24. September 2021

Die Autorin des Films „Leben?!“: „Es ist ein Tribut an meine Familie und mein Volk“


Der zweiteilige Dokumentarfilm „Leben?!“ wurde 2020 von der regionalen Assoziation gesellschaftlicher Vereinigungen „Koordinierungsrat der Deutschen“ in Kemerowo gedreht. Die Filmemacher haben mehrere Interviews mit Zeitzeugen der Umsiedlung aus dem Wolgagebiet nach Sibirien und mit Trudarmisten aufgenommen. Wir sprachen mit der Autorin des Films, Sofja Simakowa, über die Entstehung der dokumentarischen Geschichte, die Filmhelden und warum eine unverfälschte Geschichte heute besonders wichtig ist.

„Die Deutschen stellen mit über 23.000 die drittgrößte Bevölkerungsgruppe im Kusbass. Nur wenige Einheimische wissen, dass die Sowjetdeutschen während des Großen Vaterländischen Krieges geholfen haben, das Problem mit dem Personal in der Kohleindustrie in Kusbass zu lösen. Die Sowjetdeutschen durften nicht an der Front kämpfen und deswegen arbeiteten 40.000 Männer und Frauen in Sägewerken und Bergwerken.

Kusbass war während des Krieges die Kornkammer für Kohle des riesigen Landes und der einzige Lieferant von brauchbarer Kohle für die Verkokung. Hier arbeiteten deportierte Deutsche. Heute erinnern sich leider nicht mehr viele Menschen daran.

In diesem Jahr feiern wir den 300. Jahrestag des Kusnezker Beckens, aber bei der Ehrung der Bergleute von Kusbass hat niemand an die Deutschen gedacht. In unserem Dokumentarfilm erzählen genau diese vergessenen Helden ihre wahre Geschichte“, sagte die Autorin.

RD: Sofja, Sie haben doch die Geschichte Ihres Volkes gefilmt?

S. S.: Natürlich. Außerdem habe ich 2006 zum Gedenken an meine Großeltern eine öffentliche Organisation in der Region gegründet. Mütterlicherseits habe ich deutsche Wurzeln. Meine Mutter Irma war 6 Jahre alt, als die Familie deportiert wurde. Mein Großvater Friedrich Freimann war von 1938 bis zur Deportation der letzte Stadtratsvorsitzende in Marx. Vor der Deportation waren alle gleich. Mein Großvater, meine Großmutter Sofja Friedrichowna und ihre drei Töchter (die älteste war 12, die mittlere war 4 und meine Mutter war die jüngste) wurden wie alle anderen Wolgadeutschen aus ihrer Heimat vertrieben. Sie wurden nach Sibirien deportiert. Sie verließen am Bahnhof Jaschkino im Gebiet Kemerowo den Zug. Vorsitzende aus verschiedenen Kirchdörfern und der Maschinen-Traktoren-Station (MTS) kamen zum Bahnsteig, um nach geeigneten Arbeitskräften zu suchen. Mein Großvater war Hammerschmied und die MTS Patschinksi brauchte einen Schmied. So lebte meine Familie im Stadtkreis Jaschkino, wo auch ich heute lebe.

Ich habe zu Hause einen großen Koffer, in dem sie ihr Hab und Gut aus der Wolgaregion transportierten. Sie tauschten ihr Geschirr und andere Dinge gegen Lebensmittel ein. Nur so konnten sie überleben. Der Film „Leben?!“ ist ein Tribut an meine Familie und mein Volk.

RD: Welche Erinnerungen spiegeln sich in Ihrem Film wider?

S. S.: Ich habe meine Großeltern noch kennenlernen dürfen. Über die Vertreibung von der Wolga haben sie geschwiegen. Ich erinnere mich, dass mein Großvater meine Großmutter immer unterbrach, wenn sie mir, als ich noch ein Schulmädchen war, von ihrer Heimat, dem Wolgagebiet, zu erzählen begann: „Warum erzählst du das?“. Und somit hörte sie auf. In der 4. Klasse habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Und sie waren ganz begeistert von meinen ersten Worten in ihrer und meiner Muttersprache.

RD: Wann haben Sie angefangen, an dem Film zu arbeiten?

S. S.: Die wesentlichen Arbeiten begannen im Oktober 2020. Aber schon 2018 haben wir fünf Geschichten von deportierten Deutschen gefilmt, die auch in den Dokumentarfilm eingeflossen sind. Von den fünf Helden ist nur noch einer am Leben. Die Zeit verschont niemanden. Bis Dezember haben wir in verschiedenen Gegenden von Kusbass gefilmt und dann mit dem Schnitt begonnen. Am 11. Dezember wurde der Trailer des Films veröffentlicht. Wir haben den ersten Teil im April 2021 in Nowokusnezk herausgegeben. Die Premiere des gesamten Films fand am 17. August in Taschtagol statt.

RD: Was war Ihre Idee für den Dokumentarfilm?

S. S.: Wir wollten am Beispiel der Filmhelden ein würdiges Beispiel für menschliche und familiäre Beziehungen zeigen, die trotz der Härten des Lebens und der Torturen ihre Liebe zum Leben, zu den Kindern, zur Familie und zu ihrer neuen Heimat Sibirien bewahrt und wunderbare Kinder großgezogen haben, die heute in Kusbass leben und arbeiten.

Der Film besteht aus vier Teilen: „Die Wolgaregion“ handelt von den Deportierten und woher sie kamen. „Kusbass“ erzählt über die Trudarmisten aus Kusbass. „Unsere Heimat Kusbass“ handelt von Deutschen, die in Kusbass geboren wurden und von ihrer Beziehung zur Geschichte. Und der letzte Teil „Soziale Bewegung der Deutschen in Kusbass“ erzählt von der Tätigkeit der Selbstorganisation in der Region und dem Wert der Arbeit der Begegnungszentren.

Geplant war ein Film. Allerdings haben wir das Konzept bereits zu Beginn geändert. Die Geschichten der Menschen sind sich sehr ähnlich, aber gleichzeitig gibt es in jedem Schicksal etwas Bestimmtes, was sich von dem anderem unterscheidet. Deshalb haben wir ganz viele Filmhelden. Wir nahmen 28 Interviews auf. Und allmählich haben wir einen zweiteiligen Film gedreht. Über jeden unserer Filmhelden könnte ein eigener Film gedreht werden. Das haben wir auch geplant. Es sind schon drei Teile fertig. Es wird ein Dokumentar-Kurzfilm sein. Die Figuren erzählen ihre persönlichen Geschichten, was sehr wertvoll ist. Unsere Aufgabe ist es, diese Geschichten weiterzuleiten. Wir möchten, dass der Film bis zum Tag der Einheit des Volkes in Schulen und Universitäten in unserer Region gezeigt wird.

RD: Wie verlief die Suche nach Ihren Filmhelden?

S. S.: Ich bin seit vielen Jahren in der Sozialarbeit tätig und kenne viele Menschen persönlich. Sie waren die Filmhelden der ersten Teile. Darunter auch die jüngere Generation, die Mitglieder der öffentlichen Organisationen in der Region sind. Einige der Filmhelden wurden mir von den Leitern der Begegnungszentren empfohlen.

RD: Welche Momente im Film haben Sie besonders bewegt?

S. S.: Die Geschichte von Roman Gaffner. Als er sechs Jahre alt war, erinnerte er sich nicht an seine Mutter, die in die Arbeitsarmee mobilisiert wurde. Und nun, 12 Jahre später, steht eine Frau vor ihm und sagt, sie sei seine Mutter. Es fällt ihm schwer, sich das vorzustellen. Das ist für mich der schrecklichste Moment in diesem Film. Ich habe den Film viele Male gesehen und habe jedes Mal Tränen in den Augen.

Dann ist da noch die Geschichte von Wassilij Jemeljanowitsch aus Taschtagol. Er war in der Arbeitsarmee, blieb in Kusbass, arbeitete auf einem Bagger, zog dann mit seiner Familie nach Deutschland und kehrte vor vier Jahren nach Russland zurück. Er ist jetzt 96 Jahre alt und lebt mit seiner Tochter in Taschtagol. Er sagt: „Hier bin ich zu Hause. Ich werde von allen hier geliebt und respektiert“. Ich bin erstaunt von seinen Erinnerungen! Wir haben ein dreistündiges Interview mit ihm geführt. Wassilij Jemeljanowitsch kennt noch alle Landwirte in der Wolgaregion, zählt alle seine Klassenkameraden und Nachbarn auf, verrät das Rezept für Wassermelonenhonig und erinnert sich an Lieder und Gedichte in seiner Muttersprache.

Ein weiterer wertvoller Moment in diesem Film ist für mich die Geschichte von Wladimir Keller. Er erzählt, wie seine Großmutter einen Eimer Kartoffeln stahl, um sieben hungrige Kinder zu ernähren, und dafür brutal verprügelt wurde. Am Morgen stand ein Eimer voller Kartoffeln vor der Wohnhöhle, die von den Dorfgenossen gebracht worden waren.

RD: Sofja, was ist Ihrer Meinung nach das Wesentliche des Films?

S. S.: Es ist die Menschlichkeit. Ein Mensch muss unter allen Umständen menschlich bleiben. Die Russlanddeutschen sind ein Beispiel dafür.

RD: Der Titel des Films enthält ein „?!“. Es wird also folgende Frage gestellt: „Haben die Filmhelden ein echtes Leben gelebt?“ und gleichzeitig wird es mit dem Titel „Leben“ bestätigt. Als ob das Leben dem Tod trotzt.

S. S.: Der Titel viel uns schon vor dem Film ein. Die Sowjetdeutschen sind ein humanes Volk, das viel Lasten und Leid ertragen hat, aber nicht daran zerstört ist. Wie Solschenizyn einst sagte: „Ein Deutscher ist wie eine Kätzchenweide. Egal wo man es hinpflanzt, dort wird es auch wachsen“. Und somit wurde Kusbass zur Heimat der Sowjetdeutschen. Hier sind bereits vier Generationen aufgewachsen. Trotz der Entbehrungen und unmenschlichen Bedingungen lebten die deportierten Deutschen ein anständiges Leben und zogen wunderbare Kinder auf. Davon handelt unser Film.

RD: Sofja, für wen haben Sie in erster Linie diesen Dokumentarfilm gedreht?

S. S.: Der Film ist für die Einwohner von Kusbass. Heute werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass die Einwohner die wahre Geschichte nicht kennen. Wir möchten von der Entstehung der drittgrößten Nation in der Region, dem Beitrag der Deutschen zum Steinkohlebergbau, den deutschen Bergarbeiter-Dynastien, die harten Zeiten, Entbehrungen und Schwierigkeiten und unserem heutigen Leben erzählen. Ich würde gerne eine berührende Geschichte aussprechen.

Die Vorsitzende einer öffentlichen Vereinigung der Aserbaidschaner kam nach der Filmvorführung auf mich zu und bedankte sich mit Tränen in den Augen. Einer der Filmhelden war ihr ehemaliger Leiter und Direktor des Technikums – Roman Gaffner. Als sie an dem Technikum als Lehrerin für russische Sprache und Literatur anfing, sagte er zu ihr: „Wir müssen unser ganzes Leben lang unseren Platz unter der Sonne beweisen“. Erst als sie seine persönliche und tragische Geschichte hörte, verstand sie den Sinn seiner Worte.

RD: Wer hat an der Erstellung des Films gearbeitet? Erzählen Sie uns etwas über das Projektteam.

S. S.: Wir haben kein großes Team. Ich hatte die Ideen und ich schrieb das Drehbuch. Die Regisseurin war Alla Barasch. Kirill Warnawskich, ein Aktivist unserer öffentlichen Organisation, hat den Film gedreht und geschnitten. Er hatte bereits Erfahrung mit solchen Arbeiten, aber es war das erste Mal, dass er mit der Geschichte und Dokumentarfilmen arbeitete. Unterstützt wurde er von Viktorija Bublikowa und Dana Sandalowa. Es ist wichtig, dass wir auch Historiker in unserem Team haben. Dazu gehören Natalja Markdorf (Nowosibirsk), Doktorin der Geschichtswissenschaften, Mitglied der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen; Raschit Bikmetow (Kemerowo), Doktor der Geschichtswissenschaften; und Lidija Neunywachina, Professorin der Polytechnischen Universität und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museumsreservats „Trjochretschje“. Sie sprachen über den Beitrag der Deutschen zur Entwicklung der Region und der Kohleindustrie in Kusbass sowie über die enorme Arbeit, die sie in der Arbeitsarmee geleistet haben. Unsere Mitarbeiterinnen Olga Kononenko und Galina Meladse übersetzten und untertitelten den Film ins Deutsche.

RD: Zehntausende von Menschen werden Ihren Film während der „Filmwoche der Russlanddeutschen“ sehen. Welche Reaktion der Zuschauer ist für Sie am wertvollsten?

S. S.: Mir reicht ein einfaches „Danke“. Viele haben mir in letzter Zeit genau dieses Wort in den sozialen Medien geschrieben. Und ich verstehe, dass es um den Film geht.


Die „Filmwoche der Russlanddeutschen“, ein föderales Projekt des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur im Rahmen des Unterstützungsprogramms für Russlanddeutsche in der Russischen Föderation, findet vom 14. bis 30. September in den Regionen Russlands statt. Auf der Projektseite sind Informationen über die Filme und ihre Regisseure, ein Zeitplan für die Vorführungen in den Regionen und Links zu den Filmen, die online angesehen werden können, zu finden.

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Ruge

Rubrik: 80. Jahrestag der Deportation, Filmwoche der Russlanddeutschen

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