch, schreibe wissenschaftliche Arbeiten. Wahrscheinlich sollte ich eine Monografie darüber verfassen... (lächelt).

Wie sind Sie auf das Thema der Museen der Russlanddeutschen gekommen?

Mit diesem Thema habe ich mich intensiver durch das Projekt eines virtuellen Museums beschäftigt, dessen Idee beim Kulturhistorischen Seminar 2019 entstanden ist.

Ich hatte zwar vorher schon vermutet, dass die Russlanddeutschen viele Museen haben, aber ich dachte nicht, dass deren Anzahl so groß ist und dass sie so vielfältig sind. Viele von ihnen besitzen einzigartige Exponate. Deshalb beschäftige ich mich seit 2019 intensiv mit den Museen.

Ein Ethnograf steht beim Aufbau eines Museums sicherlich vor einer Reihe von Herausforderungen. Könnten Sie uns bitte schildern, mit welchen Problemen Sie typischerweise zu tun haben?

Bei ethnografischen Expeditionen besteht unsere Aufgabe darin, Artefakte zu sammeln und daraus eine Sammlung zu bilden. Früher geschah dieser Prozess relativ einfach, weil die Gegenstände, die uns interessierten, nicht besonders wertvoll waren.

Heute bleiben in den Häusern nur noch jene Gegenstände, die für die Familien wertvoll sind, und deshalb sind die Menschen nicht mehr so bereitwillig, sich von Relikten zu trennen.

Oder die Objekte existieren einfach nicht mehr, weil sie für die Familie nicht mehr wichtig waren. Zum Beispiel wurde eine unnötig gewordene Wiege in den Schuppen verlegt, wo sie zerfiel.

Das Sammeln von Haushaltsgegenständen geht oft einher mit dem Sammeln der damit verbundenen Geschichten und Legenden.

Ein absolut unscheinbarer Koffer enthält manchmal eine bewegende Geschichte: die Rückkehr aus der Arbeitsarmee, der Umzug aus dem Wolgagebiet oder Deutschland... Es ist sehr spannend, die Kultur eines Volkes durch solche Gegenstände zu betrachten.

Vermutlich haben Sie eine Lieblingsgeschichte aus ethnografischen Expeditionen oder ein besonders erinnerungswürdiges Artefakt aus den Museumsexponaten?

Ich finde ein Beispiel aus dem Museum „Das Rad der Zeit“ (russ. „Koleso wremeni“) in Grischkowka (ein Dorf im Deutsche Nationalrayon der Region Altai, Anm. d. Red.) sehr spannend. Dort steht eine Kommode, die selbständig reiste. Ihre Geschichte erzählte Swetlana Heinrichs, die Schöpferin und Hüterin des Museums.

Nach Grischkowka kamen Männer, die einen Ort für die Gründung einer Tochterkolonie suchten. Sie fanden einen Platz, kehrten nach Hause zurück und begannen, ihre Leute zu sammeln. Eine Frau packte all ihren Besitz in die Kommode und verschloss sie mit allen Schlössern, bevor sie sich auf die Reise machte. Die Familie brachte diese Kommode auf einem Pferdewagen zur Post und schickte sie nach Sibirien.

Das einzige Postamt, das sie kannten, lag drei Hundert Kilometer entfernt vom gewählten Siedlungsort. Sie kamen an, begannen, sich niederzulassen und ein Haus zu bauen. Nach zwei Jahren erhielten sie die Nachricht, dass die Kommode angekommen war. Sie war also zwei Jahre lang ohne Besitzer unterwegs gewesen! Die Familie fuhr auf dem Pferdewagen drei Hundert Kilometer zur Post, um die Kommode abzuholen. Die Besitzer waren sehr froh, nun alles zu haben, um ihr eigenes Haus gemütlich einzurichten. Interessant ist, dass alles ganz rechtzeitig geschah: Die Kommode kam genau dann im Postamt an, als sie mit dem Hausbau fertig waren.

Solch eine Geschichte zeigt, dass die Russlanddeutschen ein Volk in Bewegung sind.

Ich habe den Eindruck bekommen, dass Sie eher Befürworter eines klassischen Museumformats sind, bei dem die Exponate direkt vor Augen liegen, von allen Seiten betrachtet und sogar angefasst werden können. Für welche Art von Museum würden Sie sich eher entscheiden: einem echten oder einem virtuellen?

Einer echten, definitiv. Aus meiner Erfahrung mit der Erstellung eines virtuellen Museums kann ich sagen, dass ein Foto nicht den Eindruck vermitteln kann, den ein reales Objekt auf einen Besucher macht.

Das originale Exponat ist taktil, das heißt, man kann es in vielen Museen berühren. Es hat zudem einen Geruch und ein räumliches Volumen.

Derzeit sind die realen Expositionen natürlich im Vorteil.

Welche Unterschiede lassen sich bei der Entwicklung eines virtuellen und eines echten Museums feststellen?

Das Virtuelle Museum der Russlanddeutschen auf RusDeutsch ist eine gute Möglichkeit, die Vielfalt der Museen und der in ihnen präsentierten Objekte zu zeigen. Wenn Sie es bemerkt haben, sind dort viele Waffeleisen und Spinnräder gesammelt. Und alle sind unterschiedlich – was aus Sicht der Kulturerzählung ebenfalls sehr wichtig ist.

Auf Konferenzen werde ich häufig gefragt: „Was unterscheidet ein deutsches Objekt von einem russischen? Ein Spinnrad ist doch immer ein Spinnrad“.

Deutsche haben immer sehr sorgfältig mit ihren Werkzeugen umgegangen: Sie wurden immer gefärbt und gepflegt. Es ist nicht überraschend, dass deutsche ethnografische Gegenstände gut erhalten bleiben.

Der zweite Unterschied bei deutschen Gegenständen liegt in ihrem Wunsch und Können, sie zu modernisieren. Es scheint, als sei alles bereits längst erfunden, doch das ist nicht so: Die Menschen entwickeln immer wieder neue Wege, um ihre Arbeit zu erleichtern und die Nutzung dieser Alltagsgegenstände effizienter zu machen. Sie fügen beispielsweise einen Haken für den Faden hinzu oder ähnliches.

Einzigartige Objekte, die nur die Deutschen verwendeten – diese Gegenstände sind kaum in Zahlen zu fassen. Genau sie werden oft zu Kennzeichen der ethnischen Identität.

Zum Beispiel sind es heute die Sprüche (bunte, bibelartige Zitate oder kurze Ermahnungen, Anm. d. Red.). Anderen Völkern haben diese Art der dekorativ-künstlerischen Handwerkskunst nicht.

Welche Markenzeichen der Kultur der Russlanddeutschen außer der schon erwähnten Sprüche können Sie noch nennen?

Zum Beispiel die Waffeleisen. Am besten wäre es, wenn auf ihr ein Rezept eingraviert ist: Es gibt viele Waffeleisen mit einem eingegossenen Rezept auf dem Deckel. Dieser Gegenstand gilt als das höchste Highlight in einer deutschen Sammlung (lacht). Dann der Brautkranz und der Ansteckstrauß des Bräutigams.

Was noch? Zum Beispiel ein Schneidbrett auf Beinen für die Nudelschneidearbeiten. Die Butterkästchen – kleine Kästchen für Butter. In ihnen wurde genau eine Pfund Butter geformt. Mörser zum Mahlen von Kaffee. Kaffee als nationales Getränk. Natürlich war das nicht immer Kaffee, sondern eher Ppips (ein traditionelles Getränk der Russlanddeutschen, bei dessen Herstellung geröstete Gersten-, Weizen-, Hafer- und Roggenkörner verwendet werden, Anm. d. Red.). Aber der Mörser war stets ein lebendiges und bedeutendes Element des deutschen Alltagslebens.

Während der Vorlesung haben Sie den Teilnehmern regionale Museen gezeigt und darüber berichtet. Wie wichtig ist es, diese regionalen Segmente in einem virtuellen Museum zu sammeln?

Ich halte es für sehr wichtig, all diese Vielfalt auf einer Plattform zu vereinen. Aufgrund der riesigen Weiten Russlands und der Vielfalt der Projekte im Internet können die Menschen sich nicht frei in diesem Angebot orientieren. Solche integrativen Projekte wie das virtuelle Museum ermöglichen eine bessere Kommunikation.

Als das Register der Museen der Russlanddeutschen gerade erst entstanden war, begannen der Institut für ethnokulturelle Bildung – BiZ und der Internationale Verband der deutschen Kultur Museumsseminare durchzuführen. Diese waren sehr wichtig für die Menschen, die in kleinen Museen arbeiten. Die meisten von ihnen haben keine formale Museumsausbildung, und diese Seminare haben ihnen scheinbar selbstverständliche Fakten vermittelt. Zum Beispiel, dass man ein Exponat nur leicht reinigen oder ausbessern darf, aber niemals neu streichen oder verändern sollte.

Man muss den Gegenstand so bewahren, wie man ihn erhalten hat; sonst verliert er seine Authentizität, Attraktivität und seinen museumsmäßigen Wert.

Oder wie man die Museumsbeschriftungen richtig gestaltet, damit sie interessant und informativ sind?

Die Aufzeichnung über Exponate ist eine eigene, schwierige Aufgabe. Ohne die richtige Dokumentation geht eine große Menge an Informationen verloren: Wer hat dieses Objekt gebracht, aus welcher Familie stammt es, wie wurde es im Alltag verwendet?

Denn die Geschichten, die die Gegenstände begleiten, sind die Basis, auf der man sehr interessante Führungen aufbauen kann.

Übrigens, nach diesen Seminaren bleiben wir in Kontakt in einer Gruppe im sozialen Netzwerk, in der sich die Teilnehmer weiterhin austauschen. So verbessert sich die Kommunikation zwischen kleinen Museen. Gestärkte Kommunikation ist ein weiterer Effekt des virtuellen Museums.

Wie Sie bemerkt haben, liegen die Vorteile des virtuellen Formats auf der Hand, doch die persönlichen Vorlieben sind anders. Wie meistern Sie diese Herausforderung?

Das stimmt nicht ganz, denn die Erfahrung, ein virtuelles Museum zu erstellen, war äußerst interessant. Die Lösung lautet:

Man muss sich selbst für das Projekt, das man umsetzt, begeistern, nur so kann es die Begeisterung bei anderen wecken.

Ihre Vorlesung enthielt einen bemerkenswerten Abschnitt über die Gestaltung von Museumsräumen. Sie sprachen darüber, wie man sie attraktiver für die Besucher gestalten kann. Könnte ein virtuelles Museum auf ähnliche Weise verbessert werden?

Ich denke schon. Dies würde eine Optimierung der Webseite-Navigation erfordern. Auch die Verwendung von Bildern im virtuellen Museum könnte angepasst und benutzerfreundlicher gestaltet werden.

Es muss noch viel getan werden, um dieses Museum wirklich zu einer Plattform der Erinnerung zu machen. Es wäre wunderbar, wenn einige Historiker Interesse zeigen und mit dem Aufbau des Archivs beginnen würden. Dies ist an sich schon eine sehr aufwendige Aufgabe.

Es wäre großartig, wenn wir eine separate Methodenseite hätten – einen praktischen Leitfaden, der beim Verfassen von Beschreibungen verwendet werden könnte. Es ist eine Sache, wenn ein professioneller Museumsmitarbeiter Beschreibungen erstellt, und eine ganz andere, wenn dies ein Enthusiast tut. Aber ich würde mir wünschen, dass auch diese Menschen in diesen arbeitsintensiven Prozess einbezogen werden.

Die Beschreibung eines Objekts ist eine sehr wichtige historische Quelle, da sie die Untersuchung vieler historischer und ethnografischer Aspekte beinhaltet: wo das Objekt verwendet wurde, wie es verwendet wurde. Ein solcher Ansatz würde nicht nur Museen bereichern, sondern auch Menschen, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen.

Frau Dr. Blinowa, ich möchte zum Schluss noch ein interessantes Thema ansprechen. Sie scherzen gern, dass das Bedürfnis, beim Vortragen lebhaftes Interesse in den Augen Ihres Publikums zu sehen – etwas, das Ihnen während der COVID-19-Pandemie gefehlt hat – eine berufliche Veränderung nach Ihren ethnografischen Expeditionen sei. Vielleicht haben Sie bei sich selbst noch etwas in dieser Art beobachtet?

Ich würde das nicht als berufliche Veränderung bezeichnen, aber die Ethnografie hat mich in gewisser Weise befreit. Früher fiel es mir schwer, auf Fremde zuzugehen und ein Gespräch zu beginnen; ich würde nicht sagen, dass es jetzt völlig einfach ist, aber es ist viel leichter geworden.

Wer wir aber über die berufliche Veränderung sprechen: Mir fallen alle ethnografischen Elemente auf, wenn ich ein Haus betrete. In modernen Wohnungen sind diese Elemente natürlich sehr selten. Aber ich beginne einen Museumsbesuch immer mit einer Einführung in die ethnografische Sammlung und hebe mir den Rest für den Schluss auf. Natürlich werde ich aus dem gesamten Repertoire des Museums die ethnografische Ausstellung wählen.

Ethnografie beschränkt sich nicht nur auf ethnografische Elemente, sondern zeugt auch von Respekt und Interesse an anderen Kulturen. Insofern interessiere ich mich für alle Kulturen und bin bereit, sie zu erforschen.

Eine Teilnehmerin des Kulturhistorischen Seminars sagte in meiner Vorlesung, sie sei keine „richtige“ Ethnografin, weil sie auf einer kasachischen Hochzeit kein kasachisches Essen gegessen habe.

Als Ethnografin muss ich auf den Geschmack der ethnografischen Realität kommen. Genau das tun wir auf Expeditionen. Ethnografie befasst sich auch damit, wie der Mensch selbst eine andere Kultur erfährt.