30. Juni 2021

In Moskau endete das Forum-Festival der Russlanddeutschen

Das Finale des Galakonzerts beim Forum-Festival
Foto:
Asja Dobrowolskaja

Am 28. Juni fand im Staatlichen Akademischen Theater „Russkaja Pesnja“ in Moskau das Galakonzert des Forum-Festivals „Wir sind Teil deiner Geschichte, Russland. Wir sind dein Volk!“ statt, bei dem die besten InterpretInnen und Künstlergruppen der Russlanddeutschen aus dem ganzen Land teilnahmen.

Das Galakonzert wurde online veranstaltet, sodass die Menschen es in verschiedenen Regionen Russlands und im Ausland sehen konnten. Mehr als tausend Menschen verfolgten das Konzert live auf der Website der Künstlervereinigung der Russlanddeutschen, unter anderem in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Kroatien, Rumänien, Usbekistan, Kirgisistan, Weißrussland, der Ukraine, der Türkei, Irland, der Schweiz und anderen Ländern.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten und Co-Vorsitzender der Zwischenstaatlichen Deutsch-Russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen, Professor Dr. Bernd Fabritius, MdB richtete ein Videogruß an die Teilnehmer des Festivals und den Internationalen Verband der deutschen Kultur:

„Sehr gerne würde ich heute persönlich zu den Feierlichkeiten zum 30. Gründungsjubiläum des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur, die im Rahmen des Forum-Festivals ‚Wir sind Teil deiner Geschichte, Russland. Wir sind dein Volk!‘ veranstaltet werden, in die Russische Föderation gereist sein. Leider war mir dies aufgrund der weiterhin schwierigen Pandemielage nicht möglich. Und auch das heutige Galakonzert kann anders als geplant bedauerlicherweise nicht in Präsenz stattfinden, sondern wird digital durchgeführt.

Wir alle haben aber im vergangenen Jahr mit digitalen Formaten Erfahrungen gesammelt und gelernt, dass da noch eine große Chance liegen kann. Eine Chance dafür, ein neues Publikum innerhalb der Russischen Föderation und über Ländergrenzen hinweg zu erreichen, um so die wichtigen Inhalte und Projekte der Russlanddeutschen weiter bekannt zu machen.

Daher freue ich mich, Ihnen mit diesem Videobeitrag die sehr herzlichen Grüße der Bundesregierung und Glückwünsche zum 30-jährigen Jubiläum des IVDKs zu übersenden“.

Die Teilnehmer des Konzerts kamen aus elf Regionen Russlands nach Moskau. Dies sind die Preisträger des im Jahr 2020 durchgeführten Wettbewerbs „Wir sind Teil deiner Geschichte, Russland!“. Das Publikum lernte Künstlergruppen und InterpretInnen kennen, die in den Bereichen „Musik“, „Choreografie“ sowie „Bildende Kunst“ Inhaber von Laureat- und Grand-Prix-Diplomen wurden.

„So wie im Jahre 1991, als der Internationale Verband der deutschen Kultur gegründet wurde, so sind auch 30 Jahre später die schaffende Intelligenz und Künstlergruppen unsere wichtigsten Gleichgesinnten“, sagt Olga Martens, die erste stellvertretende Vorsitzende des IVDKs, in ihrem Videobeitrag. „Auf diesen Tag haben wir schon lange gewartet. Es ist schon mehr als zehn Jahre her, dass wir uns im Gebiet Uljanowsk zum allrussischen Festival der deutschen Kultur ‚Wir sind Teil deiner Geschichte, Russland. Wir sind dein Volk!‘ versammelt haben. Es war mir im Laufe der Jahre eine Freude, viele unserer Kollektive, Ihr kreatives Wachstum und Ihre Erfolge zu beobachten.

Ich freue mich, neue InterpretInnen, neue Ensembles und neue Lieder der Russlanddeutschen kennenzulernen, und ich bin den jungen Menschen dankbar, dass sie bei den Künstlergruppen unserer Organisation mitmachen.

Ein besonderes Augenmerk legen Sie auch auf die Erforschung unserer authentischen Folklore. Was ganz wichtig ist, ist, dass Sie nicht nur unsere Folklore erforschen, sondern auch etwas Neues in die traditionelle Kultur der Russlanddeutschen bringen. Sie interpretieren und entwickeln sie weiter“.

Ein Teilnehmer des Konzerts ist das Vokal- und tänzerische Ensemble „Präludium“ aus Westsibirien. Das Ensemble hat wiederholt internationale, gesamtrussische und regionale Festivals und Wettbewerbe gewonnen. Im Jahr 2009 wurde das Ensemble mit dem Diplom ersten Grades von UNESCO mit dem Titel Diplom des internationalen Wettbewerbs „Weltkultur und -kunst“ ausgezeichnet.

Das Vokal- und tänzerische Ensemble „Präludium“ / Foto: Asja Dobrowolskaja

„Der Name ‚Präludium‘ ist für uns wie eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft“, sagt Lidia Lejmowa, Leiterin des Zentrums der deutschen Kultur in Kemerowo. „Unsere kreative Arbeit ist zu einer Art Präludium für die Wiederbelebung der kulturellen Traditionen der Russlanddeutschen geworden“.

Der Großteil des Repertoires des Ensembles sind Lieder der Russlanddeutschen, deutsche Volkslieder und Schlager.

„Wir erinnerten uns aus der Kindheit an die deutschen Lieder unserer Mütter und Großmütter. Etwas davon schrieben wir auf und suchten in alten Zeitungen des Wolgagebietes nach. Außerdem fuhren wir durch Dörfer, zeichneten Lieder auf ein Bandgerät auf und anschließend bearbeiteten wir sie“, erinnert sich Jewgenija Netschajewa, Leiterin des Ensembles.

Es gibt auch sehr junge InterpretInnen in diesem Kollektiv, aber laut Jewgenija Netschajewa ist es keine leichte Aufgabe, das Interesse der jungen Generation daran zu wecken. „Unser Zentrum der deutschen Kultur wird von Menschen mit deutschen Wurzeln und solchen, die sich dafür interessieren, besucht. Wir freuen uns sehr, wenn ganze Familien zu uns kommen. Das bedeutet, dass die deutschen Traditionen erhalten bleiben.“

Das deutsche ethnografische Tanz-Ensemble „Volkskarussell“ / Foto: Asja Dobrowolskaja

Das deutsche ethnografische Tanz-Ensemble „Volkskarussell“ unter der Leitung von Lidia Knoll führte den mitreißenden Auftritt „Windmühle“ auf.

„Unser Tanz gehört zu der Kategorie der Zünfte, die ihre Wurzeln in den Tiefen der Jahrhunderte haben“, sagt die Leiterin des Kollektivs. „Diese Kultur wurde während der Entstehung der Manufakturen in Europa erschaffen. Jede Zunft hatte seine eigene Gewerkschaftsbewegung. Einmal im Jahr kamen sie zu einem Fest zusammen. In jeder Zunft wurde ein eigener Tanz vorbereitet und sie komponierten auch Lieder, die ihren Beruf schönredeten und zeigten in den Tänzen den Arbeitsprozess.“.

Das Repertoire vom „Volkskarussell“ basiert auf Tänzen der verschiedenen deutschen Bundesländer und auf Tänzen der Russlanddeutschen, die von der Choreografin und Ethnografin Natalja Wesner zusammengestellt wurden.

„Um einen Tanz zu kreieren, verwende ich primäre Quellen und mache mein eigenes Bühnenarrangement und stärke das Vokabular. Wir binden Unterhaltung in den Tanz ein, um ihn für das Publikum interessant zu machen. Aber ich versuche, die Muster nicht zu verändern und die Art der Darstellung beizubehalten“, teilt Lidia Knoll ihre kreativen Geheimnisse mit.

Volkstänze sind das Leben, die Bewegung und die Emotionen. Selbstverständlich müssen sie popularisiert werden!

Laut Knoll spielt die Kostümauswahl bei einem Auftritt eine wichtige Rolle. Hierbei geht das Kollektiv mit großer Sorgfalt vor. „In unserem Repertoire haben wir eine ganze Reihe von bayerischen Tänzen. Die Kostüme sind sehr farbenfroh und ungewöhnlich. Die traditionelle bayerische Weste ist nach einem bestimmten Schnitt mit speziellen schmalen ‚Taschen‘ gefertigt, in die kleine Gläser mit Wasser und echten Blumen hineingelegt werden. Deshalb tanzen die Bayern auch mit geradem Rücken, damit kein Wasser verschüttet wird und keine Blumen herausfallen. Es ist eine alte Tradition, die sich in Bayern bis in die Gegenwart erhalten hat“.

Der elfjährige Sänger und Musiker Egor Ryschow war der jüngste Teilnehmer des Festivals. Beim Galakonzert führte Egor das Lied „Pesnja ohotnika“ von Weber auf. Der Auftritt wurde zusammen mit dem jungen Konzertmeister, einem Studenten des dritten Lehrjahres der nach Schabalin benannten Musikschule, Alexej Moltschanow, vorbereitet. „An einem solchen Ort wie dem Theater ‚Russkaja Pesnja‘ aufzutreten ist sehr ehrenvoll“, teilte Alexej seine Gefühle. „Egor und ich haben erst zu Hause und dann in der Musikschule geprobt. Meine Klavierlehrerin Elena Lawrowa hat mir bei der Umsetzung des Stücks sehr geholfen.“

„Wir sind Teil eines großen Teams von kreativen Menschen aus dem Deutschen Nationalrajon Asowo, dessen Gründer Bruno Reiter war. Das ist ein Mensch mit einer großen kreativen Komponente und einer liebevollen Beziehung zu Musikern“, sagt Irina Moltschanowa, Lehrerin an der nach Wilhelm Spät benannten Kunstschule für Kinder in Asowo.

Egor repräsentiert unsere Region als Solist. Er ist der Solist des Vokalensembles ‚Lutschiki‘, dessen Teilnehmer auch Alexej war. Besonders hervorheben möchte ich die Lehrerin unserer Schule und die Solistin des Volks-Vokalensembles ‚Monika‘, Tatiana Krieger. Sie ist eine Person, die der deutschen Kultur nicht gleichgültig gegenübersteht. Als Mitglied des Ensembles reiste sie durch das ganze Land und war im Ausland. Jetzt leitet sie ihre SchülerInnen mit Leib und Seele.

Boris Geist, Komponist, Pianist und Songwriter aus der Republik Tatarstan, trug auf dem Konzert das wunderschöne und lyrische Lied „Herzbube“ vor, welches das Titellied seines Debütalbums ist.

Der Sänger und Komponist Boris Geist / Foto: Asja Dobrowolskaja

Zu Beginn seiner Musik-Karriere schrieb Boris akademische Musik. Später interessierte er sich für die Kultur der Folklore und begann, Lieder und Instrumentalkompositionen in Verbindung von moderner, akademischer und ethnischer Musik zu schreiben. Boris erbte sein musikalisches Talent von seinem Urgroßvater Konstantin Geist, einem bekannten Komponisten der Republik Mari El.

„Ich wuchs in einer deutschen Gemeinde in Kasan auf. Das deutsche Haus hat mich aktiv unterstützt und ich betrachte die Teilnahme an solchen Veranstaltungen als einen Tribut an die gemeinsamen Tätigkeiten“, sagt der junge Komponist. Neben der Musik plant Boris, Deutsch zu lernen.

Ich ging auf eine Schule mit fortgeschrittenem Deutschunterricht. Es gab viele Menschen in unserer Gemeinde, welche die Sprache gut beherrschten. Jetzt ist mein Wissen leider ein wenig verloren gegangen, aber ich werde wieder anfangen, die Sprache zu lernen, um mein damaliges Niveau wieder zu erreichen.

Eine weitere Teilnehmerin des Galakonzerts ist Natalja Schmidt, Preisträgerin internationaler Wettbewerbe. In ihrer Gesangskarriere kombiniert Natalja Sologesang und ist die führende Solistin des deutschen Volksensembles „Lorelei“.

„Im Ensemble ‚Lorelei‘ bin ich praktisch vom ersten Tag seiner Gründung an tätig. Ich wurde von der Intendantin des Ensembles Natalja Kraubner eingeladen, weil es zu dieser Zeit keine professionellen SängerInnen im Ensemble gab. Damals machte das Ensemble seine ersten Schritte, und jetzt hat es bereits sein 18-jähriges Bestehen gefeiert.“

Die Solistin des deutschen Volksensembles „Lorelei“, Natalja Schmidt / Foto: Asja Dobrowolskaja

Natalja wollte schon als Kind Deutsch lernen und ihr Leben mit der Kultur ihrer Vorfahren verbinden. „Ich wollte unbedingt Deutsch lernen. Aber in der Schule wurde ich der englischen Gruppe zugeteilt und im Alter von 10 Jahren habe ich selbst einen Antrag auf ein Wechsel in die deutsche Gruppe geschrieben.

Wir hatten großartige Lehrer. Ich erinnere mich sehr gerne an meine Lehrerin Galina Maljukowa. Auch damals unterrichtete sie schon ohne bestimmte Lehrbücher.

Sie erzählte uns über Literatur und faszinierte uns mit interessanten historischen Fakten. Ihre Persönlichkeit hatte einen großen Einfluss auf mich. Schon damals hatte ich die Idee, dass ich in unserer Stadt Ussolje-Sibirskoje über Russlanddeutsche erzählen werde.“

Am Ende des Galakonzerts wurden alle Teilnehmer des Forum-Festivals durch ein neues Lied vereint, das speziell für diesen Abend von Eduard Kort und Pawel Blume geschrieben wurde. Das Forum-Festival der Russlanddeutschen „Wir sind Teil deiner Geschichte, Russland. Wir sind dein Volk“ wurde vom 25. bis 29. Juni abgehalten. Im Rahmen des Festivals veranstaltete das Deutsch-Russische Haus in Moskau einen kreativen Abend mit der Teilnahme von Tanzgruppen.

Das vollständige Galakonzert können Sie sich in der Videoaufzeichnung ansehen.


Organisatoren des Forum-Festivals: der Internationaler Verband der deutschen Kultur zusammen mit der Föderalen national-kulturellen Autonomie der Russlanddeutschen mit Unterstützung des Ministeriums des Innern, für Bau und Heimat der Bundesrepublik Deutschland und der Föderalen Agentur für Nationalangelegenheiten Russlands. Das Projekt wird im Rahmen des Deutschlandjahres in Russland durchgeführt.

Rubrik: IVDK, Jubiläumsjahr

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